Fachkräfte | Reportage über eine Pflegekraft  Die stillen Stunden im Virchow-Klinikum

Illustration einer Krankenhauslobby: Patientinnen und Patienten warten im Aufenthaltsbereich, während Pflegekräfte im Hintergrund ihren Aufgaben nachgehen.
Auch nachts bleibt es im Krankenhaus nie ganz ruhig, wenn auch meist etwas stiller als am Tag. © Tanya Teibtner

Malika kam aus der Elfenbeinküste nach Berlin, um Menschen zu helfen. Heute arbeitet sie als Pflegekraft im Virchow-Klinikum. Ihre Geschichte zeigt, wie erfüllend, aber auch wie fordernd dieser Beruf ist – und warum ihre Arbeit für die Zukunft unseres Gesundheitssystems entscheidend ist.

Nachts ist es ruhig auf dem Gelände des Virchow-Klinikums. Nur aus wenigen Zimmern schimmert gedämpftes Licht. Draußen pulsiert der Wedding, ein lebhaftes, lautes Viertel. Doch hier drinnen spürt man nichts davon, auch wenn nicht alle schlafen.

Malika* arbeitet hier auf der Normalstation, seit drei Jahren schon. Ein anspruchsvoller Job. Doch nachts hat sie etwas mehr Zeit, da kann sie auch mal raus an die frische Luft. „Es ist ein schöner Beruf“, sagt sie. „Die Patienten kommen zu mir, wenn es ihnen schlechtgeht. Und dann sehe ich, wie sie sich erholen, und wie ich ihnen helfen kann. Das ist sehr erfüllend.“

Vom Germanistik-Studium in die Pflege

Dass sie in der Pflege gelandet ist, war ein Zufall – oder vielmehr eine Reihe von Zufällen. An ihrer Schule in Abidjan lernte sie Deutsch. In der Hauptstadt der Elfenbeinküste studierte sie später Germanistik und entdeckte die Literatur für sich. Zunächst Dürrenmatt, dann Brecht und Kästner.

Ein Praktikum in der Eingliederungshilfe bei der Betreuung von Kindern mit Behinderung führte sie schließlich nach Deutschland. „Die Leute waren sehr nett, aber das Dorf war sehr altmodisch.“ Als sie dort anfing, habe es nicht einmal Internet gegeben. „Ich komme aus der Großstadt, das war für mich schon eine Umstellung.“

Das Virchow-Klinikum – eine Stadt in der Stadt

Inzwischen lebt sie in Berlin, das zur ihrer zweiten Heimat geworden. Wobei sie zugleich in einer zweiten Stadt zu Hause ist, schließlich ist das Virchow-Klinikum in seiner Größe und Struktur eine Stadt in der Stadt.

In den 1890ern entworfen ist das Virchow-Klinikum 1906 eröffnet worden. In einer Zeit, als die Medizin die Infektionskrankheiten entdeckte. Jede Abteilung hat ihr eigenes Haus: die Innere Medizin, die Orthopädische Abteilung, die Geburtsklinik. Im Osten des Areals sitzt das Deutsche Herzzentrum. Insgesamt haben hier etwa 1300 Betten Platz, tausende Menschen aus aller Welt arbeiten und studieren hier – so wie Malika.

Jede fünfte Pflegekraft kommt aus dem Ausland

Sie ist eine von vielen Pflegekräften, die nach Deutschland zugewandert sind. Sie arbeiten nicht nur in den Krankenhäusern, sondern auch in Altenheimen, Behinderten-WGs und ambulanten Diensten. Von den insgesamt rund 1,7 Millionen Pflegekräften in Deutschland kommen fast 18 Prozent aus dem Ausland, ungefähr jede fünfte Person.

Und die Tendenz steigt, denn mit dem demografischen Wandel wächst der Bedarf. Aktuell ist jede zweite Person in Deutschland 45 oder älter. In den nächsten zwanzig Jahren gehen Millionen in Rente, gleichzeitig werden immer mehr Menschen medizinische Versorgung brauchen. Schon jetzt fehlen Deutschland mindestens 200.000 Pflegekräfte. Laut Statistischem Bundesamt könnte diese Zahl bis 2049 auf 690.000 anwachsen.

Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel in der Pflege – und ihre Grenzen

Um dieser Entwicklung etwas entgegenzusetzen, wurde unter anderem das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz verabschiedet. Es soll insbesondere qualifizierten Fachkräften aus Nicht-EU-Ländern den Weg nach Deutschland erleichtern. Auch in der Pflege selbst sind einige kleinere Fortschritte erzielt worden, darunter der Pflegemindestlohn. Seit 2025 liegt er bei 16,10 Euro für Pflegehilfskräfte und bei 20,50 Euro für Pflegefachkräfte pro Stunde.

Für Malika sind das keine symbolischen Anpassungen, sie beeinflussen ihr Leben. „Wir arbeiten im Schichtdienst, wir arbeiten hart und viel. Hin und wieder Essen gehen zu können, manchmal einen Coffee to go zu holen, sich nicht über die nächste Miete Gedanken machen zu müssen – das hilft uns sehr.“
Porträt von Pflegekraft Malika

Porträt von Pflegekraft Malika | © Tanya Teibtner

Vorbild Norwegen: Teilzeit bei vollem Gehalt

Doch für Kritiker*innen sind diese Maßnahmen nicht ausreichend. Viele Beschäftigte sind nur in Teilzeit angestellt und werden entsprechend bezahlt. In der Krankenpflege sind es der Bundesagentur für Arbeit zufolge rund 50 Prozent der Beschäftigten, in der Altenpflege sogar 65 Prozent. In Norwegen gilt deswegen eine 30-Stunden-Woche in der Pflege als Vollzeitstelle; eine Lösung, die in Deutschland zwar diskutiert wird, aber noch lange nicht mehrheitsfähig ist. Dabei ist klar, dass Schichtbetrieb, Wochenenddienste und die physisch wie psychisch sehr fordernde Arbeit nach längeren Ruhezeiten verlangt.

Seit den 90er Jahren wurde die Pflege systematisch unterfinanziert; mit dem Ergebnis, dass sich die Personalschlüssel derart verschlechtert haben, dass die Grundversorgung mancherorts nicht mehr gewährleistet war. Die großen Krankenhausstreiks 2021 und 2022 in Berlin und in Nordrhein-Westfalen drehten sich deshalb nicht in erster Linie um eine bessere Bezahlung, sondern um Entlastung: mehr Ruhezeiten und mehr Personal.

Die Streiks endeten zumindest auf dem Papier mit einem großen Erfolg: Der Tarifvertrag brachte deutliche Verbesserungen der Arbeitsbedingungen mit sich. Vonseiten der Beschäftigten besteht die Hoffnung, dass das Beispiel bundesweit Schule macht.

Die Pandemie und ihre Folgen

Dass Menschen in der Pflege Infektionen besonders stark ausgesetzt sind, hat insbesondere Corona-Pandemie verdeutlicht. Einer RKI-Studie zufolge war das Infektionsrisiko in den ersten beiden Pandemiewellen im Pflegebereich etwa doppelt so hoch wie in anderen Berufen. Auch deswegen rief der damalige Gesundheitsminister Jens Spahn auf dem Berliner Pflegetag 2021 dazu auf, sich stärker zu organisieren – um ihre eigenen Interessen durchzusetzen und damit auch die der Patient*innen.

Für Malika überwiegen die schönen Momente, auch wenn die Arbeit mit den Patient*innen manchmal anstrengend und der Job insgesamt sehr fordernd ist. Herausfordernder hingegen sieht sie den Austausch und die Auseinandersetzung im Team. „Man kann Glück haben und in einem tollen Team landen, aber dafür gibt es keine Garantie.“

Rassismus bleibt ein Thema am Arbeitsplatz

Sie selbst hat in den verschiedenen Bereichen sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Nach der Arbeit mit den Kindern hat sie sich umorientiert und zunächst mit Erwachsenen mit Behinderung gearbeitet. Da die Ausbildung in diesem Bereich kostenpflichtig war, arbeitete sie anschließend in der Altenhilfe und schlussendlich in einem Krankenhaus. „Ich habe häufiger den Arbeitsplatz gewechselt, bis ich dieses Team gefunden habe. Es ist eine stressige, körperlich und seelisch schwere Arbeit, und ohne gutes Team geht gar nichts.“

Dass Malika öfter die Arbeitsstelle gewechselt hat, hat vor allem einen Grund: Rassismus. „Bei Patient*innen und teilweise auch bei Angehörigen nehme ich das nicht persönlich. Das Problem sind die Kolleg*innen oder, noch schlimmer, die Ausbilder*innen. Meine Bezugslehrerin war Rassistin, in der Klasse gab es anfangs einige PoC. Viele haben wegen ihr aufgegeben, auch ich war kurz davor. Um diese ganzen Anfeindungen auszuhalten, muss man mental stark sein.“

Mehr Offenheit im Team

Einige Institutionen, insbesondere in den Großstädten, haben hier dazugelernt. In der Charité etwa gibt es eine Forschungsstelle zum Thema „Rassismus in der Pflege“. Doch auch wenn sich vieles verbessert hat, hängt letztlich viel vom Team ab, so Malika. „Eine Sache, die ich nicht mehr dulde, ist dieses Lästern. Wenn Kolleg*innen ein Problem mit irgendetwas haben, sollen sie es sagen und dann wird das besprochen.“ Gut ist, dass es inzwischen ein Bewusstsein für diese Probleme gibt, sagt Malika.

Wenn um halb sechs die Station nach und nach erwacht, neigt sich Malikas Schicht langsam dem Ende. Die ersten Medikamente werden verteilt, Patient*innen klingeln, um Hilfe beim Aufstehen zu bekommen. Draußen vor den Toren des Virchow-Klinikums ist es jetzt am ruhigsten: Rund um den U-Bahnhof Amrumer Straße öffnen die ersten Bäckereien, während die Bars ihre Türen schließen. Ein kurzer Moment des Übergangs. Diese Ruhe hat etwas Tröstliches. Sie erinnert daran, wie wichtig Pausen sind – für Bäcker*innen und Barkeeper*innen genauso wie für Pflegekräfte wie Malika.


*Der Name wurde von der Redaktion aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes geändert.

Fachkräfte | Reportage über einen Bäckergesellen   Morgens in der „Backpfeife“

Blick in die Backstube und das Ladengeschäft einer Bäckerei
In der Backstube wird emsig Teig geknetet, im Laden freut sich die Kundschaft über frisches Brot. © Tanya Teibtner

Wael Zefzef arbeitet als Bäckergeselle in Berlin-Mitte. Der Tunesier ist seit seiner Geburt gehörlos. Zwischen Mehl, Teig und heißen Blechen zeigt er, wie Handwerk dennoch funktioniert – konzentriert, ruhig und präzise.

Es ist 7:30 Uhr in der Frühe. Durch die große Fensterfront der Bäckerei „Backpfeife“, gleich am Eingang zum Stadtquartier Holzmarkt in Berlin-Mitte, fällt warmes Licht. Draußen ist es frostig, drinnen riecht es nach frisch gebackenem Brot und Kaffee. Auf dem Holzmarkt, idyllisch am Spreeufer gelegen, gibt es Cafés, eine Weinhandlung, Ateliers – und eben diese kleine Bäckerei, in der Handwerk und Inklusion aufeinandertreffen.

In der Backstube herrscht geschäftiges Treiben. Der Arbeitstag für Wael Zefzef (Jahrgang 1995) und seinen Chef Mattis Harpering (Jahrgang 1986) hat um sechs Uhr morgens begonnen. Sauerteig-, Roggen-, Dinkelvollkornbrote, Apfelzimtschnecken und Brezeln – ein Bildschirm zeigt das Tagesprogramm, inklusive Zutatenliste und Zeitplan. Der Backofen läuft auf Hochtouren. Auf engem Raum hantieren die beiden Männer konzentriert nebeneinander.

Kommunikation ohne Worte

Wael – Bäckerhose, weißes T-Shirt – steht an der großen Metallrührmaschine. Mit offenen, wiegenden Händen, der Gebärde für Teig, signalisiert er lächelnd, woran er arbeitet. Wael ist seit seiner Geburt gehörlos. Niemand im Team beherrscht die Gebärdensprache fließend, doch Mattis hat sich Grundkenntnisse selbst beigebracht. „Nach jedem Urlaub muss ich wieder üben“, sagt er. Mit der Zeit haben auch die Kolleginnen und Kollegen die wichtigsten Zeichen gelernt. Der Rest läuft über Mimik, Handzeichen und Routine – eine erstaunlich reibungslose Verständigung hat sich im Laufe der Zeit eingespielt. Heute hilft zusätzlich ein Gebärdensprachdolmetscher.

Kleine Backstube, organisiertes Arbeiten

Die „Backpfeife“ ist ein kleiner Betrieb. Backstube und Laden messen zusammen gerade einmal 40 Quadratmeter und sind nur durch eine Glasscheibe getrennt. Hier können die Kunden zusehen, wie ihr Brot entsteht. Meister Mattis, Geselle Wael und Azubi Pascal, heute in der Berufsschule, sind das Backteam. Weitere Mitarbeitende stehen im Verkauf oder liefern per Fahrrad Waren aus. An diesem Morgen herrscht reges Treiben: Kita-Eltern, frühe Touristen, Stammkundschaft wechseln sich vor dem Verkaufstresen ab. Verkäuferin Cami lächelt jeden freundlich an, während sie Laugenstangen oder belegte Brötchen eingepackt.

Die „Backpfeife” setzt auf Qualität und Nähe: Bio-Mehl, ein überschaubares Sortiment für ein relativ klar definiertes Publikum. „Wir haben uns auf Brot, Brötchen und Snacks spezialisiert, weil es hier viele Touristen gibt”, erklärt Inhaber Mattis Harpering. Gerade für kleinere Betriebe ist zudem der Standort entscheidend. „Wir überleben, weil wir in guter Lage sind, es gibt Käufer, die auch bereit sind, fünf bis acht Euro für ein Brot zu zahlen.”

Klare Arbeitsteilung

In der Backstube scheint jeder Handgriff durchdacht. Viel Raum bleibt nicht, und doch wirkt nichts gehetzt. Alles ist funktional: Teigmaschine, Arbeitstisch, Kühlschrank, großer Ofen. Mehr als zwei Leute haben hier kaum Platz, also braucht es eine klare Arbeitsteilung. Heute backt Mattis, während Wael neue Teige ansetzt. Er kippt Mehl, Karotten und Kerne für das „Herbstbrot“ in die metallisch glänzende Rührmaschine, prüft mit den Händen die Konsistenz, gießt Wasser nach. Brotteige seien empfindlich, sagt er später. Temperatur, Mehlqualität, sogar das Wetter draußen – alles zählt. Als die richtige Geschmeidigkeit erreicht ist, hebt Wael den Daumen. Ein Zeichen, das jeder versteht: perfekt. Danach ruht der Teig für einige Stunden, bevor er geformt wird. In den Ofen kommt er erst am nächsten Morgen. Das war früher anders.

Fachkräftemangel und Wandel im Handwerk

Das Handwerk steckt mitten in einem tiefen Umbruch. Der Fachkräftemangel bleibt in Deutschland ein zentrales Problem – allein 2025 fehlten nach Aussage des Zentralverbands des Deutschen Handwerks rund 250.000 Fachkräfte. Betroffen ist auch das Bäckerhandwerk. Laut der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) ist die Zahl der Betriebe seit 2014 um fast 30 Prozent gesunken. Die Zahl der Auszubildenden hat sich in zehn Jahren fast halbiert (2024: ca. 8.500 Azubis), rund ein Viertel hat einen Migrationshintergrund. Viele Betriebe setzen inzwischen auf Fachkräfte aus dem Ausland oder auf Menschen, die bisher wenig Chancen auf dem Arbeitsmarkt hatten.

Auch Mattis Harpering spürt den Druck. „Ohne neue Wege geht es nicht mehr“, so seine Erkenntnis. Die Branche muss attraktiver werden – mit besseren Arbeitszeiten, neuen Ausbildungskonzepten und mehr Offenheit. In der „Backpfeife“ gelingt das: Nachtschichten sind passé, die Teige werden am Vortag vorbereitet, über Nacht gekühlt und morgens frisch gebacken. Das macht den Beruf familienfreundlicher und das Team zufriedener. Anders als viele andere Unternehmen hat Mattis Harpering keine Nachwuchssorgen – auch das gute Betriebsklima hat sich wohl herumgesprochen.
Porträt des Bäckergesellen Wael Zefzef

Porträt des Bäckergesellen Wael Zefzef | © Tanya Teibtner

Von Tunesien nach Berlin
9 Uhr, Zeit für die Pause. Vor der Bäckerei, in der Sonne, erzählt Wael mithilfe des Dolmetschers von seinem Weg nach Deutschland. Vor zehn Jahren ist er aus Tunesien eingereist: ohne Ausbildung, aber voller Energie. „Wo ich herkomme, gibt es keine Schulen für Gehörlose“, beschreibt er die Situation in seinem Geburtsland. „Menschen mit Behinderung werden stark diskriminiert.“ Er bringt sich selbst die Internationale Gebärdensprache (IS) bei, jobbt und verlässt schließlich die Heimat auf der Suche nach Perspektiven. Schon in Tunesien kann er sich vorstellen, als Bäcker zu arbeiten.

In Berlin lernt er Deutsch und die Deutsche Gebärdensprache, arbeitet bei einer Inklusionsfirma, unter anderem am Holzmarkt. Hier trifft er Mattis Harpering. „Wael war so ausdrucksstark in der Pantomime, viele haben gar nicht mitbekommen, dass er gehörlos ist“, erinnert sich Harpering. Eine Betreuerin vermittelt, und 2021 beginnt Wael seine Ausbildung.

Lernen mit Hindernissen

Der praktische Teil liegt ihm sofort: „Ich lerne über Beobachtung“, sagt Wael. Schwieriger ist die Berufsschule – Fachsprache, Texte, Prüfungen. Eine Betreuerin hilft beim Übersetzen, begleitet ihn zum Unterricht. Drei Jahre später, im September 2024, besteht er die Gesellenprüfung.

Dass Wael heute in der „Backpfeife” arbeitet, ist auch Ergebnis gezielter Förderung. Deutsche Handwerksbetriebe, die gehörlose oder behinderte Menschen einstellen, profitieren von zahlreichen Programmen. Die Bundesagentur für Arbeit, Integrationsämter und Handwerkskammern unterstützen mit Eingliederungszuschüssen, Zuschüssen zur Arbeitsplatzgestaltung oder Förderungen für technische Anpassungen. Auch Begleitung und Beratung durch spezialisierte Stellen helfen Betrieben, Inklusion praktisch umzusetzen.

„Am Anfang war der Papierkram schon eine Hürde“, erinnert sich Mattis Harpering. Aber die Unterstützung war da – Dolmetscherkosten, Fördergelder, Beratung. Die Ausbildungsvergütung wurde komplett vom Arbeitsamt übernommen, im ersten Gesellenjahr 60 Prozent des Gehalts. „Ich glaube, viele Betriebe haben Angst vor dem Aufwand“, mutmaßt Harpering, „Man muss Geduld haben, nicht auf die Behinderung schauen, sondern auf den Menschen. Wichtig ist, ob jemand ins Team passt, ob Energie und Haltung stimmen. Alles andere kann man organisieren.“

Inklusion im Alltag

Nach der Pause geht die Arbeit in der Backstube weiter. Wael formt Zimtschnecken und Brezeln, die frisch gebacken im Laden verkauft werden. „Ich mag, was ich hier mache“, sagt Wael. „Vor allem Brezeln. Da kann ich mich verlieren.”

Verkäuferin Cami schaut herein. Sie ist Italienerin, spricht aber Englisch. Mattis antwortet und übersetzt für Wael gleichzeitig in Gebärdensprache. Beide lachen – Kommunikation, die einfach funktioniert. Inklusion scheint hier kein Konzept, sondern gelebter Alltag zu sein. „Ich war mir anfangs nicht sicher, ob das klappt“, sagt Mattis. „Aber dann habe ich ihn kennengelernt. Wenn das Herz passt, findet man Wege.“

Neue tagtägliche Routine

Wael nickt, als er das hört. „Natürlich gibt es auch hier Barrieren, Deutschland ist kein Paradies für Gehörlose”, weiß er inzwischen. „Aber ich habe in diesem Land Chancen bekommen, die ich in Tunesien nie gehabt hätte.“ Wael formt die letzten Brote für den nächsten Tag und legt sie in den Kühlschrank. Dann wäscht er sich die Hände unter dem Wasserhahn. Es ist gleich 14 Uhr – Feierabend. Er will später noch Freunde treffen. Die Ausbildung sei anstrengend gewesen. Jetzt möchte er ankommen, Geld verdienen, etwas aufbauen, vielleicht etwas sparen, „einfach ein bisschen Alltag haben und mal durchatmen.“

Wael Zefzef ist 1995 in einem kleinen Dorf in Tunesien gehörlos geboren worden. 2015 kam er nach Deutschland, weil seine damalige Frau hier lebte. Er absolvierte von 2021 bis 2024 eine Bäckerausbildung in der „Backpfeife“ in Berlin-Mitte, in der er aktuell auch als Geselle arbeitet.

Bäckerei Backpfeife
Die Bäckerei „Backpfeife“ auf dem Holzmarkt in Berlin-Mitte wurde von Bäckermeister Mattis Harpering gegründet. Sie setzt auf traditionelles Handwerk, mit handgemachten Sauerteigbroten, Brötchen und wechselnden saisonalen Backwaren. Die Backstube versteht sich als offene und inklusive Manufaktur, in der fair und transparent produziert wird. 2025 erhielt die „Backpfeife" in der Kategorie „Inklusive Beschäftigung – Kleinunternehmen“ den Berliner Inklusionspreis.
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Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks e.V.
Die Bäckerinnungen und Bäcker-Landesverbände bieten branchenspezifische Informationen, Berufsbilder, Förderungen sowie Vermittlung von Ausbildungsbetrieben an.
https://www.baeckerhandwerk.de/

Handwerkskammern beraten speziell zur Ausbildung von Menschen mit Behinderungen, informieren über Nachteilsausgleiche (z.B. verlängerte Prüfungszeit, Hilfsmittel, Einsatz von Assistenzkräften) und den Zugang zu geförderter Ausbildung