Foto: Kai Wiedenhöfer

    Über Literatur

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Warum schreiben wir?
    Fragile Kreativität in Zeiten der Revolution

    Die arabischen Revolutionen, insbesondere die syrische, haben die Selbstwahrnehmung der Autoren verändert. Für einige ist diese Veränderung so gravierend, dass sie sich nicht länger in der Lage sehen zu schreiben. Diese Erfahrung hat auch Dima Wannous gemacht, eine der herausragenden Schriftstellerinnen der jüngeren Generation Syriens. Ein Bericht von einer Autorin im Standby-Modus.

    Zu schreiben bedeutet für mich nichts anderes als die Suche nach einem Freiraum, einem Ort zum Leben. Im Zuge des Schreibens wird dieser Freiraum zur Projektionsfläche für die eigene Wunschrealität. Die Wirklichkeit erscheint demgegenüber als Trugbild, als Alptraum, aus dem es erst mithilfe des Schreibens ein Erwachen gibt. Schreiben ist eine Flucht. Indem wir Figuren erschaffen, werden diese Teil unseres Lebens. Wie uns ja andererseits das Leben mit Menschen zusammenführt, die wie geschaffen dafür sind, literarischen Figuren als Vorlage zu dienen. In Syrien hat sich die Literatur nie an die breite Öffentlichkeit gewandt, sondern immer nur an eine Elite. Deshalb tut sie sich schwer damit, eine konkrete Funktion zu erfüllen, die über die des Privatvergnügens hinausgeht, oder die mehr ist als ein verzweifeltes Bemühen um Existenz an einem Ort, an dem für den Bürger, den Menschen gar keine Existenz vorgesehen ist, an dem ihm keine Zugehörigkeit Schutz bietet und er kein Gefühl dafür entwickeln kann, was es heißt zu leben. Das Schreiben ruft uns das Ich, die Existenz, das Sein ins Gedächtnis, gestattet es uns, eine Identität zu erschaffen an einem Ort, an dem für eigenständige Identitäten eigentlich kein Platz ist.

    Ich habe nie für ein bestimmtes Publikum geschrieben, für Freunde oder sonstige Leser. Vor der Revolution habe ich für mich selbst geschrieben, um in jenem Freiraum der Phantasie etwas zu finden, was den Horizont meiner Existenz erweitert. Eine selbstbezogene, egoistische Handlung war das, mag sein. Doch auch eine, die sich auflehnte gegen den Ort, die Zeit, die Umgebung; gegen das Land, in dem ich geboren wurde und das ich nur selten verlassen hatte. Wenn ich mir gelegentlich Personen ausmalte, für die ich schrieb, dann waren es immer nur solche, die dem syrischen Regime treu ergeben waren, oder die mit verbissener Hingabe in einer regierungsnahen Institution ihren Dienst taten. Sie wurden vor meinem inneren Auge zu austauschbaren Kopien ihrer selbst, zu einer homogenen Masse mit den immer gleichen Eigenschaften, den immer gleichen Verhaltensmustern und dem immer gleichen eingeschränkten Repertoire an Gestik und Mimik. Ich stellte mir vor, wie sie lasen, was ich und andere geschrieben hatten, und wie sie über das Gelesene in Wut gerieten. Ich genoss die Vorstellung, sie in Rage zu versetzen, ihre trügerische Sicherheit ins Wanken zu bringen. Gerne hätte ich ihnen zugerufen: „Ja, der syrische Mensch lebt unter euch und mit euch, gezwungenermaßen. Aber er ist deshalb noch lange nicht wie ihr. Er lebt mit euch, ohne sich mit euren Moralvorstellungen, eurem Verhaltenskodex und eurer politischen Ordnung zu identifizieren. Und wenn es ihn dazu drängt, sich unter euch zu mischen, dann nur, um etwas über euch in Erfahrung zu bringen, um euer Leben und eure Verderbtheit zu dokumentieren. Um eure Existenz, die mit seiner Nicht-Existenz in direktem Zusammenhang steht, herauszufordern.“ Ja, sie existierten, weil die meisten Syrer marginalisiert und vom normalen Leben ausgeschlossen waren, unterdrückt und jeder Willenskraft und Meinungsfreiheit beraubt. Vor einem solchen Hintergrund wird das Schreiben zu einem Akt der Selbstindividualisierung, aus dem Bemühen heraus, dem eigenen Ich wieder seinen natürlichen Platz zu verschaffen: als ein eigenständiges und in seiner Artikulation, seinen Leidenschaften, seinem Temperament und seinen Träumen ausdifferenziertes Wesen. Sich diese eigentlich triviale Tatsache ins Bewusstsein zu rufen, ist in dem Zusammenhang durchaus von Nutzen. Oft hat die Literatur gerade in Ländern der sogenannten Dritten Welt, die unter der Herrschaft totalitärer, diktatorischer, militaristischer oder religiöser Regime leben, eine authentische Geschichtsschreibung hervorgebracht, jenseits von Zensur und Geschichtsklitterungen durch jene Kräfte, die dem ,Bürger‘ nach Gutdünken und Kalkül eine bestimmte Sicht auf die Vergangenheit unterzujubeln versuchen. Ob Geschichtsbücher an Schulen, Schriften über den arabischen Nationalismus oder sogar Geographiebücher – sie alle waren in jenen Ländern nach der Logik der jeweiligen Regime ausgerichtet, nicht nach den tatsächlichen Realitäten. Denn die Regime waren es, die sich die Geschichte zurechtbastelten und nach Belieben geographische Grenzen zogen. Von daher waren Erzählliteratur und politische Chroniken eine legitime und notwendige Antwort auf jene vorgefertigten Konstrukte. Unter kreativen, ideellen, historiographischen und dokumentarischen Gesichtspunkten waren sie durchaus von Relevanz. Doch büßten sie leider ihr Potential ein, sich unter anderen Aspekten wie denen der Sprache, des Ausdrucks und der Imagination weiterzuentwickeln, was in vielen Fällen durch einen Hang zu politischer Simplifizierung und Ideologie erschwert wurde.

    Die Unfähigkeit zu schreiben

    Was mich anbelangt, so kam mir meine Fähigkeit zum literarischen Schreiben nach der Revolution abhanden. Diese seitdem andauernde Blockade ist einerseits belastend, andererseits aber auch verschmerzbar. Schließlich haben diejenigen Personen, die ich mir als wutschäumende Leser meiner Werke vorgestellt hatte, bereits ihr Fett abbekommen, wenn auch bisher in einem sehr begrenzten Maße. Immerhin ist eine ganze Generation junger Syrerinnen und Syrer auf die Straße gegangen, bewaffnet nicht mit schöner Literatur, sondern mit Mut, Rebellion und Widerstand. Ohne sich darum zu scheren, welches Schicksal sie ereilen würde, haben sie mit nackter Brust den Aufstand gewagt – für uns, für sich, für alle unterdrückten Menschen in Syrien, die von Freiheit, Demokratie, politischem Pluralismus und Würde träumen. Aus ihrem Akt des Aufbegehrens und ihrem Aufschrei sprach Enttäuschung gegenüber der Literatur und ihrer vermeintlichen Funktion als Instrument der Veränderung. Es war ein Frontalangriff auf jene von syrischen Literaten und Intellektuellen gehegten Illusionen bezüglich der Literatur als einem wirkungsvollen Instrument, um die Massen zu lenken, sie mit theoretischem Rüstzeug zu versorgen und ihren Sorgen und Zweifeln als Vehikel zu dienen. In Wahrheit kam der Literatur meiner Meinung nach gar keine solche Bedeutung zu. Denn diejenigen, die auf die Straße gingen, hatten in ihrer Mehrzahl jene Bücher nicht gelesen, hatten weder vor noch nach der Revolution von den Repräsentanten der kulturellen Elite gehört, noch von den Namen jener, die unter dem Regime der beiden Assads, Vater und Sohn, inhaftiert, gefoltert oder ins Exil gedrängt worden waren. Ebenso wenig hatten die syrischen Intellektuellen, Schriftsteller, Künstler, Oppositionellen oder Aktivisten jene Demonstrationen angeführt, die Freiheit, Würde und schließlich den Sturz des Regimes einforderten.

    Die Elite hielt sich im Hintergrund, lief im Windschatten der Demonstranten mit und versuchte, sich bei ihren Zusammenkünften einzuklinken. Junge Leute von gerade einmal 20 Jahren waren die Anführer jener Demonstrationen, waren deren Organisatoren, Theoretiker und Subjekte, aber auch deren namenlose Protagonisten, die im Todesfall zu bloßen Nummern wurden. Ihnen ging es nicht um Ruhm oder internationale Anerkennung, wie so vielen Schriftstellern und Aktivisten, welche die Revolution dazu nutzten, um ihren Traum von der Flucht aus dem Gefängnis Syrien in die Tat umzusetzen und in die weite Welt hinauszugelangen. Ihnen gebührt es, dass wir über sie schreiben, dass wir von ihren Geschichten und ihrem außergewöhnlichen Mut erzählen. Im Bemühen, ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, beschloss ich, die Geschichten derjenigen von ihnen aufzuschreiben, die mir in Beirut begegnet waren, jener von Damaskus aus so nahe gelegenen und doch gleichzeitig so unerträglich weit entfernten Stadt. Ich traf eine ganze Reihe von ihnen und lauschte ihren Berichten, die sowohl inhaltlich als auch durch die darin aufscheinenden ethischen Werte und das früh gereifte Bewusstsein beeindruckten. Ich veröffentlichte Geschichten von Frauen, die mit ansehen mussten, wie ihre Häuser unter den Fassbomben zusammenstürzten, die in die Augen ihrer bei Demonstrationen oder unter der Folter getöteten Ehemänner geblickt hatten. Ich schrieb über junge Leute, die bei lebendigem Leibe und vollem Bewusstsein die Erfahrung des Todes durchlebt hatten, nachdem sie in die Hände einer Spezialeinheit namens „Abteilung für Tod und Wahnsinn“ geraten waren. Wie durch ein Wunder entkamen sie, zerfressen von Haut- und Atemwegserkrankungen. Die hatten sie sich während der relativ kurzen Haftzeit in einer Zelle zugezogen, die eigentlich nur Platz für vier Person bot, in die man aber dutzende Menschen gepfercht hatte. Dort mussten sie das Verfaulen ihrer Körper und der ihrer Mitgefangenen hautnah erfahren, mussten den Gestank ertragen, der von offenen Wunden und eitrigen Entzündungen ausging. Und dort wünschten sie sich gegenseitig den Tod herbei, um eines zusätzlichen Lufthauchs, eines zusätzlichen Nahrungsbissens willen. Ja, über sie schrieb ich und veröffentlichte ihre Geschichten. Dann hielt ich mit einem Mal inne und ein nagender Selbstzweifel tat sich vor mir auf dem Computerbildschirm auf: Indem ich über anonyme Helden schreibe, raube ich ihnen damit nicht ihr Heldentum und mache mich zu einer Möchtegern-Heldin? Aus eben dieser Situation erwuchs die Schreibblockade, nahm konkrete Gestalt an, ergriff mich und legte meine Phantasie in Ketten. Aber was war diese Phantasie schon wert angesichts solcher Geschichten, von denen wir bis vor Kurzem noch geglaubt hatten, so etwas gäbe es nur in Romanen und Science-Fiction-Filmen?

    Die Wirklichkeit siegt über die Vorstellungskraft

    Jene Unfähigkeit, etwas Eigenes zu Papier zu bringen, hatte auch etwas wundersam Dualistisches. Vor der Revolution hatte ich Zuflucht zu meiner Phantasie genommen, um eine bittere, frustrierende, trostlose Realität ertragen zu können. Ich hatte in meiner Phantasie nach meiner Identität gesucht, um darin Schutz zu finden und frei atmen zu können. Nach der Revolution war diese Phantasie plötzlich Realität. Die Welt, die ich in meiner Literatur erschaffen und in der zu leben ich als angenehm empfunden hatte, die war nun Wirklichkeit geworden. Nach welcher Phantasiewelt sollte ich denn nun suchen, und nach welchen Träumen? Dann gerieten die Dinge durcheinander und die Phantasie war nicht mehr zu gebrauchen, musste angesichts des Schreckens, der sich vor unseren Augen zutrug, anmaßend wirken. Die Realität übertraf die Phantasie und führte alle noch so ambitionierten Bemühungen des menschlichen Geistes ad absurdum. Eine Verwirrung befiel Verstand und Erinnerung: Was sollten wir schreiben, über wen und für wen? Diese Fragen hatten sich vor der Revolution gar nicht gestellt, jedenfalls nicht für mich. Wir hatten ja schließlich in einem Zustand der Stabilität gelebt, so negativ, ermüdend und trügerisch diese Stabilität auch gewesen sein mochte. Aber es war eben doch eine Stabilität, im Rahmen derer das Schreiben eine erquickende Rebellion darstellte, einen Ausbruch aus den Konventionen, einen Versuch des Sich-Abhebens von seiner Umgebung, der Alltagsroutine, den Ritualen, Traditionen und Tabus.

    Wie kann die Literatur heute das alles gleichzeitig leisten? Gegen welche Realität soll sie sich auflehnen, wo Tag für Tag dutzende Syrer im Bombenhagel, in den Gefängnisverliesen und in den Flüchtlingslagern sterben, an Kälte und Hunger, sowie an seelischen und materiellen Zerstörungen? Vermag der Schriftsteller unserer Tage noch die Gefühle der vom Schicksal geschlagenen Syrer nachempfinden, die permanent ihren Tod vor Augen haben, die ihrer ganzen Lebensenergie beraubt wurden? Vermag er sich in ihr Leiden und ihren Schmerz hineinversetzen? Man könnte ja davon ausgehen, dass der Schriftsteller aufgrund seiner berufsbedingten ethischen Verantwortung geradezu prädestiniert dazu ist, über das Leiden der Menschen zu schreiben und ihren Sorgen und Nöten eine Stimme zu geben. In Wirklichkeit verhält es sich jedoch ganz anders: Es sind die Menschen dieses Landes – ob in der Heimat, auf der Flucht und im Exil; ob Schriftsteller, Künstler oder Namenlose –, die dem Leiden der gesamten syrischen Bevölkerung eine Stimme verleihen. Es sind die von der CNN und dem britischen Guardian vor etwa einem Jahr geleakten Bilder der Leichen von Folteropfern, die ein Bild der nackten Realität vermitteln, ohne Verfälschungen oder Übertreibungen. Wir haben die Rollen gewechselt. Die meisten syrischen Schriftsteller leben heute außerhalb des Landes, kommen dort in den Genuss eines Mindestmaßes an menschenwürdigen Lebensbedingungen, wohnen in Häusern, die – mögen sie auch noch so klein sein – keinem Beschuss ausgesetzt sind, die nicht jeden Moment über ihren Köpfen einzustürzen drohen. Die meisten Intellektuellen und die Eliten bekommen nicht aus erster Nähe mit, was in ihrem Land vor sich geht. Wie sollten sie dann darüber schreiben, was passiert? Und hat es etwa seine Richtigkeit, die Geschichten jener Helden zu stehlen und darüber im Café oder zuhause zu schreiben, Krokodiltränen zu vergießen und dann wieder in das ,normale‘ Leben zurückzukehren, welches die meisten von uns führen?

    Ebenso kann man in der syrischen Filmbranche immer wieder erleben, wie fähige und hochkarätige Regisseure, die seit den ersten Monaten der Revolution außerhalb Syriens leben, Filme drehen, die international für Aufsehen sorgen und Preise gewinnen. Doch sind diese nicht etwa im befreiten Teil Syriens entstanden, sondern in dem Land, das der Regisseur zu seinem Exil erkoren hat. Oft beruhen sie entweder auf Augenzeugenberichten von Menschen, die vor Zerstörung und Beschuss ins Ausland geflohen sind, oder auf dem Zusammenschnitt von YouTube-Clips, die von Amateuraktivisten (sogenannten ,Graswurzeljournalisten‘) gedreht und arabischen wie auch internationalen Medien zur Verfügung gestellt wurden, damit sie eine möglichst große Zahl von Zuschauern und Entscheidungsträgern erreichen. Auch in diesem Vorgehen steckt ein hohes Maß an Egoismus, zahlen doch jene Aktivisten, die wahren Helden, den Preis für ihr Ausharren, sind großer Gefahr ausgesetzt und müssen darauf bedacht sein, dass ihre wirklichen Namen nicht genannt werden. Man beraubt sie also ihrer Rechte an der Veröffentlichung und Vorführung ihrer Werke, während Regisseure im Ausland sich jene Clips zunutze machen und damit weltweit von Festival zu Festival touren, wo sie und ihre Filme gefeiert werden.

    Die Sprache verändert sich

    Zurück zum Akt des Schreibens: Hier ist auf einen höchst relevanten und zentralen Punkt hinzuweisen, nämlich den der sozialen Netzwerke. Facebook beispielsweise hat während der vier Jahre seit Beginn der Revolution eine Reihe von Konzepten ins Wanken gebracht, die man zuvor mit dem Akt des kreativen Schreibens assoziiert hatte. Die erste Veränderung manifestiert sich in der Geschwindigkeit, mit der Informationen übermittelt werden, sowie in dem daraus resultierenden mentalen Stress und dem Wirrwarr von widersprüchlichen Informationen, von denen einige der Wahrheit entsprechen und viele auf übermütiges Wunschdenken zurückgehen. Jeder verfügt über Informationen und jeder hat irgendwelche Statements, Anekdoten oder Erfahrungen zu posten, die für ihn oder seine Mitmenschen relevant sein könnten. Das Subjektive hat das Gesamtgesellschaftliche zurückgedrängt, hat es überwuchert. Im Zuge zunehmender Frustration, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit wurde jene virtuelle Welt zu einem Ort, um Selbstdarstellung, persönliche Kontroversen und den gegenseitigen Austausch beschränkter Sichtweisen zu forcieren, anstatt als öffentliches und ernsthaftes Diskussionsforum zu dienen, in dem künftige Lösungen für ein immer schwerer vorstellbares Zusammenleben ausgelotet werden. Ich spreche hier natürlich von den Facebook-Seiten syrischer Schriftsteller, Künstler, Intellektueller und anderer dem Gemeinwohl verpflichteten Personen. Auch sollte man nicht über das Thema Sprache hinweggehen. Die Sprache hat tiefgreifende Veränderungen erfahren hinsichtlich Vokabular, Ästhetik und Ausdruck sowie der Tatsache, dass Kürze an die Stelle von Elaboriertheit getreten ist. Die Sprache vieler Intellektueller ist allgemeinsprachlicher geworden, ohne dass die Allgemeinsprache literarischer geworden wäre. Dies ist auf die Kluft zurückzuführen, die 40 Jahre lang zwischen einer winzigen Elite und der Mehrheitsbevölkerung herrschte, die allein schon zahlenmäßig eine sehr viel stärkere Präsenz als die intellektuelle Minderheit hatte. Dadurch sah sich die Elite auf sprachlicher Ebene zu Zugeständnissen gezwungen, in einem verspäteten Versuch, die Massen zu erreichen, als diese in einer nie zuvor gekannten Weise die Internetseiten der sozialen Netzwerke stürmten. Zum Teil wurde das Hocharabische durch die Umgangssprache ersetzt, in vielen anderen Fällen von nicht normgerechten Dialektwörtern infiltriert, denen es an Geschmack, Kultiviertheit und Verwurzelung in der Literatursprache mangelte. Daraus ergibt sich die Frage: Was für eine Literatur wird diese Revolution in etlichen Jahren hervorgebracht haben? Und welche Art von Literatur ist heutzutage notwendig? Was ist den Menschen näher, kommt ihnen weniger abgehoben vor: hochliterarische Texte oder in der Umgangssprache verfasste Postings? Und ist es denkbar, dass diese Art von allgemeinsprachlicher Literatur in Zukunft ein Korpus oder Erbe darstellen wird, aus dem Gelehrte und Akademiker schöpfen?

    Kurz gesagt, ich sehe mich nicht in der Lage zu schreiben, solange meine Phantasie blockiert ist. Ich begnüge mich damit, zu beobachten und zu versuchen, die Geschehnisse zu begreifen. Ich verfolge die Nachrichten, die Erzählungen, die grausamen und leidvollen Erfahrungen, welche die Mehrheit der Menschen in Syrien durchmachen muss. Eine Mehrheit, der ich nicht angehöre – dies vorzugeben wäre anmaßend von mir. Ich werde nicht über Personen schreiben, unter denen ich nicht lebe, deren Angst ich nicht ermessen kann, deren alltägliche Geräuschkulisse nicht die meine ist: der Lärm der Schüsse, das laute Schluchzen, das Geschrei im Angesicht der allgegenwärtigen Vernichtung. Ich schreibe nicht über ein Land, das ich seit über einem Jahr nicht mehr besucht habe – auch wenn ich es gerne täte, wenn man es mir nicht verwehren würde. So aber scheint mir auf meine Vorstellungskraft kein Verlass zu sein. Es gelingt mir nicht, mir den Schmerz anderer auszumalen und darüber zu schreiben, während ich mich zum Verlassen des Landes entschieden habe, obwohl ich doch allen Ängsten und Sorgen zum Trotz hätte bleiben können – dabei allerdings das Leben meines Sohnes und meiner Familie aufs Spiel setzend. Ich weiß, es mag hart klingen und eine Art Selbstkasteiung sein, doch ich bin fest entschlossen, mich in meine Schreibblockade zu fügen, solange ich fern der Heimat bin und solange alles, was ich schreiben könnte, nur der Imagination und nicht der erlebten Realität entspringen würde, welche vom Geruch des Todes, der Angst und der Rauchschwaden imprägniert ist, die so schwer über Syrien hängen. Über einem Land, das von einer ganzen Reihe von Feinden und radikalen Kräften politischer wie islamistischer Art heimgesucht, belagert und besetzt wird.

    Ich werde intensiv nach einem anderen Freiraum für ein Leben außerhalb der Literatur suchen, bis ich dorthin zurückkehren kann, wo ich hingehöre und wohin es meine Seele drängt, wenn sie Ruhe finden will.
    Dima Wannous ist eine bekannte syrische Fernsehjournalistin und Schriftstellerin. Ihr Buch "Dunkle Wolken über Damaskus", das von der vorrevolutionären Zeit in Syrien erzählt, wurde 2013 in Deutschland bei Edition Nautilus veröffentlicht (Übersetzerin Larissa Bender). Dima Wannous lebt in Beirut.

    Übersetzung: Rafael Sanchez

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2015

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