In „Frankie und Freddie“ schickt Sven Regener bekannte Figuren aus dem Herr-Lehmann-Kosmos durch das winterliche West-Berlin im Jahr 1980. Gewohnt lakonisch und witzig erzählt er von der Bedeutsamkeit nichtiger Ereignisse und einer Fahrt durch die Stadt, die zu einer ebenso absurden wie komischen Odyssee wird.
Dem Musiker Sven Regener (Element of Crime) ist es als Schriftsteller mit seinem sehr erfolgreichen Romanerstling Herr Lehmann (2001) nicht nur gelungen, einen Erzählkosmos zu schaffen, der seither über fünf weitere Romane trug. Er hat auch seinen ganz eigenen Erzählstil gefunden: lakonisch, schnoddrig und dialogreich. Bereits 2008 schrieb Ursula März in der ZEIT, Regener habe die Grenze zwischen Unterhaltungsliteratur und sogenannter ernster Literatur aufgehoben.Dazu gehört auch, dass er einige Alltagsredewendungen und -begriffe in die Literatur eingeführt hat, die ohne ihn wohl niemals dort gelandet wären. Eines dieser Wörter ist Laberflash. Kaum ein Autor versteht es, das Alltagsgelaber so gut zu persiflieren, ohne seine Figuren bloßzustellen. Mehr noch: Gerade dieses endlose Gerede in Kombination mit ziellosen Gedankenströmen ist es, das dem Lesenden die Figuren so ans Herz wachsen lässt. So entsteht das Bild einer versunkenen Welt: die als wild und chaotisch verklärte, links-alternative Szene West-Berlins der 1980er- und frühen Nachwende-Jahre.
Odyssee durch das verschneite West-Berlin
Sven Regeners neuer Roman Frankie und Freddie schließt inhaltlich an Der kleine Bruder (2008) an. Mit seinem letzten Geld in der Tasche ist Frank Lehmann zu seinem älteren Bruder Manfred nach Berlin gefahren, hat ihn aber nicht angetroffen. Er wird von den Freunden seines Bruders in ihre WG aufgenommen. Dort nennt man ihn seltsamerweise Freddie, obwohl er ihn doch immer nur Manni genannt hat. Schließlich findet Frank seinen Bruder in einem Hotel am Kudamm, wo dieser an einem „Pillenprojekt“, einem „psychopharmazeutischen Versuchsdingens“ teilgenommen hat. Und das merkt man ihm an.
Irgendetwas Schönes oder jedenfalls Normales
Die Handlung ist Nebensache, die Figuren stehen im Zentrum, was sie denken und sprechen. Und doch entwickelt sich ein Plot, als Freddie seine Tasche im Hotel vergessen hat und eine Reise durch die Stadt beginnt, bei der dann doch die U-Bahn genutzt wird. Die Fahrt mit der legendären Linie U8 führt durch die Geisterbahnhöfe in Ost-Berlin. Ganz beiläufig erzählt Regener hier von der deutsch-deutschen Teilung, indem er uns in den Kopf von Frank schauen lässt:Es war wie die Fahrt durch eine andere Dimension, die wenigen stillen und regungslosen Leute im U-Bahn-Waggon, das trübe Licht in den Bahnhöfen, das Schneckentempo des Zuges, das alles schlug ihm aufs Gemüt, vielleicht sollte man erst einmal irgendwo ein Bier trinken, dachte er, irgendetwas Schönes oder jedenfalls Normales erleben.
Frankie und Freddie wird dem Anspruch, den Regener in einem SWR-Interview formuliert, vollauf gerecht: Es macht einfach Spaß, den Roman zu lesen. Und man freut sich, alte Bekannte aus den Vorgänger-Romanen wiederzutreffen. Es ist schwer zu sagen, ob das auch für Lehmann-Neulinge gilt, ob junge Leser*innen damit überhaupt etwas anfangen können. Auch wenn Regener im selben Interview sagt, er habe das Gefühl, damit sei das Lehmann-Kapitel abgeschlossen, ist es noch schwerer zu sagen, ob Regener nicht vielleicht doch noch weitere Episoden aus dem Lehmann-Kosmos im Köcher hat. Unwahrscheinlich ist das nicht.
Berlin: Galiani Berlin, 2026, 288 S.
ISBN: 978-3-86971-319-9
September 2026