Sprechstunde – die Sprachkolumne „Im Unterschied Gemeinsamkeiten erkennen“

Hauke Hückstädt hat berichtet, auf welchen Wegen eine Anthologie mit Literatur in einfacher Sprache entstehen konnte. Höchste Zeit, über die daraus erwachsenen Begegnungen zu sprechen, über Menschen, die aus der Deckung kommen, mit Hilfe der Literatur.

Von Hauke Hückstädt

Illustration: Person vor einem Buch, Sprechblasen mit Ausrufezeichen Literatur in einfacher Sprache kann Horizonte öffnen | © Goethe-Institut e. V./Illustration: Tobias Schrank
Der Weg bis zum Erscheinen von LiES! Das Buch. Literatur in Einfacher Sprache gleicht mehr einer Bresche, die es zu schlagen galt: Ausgezeichnete, erfolgreiche, zeitgenössische Schriftstellerinnen und Schriftsteller schreiben nach eigens aufgestellten Regeln Texte in einfacher Sprache. Sie tun das nicht als karitativer Akt, sondern im vollen Bewusstsein einer Kunstausübung. Das hat in der Form zuvor niemand probiert. Mannshoch war allerdings der Wildwuchs an Vorurteilen, aber auch Bedenken. Und da gingen alle Beteiligten straff durch.

Augenöffnend waren und sind die Begegnungen, die die Autorinnen und Autoren und vielmals auch ich auf Veranstaltungen hatten und haben. Das sind Effekte, die aus allen Richtungen kamen und in den toten Winkeln und auf die blinden Flecken Funken schlugen.

Dabeibleiben können

Ich erinnere mich an einen sechzehnjährigen Schüler auf dem Podium. Der Junge hatte Trisomie 21 und besuchte eine Inklusionsklasse. Vor Publikum erzählte er, warum es für ihn wichtig ist Tschick von Wolfgang Herrndorf in einfacher Sprache lesen zu können (Spaß am Lesen Verlag). Seine Klasse las das Buch. Alle lasen zusammen mit der Lehrerin dieses Buch, in der Originalfassung. Doch er konnte das nicht: Das Original ist zu lang für ihn, die Sprache ist zu schwer. Es gibt Sprünge darin, Umgangssprache, Anspielungen, Metaphern, indirekte Rede. Erst durch die Übertragung in einfache Sprache, die kunstfrei sein mag, die sich zum Original verhalten mag wie Apfelkompott zu einem Apfelbaum, die verkürzt und zusammenpresst, diese Ausgabe in einfacher Sprache war für ihn der lebendige, selbstverständliche Weg, in der Klasse zu bleiben, nicht hinausgehen zu müssen, nicht in einem anderen Raum sitzen zu müssen, nicht in einer Sonderunterrichtung mit einer Sonderpädagogin, sonders für ihn abgestellt. Dieser Schüler, er heißt Max, ist mit Tschick gereift und inzwischen ein junger Mann, der eine Ausbildung macht.

Ich denke auch an den Autor Arno Geiger. Sein Buch über den Vater, Der alte König in seinem Exil, wurde ebenso wie Tschick in einfache Sprache übertragen, damit Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen auf einfache Sprache angewiesen sind, auch von dieser Geschichte über Demenz und Liebe, Vater und Sohn, Familie und Einsamkeit erfahren können. Geiger fand und findet das noch immer wichtig. Wenn ich ihn richtig verstehe, war er aber ästhetisch, als Autor, als Künstler nie warm mit dieser Einkürzung und Übersetzung seines Textes. Arno Geiger sagte deshalb, er möchte selbst einen Text in einfacher Sprache verfassen, einen Text, der selbstverständlich und gleichrangig in seinem Werk Platz hat. Und das hat er dann getan. Es ist ein traumwandlerischer Text über Geschmack, über Vielfalt, über das Essen, die traditionelle Küche der Menschen auf der ganzen Welt. Im Unterschied Gemeinsamkeiten erkennen.

Nicht mehr verstecken

Ich erinnere mich an die Selbsthilfegruppe Wortblind aus Lüneburg. Hervorgegangen aus Kursen, in denen funktionale Analphabeten lesen lernten. Sie besuchten eine unserer Lesungen. Es waren erwachsene Menschen mit einem halben Leben hinter sich, die sich nicht mehr verstecken wollen. Sie waren angefüllt von den Geschichten von Julia Schoch und Kristof Magnusson. Sie waren stolz und laut und selbstbewusst. Wir scherzten gemeinsam, wir tauschten uns aus nach der Veranstaltung. Von ihnen, so haben sie gesagt, gibt es allein im Kreis Lüneburg ungefähr 15.000 Menschen – die nicht gut lesen und schreiben können, die das als Scham und Last erleben, die in Deckung leben und für die es kaum Geschichten gibt. Die größte Arena für ein Buch bleibt das Halbrund aus Podium und Publikum.

 

Sprechstunde – die Sprachkolumne

In unserer Kolumne „Sprechstunde“ widmen wir uns alle zwei Wochen der Sprache – als kulturelles und gesellschaftliches Phänomen. Wie entwickelt sich Sprache, welche Haltung haben Autor*innen zu „ihrer“ Sprache, wie prägt Sprache eine Gesellschaft? – Wechselnde Kolumnist*innen, Menschen mit beruflichem oder anderweitigem Bezug zur Sprache, verfolgen jeweils für sechs aufeinanderfolgende Ausgaben ihr persönliches Thema.