Deutscher Buchpreis für Shida Bazyar   Geschichte eines Heimatortes

Shida Bazyar am Rednerpult bei der Preisverleihung des deutschen Buchpreises
Verfolgte die Geschichte ihres Heimatorts bis zur Besessenheit: Shida Bazyar © picture alliance/dpa | Hannes P. Albert

Für ihren Roman „Die Lücken“ wurde Shida Bazyar mit dem Deutschen Buchpreis 2026 ausgezeichnet. In ihrer Dankesrede fand die Autorin deutliche Worte zur Lage in Deutschland.

Sie galt als Favoritin, nun hat Shida Bazyar also den Deutschen Buchpreis gewonnen: Mit Die Lücken, einem Buch, mit dem man im Deutschland des Jahres 2026 alles richtig macht. Bazyar habe den Heimatroman neu definiert, sagte Jurorin Maha El Hissy in ihrer Kurz-Laudatio bei der Preisverleihung, und tatsächlich zeichnet Die Lücken ein vielschichtiges Bild der deutschen Gesellschaft.

Die Geschichte hinter den Lücken

Bazyar reist in ihrem dritten Roman tief ins kleinbürgerliche Westdeutschland, in den Hunsrück, und begleitet die Geschicke der Be­woh­ne­r:in­nen von Heimesbach, das angelehnt ist an Bazyars Geburtsort Hermeskeil. Sie beschreibt, wie jüdisches Leben im Ort verschwindet, wie der Holocaust im Nachkriegsdeutschland thematisiert oder eher vielmehr verschwiegen wird und spinnt den Faden bis in die Jetztzeit weiter, wo nun geflüchtete Familien auf die Nazi-Nachfahren treffen.

Man nimmt es der Autorin ab, dass sie die Geschichte ihres Heimatorts bis zur Besessenheit verfolgte. Das Gefühl, das manche vielleicht ereilte, wenn sie erführen, dass ihr geliebter Großvater Nationalsozialist war, das habe sie während der Beschäftigung mit ihrem Heimatort erfahren, sagte Bazyar in dem vorab eingeblendeten Video zu den Shortlist-Nominierten.

100 Jahre deutsche Geschichte erscheinen in diesem Roman vor allem als Geschichte der Gewalt. Wie Gewalt weitergegeben wird, zeigt Bazyar eindrücklich am Verhalten der Kinder in Heimesbach, die die Erwachsenen spiegeln. „Und weil Angst in dieser Zeit und in der Welt dieser Kinder keinen Platz hatte, hatte sie sich für den Groll entschieden“, heißt es an einer Stelle. „Den lebten ihr die Eltern vor, den kannte sie gut.“

Cover "Die Lücken" von Shida Bazyar © Kiepenheuer & Witsch

Keine glückliche Preisrede

Bazyar reagierte auf die Auszeichnung gefasst, sprach lange, nachdem sie die Urkunde erhalten hat. Eine glückliche Preisrede kann man die Ausführungen dabei kaum nennen, die sie im Kaisersaal des Frankfurter Römers machte, das käme ihr auch nicht richtig vor, so Bazyar, immerhin werde mit Die Lücken ein Roman ausgezeichnet, der von Verfolgten und Getöteten handele.

Die Autorin machte auf die düstere politische Situation in Deutschland aufmerksam. Sie verwies darauf, dass antisemitische und rassistische Straftaten einen neuen Höchststand erreicht hätten und dass es keine Minderheitengruppe gebe, die in diesem Land aktuell nicht bedroht wäre. Von wem diese Bedrohung ausgeht, sparte Bazyar dabei nicht aus, verwies auf die Deportationen, von denen seit 1945 erstmals wieder öffentlich gesprochen werde, auch wenn man sie nicht so nenne. Das Problem, sagte sie und zitierte Hannah Arendt, das Problem an 1933 war doch nicht, „was unsere Feinde taten, sondern was unsere Freunde taten“.

Shortlist: Von der DDR bis zum Klimaprotest

Nominiert waren neben Shida Bazyar dieses Jahr Franziska Gänsler mit Orca, Valeria Gordeev mit Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle, Elias Hirschl mit Schleifen, Peggy Mädler mit Selbstregulierung des Herzens und Dana Vowinckel mit Anton und Alma. Das war eine thematisch weit gespannte Kan­di­da­t*in­nen­lis­te – von der Subkultur in DDR bis zum deutsch-jüdischen Beziehungsstreit, vom provinziellen Leben in der Kleinstadt bis zum Klimaprotest reicht die Bannbreite.

Die Verleihung fand traditionell am Vorabend der Frankfurter Buchmesse statt, wo viele dieser Au­to­r*in­nen und noch viele andere auftreten werden. Am häufigsten natürlich die Gewinnerin.