Sprechstunde – die Sprachkolumne Die Stimme, das Wort und die Luft dazwischen

Warum braucht die Sprache Luft? In ihrem letzten Kolumnenbeitrag gibt Taiga Trece eine Antwort auf diese Frage.

Von Taiga Trece

Ein Computerbildschirm, auf dem ein offener Mund zu sehen ist, mit einer Sprechblase in der "Stimmt" steht. Sprache braucht Luft und überträgt Luft. Wir tauschen Luft und Wörter aus. | © Goethe-Institut e. V./Illustration: Tobias Schrank

In den vorangegangenen Beiträgen war mein zentrales Thema Rap-Musik. Die Rede war von dicken Egos und von viel heißer Luft. Ich sprach von dicker Luft zwischen Hip-Hop und den Medien und von viel Luft nach oben für spanischen Rap oder Frauen im Rapgame. Sprache entsteht aus Luft und die Luft ist überall.

Als Rapper*in braucht man einen langen Atem und Luft für die vielen Wörter.

 

Am Anfang war das Wort. Und das Wort war bei Gott. In ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen.


Bezaubernde stimmige Worte, die das Wort beschreiben. Vielfach interpretierbar und simpel.

Dass sich unsere Sprache entwickelte, hat mit der Evolution des Homo erectus zu tun und somit mit dem aufrechten Gang. Als der Urmensch begann, auf zwei Beinen zu laufen, veränderte sich auch die Anatomie, die Organe mussten herabgesetzt und neu im Körper ausgerichtet werden. Die Wirbelsäule richtete sich auf und der Kehlkopf verlagerte sich nach unten. Das führte dazu, dass vielseitigere Töne und Laute erzeugt und eingesetzt werden konnten. Ab diesem Moment, vergrößerte sich auch das Gehirn und unsere Urahnen wurden zum Homo sapiens.

Der aufrechte Gang veränderte alles und war ein Neubeginn für Kommunikation und wahrscheinlich mitverantwortlich für die Millionen von Sprachen.
 

Aus Luft wird ein Ton


Was vorher nur heiße Atemluft war, regt heute heiße Diskussionen an. Töne zu spucken ist auch so ein Rap-Ding. Sprache ist auch nur heiße Luft, könnte man sagen. Aber nein, die Sprache braucht Luft und überträgt Luft. Wir tauschen Luft und Wörter aus. Ein wahrer Austausch. Die Luft, die wir atmen, kommuniziert mit unserem Gegenüber und auch mit unserer Umgebung. Ist unsere Sprache also Teil der Atmosphäre? Wo entstehen die Töne, wenn sie aus Luft sind? – Na in unserer Mundhöhle, im Rachenraum, im Kehlkopf und an unseren Stimmbändern. Die Sprache ist – ähnlich dem Atem – der wahre Austausch zwischen dem, was uns umgibt und dem was in uns ist.

Welches waren die ersten Wörter? Als Sprache entstand, wurden zuerst Wörter für Dinge gefunden, die unmittelbar das Überleben sicherten oder unmittelbar wichtig waren. Das könnten Gegenstände oder Ereignisse aus der Natur gewesen sein – wie ein Baum oder ein Blitz. Wenn es schnell gehen muss oder wenn es dunkel ist, hilft das Wort mehr als handsprachliche Gesten und Mimik. Von Bedeutung waren auch Begriffe für die Beschreibung der persönlichen Beziehung, wie „Mama“ oder „Kind“ – all das, was die zwischenmenschliche Kommunikation verständlicher machte.

Die ersten Menschen haben vielleicht zuerst die Wörter für „ich und du“ und „wir“ geschaffen. Vielleicht haben sich im Zuge dessen sogar erst Individualität, Gruppenzugehörigkeit und das Ego geformt? Die Zugehörigkeit ist für viele Menschen bis heute ein wichtiger Parameter. Ohne das Wort „ich“ sind individuelle Bedürfnisse nicht einfach zu benennen. Heutzutage müssen wir uns nicht mehr mit Knurren, unseren Zähnen und unseren Fäusten durchsetzen. Wir können einfach sagen: „Ich hätte gerne das letzte Stück Kuchen.“ – Die Art wie ich das sage, bestimmt vielleicht darüber, ob ich es bekomme oder doch eine andere Person.

Die Stimme und die Wörter


Die Stimme war schon vor der Sprache und sie hat einen großen Anteil an Kommunikation. Wir können mit der Stimme Emotionen ausdrücken. Die Tonlage unserer Stimme verrät meist mehr über das ausgedrückte Gefühl, als die Wörter an sich. So ist „ich bin nicht sauer“ kaum zu fälschen, wenn jemand wirklich sauer ist. Der mitschwingende Unterton erzählt eine andere Geschichte. Nicht umsonst sprechen wir von Botschaften (im Plural) innerhalb einer Nachricht. Die Kommunikationspsychologie hat dazu ein eigenes Modell entworfen.

Vier Jahre lang arbeitete ich als Stimm- und Sprachtherapeutin im Bereich der Hals-Nasen-Ohren-Kunde. Meine Patient*innen waren zwischen 18 und 80 Jahre alt. Die meisten kamen mit Problemen wie Tinnitus, Hörsturz oder Burnout. Durch die Arbeit am Stimmsitz, am Ausgedrückten und am nicht Gesagten konnte ich Erfolge von Heilung und Behandlung messen. Auch die Hörtherapie gehörte zum Behandlungskonzept. Denn Sprache und Stimmempfang geschieht logischerweise über das Gehör. Über Musik und der Einbeziehung von Buchstaben und Tönen konnten wir die Grundstimmung heben, die essenziell für den Heilungsprozess war.

Stimmt! – Stimmt?


Im Deutschen haben wir viele Wörter, die das Wort „Stimme“ beinhalten und es ist sinnvoll, dass es all diese Wörter mit dem gleichen Wortstamm gibt. Stimme ist Befinden.

Mit der Stimme beschäftigen sich verschiedenste Berufsgruppen, wie Sänger*innen, Rapper*innen, Schauspieler*innen, Marktschreier*innen, (Radio-) Moderator*innen, Verkäufer*innen und so weiter. Die Ihre Ziele sind unterschiedlich, ebenso die für die Tätigkeit erforderliche Stimmlage. Der Marktschreier muss laut, präsent und eindringlich sein, während der Sprecher, würde er es ihm gleichtun, kein Hörbuch vertonen dürfte. Es geht darum, die Stimme richtig zu gebrauchen, es muss stimmen – stimmig sein.

Im letzten Beitrag erwähnte ich, dass auch Sprache eine Persönlichkeit und eine Identität hat. So treffen bei Stimme und Sprache zwei Identitäten aufeinander, die eins werden können. Manchmal trifft man auf diese zwei Persönlichkeiten und empfindet sie als nicht authentisch oder passend. Etwas stimmt nicht. Daran lässt sich arbeiten.

Ich bin leider nicht in Stimmung. Wenn ich dort morgen ankomme ich muss mich vorher ein bisschen einstimmen. Der Ton macht die Musik. Ich wollte etwas einwenden, aber ich wurde überstimmt. Mit spitzer Zunge sprechen, ein loses Mundwerk haben, … – Diese Formulierungen drücken etwas aus, das über die Funktion hinausgeht.

So wie jede Sprache, kann auch die Auseinandersetzung mit der eigenen Stimme neue Welten eröffnen. Stimmbildung ohne Persönlichkeitsentwicklung gibt es nicht. Eine neue Sprache zu lernen ist oft tricky, wenn einem Vokabular fehlt. Da braucht es neben Mut den passenden Tonfall. Denn, wie erwähnt, sagen wir durch die Intensität und Tonlage der Luft, die wir ausströmen und bremsen, oft mehr als 1.000 Worte.
 

Sprechstunde – Die Sprachkolumne

In unserer Kolumne „Sprechstunde“ widmen wir uns alle zwei Wochen der Sprache – als kulturelles und gesellschaftliches Phänomen. Wie entwickelt sich Sprache, welche Haltung haben Autor*innen zu „ihrer“ Sprache, wie prägt Sprache eine Gesellschaft? – Wechselnde Kolumnist*innen, Menschen mit beruflichem oder anderweitigem Bezug zur Sprache, verfolgen jeweils für sechs aufeinanderfolgende Ausgaben ihr persönliches Thema.