Ganz im Gegensatz zur Fußball-WM, die jedes Mal größer wird, stehen die Publikationen zweier Verlage, für die gilt: Klein, aber oho!
Im Verlag Voland & Quist erscheint seit 2023 die Reihe Ikonen. In den mittlerweile über zehn „Buchbändchen, die in ihrem schmalen Format in jede Schiedsrichter:innentrikottasche passen“, geht es um Legenden aus der Welt des Fußballs. Das können Weltstars wie Maradona, Messi oder Klinsmann sein, aber auch (insbesondere ostdeutsche) Vereinslegenden.Die Autor*innen schreiben in diesen zumeist fiktionalen Texten über Aspekte ihrer fußballerischen Sozialisation. 2025 wurde Barbi Marković‘ Piksi-Buch als Fußballbuch des Jahres ausgezeichnet. Die darin erzählte sehr persönliche Geschichte eines Mädchens auf dem Weg zum Erwachsenwerden nennt Juror Danny Neidel „ein Dribbling gegen die Erwartungen“.
Koboldhafter Dribbelkönig
Nun hat Torsten Schulz, Schriftsteller und Drehbuchautor, ein Büchlein in dieser Reihe veröffentlicht, in dem es um den anarchischen Dribbelkönig Günter „Jimmy“ Hoge geht, „einen kleinen, quirligen, kindhaften, koboldhaften Typen“, wie ihn Schulz in einem rbbKultur-Interview beschreibt.In Kindheit mit Jimmy oder Die Kunst zu dribbeln wird der legendäre Außenstürmer, der in den Jahren 1966-70 für den 1. FC Union Berlin stürmte, für den 1959 in Ost-Berlin geborenen Autor Projektionsfläche und fiktiver Gesprächspartner. Mit seinem Vater und seinem Stiefvater, die sich ursprünglich nicht leiden konnten, dann aber über die Liebe zu diesem Fußballklub zusammenfanden, war er als Kind ins Stadion an der Alten Försterei gegangen.
Der Junge geht nach einem Spiel auf den Platz – ja, das war damals noch möglich – und plötzlich sieht er Jimmy neben sich. Es folgen imaginierte Gespräche mit seinem Idol – Jimmy ist umso wichtiger für den Jungen ist, als er sich von seinen Eltern und dem Stiefvater nicht wahrgenommen fühlt. Er gibt ihnen für ihr Verhalten ihm gegenüber regelmäßig Schulnoten, meistens keine guten, und begründet diese:
Leiblicher Vater – nimmt mich nicht ernst, guckt mehr zu Stiefvater als zu mir. Stiefvater – Vieles ist ihm peinlich, geht aber mehr auf mich ein als die anderen beiden. Mutter – kennt mich nicht und hält für richtig, was für mich nicht richtig ist.
Dribbeln als Lebensform
Neben den persönlichen Anekdoten wird auch Politisch-Gesellschaftliches erzählt. Union Berlin ist der Klub für die Arbeiter und die Unangepassten – und damit das Gegenmodell zu den anderen beiden Berliner Vereinen der DDR-Oberliga, ASK Vorwärts Berlin, dem Armeesportklub, und BFC Dynamo Berlin, dem Verein der Polizei und der Staatssicherheit. Aufgrund der weitaus geringeren staatlichen Unterstützung ist Union der Underdog, eine Fahrstuhlmannschaft, die immer wieder ab- und aufsteigt.Die Kunst des Dribbelns kann auch metaphorisch verstanden werden, als eine Art, durch das Leben in der DDR-Gesellschaft zu kommen. Aber wie das eben so ist mit dem Dribbeln: Es gelingt nicht immer, oft bleibt man an einem Gegenspieler hängen. So geschah es auch Jimmy Hoge: Aufgrund eines Fehlverhaltens – nach reichlichem Alkoholgenuss sang er 1970 in einer Kneipe die westdeutsche Nationalhymne, das Lied des „Klassenfeinds“ – wurde er bei der Stasi denunziert und bekam Berufsverbot. Doch wenigstens für den zum Schriftsteller heranwachsenden Jungen bleibt Jimmy ein – wenn auch unregelmäßig erscheinender – Lebensbegleiter:
Wenn du mich suchst … ich bin in deiner Kindheit.
Nostalgisch, magisch, kritisch
Noch kleinformatiger als die Büchlein von Voland & Quist sind die des erst 2025 gegründeten Lampe Verlags. Mit ihrem DIN-A6-Format können sie im Eifer des Spiels aus jeder Trikottasche rutschen. Doch zum Glück ist es das Verlagskonzept, dass mehrere Bändchen zu einem bestimmten Thema in einem Mini-Schuber erscheinen. Im ersten Programm gibt es auch einen Schuber zum Thema Fußball mit vier Büchlein.
Benedict Wells schwelgt in seiner Erzählung Der Fußball, in den ich mich verliebte ein wenig in Nostalgie und erinnert sich an seine Initiation in die Welt des Fußballs 1994 anlässlich der damaligen WM in den USA. Doch der Text bleibt nicht romantisch-wehmütig. Angesichts der rasant zunehmenden Kommerzialisierung beschreibt Wells sein Verhältnis zu diesem Sport heute so: „Beziehungsstatus: kompliziert“.
In ihrem Essay Politik, ja bitte! blickt Anne Rabe stärker auf die Gegenwart, thematisiert Sportswashing und Profitgier. Angesichts der Verstrickung von Sport und Politik fordert sie: Politik gehört ins Stadion.
In Saša Stanišić‘ Was hinter Gottes Füßen gespielt wird geht es in die 1990er Jahre zurück, in den Bosnienkrieg. Während eines Waffenstillstands erscheint ein Fußballspiel zwischen den Fronten für einen Moment wichtiger als der Kampf um Leben und Tod.
Michaela Maria Müller blickt in Ein Mädchenmärchen mit Witz und feinem magischen Realismus auf Unterschiede zwischen Frauen- und Männerfußball.
Die handlichen Bücherkassetten sind eine super Idee und sehr schön gestaltet. Thematisch ist auch für Sportmuffel etwas dabei, wie etwa der Schuber Im Bett mit vier „Erzählungen im Liegen“, aber Achtung: Im Bett-Liegen ist nicht zwangsläufig „entspannend, es ist auch nicht immer freiwillig“.
Berlin: Voland & Quist, 2024, 108 S.
ISBN: 978-3-86391-424-0
Torsten Schulz: Kindheit mit Jimmy oder Die Kunst zu dribbeln
Berlin: Voland & Quist, 2026, 99 S.
ISBN: 978-3-86391-448-6
Fußball. Vier Erzählungen
Berlin: Lampe Verlag, 2026. Vier Bände.
ISBN: 978-3-912277-15-9
Juli 2026