Ein Porträt über die Georg-Büchner-Preisträgerin Christine Wunnicke  Außenseiter willkommen

Christine Wunnicke bei Literaturpreis-Verleihung der Stadt im Literaturhaus München 2021 vor einem roten Vorhang
Hat immer einen Blick für Außenseiterfiguren: Die Münchner Schriftstellerin Christine Wunnicke © picture alliance / SZ Photo | Johannes Simon

Lange galt Christine Wunnicke als Geheimtipp. Nun erhält die Münchner Autorin den Georg-Büchner-Preis. Ihre Romane erzählen von exzentrischen Forschern, Dichtern und anderen Außenseitern und gehören zu den originellsten Werken der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.

Lange galt Christine Wunnicke als Geheimtipp. Die gebürtige Münchnerin fremdelt mit dem öffentlichen Teil der Schriftstellerei. Während viele ihrer Kollegen gerne Auskunft über Person und Werk geben, ist es Christine Wunnicke ein Graus, sich zu erklären. Sie redet nicht gerne über das, was sie tut. Nämlich über die Sternstunden der Wissens-, der Sprach- und der Technikgeschichte, über die sie so schreibt, wie keine andere es tut.

Ihre Helden und Heldinnen sind skurrile Einzelgänger. Verfechter einer Erkenntnis, die ihrer Zeit voraus ist. Bei Christine Wunnicke bekommen sie einen großen letzten Auftritt, oft Jahrhunderte nach ihrem Ableben.

Erfundene Krankheiten und Slapstick in Indien

Der Fuchs und Dr. Shimamura (2015) ist ein Roman über die Fin-de-Siècle-Krankheit Hysterie. Darin schildert Christine Wunnicke einen japanischen Arzt auf Europatour. Der junge Mann soll die Erkenntnisse der europäischen Hysterie-Forschung dem japanischen Königreich zukommen lassen. Das Buch erweist sich als sprachliches Vaudeville:
Nach viel Tuberkulösem, einer Meningitis, drei schlichten Grippen und allerlei unklaren paralytischen Affektionen war es Shimamura leid und er diagnostizierte ohne jegliche Berechtigung eine choreatische Manie, nur weil ihm das Wort gefiel.
In Die Dame mit der bemalten Hand (2020) lässt Wunnicke einen morgenländischen Astrolabienbauer und einen abendländischen Kartografen auf einer Insel vor Indien aufeinandertreffen. Zwei Typen, die permanent einander vorbeireden – auf Arabisch, Latein und Sanskrit. Dabei produzieren sie jede Menge Slapstick. Christine Wunnicke, so viel ist klar, gewinnt dem Tragischen hier seine komische Seite ab.

Längst kein Geheimtipp mehr

Für Die Dame mit der bemalten Hand erhielt sie den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis. Jetzt wird ihr Werk mit dem renommierten Georg-Büchner-Preis gewürdigt. Die medienscheue Autorin ist also längst kein Geheimtipp mehr, sondern der Beweis dafür, dass gute Bücher auch ohne große Selbstvermarktung Aufmerksamkeit finden.

Mit unvergesslichen Menschenporträts gelingt es der Autorin, herauszuarbeiten, dass der Drang nach Erkenntnis immer ein Kampf ums Ganze ist. Wunnickes Figuren sind Inspirierte, aber auch Getriebene. Sie zahlen oft einen hohen Preis für ihr Außenseitertum. Aber, so viel steht Wunnicke ihnen doch zu: Sie sind nicht allein.

Eines ihrer besten literarischen Odd Couples ist auf einer Fotografie aus dem Jahr 1875 zu sehen. Sie zeigt einen Laborwissenschaftler und ein Medium in makellosem Weiß. Aufgenommen wurde die Fotografie in London. Und sie bildet die Grundlage von Christine Wunnickes Roman Katie (2017), der von dem englischen Physiker William Crookes handelt, der exakte Messungen unternommen hat an dem Medium Florence Cook.

Als Forscher noch an Geister glaubten

Florrie, wie sie von den Zeitgenossen liebevoll genannt wird, ist eine Verrenkungskünstlerin aus Nord-London. Sie kann sich selbst in einem Schrank verstauen und dort von Seilen eingeschnürt einen Geist aus dem 16. Jahrhundert materialisieren. Im Labor des so skeptischen wie neugierigen William Crookes wird Florrie mit Stricken und Nägeln zu Leibe gerückt. Sie ist eine Jahrmarktbegabung: eine Frau ohne Knochen, die sich aus jeder noch so engen Fixierung herauswinden kann und dann als eine Andere in Erscheinung tritt. Ein bisschen Sadomaso, so würde man heute sagen, ist auch dabei, denn „dann raffte sie ihre Röcke, um die Fußknöchel freizulegen, hob die zusammengelegten Hände zu Crookes empor und hauchte ‚fest ... bitte fest ...’“.

Die Suche nach Geistern und verborgenen Dimensionen war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht nur eine Obsession von Okkultisten. Auch Vertreter der sogenannten Hard Science beteiligten sich daran. Alles, was sich nicht erklären ließ, galt es zu messen.
Cover der im Text Bücher

Wunnicke erhält für ihr „überraschendes und souverän konzipiertes Erzählwerk“ den Georg-Büchner-Preis 2026 | © Berenberg Verlag | Albino Verlag

Mit umwerfendem Charme entfaltet Christine Wunnicke einen Wissenschaftsstreit des 19. Jahrhunderts, der uns die Grenzen unseres Geistes vor Augen führt. Und so tragisch manches Experiment aus heutiger Sicht gescheitert scheint: Christine Wunnicke gibt ihre Protagonisten nie der Lächerlichkeit preis. Sie zeichnet sie als Helden mit menschlichen Sehnsüchten und geradezu libidinösem Wahrheitsdrang.

In Katie ist es ein Gelehrter im Zeitalter der Naturwissenschaft, der gegen den Modeglauben an Geistererscheinungen ankämpft. Doch plötzlich ist ein Geist im Raum. Florries Geist. Erotische Schwingungen bringen die Mechanik des Crooke’schen Haushalts ins Stottern. Das Ganze endet in einer okkulten Bühnenschau am Piccadilly Circus. Das ist ganz große Komik. Aber auch ganz großes Drama, bei dem die vermeintlich ideologiefreie Wissenschaft vor den Unerklärlichkeiten des Lebens in die Knie geht. Der Roman Katie beschreibt den modernen Kampf zwischen Gefühl und Genauigkeit.

Von schwulen Cowboys und schüchternen Pflanzenmalerinnen

„In einem bescheidenen Mietquartier in der Great Ancoats Street zu Manchester färbte sich der Gerichtsschreiber Douglas Fortescue im August 1832 die Haare schwarz und beschloss die englische Dichtkunst zu reformieren.“ Das ist der erste Satz des Romans Missouri aus dem Jahr 2006. Christine Wunnicke lässt besagten Reformator der englischen Dichtkunst darin auf einen halbstarken Eisenbahnräuber aus Missouri treffen. Dort, in Missouri, wird alles hoch zu Pferd erledigt: geschossen, geflohen, verhandelt – auch begehrt. Joshua Jenkyns entführt Douglas Fortescue aus einer Postkutsche voller Mormonen. Wozu, das ist ihm selbst nicht ganz klar. Erst am Lagerfeuer ergeben sich neue Perspektiven. Und wie man noch einen ironischen Wild-West-Roman mit viel Pulvergeruch zu lesen glaubt, ist man schon knietief drin im unironischen Ernst einer maladie à deux.

Christine Wunnickes zuletzt erschienener Roman Wachs handelt wie auch schon Katie wieder von einer Anomalie im Lehrbetrieb und wie Missouri von einer homoerotischen Freundschaft. Wachs widmet sich dem Leben von Marie Bihéron, die zur Mitte des 18. Jahrhunderts in Paris lebte und dort dank ihres illegalen Hobbys – nämlich dem Sezieren von Leichen – zu einer weltberühmten Anatomin wird. Zusammen mit der Pflanzenmalerin Madeleine Basseporte lebt und arbeitet sie in einem Atelier im Jardin Royal. „Madeleine Basseporte war eine hochgewachsene Schönheit, von einer solchen Gattung und Art, dass sie Gegaffe, Gerede, Geseufze auf sich zog und im schlimmsten Fall auch Gedichte.“ Mit sowas will sich Madeleine nicht aufhalten. Und auch Marie hat keine Zeit für pubertäre Schwärmerei. Die beiden haben Wichtigeres zu tun. Ihre eigentliche Leidenschaft gilt der Wissenschaft, nicht der Romantik.

Sämtliche Helden und Heldinnen in Wunnickes Romanen sind aufgrund besonderer Begabungen oder Vorlieben Unbeirrbare: postpuritanische Poeten und schwule Cowboys, schrullige Experimentalphysiker und okkulte Medien, leidenschaftliche Anatominnen und menschenscheue Pflanzenmalerinnen. Weil Christine Wunnicke sie in ihren stets schmalen Romanen kongenial zusammenbringt, sind sie ein bisschen weniger einsam – und wir Leserinnen und Leser um neue Lebenswelten reicher.
Einige der vorgestellten Bücher finden Sie auch in unserer Onleihe: Jetzt ausleihen!