Tomer Gardis rasanter Roman über radelnde Dienstleister*innen  Ausgeliefert

Ein Lieferando-Radkurier in orangener Arbeitskleidung durch die Nacht fahrend.
Immer in Bewegung, ständig unter Zeitdruck: Radkuriere gehören zu den oft übersehenen Leistungsträgern unserer Gesellschaft. © mauritius images / Jochen Tack / imageBROKER

Ihre riesigen Rucksäcke übersieht keiner. Ihre Gesichter merkt sich kaum jemand: Essenslieferanten auf zwei Rädern. Tomer Gardi folgt ihnen durch Tel Aviv, Berlin und andere Metropolen. Ihre Geschichten erzählen von prekärer Arbeit und globaler Ausbeutung – aber auch von Zusammenhalt und Hoffnung.

Die Hauptfiguren in Tomer Gardis Liefern kommen eher selten in Romanen vor: radelnde Essenslieferant*innen. Sie rasen durch Städte auf allen Kontinenten, hetzen treppauf treppab, kämpfen gegen die Zeit, gegen Konkurrenz, erniedrigende Arbeitsbedingungen und mörderischen Verkehr – weil bequeme Bürger*innen gerade keine Lust haben, zu kochen oder aus dem Haus zu gehen. Diese „Rider“ als Hauptdarsteller sind ungewohnt, aber Gardi zeigt, wie man sich ihnen am besten poetisch nähert:
 
Treten Sie näher, Mitbewohner des globalen Dorfes, Perspektivwechsel! Perspektivwechsel! Hilft auch gegen Selbstmitleid! Auch gegen Aussichtslosigkeit! Erlöst von chronischem Purismus! Lindert Erbnabelschau! Lockert identitäre Fixationen! Hilft zudem gegen Opferglorie!
Hier wird gleich auf der ersten Seite des Romans der Ton gesetzt: Keine Gefühligkeit, aber genaues Hinsehen ist gefragt. Raus aus üblichen Erzählmustern und der Nabelschau, rein in die ungeschminkte und weltumspannende Betrachtung der Abhängigkeit von Menschen, die in der Dienstleistungspyramide weit unten stehen. Algorithmen, Ratings und andere ausbeuterische Mechanismen bestimmen ihr Berufs- und Alltagsleben. Und dennoch kämpfen sie, bewahren sich ihren Willen, ihren Humor, ihre Wünsche, ihre Zuneigung zu anderen.

Gardi: Liefern (Buchcover) © Tropen

Letzter Ausweg: Fahrrad

Mit der Geschichte von Filmon aus Eritrea beginnt der Erzähl-Reigen. Gerade war er noch Küchenhilfe in einem Café in Tel Aviv. Doch der Laden muss schließen, zu wenig Umsatz. Filmon braucht einen neuen Job – dringend, und obwohl er keine Arbeitserlaubnis hat. Denn er muss nicht nur sein Leben finanzieren, sondern schickt regelmäßig Geld nach Berlin, wohin Frau und Tochter flüchten konnten. Über seinen Vermieter, der diverse halbseidene Geschäfte tätigt, kommt er an eine – nicht wirklich legale – Lizenz vom Lieferdienst Indie-Go. Und stürzt sich in das stressige Bringdienst-Business wie ein Nichtschwimmer ins kalte Wasser. Sein Ziel: ein deutscher Reisepass, damit die Familienzusammenführung in Gang gesetzt werden kann.

Der nächste Erzählstrang führt nach Berlin und nach Indien. Nina, die Deutschlehrerin von Filmons Frau Daniat, fliegt aus der deutschen Hauptstadt für ein Austauschsemester nach Delhi und verliebt sich dort in den Studenten Ramón aus Buenos Aires – ein traurig endender Urlaubsflirt. Und sie hat eine flüchtige Begegnung mit Sachin und Vivaan, Mutter und Sohn, die gemeinsam Essen ausfahren – weil Sachins Mann sich aus dem Staub gemacht hat und sie ihren Sohn und sich allein durchbringen muss, trotz aller Gefahren, die in einer Stadt wie Delhi für die Rider lauern. Aber egal:
Pfefferspray in der Linken Bonanza-Hosentasche, ein Messer in der rechten und los ging die Fahrt. … Die Bestellungen wurden von einem Algorithmus an die Lieferanten verteilt, es war also reine Glückssache … Technisch war es möglich, eine Fahrt abzulehnen … Aber jede Ablehnung einer Bestellung bedeutete einen automatischen Punktabzug auf der Bonanza-App und eine mögliche Senkung ihres Rankings.
Je schlechter das Ranking, desto geringer der Verdienst, desto schneller muss geliefert werden. Immer wieder streut Tomer Gardi diese Einblicke in den Arbeitsalltag der Lieferanten ein – nicht im Brustton der Empörung, sondern nüchtern-beiläufig, was ihre Wirkung eher noch verstärkt.

Literarische Weltreise

Tomer Gardi spinnt seinen Erzählfaden weiter – wir begleiten den Ich-Erzähler und dessen guten Kumpel nach Istanbul, bekannt als Mekka der Haartransplantation. Auch diese beiden Männer wollen sich dort „verjüngen“ lassen – eine absurd-komische Episode, die entscheidend angereichert wird durch die abenteuerliche Geschichte von Resut, der eigentlich Lehrer werden wollte, aber sich keine Chance auf eine Stelle ausrechnen konnte. Also verschlägt es ihn ins Lieferantengewerbe – wo er durch Zusammenhalt und Kampf den aufreibenden Arbeitsbedingungen etwas entgegensetzt:
…und dann haben Ahmet und ich noch eine vierte Gruppe aufgemacht, … um unsere Informationen mit Kurieren anderer Unternehmen zu teilen oder um einfach so zusammen etwas Spaß zu haben, um zu warnen, wo dir die Polizei auflauert, welches Restaurant dich … am langen Arm vertrocknen lässt … Kurz gesagt, wir haben angefangen uns zu organisieren.
So wie in all die genannten zoomt Tomer Gardi nach- und nebeneinander in einige Leben rein und wieder raus. Beispielsweise in das von Pavan. Der stammt aus Indien und kämpft im hässlichen Berliner Winter gegen Eis, Schnee, Treppenhäuser und ein kaputtes E-Bike. In Filmon, endlich in Deutschland angekommen, findet Pavan aber einen solidarischen Kollegen und Freund.

Und wir treffen Ciervo, Fahrradkurier in Buenos Aires, der auf Umwegen an das Handy des verunglückten Rámon gekommen ist, das er dringend für seine Jobs braucht. Das letzte Kapitel des Buches schließlich trägt die poetische Überschrift „Rosen“. Aber blumig geht es hier nicht wirklich zu. Schauplatz ist eine Rosenfarm im kenianischen Naivasha, wo die junge Akiny mühsam im Akkord ihr Brot verdient. Sie lernt schnell: Gute Arbeit ist höchstens ein Baustein, um aus dem Elend herauszukommen. Die Bekanntschaft mit einem ausländischen NGO-Angehörigen kann möglicherweise nützlicher sein. „Oh, hello, sagte sie zu ihm, want to dance?“, heißt der letzte Satz des Buches.

Nah an der Gegenwart

Tomer Gardi ist das Kunststück gelungen, ein sehr gegenwärtiges, global-gesellschaftspolitisches Thema in einen Romanstoff umzuwandeln, der weder belehrt noch moralisiert, der trotzdem unsentimental und deutlich zeigt, wie ein ausbeuterisches System funktioniert, auch, weil es als „normal“ hingenommen wird. Liebevoll und empathisch gezeichnete Figuren, die durch helle und dunkle Zeiten gehen, die auch fehlbar sind, aber sich nicht unterkriegen und sich ihre Würde nicht nehmen lassen wollen, sind Sympathieträger von der ersten bis zur letzten Seite. Bei aller Schwere des Stoffs schreibt Tomer Gardi abwechslungsreich, eingängig und mit viel Witz – kein Wunder, dass sein Buch es auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2026 geschafft hat.
Tomer Gardi: Liefern. Roman
Stuttgart: Tropen, 2026. 320 S.
ISBN: 978-3-608-50263-3
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