Wir
Über die Möglichkeit des Lebens auf dem (Heimat)land

Vor dem Krieg geflohene Frauen mit Kindern © Laura Vilbiks

Wenn wir möchten, dass unsere Heimat nicht langsam ausstirbt, müssen wir über die eigene Nasenspitze hinaussehen, auf diejenigen hören, deren Zuhause es in Zukunft sein wird, und denen helfen, denen man ihr Zuhause zu rauben versucht.
 

Hele-Mai Viiksaar

Wer das Werk Astrid Lindgrens auch nur ein bisschen kennt, erinnert sich vielleicht an drei weinende Kinder im Buch „Ferien auf Saltkrokan“, die ihr vorzeitig verstorbenes Lieblingstier begraben und traurig „Die Welt, sie ist ein Jammertal“ singen. Lindgrens Werke sind heutzutage Reliquien einer glücklichen, aber unerreichbaren Kindheit geworden und es ist durchaus verständlich, warum sie für die jüngeren Generationen immer ferner erscheinen.

Die Schuld dafür, dass Kinder zu früh „erwachsen werden“, wird gern den Smart-Geräten, Computerspielen, zu früher Sexualkunde, gewaltsamen und nicht altersgerechten Fernsehserien und Filmen, Popmusiker*innenn, Schauspieler*innen und Influencer*innen gegeben. Ich glaube, dass viele von uns schon gehört haben, wie Leute feierlich schwören, dass sie, wenn sie mal ein eigenes Kind haben, die Smartphone-Nutzung einschränken, das Kind zum Spielen an der frischen Luft animieren und die Bubble, in der das Kind aufwachsen wird, nur mit positiven Vorbildern umgeben werden. Solche Erwartungen und Hoffnungen sind an sich nicht schlecht, nur vergessen wir oft, dass das Kind nicht im Vakuum aufwachsen kann. Das „Jammertal“ schleicht sich früher oder später mit stiller Beharrlichkeit ein. Obwohl der biologische Drang, ein Kind zu kriegen, menschlich ist, geht damit immer mehr einher, dass im Interesse des eigenen seelischen Wohlbefindens ein Auge vor dem Weltgeschehen zugedrückt wird.

Die Entscheidung gegen eigene Kinder wird oft belächelt als märtyrerhafter Altruismus zum Wohle des Planeten. Als Rechtfertigung werden diverse Studien angeführt, die den Einfluss des Einzelnen auf den Planeten in Frage stellen. Die Schuld für die Klimakrise wird den „anderen Staaten“ zugeschoben, die Entscheidung gegen eigene Kinder als Zeichen der Kapitulation gedeutet oder Frauen vorgeworfen, dass sie durch ihr egoistisches Handeln unsere Sprache und Kultur zerstören. Kinderlose Frauen wurden sogar als „gesellschaftlich schädliches Element [1]“ bezeichnet. Ähnliche Einstellungen gegenüber Männern findet man nur selten, was gut illustriert, wie das Kinderkriegen als eine Pflicht der Frau gesehen wird, als ihre wichtigste Aufgabe in der Gesellschaft und als der größte Wert, den sie zu bieten hat. Dabei kann der Druck auch aus der entgegengesetzten Richtung kommen – die Entscheidung, Kinder auf dem untergehenden Planeten in die Welt zu setzen, der von Naturkatastrophen, Hunger und Krieg heimgesucht wird, kann auch als egoistisch, unüberlegt oder naiv gelten. Damit wird das Kinderkriegen immer weniger ein natürlicher Prozess im Laufe des Lebens, sondern eher eine abgewogene Entscheidung, bei der neben den wirtschaftlichen Faktoren auch Umweltfragen in Betracht kommen – sowohl als gesellschaftliche Normen (Würde mein Kind in diesem Staat ein gutes Leben führen können?) als auch in Bezug auf die allgemeine Lebensqualität und -möglichkeit auf diesem Planeten.

Das Kind hat wenig Alternativen

Die Radikalfeministin Shulamith Firestone fand, dass das Konzept der Mutterschaft im Namen einer tatsächlichen Gleichberechtigung vollständig abgeschafft werden sollte und als Cyberfeministin äußerte sie zudem die Idee, dass Kinder zur Erreichung dieses Ziels in künstlichen Gebärmuttern ausgebrütet werden sollten. Sie betrachtete das Kinderkriegen allein zum Zweck der Fortpflanzung als einen barbarischen und unnötigen Vorgang, bei dem Frauen und Kinder als unterentwickelte menschliche Wesen betrachtet werden, die dem Mann gehören. Viele von Firestones Gedanken mögen einem vielleicht als zu radikal vorkommen, aber sie hatte sicherlich recht damit, dass die Kindheit eher bedrückend und nicht sorglos und heiter sein kann [2]. Es ist natürlich und verständlich, dass Kinder die Unterstützung durch die Eltern und die Gesellschaft mehr brauchen als Erwachsene, aber nichtsdestotrotz geht damit oft auch eine verniedlichende und abwertende Einstellung einher, bei der die Emotionen und Meinungen der Kinder als weniger wichtig angesehen werden. Dazu zählen sowohl die öffentliche Verhöhnung und Herabsetzung der jugendlichen Klimaaktivistin Greta Thunberg, der Demonstrationen und Aktionen der estnischen Fridays for Future-Bewegung sowie zum Beispiel auch die Aussage des Runden Tisches estnischer Frauenvereinigungen [3], dass ein Kind, das häusliche Gewalt anzeigt, ein Denunziant sei. Somit haben Kinder ziemlich wenig Freiheit – sowohl, um ihr Umfeld zum Besseren zu verändern, als auch, um in der Gesellschaft über die sie beeinflussenden Prozesse mitzureden. Dabei geht es ja gerade um ihr Leben und ihre Zukunft, auf die wir als Erwachsene Einfluss ausüben.

Die harte Wahl junger Frauen

Die Gräuel des Krieges in der Ukraine beeinträchtigen uns emotional alle und die Fotos und Geschichten über Frauen und Kinder, Geburtskliniken und Schulen, die angegriffen wurden, waren besonders schmerzhaft. Der Krieg schont niemanden, aber gerade Frauen werden oft besonders brutal angegriffen, weil sie als potenzielle Gebärende für den „Gegner“ angesehen werden. Die Gräueltaten gegen ukrainische Kinder werden wahrscheinlich auch die hartgesottensten Menschen schockieren, wobei die Auswirkungen auf alle, die kleine Kinder zu Hause haben, am härtesten sind. Die Behauptung, dass wir noch nie eine so lange Zeit des Friedens hatten und daher ein so guter Zeitpunkt zum Kinderkriegen wäre, stimmt nicht mehr, denn wir sehen jetzt, wie leicht es ist, die bestehende Realität und das friedliche Leben eines Menschen zu zerstören. Neben der Klimakrise müssen diejenigen, die ans Kinderkriegen denken, jetzt auch die Kriegsgefahr berücksichtigen, egal wie unrealistisch sie auch erscheinen mag. Neben der allgemeinen wirtschaftlichen Unsicherheit, von der wahrscheinlich viele betroffen sind, scheint unser Umfeld nicht mehr so stabil und sicher zu sein wie früher. Es ist wahrscheinlich, dass gerade die Angst und das Verständnis für die Leiden ukrainischer Flüchtlinge aus unserer Vergangenheit und möglicherweise auch unserer Zukunft viele Est*innen dazu bewegt, den Ukrainer*innen zu helfen. 

Damit stehen junge Frauen (hiermit wende ich mich bewusst an Frauen, da es meistens ihre Entscheidung ist), die von Kindern träumen, vor einer ziemlich harten Wahl. In rationaler Hinsicht ist das Gleichgewicht stark zu einer Richtung geneigt, aber die emotionale Seite ist nicht weniger wichtig. In einer Zeit, in der junge Menschen die Älteren auffordern, zur Rettung des Planeten beizutragen, investieren wir in die Besiedlung des Mars. Durch den Verbrauch von Gas und Treibstoff finanzieren wir das Töten ukrainischer Frauen und Kinder. Wenn wir möchten, dass unsere Heimat nicht langsam ausstirbt, müssen wir über die eigene Nasenspitze hinaussehen, auf diejenigen hören, deren Zuhause es in Zukunft sein wird, und denen helfen, denen man ihr Zuhause zu rauben versucht. Letztendlich ist es immer der gleiche Planet, den wir teilen, denn die Erde ist unsere Heimat.

[1] Tooming, Rando. (2009). Lastetu naine pole isegi küünemusta väärt. Õhtuleht, 31. Oktober. Abgerufen am 10.08.2020. https://elu.ohtuleht.ee/352994/lastetu-naine-pole-isegi-kuunemusta-vaart
[2] Firestone, S. (1970). The dialectic of sex: The case for feminist revolution. New York: Farrar,
Straus, and Giroux. S. 198-199
[3] https://epl.delfi.ee/artikkel/96499901/see-diskrimineerib-mehi-naisorganisatsioon-on-vastu-naistevastase-vagivalla-tokestamise-direktiivile

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