Mia Oberländers neuer Comic „Saloon“  Dysfunktionale Familie, Western-Style

Bei der Familienfeier können einem schon mal die Pferde durchgehen. Willkommen im „Saloon“ von Mia Oberländers neuem Comic. © Edition Moderne

Eine Familienfeier ohne Streit ist denkbar, aber unrealistisch. Das weiß auch Mia Oberländer, deren neuer Comic im „Wilden Westen“ spielt. Inmitten der endlosen Wüste gibt es kein Entkommen vor Konflikten und Kränkungen. Kann so Versöhnung gelingen?

Jeder kennt es: Die Familienfeier ruft, man geht mit friedlichen Absichten hin, schwört sich, Streit zu meiden und versöhnlich zu sein. Und zunächst wirkt noch alles harmonisch, beim ersten Kaltgetränk herrscht sogar eine verdächtig gute Stimmung. Bis sich alle an den Tisch setzen und sich aus einem „Streit um eine vegane Salami-Pizza“ eine Grundsatzdiskussion entfacht. Die friedlichen Vorsätze sind vergessen, stattdessen folgen Missverständnisse, Vorwürfe und Enttäuschung.

So erging es unlängst Mia Oberländer. Doch statt diese Erfahrung runterzuschlucken, wie den spöttischen Kommentar eines Onkels über das Langzeitstudium, machte Oberländer das Thema zum Ausgangspunkt für ihren neuen Comic Saloon, in dem eine Matriarchin zum Geburtstag einlädt.

Im Saloon der Matriarchin

Es kommen ihre drei Kinder samt Anhang. Da ist die schweigsame Tochter, deren Hotelzimmer die Mutter kurzerhand storniert und ihre Übernachtung ins alte Kinderzimmer verlegt hat. Ihr Sohn, ein verschreckter Charakter, mutiert indes meist zu einem scheuen Schoßhündchen, was seine zornige Frau zuverlässig in Rage versetzt. So sehr, dass ihr Mia Oberländer einen knallroten Rundkopf verpasst hat. Das dritte Kind im Bunde ist ein aufgedrehter, Sonnenbrille tragender Blondschopf, der sich selbst immerzu als der „lustige Onkel“ vorstellt. Seine Kalauer kommen stets ungefragt und wie aus der Pistole geschossen: „Geht ein Cowboy zum Frisör … Pony weg!“

Und dann ist da noch Frau Spar, die eigentlich gar nicht Frau Spar heißt, was allerdings niemanden zu interessieren scheint. Nicht einmal die Gastgeberin selbst. Schließlich hat sie sich diesen Namen doch nicht einfach ausgedacht, nur weil Frau Spar im örtlichen Ultraspar arbeitet. Angesiedelt ist die Graphic Novel im „Wilden Westen“. So gleicht das Haus der strengen Mutter einem Saloon – es steht einsam und verlassen in der Wüste, umgeben von Sand und Kakteen. Allein rote Luftballons deuten auf die Festlichkeit des Tages hin. Auf dem Weg zur Familienfeier und auf der zwischenzeitlichen Flucht von ihr sind immer wieder Billboards mit Sprüchen zu sehen, Nonsens und Kalendersprüche, wie sie auf jeder Familienfeier zum guten Ton gehören: „Man muss die Feste feiern, wie sie fallen.“

In der Wüste werden Meeresfrüchte serviert

Seit zehn Jahren serviert die Mama ihr „berühmtes Meeresfrüchte-Buffet“. Ihr Sohn wiederum weist sie seit jeher auf seine Allergie hin. Die Matriarchin kann es nicht fassen: „Wieso willst du mir die Feier ruinieren?“ Während sie davonstampft, verwandelt sich der augenblicklich betröppelte Sohn in ein Schoßhündchen, was seine Frau mit dem hochroten Kopf schier in Rage bringt: „Also entweder wehrst du dich jetzt mal oder du musst dir selbst was zu essen mitbringen!!!“ Das Schoßhündchen flüchtet in die endlose Leere der Wüste, was sowohl für ihn als auch für die anderen zum Zufluchtsort vor dem wüsten Chaos der Feier wird. Doch dem eigentlichen Konflikt kann keiner entkommen.

Dass Oberländer für solche familiären und gesellschaftlichen Reibungen ein besonderes Gespür besitzt, überrascht nicht. Das hat sie bereits in ihrem amüsanten wie empathischen Comic-Debüt Anna gezeigt. Es erzählt die Geschichte von drei großgewachsenen Frauen unterschiedlicher Generationen und geht Fragen nach Norm und Anderssein nach. Auf Anhieb wurde Oberländer zur gefeierten Newcomerin der Comic-Szene, erhielt den renommierten Comicbuchpreis der Berthold Leibinger Stiftung sowie Stipendien und Residenzen.

Streit mit den Streitschlichtern – und wie Versöhnung gelingen kann

Mia Oberländers neuer Comic zeigt in flächiger Ausmalung und pastell-trockenen Farben (mit einem besonderen Faible für knalliges Rot), wie festgefahrene Urteile und unausgesprochene Konflikte unweigerlich in Streit und Missverständnis münden. Doch ganz ohne Hoffnung entlässt uns die in Hamburg lebende Zeichnerin nicht. Schließlich geht es Oberländer auch um die Frage, wie Versöhnen und Vergeben gelingen kann. Einem Deus ex Machina gleich tauchen schließlich zwei Streitschlichter in Ganzkörperanzügen auf. Die Bilder verlieren vorübergehend an Farbe, bleichen allmählich aus. Ausradiert werden die Probleme dadurch freilich nicht, doch das neue Feindbild schweißt die streitlustige Familie zusammen, und es entsteht ein irres Chaos.
Die beiden Streitschlichter in weißen Ganzkörperanzügen und grünen Gummistiefeln stehen der Mutter in rotem Kostüm gegenüber. Über ihnen steht in der Sprechblase: „Wir sind von der Streitschlichtung. Wir haben einen anonymen Hinweis bekommen.“

Die Streitschlichter: Können sie für Frieden sorgen? | © Edition Moderne

In humorvollen und grotesken Bildern zeigt Saloon, das den Untertitel „Das ist Familiensache“ trägt, was jeder und jede nachfühlen kann: Man kommt mit den besten Absichten und friedfertiger Haltung zu einer Familienfeier und geht missverstanden und resigniert. Für Außenstehende sind solche Momente kaum begreiflich nachzuerzählen. Mia Oberländer ist genau das eindrucksvoll gelungen.
Mia Oberländer: Saloon — Das ist Familiensache
Zürich: Edition Moderne, 368 Seiten
ISBN: 978-3-03731-281-0