Als am 13. August 1961 der Bau der Berliner Mauer begann, veränderte sich das Leben von Millionen Menschen in Deutschland schlagartig. Die Zeitzeugen Rainer Just und Michael „Micha“ Synowzik erinnern sich daran, wie sie diesen Tag als Kinder erlebten – und warum sie ihre Geschichten bis heute weitergeben.
Nach dem Zweiten Weltkrieg teilen die Siegermächte Deutschland in vier Besatzungszonen auf, aus denen 1949 zwei deutsche Staaten hervorgehen: die Bundesrepublik Deutschland im Westen und die sozialistische DDR im Osten. Auch Berlin, mitten im DDR-Gebiet gelegen, wird geteilt – in einen sowjetischen Sektor und drei westliche Sektoren, die gemeinsam West-Berlin bilden. Jahrelang bleibt die Grenze zwischen beiden Stadthälften offen: Menschen pendeln zur Arbeit, besuchen Familie, gehen ins Kino – auf beiden Seiten. Bis 1961 entscheiden sich rund 2,7 Millionen Menschen, die DDR über diesen offenen Weg zu verlassen. Weil so viele Menschen abwandern – darunter zunehmend Ärzte, Ingenieure und Facharbeiter – gerät die DDR-Führung unter wachsenden Druck: Der Verlust dieser Fachkräfte bedroht die wirtschaftliche Grundlage des Landes.„Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“
Als Walter Ulbricht, Parteichef der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), der Staatspartei der DDR, am 15. Juni 1961 den heute weltberühmten Satz sagte: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“, genossen die Schüler Rainer Just und Michael „Micha“ Synowzik ahnungslos den Berliner Sommer. Doch die SED plante genau das. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Deutschland politisch in zwei Staaten geteilt – auch Berlin war seitdem in einen Ost- und einen Westteil gespalten. Am 13. August 1961 begann das sozialistische Regime, innerhalb kürzester Zeit eine 155 Kilometer lange Mauer um West-Berlin zu ziehen, und trennte die Stadt endgültig. Sie sollte die Flucht aus dem Osten verhindern. Ein Sechstel der DDR-Bevölkerung entkam der sozialistischen Diktatur noch vor dem Bau der Mauer.Der Sommer 1961 war ein politisch besonders heißer. Die Kinder Rainer Just und Michael „Micha“ Synowzik verbrachten ihn in Ost-Berlin: Just war dort aus West-Berlin zu Besuch bei seinen Großeltern, Synowzik ist dort mit seinem Vater und Bruder aufgewachsen. Heute, genau 65 Jahre später, engagieren sich beide als Zeitzeugen und sprechen mit jungen Menschen über ihre Erinnerungen und die Folgen der deutschen Teilung.
„Ost-Berlin war eine eigene Welt“, erinnert sich Rainer Just, wenn er an seine Kindheit in der geteilten Stadt zurückdenkt. Seine Großmutter bewirtschaftete einen Garten unweit des Stasi-Gefängnisses in Berlin-Hohenschönhausen, der zentralen Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR – heute ist dort die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen untergebracht. Auf dem Weg dorthin mussten sie entlang der Gefängnismauer laufen, überall waren Wachposten und die Großmutter machte ihren Enkel darauf aufmerksam. Bis heute erinnert er sich auch, wie dort Gefangenentransporte ankamen.
Die Nacht, in der sich Berlin veränderte
Als am 13. August 1961 die Grenzen geschlossen wurden, saß der Junge plötzlich von seinen Eltern getrennt in Ost-Berlin fest. Er klebte den ganzen Tag am Radio und verfolgte jedes Wort in den Nachrichten. „Nach und nach machten sie die Grenze zu“, erinnert sich Rainer Just an den Schreckenstag „Ich hatte da richtig Schiss.“ Es dauerte rund sieben Tage, bis seine Mutter ihn aus Ost-Berlin abholen konnte. Er war erleichtert, als sie den Grenzübergang in der Friedrichstraße passieren durfte. Endlich war er wieder zu Hause in Freiheit.
„Ich stand vor dem Stacheldraht und habe die Welt nicht mehr verstanden“
Das Zeltlager wurde nach dem Frühstück unterbrochen und Micha und die anderen Kinder bauten ihre Zelte ab. Als die Gruppe wieder in Berlin ankam, wussten die Eltern nichts vom vorzeitigen Ende des Lagers. Micha machte sich also allein auf den Weg nach Hause. Unterwegs traf er auf bewaffnete Betriebskampfgruppen, eine paramilitärische Parteimiliz in der DDR, und folgte ihnen neugierig – dabei stieß er zum ersten Mal auf die Mauer.„Ich stand vor dem Stacheldraht und habe die Welt nicht mehr verstanden“, erinnert sich Synowzik. Statt einer offenen Stadt sah er Stacheldraht, bewaffnete Wachposten und gesperrte Wege. Ein Grenzbeamter rief ihm zu: „Hier gibt es nichts zu gucken! Mach, dass du abhaust!" Für den erst 13-jährigen Schüler war es ein Anblick, der ihn sprachlos machte: „Überall standen bewaffnete Wachposten, Stacheldraht und man konnte nirgendwo mehr hin“. Erst später, als er Fernsehbeiträge zur Grenzentwicklung sah, wurde ihm das Ausmaß für seine Familie bewusst: Michas Vater verlor durch die neue Grenze seinen Nebenverdienst in West-Berlin, der die Familienkasse aufgebessert hatte. Auch der Weg zu den drei Schrebergärten der Synowziks wurde durch die abgeriegelte Grenze erheblich komplizierter. Mit dem Verkauf der Früchte und des Gemüses verdiente sich die Familie bis dahin etwas Geld dazu. Nun dauerte der Hin- und Rückweg zusammen rund drei Stunden. „Alle Privilegien waren auf einmal weg“, sagt er.
Doch das war nicht das Schwerste für den 13-Jährigen. „Ich war damals verzweifelt“, erinnert sich Synowzik. „Ich wurde getrennt von Menschen, die mir nah standen“. Eine geliebte Tante, die Lehrerin war und ihm das Lesen beibrachte, konnte er von da an nicht mehr besuchen. „Das soziale Leben meiner Familie ist damals zusammengebrochen“, erinnert sich der heute 78-Jährige. „Überall, wohin man fuhr, stieß man zwangsläufig auf die Mauer oder Stacheldraht“, beschreibt Synowzik danach das Leben in Ost-Berlin. Sein Bewegungsradius schrumpfte zusehends. Als das Ventil seines Fahrrads kaputtging, fand sich kein Ersatzteil mehr. Vor dem Mauerbau war er damit noch durch ganz Berlin gefahren – ein Gefühl von Freiheit. Nun war das Rad unbrauchbar.
Flucht durch die Kanalisation
Keine drei Monate später nahm sein Leben eine weitere Wendung. Während der West-Berliner Rainer Just die Stadt zu Beginn des Mauerbaus ohne größere Probleme verlassen konnte, wurde das Leben hinter der Mauer für die Synowziks von Tag zu Tag schwieriger.Nachdem sein Bruder in den Westen geflohen war, geriet die Familie ins Visier der Staatssicherheit. Vater und Sohn beschlossen ebenfalls zu fliehen. Nach drei gescheiterten Versuchen gelang ihnen schließlich die Flucht durch die Berliner Kanalisation in den Westen. Kurz darauf wurde dieser Fluchtweg geschlossen.
Der Mauerbau am 13. August wurde für Rainer Just und Micha Synowzik zum Wendepunkt in ihrem Leben. Der 8-jährige Just sah seine Großeltern danach jahrelang nicht mehr, später nur noch sporadisch. Die seltenen Familientreffen waren von Trauer über ihr Schicksal überschattet. Die Großeltern starben einige Jahre später – hinter der Mauer. Just reist später dennoch immer wieder in die DDR. Die Mauer ließ ihn nie los. Heute spricht er als Zeitzeuge über seine Erlebnisse in Ost-Berlin. Für Michael Synowzik begann nach seiner Flucht ein Leben in Freiheit in der BRD. Die Flucht zerrüttete jedoch seine Familie, und in der Schule wurde er als Flüchtling diskriminiert. 20 Jahre lang sprach er nicht öffentlich darüber.
Beide hatten Glück. Vielen anderen war es nicht vergönnt: Mindestens 140 Menschen wurden an der Berliner Mauer getötet, an der gesamten innerdeutschen Grenze geht die Stiftung Berliner Mauer von rund 650 Todesopfern aus. Bis zum Zerfall des sozialistischen Regimes 1989 wurden die Grenzanlagen immer weiter verschärft. Die Mauer fiel 28 Jahre nach ihrem Bau, am 9. November 1989. Die Bilder dieses Tages stehen bis heute für die deutsche Wiedervereinigung.
Die Erinnerung wachhalten
Auch Rainer Just lässt die Geschichte bis heute nicht los. Mitte der 1980er-Jahre saß er in einem Kino, als die Eingangssequenz eines Films etwas in ihm auslöste. „Genauso, wie in diesem Film habe ich es auch erlebt", erinnert er sich. Die Erinnerungen an Ost-Berlin kehrten zurück, „wie ein Mosaik". Seitdem beschäftigt sich Just intensiver mit der deutsch-deutschen Geschichte. Jahrelang setzte er sich für die Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße ein. Die verschiedenen Standorte der Gedenkstätte Berliner Mauer ziehen jedes Jahr viele Besucherinnen und Besucher an, 60 Prozent der Besucherinnen und Besucher kommen aus dem Ausland. 25 Prozent der Gäste haben einen DDR-Hintergrund. Auch Synowzik begann irgendwann, seine eigene Geschichte aufzuarbeiten: Er recherchierte seine Fluchtroute und schrieb das Buch Oktober 1961: Meine Flucht durch die Berliner Kanalisation: am Checkpoint Charlie. Mit der Stiftung Berliner Mauer betreute er zudem das interaktive Messenger-Projekt Nachricht von Micha, das Einblicke in seine Geschichte und seine Flucht von Ost- nach West-Berlin durch die Kanalisation gibt.65 Jahre nach dem Mauerbau ist Rainer Just 73 Jahre alt, Michael Synowzik ist 78 Jahre alt. Beide engagieren sich bis heute unermüdlich als Zeitzeugen und halten die Erinnerung an den Mauerbau und seine Folgen wach.
Die Berliner Mauer – Zahlen und Fakten
- 13. August 1961: Die DDR-Führung riegelt die Grenze zwischen Ost- und West-Berlin ab und beginnt mit dem Bau der Mauer.
- 155 Kilometer lang ist die Berliner Mauer zuletzt – davon 43 Kilometer mitten durch Berlin, 112 Kilometer entlang der Grenze zum DDR-Umland.
- 28 Jahre lang teilt sie die Stadt: Bis zum Mauerfall am 9. November 1989 trennt sie nicht nur Berlin, sondern auch Familien und Freund*innen.
- Mindestens 140 Menschen wurden an der Berliner Mauer getötet. An der gesamten innerdeutschen Grenze geht die Stiftung Berliner Mauer von rund 650 Todesopfern aus.
August 2026