Sprechstunde – die Sprachkolumne Buchmesse als Brücke

Für Hauke Hückstädt ist die alljährliche Buchmesse in Leipzig der Inbegriff von Barrierefreiheit. Im Frühjahr 2022 wurde diese Messe abgesagt. Was das Besondere und Bewahrenswerte an ihr ist, fasst unser Kolumnist hier zusammen – in einfacher Sprache.

Von Hauke Hückstädt

Illustration: Mobilgerät mit einer Person vor einem Buch Die Leipziger Buchmesse ist äußerst barrierefrei | © Goethe-Institut e. V./Illustration: Tobias Schrank
Es ist Frühjahr 2022. Gerade diskutieren wir in Deutschland um die Leipziger Buchmesse, um die künftigen Aufgaben von Buchmessen überhaupt. Bezogen auf Leipzig streiten wir über einen Austragungsort für Anschlussfähigkeit, für Niedrigschwelligkeit, für Vielfalt und Toleranz.

Ein Fest für das Buch und für alle

Die Leipziger Buchmesse ist äußerst barrierefrei. Wer nach Leipzig fuhr, um ein elitäres Fest der Eitelkeiten zu besuchen, hat sich verbucht. Leipzig ist eines der größten Schaufenster für das Buch auf der Welt. Leipzig ist ein Magnet, anziehend genug, dass sie in Köln seinerzeit parallellaufend die lit.Cologne initiierten. In einfacher Sprache müsste man den gegenwärtigen Stand wohl so beschreiben:

Die Buchmesse in Leipzig ist schon sehr alt.
Es gibt sie seit vielen Jahren.
Es gab sie vor 1989.
Es gibt sie nach 1989.
Es ist eine Ausstellung für Bücher, Verlage und Medien.
Es ist ein Treffpunkt für Autor*innen und Leser*innen.
Es ist ein Marktplatz für Ideen, für Austausch, für Gedanken.
Alle können zur Messe gehen.
Viele fahren mit der Straßenbahn.
Die Straßenbahn ist immer voll.
In der Straßenbahn hört man viele Gespräche.
So beginnt die Messe, ehe man sie betritt.
Jeder Tag ist ein Fachbesuchertag.
Alle Menschen sind Fachbesucher*innen.
Alle können Bücher und Autor*innen erleben.
Alle treffen andere, die Bücher mögen.
Bücher sind Briefe an unsere gemeinsame Zukunft.
Das ist die Bedeutung einer Buchmesse.
Deshalb fahren alle nach Leipzig.
Doch jetzt sagten viele: Wir fahren nicht.
Manche sagten, das kostet viel Geld (mehr als wir verdienen).
Manche sagten, das ist zu gefährlich (wegen Corona).
Manche sagten, es gab nicht genügend Ausstelleranmeldungen.
Manche sagten, die Autoren können ja nach Leipzig fahren (und für ihre Bücher werben).
Manche sagten, die Buchhandlungen sind ja offen (können die sich dort anstecken).
Manche sagten, Sentimentalitäten können wir uns nicht länger leisten.
(Sentimentalitäten sind allzu große Empfindungen.)
Manche hatten vergessen, dass alle Literatur aus Empfindungen besteht.
Manche sagten, wir kommen im nächsten Jahr.
Dann kommen wir mit der ganzen Kapelle.
Dann kommen wir mit dem großen Besteck.
(Das waren aber vielleicht auch Komponisten oder Köche.)
Jeder sagte irgendwas.
Alles zusammen ist ein schwieriges Signal.

Nahbarkeit in Gefahr

Was wir gerade beobachten, ist eine weitere Öffnung der Schere, die im Dunkeln schnippelt, so dass am Ende allen etwas abhandenkommt: Glaubwürdigkeit, Vertrauen, Gemeinsinn. In Leipzig war alles nahbar. In Leipzig war alles einen Ton wärmer. In Leipzig wurde im Wurstladen gelesen und im Gewandhaus. In Leipzig waren die Großen und die Kleinen näher beisammen. In Leipzig schlurften Tausende von Schülern durch die Hallen. Sie sahen müde aus. Womöglich schwindelte ihnen. Aber sie haben vielleicht zum ersten Mal ins Weltall der Worte geschaut. Sie schleppten Sternenstaub nach Hause, wo sie abends ihre druckfrisch-Tüten voller Sticker, Verlagsprogramme, Randomhouse-Lollis und Signierkarten plünderten.

Einfach bleiben

Leipzig war Frühling. Leipzig war barrierefrei: die Literaturkritikerin Iris Radisch auf einer Rolltreppe mit einem pickligen Dutzend Cosplayer. Leipzig war niedrigschwellig: die spielerisch-experimentierfreudigen Oulipoten im akustischen Wettstreit mit dem Barden aus dem saarländischen Mittelalterverlag. In Leipzig war alles ein großes Hallo und kurzes Abschütteln, sogar in der Schlange vor den ewig besetzten WCs. Leipzig war eine Brücke. Viele gingen hin. Viele hörten zu. Niemand wurde ausgesperrt. Leipzig war in seinen besten Momenten die Mustermesse, die sie immer sein sollte. Leipzig ist einfach. Und muss es bleiben.
 

Sprechstunde – die Sprachkolumne

In unserer Kolumne „Sprechstunde“ widmen wir uns alle zwei Wochen der Sprache – als kulturelles und gesellschaftliches Phänomen. Wie entwickelt sich Sprache, welche Haltung haben Autor*innen zu „ihrer“ Sprache, wie prägt Sprache eine Gesellschaft? – Wechselnde Kolumnist*innen, Menschen mit beruflichem oder anderweitigem Bezug zur Sprache, verfolgen jeweils für sechs aufeinanderfolgende Ausgaben ihr persönliches Thema.