Malika kam aus der Elfenbeinküste nach Berlin, um Menschen zu helfen. Heute arbeitet sie als Pflegekraft im Virchow-Klinikum. Ihre Geschichte zeigt, wie erfüllend, aber auch wie fordernd dieser Beruf ist – und warum ihre Arbeit für die Zukunft unseres Gesundheitssystems entscheidend ist.
Nachts ist es ruhig auf dem Gelände des Virchow-Klinikums. Nur aus wenigen Zimmern schimmert gedämpftes Licht. Draußen pulsiert der Wedding, ein lebhaftes, lautes Viertel. Doch hier drinnen spürt man nichts davon, auch wenn nicht alle schlafen.Malika* arbeitet hier auf der Normalstation, seit drei Jahren schon. Ein anspruchsvoller Job. Doch nachts hat sie etwas mehr Zeit, da kann sie auch mal raus an die frische Luft. „Es ist ein schöner Beruf“, sagt sie. „Die Patienten kommen zu mir, wenn es ihnen schlechtgeht. Und dann sehe ich, wie sie sich erholen, und wie ich ihnen helfen kann. Das ist sehr erfüllend.“
Vom Germanistik-Studium in die Pflege
Dass sie in der Pflege gelandet ist, war ein Zufall – oder vielmehr eine Reihe von Zufällen. An ihrer Schule in Abidjan lernte sie Deutsch. In der Hauptstadt der Elfenbeinküste studierte sie später Germanistik und entdeckte die Literatur für sich. Zunächst Dürrenmatt, dann Brecht und Kästner.Ein Praktikum in der Eingliederungshilfe bei der Betreuung von Kindern mit Behinderung führte sie schließlich nach Deutschland. „Die Leute waren sehr nett, aber das Dorf war sehr altmodisch.“ Als sie dort anfing, habe es nicht einmal Internet gegeben. „Ich komme aus der Großstadt, das war für mich schon eine Umstellung.“
Das Virchow-Klinikum – eine Stadt in der Stadt
Inzwischen lebt sie in Berlin, das zur ihrer zweiten Heimat geworden. Wobei sie zugleich in einer zweiten Stadt zu Hause ist, schließlich ist das Virchow-Klinikum in seiner Größe und Struktur eine Stadt in der Stadt.In den 1890ern entworfen ist das Virchow-Klinikum 1906 eröffnet worden. In einer Zeit, als die Medizin die Infektionskrankheiten entdeckte. Jede Abteilung hat ihr eigenes Haus: die Innere Medizin, die Orthopädische Abteilung, die Geburtsklinik. Im Osten des Areals sitzt das Deutsche Herzzentrum. Insgesamt haben hier etwa 1300 Betten Platz, tausende Menschen aus aller Welt arbeiten und studieren hier – so wie Malika.
Jede fünfte Pflegekraft kommt aus dem Ausland
Sie ist eine von vielen Pflegekräften, die nach Deutschland zugewandert sind. Sie arbeiten nicht nur in den Krankenhäusern, sondern auch in Altenheimen, Behinderten-WGs und ambulanten Diensten. Von den insgesamt rund 1,7 Millionen Pflegekräften in Deutschland kommen fast 18 Prozent aus dem Ausland, ungefähr jede fünfte Person.Und die Tendenz steigt, denn mit dem demografischen Wandel wächst der Bedarf. Aktuell ist jede zweite Person in Deutschland 45 oder älter. In den nächsten zwanzig Jahren gehen Millionen in Rente, gleichzeitig werden immer mehr Menschen medizinische Versorgung brauchen. Schon jetzt fehlen Deutschland mindestens 200.000 Pflegekräfte. Laut Statistischem Bundesamt könnte diese Zahl bis 2049 auf 690.000 anwachsen.
Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel in der Pflege – und ihre Grenzen
Um dieser Entwicklung etwas entgegenzusetzen, wurde unter anderem das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz verabschiedet. Es soll insbesondere qualifizierten Fachkräften aus Nicht-EU-Ländern den Weg nach Deutschland erleichtern. Auch in der Pflege selbst sind einige kleinere Fortschritte erzielt worden, darunter der Pflegemindestlohn. Seit 2025 liegt er bei 16,10 Euro für Pflegehilfskräfte und bei 20,50 Euro für Pflegefachkräfte pro Stunde.Für Malika sind das keine symbolischen Anpassungen, sie beeinflussen ihr Leben. „Wir arbeiten im Schichtdienst, wir arbeiten hart und viel. Hin und wieder Essen gehen zu können, manchmal einen Coffee to go zu holen, sich nicht über die nächste Miete Gedanken machen zu müssen – das hilft uns sehr.“
Porträt von Pflegekraft Malika | © Tanya Teibtner
Vorbild Norwegen: Teilzeit bei vollem Gehalt
Doch für Kritiker*innen sind diese Maßnahmen nicht ausreichend. Viele Beschäftigte sind nur in Teilzeit angestellt und werden entsprechend bezahlt. In der Krankenpflege sind es der Bundesagentur für Arbeit zufolge rund 50 Prozent der Beschäftigten, in der Altenpflege sogar 65 Prozent. In Norwegen gilt deswegen eine 30-Stunden-Woche in der Pflege als Vollzeitstelle; eine Lösung, die in Deutschland zwar diskutiert wird, aber noch lange nicht mehrheitsfähig ist. Dabei ist klar, dass Schichtbetrieb, Wochenenddienste und die physisch wie psychisch sehr fordernde Arbeit nach längeren Ruhezeiten verlangt.Seit den 90er Jahren wurde die Pflege systematisch unterfinanziert; mit dem Ergebnis, dass sich die Personalschlüssel derart verschlechtert haben, dass die Grundversorgung mancherorts nicht mehr gewährleistet war. Die großen Krankenhausstreiks 2021 und 2022 in Berlin und in Nordrhein-Westfalen drehten sich deshalb nicht in erster Linie um eine bessere Bezahlung, sondern um Entlastung: mehr Ruhezeiten und mehr Personal.
Die Streiks endeten zumindest auf dem Papier mit einem großen Erfolg: Der Tarifvertrag brachte deutliche Verbesserungen der Arbeitsbedingungen mit sich. Vonseiten der Beschäftigten besteht die Hoffnung, dass das Beispiel bundesweit Schule macht.
Die Pandemie und ihre Folgen
Dass Menschen in der Pflege Infektionen besonders stark ausgesetzt sind, hat insbesondere Corona-Pandemie verdeutlicht. Einer RKI-Studie zufolge war das Infektionsrisiko in den ersten beiden Pandemiewellen im Pflegebereich etwa doppelt so hoch wie in anderen Berufen. Auch deswegen rief der damalige Gesundheitsminister Jens Spahn auf dem Berliner Pflegetag 2021 dazu auf, sich stärker zu organisieren – um ihre eigenen Interessen durchzusetzen und damit auch die der Patient*innen.Für Malika überwiegen die schönen Momente, auch wenn die Arbeit mit den Patient*innen manchmal anstrengend und der Job insgesamt sehr fordernd ist. Herausfordernder hingegen sieht sie den Austausch und die Auseinandersetzung im Team. „Man kann Glück haben und in einem tollen Team landen, aber dafür gibt es keine Garantie.“
Rassismus bleibt ein Thema am Arbeitsplatz
Sie selbst hat in den verschiedenen Bereichen sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Nach der Arbeit mit den Kindern hat sie sich umorientiert und zunächst mit Erwachsenen mit Behinderung gearbeitet. Da die Ausbildung in diesem Bereich kostenpflichtig war, arbeitete sie anschließend in der Altenhilfe und schlussendlich in einem Krankenhaus. „Ich habe häufiger den Arbeitsplatz gewechselt, bis ich dieses Team gefunden habe. Es ist eine stressige, körperlich und seelisch schwere Arbeit, und ohne gutes Team geht gar nichts.“Dass Malika öfter die Arbeitsstelle gewechselt hat, hat vor allem einen Grund: Rassismus. „Bei Patient*innen und teilweise auch bei Angehörigen nehme ich das nicht persönlich. Das Problem sind die Kolleg*innen oder, noch schlimmer, die Ausbilder*innen. Meine Bezugslehrerin war Rassistin, in der Klasse gab es anfangs einige PoC. Viele haben wegen ihr aufgegeben, auch ich war kurz davor. Um diese ganzen Anfeindungen auszuhalten, muss man mental stark sein.“
Mehr Offenheit im Team
Einige Institutionen, insbesondere in den Großstädten, haben hier dazugelernt. In der Charité etwa gibt es eine Forschungsstelle zum Thema „Rassismus in der Pflege“. Doch auch wenn sich vieles verbessert hat, hängt letztlich viel vom Team ab, so Malika. „Eine Sache, die ich nicht mehr dulde, ist dieses Lästern. Wenn Kolleg*innen ein Problem mit irgendetwas haben, sollen sie es sagen und dann wird das besprochen.“ Gut ist, dass es inzwischen ein Bewusstsein für diese Probleme gibt, sagt Malika.Wenn um halb sechs die Station nach und nach erwacht, neigt sich Malikas Schicht langsam dem Ende. Die ersten Medikamente werden verteilt, Patient*innen klingeln, um Hilfe beim Aufstehen zu bekommen. Draußen vor den Toren des Virchow-Klinikums ist es jetzt am ruhigsten: Rund um den U-Bahnhof Amrumer Straße öffnen die ersten Bäckereien, während die Bars ihre Türen schließen. Ein kurzer Moment des Übergangs. Diese Ruhe hat etwas Tröstliches. Sie erinnert daran, wie wichtig Pausen sind – für Bäcker*innen und Barkeeper*innen genauso wie für Pflegekräfte wie Malika.
*Der Name wurde von der Redaktion aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes geändert.
Januar 2026