Nicht eine Figur steht im Mittelpunkt, sondern eine ganze Straße. Der österreichische Autor Robert Seethaler lässt die Menschen zu Wort kommen, die dort leben, lieben, hoffen und scheitern. Sein neuester Roman folgt weniger einer Handlung als einer Stimmung.
In Die Straße richtet der österreichische Schriftsteller Robert Seethaler seinen Blick auf einen unscheinbaren Ort und die Menschen, die ihn täglich mit Leben füllen. Da sind Alte und Junge, Einsame und Verliebte, Menschen mit Erinnerungen, Hoffnungen und Enttäuschungen. Sie wohnen Tür an Tür in der Heidestraße und bleiben einander eher fremd.Wer Seethalers frühere Romane kennt, wird auch hier seine besondere Aufmerksamkeit für die leisen Töne wiederfinden. Er interessiert sich nicht für große Wendungen oder dramatische Höhepunkte. Stattdessen erzählt er von Momenten, die leicht übersehen werden. Die Figuren bewegen sich durch ein Jahr ihres Alltags, es wird gestorben, geliebt, getratscht. Ein Heidestraßenfest findet statt – die Straße selbst wird dabei zu einer Art Resonanzraum ihrer Geschichten.
Wer spricht? Wer kommt? Wer geht?
Dabei folgt der Roman keiner klassischen Erzählstruktur. Die Perspektiven wechseln häufig, Stimmen treten hervor und verschwinden wieder:Die Gänse wissen nicht, wie schön sie von hier unten aussehen und wie sinnlos ihre Reise nach Süden ist. Genau deswegen beneide ich sie.
… ist es mir gleich.
Liebster,
gestern habe ich euch gesehen. Du hattest deinen Arm um ihre Hüfte gelegt, und eure Bewegungen flossen ineinander, als wärt ihr ein und dieselbe Person.
Nicht immer ist sofort klar, wer gerade spricht oder denkt. Das verlangt eine besondere Aufmerksamkeit. Wer gern festen Figuren folgt und eine Beziehung zu ihnen aufbaut, könnte sich stellenweise etwas verloren fühlen. In den Personen liegt für mich dann auch das unausgeschöpfte Potenzial dieses Buches: Die Figuren sind interessant genug, dass ich gerne mehr von ihnen erfahren hätte, die Geschehnisse hätte ich gerne klarer gesehen. Aber da hat der Autor mit seiner ungewöhnlichen Erzählform anscheinend anderes im Sinn.
Literatur muss nicht bequem sein, die vielen Perspektivwechsel und teils sehr kurzen Satzfragmente erzeugen mitunter das Gefühl, bewusst auf Distanz gehalten zu sein. Klassische Erwartungen werden jedenfalls nicht erfüllt.
Poesie neben Protokoll
Stilistisch geht Seethaler auch sehr unterschiedliche Wege. Poetische Passagen stehen neben nüchternen, protokollarischen Einschüben, es entsteht ein bemerkenswerter Kontrast. Selbst ein sachlicher Bericht über Dienstpläne und Abwesenheiten erhält Raum im Roman.Dennoch entwickelt Die Straße einen eigenen Reiz. Das Buch lädt weniger dazu ein, einer Handlung zu folgen, als einen Ort zu erkunden – und das in einer vielstimmigen Form des Erzählens. Es ist ein Roman über das Nebeneinander von Lebensgeschichten, über die vielen kleinen Dramen, die sich hinter scheinbar gewöhnlichen Haustüren verbergen.
Robert Seethalers literarisches Können, gepaart mit formalem Eigensinn – Leserinnen und Leser, für die Literatur eine Erkundung ist, werden auf dieser Straße so manche Entdeckung machen.
Berlin: Claasen, 2026, 240 S.
ISBN: 978-3-546-10033-5
August 2026