American Football in Deutschland  Kick-off mitten in der Nacht

Fans im Stadion bilden das NFL Zeichen und die Farben der deutschen Flagge. Im Vordergrund ein Spielzug aus dem Berlin-Spiel der Colts gegen die Falcons. Foto (Detail) © picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Martin Meissner & picture alliance/dpa | Sebastian Gollnow

Pizza, Bier, Super Bowl: Was als Nischensport begann, ist in Deutschland zum Hype geworden. Wie American Football hier heimisch wurde.

Ein Sonntagabend im Februar. Draußen klirrt die Kälte, die Straßen liegen still, und ein Großteil des Landes geht schlafen. Ein Großteil – aber eben nicht alle. In Wohnzimmern, WG-Küchen und Bars sitzen Menschen mit Pizza, Bier und Chicken Wings vor Fernsehern und Leinwänden. Es ist Super-Bowl-Nacht. Um 0:30 Uhr deutscher Zeit beginnt das Spektakel, und mit dem Kick-off startet für viele Fans ein kleines amerikanisches Ritual mitten in der deutschen Nacht.

Was lange ein Insider-Event für hartgesottene Fans war, ist inzwischen in der deutschen Popkultur angekommen. NFL-Merchandise bei deutschen Discountern, Footballspiele in deutschen Stadien, eine europäische Liga als Pendant zur National Football League (NFL) – der Sport hat den Atlantik längst überquert.
Ein kleiner Footballhelm, daneben ein Football. Beide tragen das Logo der "NFL Germany Games".

Für die Deutschlandspiele der NFL werden eigens Fanartikel produziert. | Foto (Detail): © picture alliance/dpa | Andreas Gora

Ein „neuer“ Hype mit langer Geschichte

Dass American Football in Deutschland boomt, ist kein Zufall. Die TV-Übertragungen der letzten Jahre haben den Sport sichtbarer gemacht, doch seine Wurzeln reichen deutlich weiter zurück. Nach dem Zweiten Weltkrieg brachten US-Soldaten den Sport nach Deutschland – zunächst abgeschottet in Kasernen, ohne deutsche Zuschauer*innen. Erst 1977 entstand mit den Frankfurter Löwen der erste deutsche Footballverein, damals noch stark von amerikanischen Spielern geprägt. Mit dem Zuwachs weiterer Mannschaften aus deutschen Städten folgte zwei Jahre später die Gründung des „American Football Bund Deutschland“.

Deutschland als NFL-Wachstumsmarkt

Heute ist Football in Deutschland ein Massenphänomen. Laut Ligaangaben gibt es rund 19 Millionen Fans, mehrere Millionen schalten regelmäßig NFL-Spiele ein. Der erste Super Bowl wurde bereits 1988 in Deutschland übertragen, damals bei Tele 5. Seit 2023 laufen die Spiele beim Privatsender RTL – bereits der neunte Sender, der sich die Übertragungsrechte gesichert hat. Deutschland gilt inzwischen als wichtigster Wachstumsmarkt der Liga, so NFL-Deutschland-Chef Alexander Steinforth.

Seit 2022 trägt die NFL jährlich ein reguläres Saisonspiel in Deutschland aus. Den Auftakt machte München, gefolgt von Frankfurt und Berlin. Für diese Events werden deutsche Fußballstadien aufwendig zu Football-Arenen umfunktioniert – ein Umbau, der nur für ein Wochenende erfolgt. Die Tickets gehen an Fans aus aller Welt, darunter viele US-Amerikaner*innen, die einzig für das Spiel nach Deutschland reisen. In den kommenden Jahren plant die Liga, die Spiele abwechselnd in München und Berlin austragen zu lassen.
Deutschlandflagge und US-Flagge ausgerollt auf einem Football-Spielfeld.

Vor jedem Deutschlandspiel der NFL werden die Deutschlandflagge und die US-Flagge nebeneinander auf dem Spielfeld präsentiert. | Foto (Detail) © picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Markus Schreiber

Gesichter des Hypes

Zum Football-Fieber tragen auch Persönlichkeiten bei, die den Sport nahbar machen. Björn Werner und Patrick „Coach“ Esume gehören inzwischen fest zur deutschen Footballlandschaft. Beide kommentieren Spiele im Fernsehen, sind auf Social Media aktiv und betreiben den Podcast Bromance, der regelmäßig in den deutschen Podcast-Charts vertreten ist. Die beiden Hosts sind absolute Footballprofis: Werner spielte selbst in der NFL für die Indianapolis Colts, Esume spielte für diverse Teams in Deutschland und hatte eine lange Karriere als Trainer in Europa und den USA. Gemeinsam übersetzen sie die amerikanische Footballkultur für ein deutsches Publikum – mit Humor, Fachwissen und einer ordentlichen Portion Entertainment.
TV-Experte Patrick Esume und der TV-Experte und ehemaliger NFL-Spieler Björn Werner stehen an der NFL-Logowand.

Die wohl zwei bekanntesten Gesichter für American Football in Deutschland: Björn Werner und Patrick Esume. | Foto (Detail) © picture alliance/dpa | Jürgen Kessler

Nachwuchsarbeit und neue Strukturen

Die NFL setzt aber nicht nur auf TV-Quoten. Mit dem NFL Flag Program will sie Flag Football – die kontaktlose Variante des Sports – in Schulen und Vereinen etablieren. Ziel ist es, den Sport langfristig im deutschen Breitensport zu verankern.

2020 entstand die European League of Football (ELF), die das Fanpotential in Deutschland besser nutzen wollte. Bis Ende letzter Saison agierte Patrick Esume als Commissioner. Mit Cheerleadern, Maskottchen und US-Spielern orientierte sie sich stark am amerikanischen Vorbild. Deutschland stellte sieben der 16 Teams, viele davon sportlich erfolgreich. Zuletzt gewannen Stuttgart Surge die 2025 Saison, im Jahr zuvor verteidigte Rhein Fire den Titel. Doch finanzielle Schwierigkeiten und interne Konflikte führten zu einem Insolvenzverfahren. Wie es 2026 weitergeht, ist offen.
Die ELF-Mannschaft Rhein Fire feiert ihren Saisonsieg 2024.

Die Sieger der ELF-Saison 2024: Rhein Fire | Foto (Detail) © picture alliance / firo Sportphoto | Max Ellerbrake

Super Bowl LX: Deutschland feiert mit

Zurück in den USA bekommt der Super Bowl LX in diesem Jahr eine besondere Note für deutsche Fans: RTL und die NFL laden erstmals zu einem großen deutschen Fantreffen in San Francisco ein – für alle, die anlässlich des Spiels der New England Patriots gegen die Seattle Seahawks die weite Reise über den Atlantik auf sich nehmen.

Für alle anderen wird die Nacht auch in Deutschland zum Großevent. Düsseldorf richtet eine Football-Meile aus, Köln veranstaltet die „Super Bowl LX Experience“. Und selbst Menschen, die mit Yards und dem Lederei wenig anfangen können, schalten spätestens zur Halftime-Show ein – der musikalischen Einlage während der Halbzeit. Hier treten Jahr für Jahr Weltstars auf. Dieses Jahr steht der Puerto-ricanische Latin-Rap- und Reggaeton-Sänger Bad Bunny auf der Bühne, die Pre-Show übernimmt Green Day.

Die Begeisterung rund um Touchdowns, Field Goals und Super-Bowl-Ringe scheint in Deutschland angekommen zu sein – nicht nur als Sport, sondern als Teil einer globalen Popkultur, die einen festen Platz im deutschen Alltag gefunden hat.