Berlinale Blogger*innen 2024  Griechischer Oregano, türkischer Kaffee, Berliner Schnauze und ein Wolf

Claudia Schramke
Claudia Schramke © Sofia Kleftaki/ Goethe-Institut Athen

Ich treffe Claudia im Herzen Weddings auf ein türkisches Frühstück mit einem Strauß griechischen Oregano in der Hand. Claudia überreicht mir ein Berlinale-Plakat – ein fairer Tausch, wie ich finde. Unsere Kellnerin riecht den Oregano, gesellt sich kurz zu uns und erzählt von verschiedenen Anwendungsbereichen als Naturheilmittel, denen wir gespannt zuhören, bis wir uns der Berlinale widmen. Bei einem warmen Menemen, Sesamkringeln und türkischem Kaffee erzählt mir Claudia, wie sie zur Berlinale kam und woher die Inspiration zum Design der diesjährigen Plakate rührte.

Der Bär, das charakteristische Symbol Berlins und der Berlinale, repräsentiert nicht nur die Stadt, sondern wird auch als Auszeichnung verliehen und war im Laufe der Jahre immer wieder Teil des Key-Visuals.

Der Bär ist Berlin und somit tatsächlich auch wichtiger Teil der Berlinale. Das ist auf jeden Fall spätestens seit den großartigen Plakaten der Schweizer Agentur Velvet klar, die den Bären fotografisch in den Straßen Berlins inszenierten – ein Bär, der aus der U-Bahn steigt, ein anderer, der vom Brandenburger Tor herabschaut. Eine kreative Hommage an die Stadt. Allerdings ist der Bär nicht immer der große Star der Berlinale Plakate gewesen. Tatsächlich wurden in den ersten Jahrzehnten die Plakate von einem Grafiker namens Volker Noth gestaltet, der sehr originelle grafische Motive und Fotomontagen entwarf.  Diese waren oft farbenfrohe Bildmetaphern für Film und Kino, zeigten Filmstreifen und abstrakte Darstellungen von Menschen.

Seit 2021 stammen die Plakate von dir. Wie ist es dazu gekommen?

Eine gute Freundin von mir hat 2017 das Wolf Kino in Neukölln gegründet. Dafür habe ich damals einen Wolf auf ein gefundenes Fenster gezeichnet und ihr zur Eröffnung geschenkt. Dieser Wolf hängt heute immer noch in der Bar des Kinos und ist praktisch eine Art Logo geworden. Seitdem gehöre ich dem „Wolfrudel” an. Verena von Stackelberg arbeitet in der Filmselektion für das Festival und überzeugte 2020 die Leitung der Berlinale, Carlo Chatrian und Mariette Riesenbeck, mich zum Pitch einzuladen und einen Plakatentwurf für die Berlinale 2021 zu zeigen. Ich war sehr aufgeregt und setzte alles daran, einen guten Entwurf zu liefern. Es war das erste Mal, dass ich ein so großes Projekt gemacht habe.
  Beim diesjährigen Berlinale-Plakat fällt auf, dass verschiedene Körperteile des Bären abgebildet sind. Wie kam es zu dieser kreativen Entscheidung?

Die Idee entstand aus dem Wunsch, die verschiedenen Perspektiven der Berlinale auf eine innovative Weise darzustellen. Die Entscheidung, den Bären in Fragmenten zu zeigen, als eine Art Puzzle, sollte die Vielschichtigkeit der Stadt Berlin selbst, aber eben auch vor allem der Berlinale symbolisieren. Ich finde es besonders spannend und reizvoll, wenn man immer nur einen Teil des Bären sehen kann, den Rest erledigt die Fantasie! Außerdem kommt der Bär oder die Bärin so praktisch hautnah an einen heran. Mit seinem offenen und zugewandten, überaus neugierigen Charakter steht er sinnbildlich für den Austausch und für Begegnungen, die das Festival so wichtig und wertvoll machen. Er hat jedoch auch Krallen und wird nicht untätig zuschauen, wenn er Ungerechtigkeit oder Leid sieht, und macht sich – wie die Berlinale – stark für unterdrückte Minderheiten. Mir ist es immer wichtig, nicht nur am Computer zu arbeiten, sondern vor allem mit den Händen zu gestalten. Für diese Motive habe ich jedes Fellhaar einzeln mit selbstgeschnitzen Stempeln aus Radiergummis gestempelt. 2023 fehlte der Bär, der visuelle Fokus lag auf dem Publikum.

Genau, es sollte zur 73. Berlinale explizit kein Bär sein. Der Bär in den Vorjahren war so prägnant, dass auf den Plakaten was anderes passieren sollte. Die Wunschvorgabe war, die Verbundenheit Berlins zur Berlinale zu zeigen, die Stadt als besonderen Ort des Kinogeschehens zu präsentieren. Es war eine faszinierende Reise. Von traditionellen Stempeltechniken inspiriert, bis zur digitalen Grafik – ich versuchte, typische Berliner Persönlichkeiten in ihrer Diversität abzubilden. Die Menschen dieser Stadt, ihre Vielfalt und Kontraste, sie sind es, die Berlin so einzigartig machen. Die Herausforderung bestand darin, diese Vielfalt grafisch darzustellen – darunter natürlich unterschiedlichen Hautfarben, junge bis alte Personen mit unterschiedlichen körperlichen Vorraussetzungen, und der Versuch sexuell non-binärer Darstellungen.
 
Türkisches Frühstück

Türkisches Frühstück | © Sofia Kleftaki/ Goethe-Institut Athen

Was macht Berlin so besonders für dich?

Die Berliner Mentalität, von Ruppigkeit und Direktheit geprägt, das versuche ich auch in meinen Arbeiten widerzuspiegeln. Ich liebe den Berliner Dialekt. Berliner*innen sind oft einfach nur ehrlich – ohne unnötige Höflichkeiten. "Willst ne Schrippe?" – eine Frage, die nicht nur den Berliner Charme, sondern auch die Authentizität der Stadt unterstreicht.
 
Berlinalischer Kaffeesatz

Berlinalischer Kaffeesatz | © Sofia Kleftaki/ Goethe-Institut Athen

Ich bitte Claudia am Ende unseres Frühstücks darum, mir den berlinalischen Kaffeesatz zu lesen und siehe da, sie sieht Menschen und ein diverses Publikum, das die Kinosäle füllt!

Im Anschluss an unser Frühstück spazieren wir im Nieselregen gemeinsam die Uferstraße entlang und schauen uns die acht Plakatmotive genauer an. Ich sehe flauschiges Fell, scharfe Krallen, einen ehrlichen Blick, aber mit freundlichem Wesen und das typische bestimmte Auftreten. Die Plakate fangen die Berliner Seele akribisch ein und zeigen die Vielfalt und den urbanen Puls der Stadt. Ein Tribut an die Menschen, die Berlin zu dem machen, was es ist – unverwechselbar, ehrlich und einzigartig. 

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