Den Berufseinstieg in Deutschland musste sich Kate Ergle erkämpfen. Heute braucht Deutschland IT-Fachkräfte wie die Lettin dringend – es fehlen weiterhin tausende. Doch könnte Deutschlands Ruf bei internationalen Fachkräften ein Hindernis sein?
Einfach war es nicht, sagt Kate Ergle unter dem warmen Licht des überdimensionierten Lampenschirms. Wie riesengroße Glocken hängen sie über hellgrau-gepolsterten Sitzecken. Die 37-jährige erzählt von ihren ersten Schritten auf dem deutschen Arbeitsmarkt, direkt nach dem Studium, 1.700 Kilometer von zu Hause entfernt. An einem Dienstagmorgen sitzt sie in einer Kantine im Erdgeschoss eines seelenlosen Bürocampus im Münchner Norden.Was sie ins Ausland führte, begann 2013 in Bremen: Im Auslandssemester lernte die Mathematikstudentin aus Riga einen Maschinenbaustudenten aus Barcelona kennen.
Einen Job finden, der zu einem passt, bei der Bewerbung überzeugen, das ist immer eine heikle Phase im Leben. Aber Kate Ergle fehlte zu der Zeit neben fließendem Deutsch auch noch die praktische Erfahrung. Sie hatte Mathematik in Riga zuerst auf Lehramt studiert und alle ihre Praktika an Schulen absolviert. „Ich habe so oft gehört, mit Mathe kannst du ja alles Mögliche machen.” Umso frustrierender sei es gewesen, dass auf ihre Bewerbungen für Stellen im Controlling oder bei Softwareunternehmen nur Absagen kamen.
In Deutschland fehlen 109.000 IT-Spezialist*innen
Heute ist Kate Ergle eine gut bezahlte Datenanalystin bei Amazon in München. Trotz der aktuellen Wirtschaftskrise suchen deutsche Firmen weiter verzweifelt IT-Spezialist*innen. Laut Branchenverband Bitkom fehlten im August 2025 ganze 109.000 Fachkräfte in IT-Berufen. Sie gehören zu einer Schlüsselindustrie, ohne die Deutschland die digitale Transformation in Verwaltung und Unternehmen nicht meistern kann.Viele junge Menschen zieht es für eine Zeit ins Ausland, um zu arbeiten – auch nach Deutschland. Aber ob sie langfristig bleiben, entscheiden – wenn sie nicht wirtschaftlich darauf angewiesen sind – soziale und emotionale Faktoren: Sind ihnen die Menschen sympathisch, mögen sie das Wetter, finden sie gute Betreuung für die Kinder? Ergle wohnt inzwischen acht Jahre und fünf Monate in München. Ihr Deutschlandbild ist differenziert, wie auf einer geografischen Landkarte gibt es helle Farben, aber auch dunkle Schattierungen. Würde sie sich heute wieder dafür entscheiden, in Deutschland zu leben, zu arbeiten, eine Familie zu gründen?
Auf Umwegen zur ersten festen Stelle
Obwohl sie bereits ein Mathematikdiplom in der Tasche hatte, machte sie ihren ersten Job als Au-pair, um ihr Deutsch zu verbessern. Darauf folgte ein Praktikum in einer Hamburger Steuerkanzlei, den Kontakt hatte sie seit einem Schüleraustausch in England. „Ich wollte zeigen, dass ich auf Deutsch arbeiten kann.” Zweimal die Woche ging sie abends zum Sprachkurs an der Volkshochschule, egal wie müde sie nach dem Arbeitstag war. „Ich bin kein Sprachtalent, wie mein Mann, ich musste viel lernen”. Aber sie habe fleißig die Übungen gemacht und nach drei Monaten den B2-Test bestanden.Dann entdeckte sie eine Stellenausschreibung: Ein Hamburger Startup suchte einen Datenanalysten. Diesmal kam sie in die zweite Runde, schaffte den Onlinetest und überzeugte im Gespräch. Sie nannte 40.000 Euro als Gehaltsvorstellung, üblich bei ihrer Ausbildung. Aber das Startup bot ihr 20.000 Euro an – nicht verhandelbar. An dem Tisch in der Kantine zuckt Kate Ergle jetzt mit den schmalen Schultern. „Ich habe natürlich trotzdem zugesagt”. Der Job klang interessant und war ihr erster Zugang in die Tech-Branche.
Beruflich angekommen
Heute arbeitet sie in einem internationalen Team, das sich remote zusammenschaltet. Dort entwickeln und verbessern sie Analysetools für die Amazon-Kolleg*innen im Vertrieb. Die brauchen gut aufbereitete Daten, um Kund*innen für Werbeplätze auf der Plattform zu gewinnen. Die Aufgaben änderten sich ständig. Die Hierarchien seien flach, der Umgang freundlich. „Ich liebe es, mit lauter klugen, jungen Leuten zusammenzuarbeiten“, sagt sie.Es hätte auch eine andere Stadt in Europa werden können. Zwischendurch verbrachte das Paar ein Jahr in den USA und eines in Mexiko. Statt an schönen Küstenorten, wohnten sie in Industriestädten im Inland, weil dort die Firma ihres Mannes Standorte hatte. „Nach zwei Jahren habe ich gesagt: Lass uns zurück nach Europa, näher zu unseren Familien und dort in eine schöne Stadt ziehen”, erinnert sich Ergle. Noch bevor sie anfingen sich zu bewerben, hatte sie das Angebot einer Headhunterin für die Stelle bei Amazon im Postfach.
Porträt von IT-Spezialistin Kate Ergle | © Tanya Teibtner
Im Fachkräfte-Ranking auf einem der letzten Plätze
Fast jeder fünfte Beschäftigte in Deutschland hat eine ausländische Staatsbürgerschaft. Nach einer Studie der Bertelsmann Stiftung braucht die deutsche Wirtschaft künftig jedes Jahr weitere 288.000 Fachkräfte aus dem Ausland – bei besserer wirtschaftlicher Entwicklung könne die Zahl sogar wieder auf 400.000 steigen.Doch beliebt ist Deutschland nicht. Bei der Befragung „Expat Insider“ der Organisation „InterNational“ belegt es im Ranking mit anderen Industrienationen Platz 42 von 46. Als Gründe werden Wohnraummangel und der schleppende Ausbau digitaler Infrastruktur genannt. Aber vor allem: fehlende Gastfreundschaft. Nur zwei von fünf Expats stimmen der Aussage zu, dass Deutsche freundlich zu Ausländern sind. Fast 75 Prozent sind nicht zufrieden mit ihrem Sozialleben in Deutschland und tun sich schwer, Kontakte zu knüpfen.
Mit Kindern verändert sich ihr Deutschlandbild
„Zuerst waren Marc und ich begeistert, wie ordentlich alles ist und dass die meisten Leute recht verlässlich sind”, sagt die 37-Jährige. Aber seit sie Eltern sind, fiele ihnen auf, wie „streng und hart” Erwachsene hier mit Kindern umgehen – teilweise auch Kitapersonal. Das Paar verbringt viel Zeit mit ihren Kindern, sie können es sich leisten, die Kinder nicht so lange fremdbetreuen zu lassen. Dafür arbeitet Ergle erst ab 11 Uhr und ihr Mann holt die beiden um 14 Uhr von Tagesmutter und Kita ab.Sie versteht nicht, warum sich in Deutschland „schon die Kleinsten” an so viele Regeln halten müssen. Gleichzeitig würden ihre eigenen Bedürfnisse nicht ernst genommen. In einer Kita habe das Personal bei der Eingewöhnung gesagt, dass Kinder das Weinen bewusst einsetzen würden, um bei Mama und Papa zu bleiben. Dabei sei es doch eine völlig natürliche Reaktion, wenn Kinder zum ersten Mal länger von den Eltern getrennt sind. Sie glaubt, dass das konkrete Auswirkungen auf das Zusammenleben hat. „Wie soll jemand Empathie für die Situation anderer Menschen entwickeln, wenn er von klein auf lernt, dass seine eigenen Bedürfnisse nicht zählen?”
Kommt daher der raue Ton in Deutschland?
Jetzt verstehe sie, sagt sie, warum sich die Deutschen im Straßenverkehr so anschreien, wenn jemand einen Fehler macht. Ihre Freundinnen und ihr Mann erzählten häufig von Vorgesetzten, die ihre Mitarbeitenden „von oben herab” behandeln. Sie selbst habe solche Gespräche schon durch die Freisprechanlage im Auto mitbekommen und sich über den respektlosen Ton gewundert.Die gebürtige Lettin findet das schade. Deutschland habe ausländischen Fachkräften eigentlich so viel zu bieten. Für ihrer beider berufliche Qualifizierung seien die Jahre in Deutschland ein „echter Glücksfall” gewesen. Sie schwärmt vom großen Angebot an Weiterbildungen, zum Beispiel das Bewerbungstraining der Agentur für Arbeit, das sie ganz am Anfang gemacht hatte. „Was ich dort gelernt habe, nutze ich heute noch im Beruf.” Auch die günstigen und guten Deutschkurse an der Volkshochschule hält sie in positiver Erinnerung.
Bevor sie zu ihrem ersten Termin aufspringt, sagt sie noch: „Die Nähe zu unseren Familien vermissen wir schon, aber wir haben keine konkreten Pläne nach Lettland oder Spanien umzuziehen.” In Lettland oder Spanien würde man vom Arbeitgeber oder der eigenen Familie „böse angeguckt”, wenn man nach einer kurzen Babypause nicht wieder in Vollzeit zurückkehrt. Hier könnten sie das selbst entscheiden, denn innerhalb der ersten drei Jahre haben beide Eltern in Deutschland ein Recht auf Teilzeit. „Dadurch ist es auch gesellschaftlich akzeptierter, viel Zeit mit der Familie zu verbringen”, sagt Ergle. Schlussendlich ließe sie das hier freier leben als woanders.
Januar 2026