Foto: Kai Wiedenhöfer

    100 Jahre Erster Weltkrieg

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Die Einbildung kultureller Überlegenheit
    Wie sich der Kolonialismus mit dem Ersten Weltkrieg wandelte – oder auch nicht

    Mit dem Ersten Weltkrieg endeten die deutschen Kolonialambitionen größtenteils – andere, zum Beispiel die polnischen, begannen erst. Und auch wenn die Zeit des Kolonialismus offiziell vorbei ist, haben sich koloniale Denkstrukturen und Machtansprüche bis heute gehalten und bestimmen oftmals unbewusst den Blick des Westens auf die Welt. Hier ein Versuch, das Bewusstsein dafür zu schärfen und das Denken zu ändern.

    „Als ich den Blick von ihm [einem Karren] wieder auf die drei Schritte vor mir getragene Sänfte des Herrn Gesandten richtete, sah ich ein Bild, welches mein Blut eine Sekunde zum Stocken brachte“, erinnert sich Heinrich Cordes, Dolmetscher der Deutschen Botschaft in Peking. „Links neben der Sänfte, welche soeben die Polizeistation passiert hatte, stand wie aus der Erde gewachsen ein Soldat (augenscheinlich ein Mandschu) in voller Uniform, Mütze mit rotem Rangknopf und blauer Feder, in Anschlagstellung, die Gewehrmündung kaum einen Meter von dem Seitenfenster der Sänfte entfernt, genau da, wo sich der Kopf des Herrn von Ketteler befinden müßte – ich rief entsetzt ,halt' – in demselben Augenblick krachte der Schuß – die Sänften wurden hingeworfen.“ Der im Jahre 1900 ermordete deutsche Diplomat ist Klemens von Ketteler, ein aus Münster stammender Aristokrat.

    Kürzlich machte ich mich auf den Weg nach Münster. Der Name der Stadt leitet sich von dem lateinischen Wort für Kloster ab. Im Jahre 1954 zog die örtliche Universität in das ehemals Fürstbischöfliche Schloss, das zuvor den Bischöfen gehört hatte, die über die Gegend herrschten. Heute sind 15 % der Einwohner Münsters Studenten. Wenn man durch die Stadt läuft, muss man mehr auf die Scharen an Fahrradfahrern achtgeben als auf den Straßenverkehr. Im Jahre 2004 gewann dieses leicht verschlafene Zentrum Nordrhein-Westfalens einen weltweiten Wettbewerb um den Titel der lebenswertesten Stadt.

    Aber Münster hat auch eine dunkle Seite. Als Kind lebte ich zwei Jahre lang im nahe gelegenen Bielefeld und eines Tages machte meine Klasse einen Ausflug nach Münster. Mir ist weder der malerische Aasee noch die von romantischen Kanälen durchzogene Altstadt in Erinnerung geblieben. Was sich mir eingeprägt hatte, war aber der neogotische Turm der St. Lamberti Kirche. Bis heute hängen dort Käfige, in denen im sechzehnten Jahrhundert Wiedertäufer eingesperrt wurden, die gegen den Bischof revoltiert hatten. Bei lebendigem Leibe wurde ihnen die Zunge herausgebrannt und ihre Knochen waren auch 50 Jahre später zwischen den Gittern noch gut sichtbar.

    Über Klemens von Ketteler wusste ich damals natürlich nichts. Es stellte sich heraus, dass auch der idyllische Schlossgarten Geheimnisse verbirgt, die nur widerwillig zum Thema des öffentlichen Interesses werden. Dazu gehören drei Denkmäler zu Ehren der aus Münster stammenden Soldaten, die in den imperialistischen Kriegen der Deutschen zu Beginn des 20. Jahrhunderts fielen. Auf einem dieser Denkmäler ist folgende Inschrift eingemeißelt: „Zur Erinnerung an den am 20. Juni 1900 zu Peking in Ausübung seines Berufes Gefallenen Kaiserlich Deutschen Gesandten Freiherren Clemens von Ketteler“.

    Heute ist es schwierig, die Denkmäler im Dickicht des Parks überhaupt zu finden. Der Pfad, der dorthin führt, ist überwuchert und die steinernen Bänke sind moosbedeckt. Auf die Tafel eines der Obelisken hat jemand mit rotem Spray „Blut“ geschrieben. Im letzten Moment hat er wohl eine Anwandlung von Patriotismus verspürt, denn er fügte darunter ein Fragezeichen hinzu … Unnötigerweise – denn die Hände Kettelers und der kaiserlichen Soldaten waren in Blut getränkt. Die obigen Bilder veranschaulichen gut, wie das gegenwärtige Deutschland mit seinem kolonialen Erbe umgeht.

    Wer ist hier ein Hunne?

    Ketteler war als Diplomat an jener Politik beteiligt, die China zugrunde richtete und das Land der Kolonialmacht unterwarf. Er gab den Befehl, auf Demonstranten zu schießen, die gegen die fremden Einflüsse protestierten. Persönlich schlug und erniedrigte er Gefangene, die sich in den Händen deutscher Soldaten befanden. In Reaktion auf seine Ermordung sendete Deutschland ein Expeditionskorps aus, dessen Ziel es war, den gegen die Kolonialherren gerichteten Boxeraufstand niederzuschlagen. Eine der lokalen Zeitungen veröffentlichte damals einen Witz: „Ist es denn wahr, dass die Europäer China zertrümmern wollen?“ – „Ja, mein Dienstmädchen hat heute schon mit der großen Vase im Salon den Anfang gemacht.“

    Dieser Witz nimmt Bezug auf die Situation des damaligen Deutschlands. Frankreich, England, Amerika und andere Kolonialmächte waren schon lange damit beschäftigt, die Welt in verschiedene Einflusssphären aufzuteilen. Die Ausbeutung der Überseegebiete brachte enorme Gewinne mit sich. Deutschland, das erst seit dreißig Jahren vereint war, wollte um jeden Preis zum Klub dazugehören. Doch es gelang ihm nicht so richtig. Der Kern der kaiserlichen Politik wurde von einer Idee bestimmt, die der bekannte deutsche Soziologe Max Weber folgendermaßen formulierte: „Wir müssen begreifen, dass die Einigung Deutschlands ein Jugendstreich war, den die Nation auf ihre alten Tage beging und seiner Kostspieligkeit halber besser unterlassen hätte, wenn sie der Abschluss und nicht der Ausgangspunkt einer deutschen Weltmachtpolitik sein sollte.“ Der Kaiser ließ nicht den geringsten Zweifel daran, was dies bedeutete. In Bremen hielt er vor Soldaten des Expeditionskorps seine berühmte Hunnenrede. Darin schilderte er den Kontext und die Ziele der Expedition. Obwohl es verschiedene Versionen der Rede gibt, kann man davon ausgehen, dass die folgenden Worte fielen: „Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht! Wer euch in die Hände fällt, sei euch verfallen! Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in Überlieferung und Märchen gewaltig erscheinen lässt, so möge der Name Deutscher in China auf 1000 Jahre durch euch in einer Weise bestätigt werden, dass es niemals wieder ein Chinese wagt, einen Deutschen scheel anzusehen!“

    Der genannte Witz mit der Vase erlangte mit der Zeit eine Doppeldeutigkeit. Das deutsche Korps traf am Kriegsschauplatz ein, als der Kampf schon entschieden war. Doch das hinderte die Soldaten nicht daran, sich an den Gräueltaten zu beteiligen, die von den Kolonialherren an den Besiegten begangen wurden. Einer der Expeditionsteilnehmer schrieb in einem Brief an seine Mutter, dass die Chinesen von den Menschenrechten ausgenommen seien, daher habe das Morden keine Grenzen. Um Munition zu sparen, wurden die Menschen einfach erstochen. Der Soldat erwähnt mit keinem Wort die Massenvergewaltigungen und Raubüberfälle. Es gehörte sich wohl nicht, so etwas gegenüber seiner Mutter zuzugeben.

    Später, während des Ersten Weltkrieges, verspottete die britische Propaganda den Kaiser, indem der Vergleich umgedreht und die Deutschen als Hunnen bezeichnet wurden.

    Kolonialismus in Europa

    So weit die Kolonialmacht Deutschland hinter den Weltbesten zurückblieb, so sehr machte das Kaiserreich den Rückstand in Europa wieder gut. In Folge der Kriege im 18. und 19. Jahrhundert befanden sich vor allem die Gebiete des damaligen Dänemarks und Polens unter deutscher Besatzung. Unter dem Motto „Drang nach Osten“" führten die Deutschen eine Germanisierung durch, die gegen die Polen gerichtet war. Am stärksten ausgeprägt war sie vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Jahre 1918. Dann erlangte Polen seine Unabhängigkeit.

    Die Germanisierung unterschied sich nicht grundlegend vom Kolonialismus. Die Besatzer führten rassistisch motivierte Gesetze ein, die gegen die Einheimischen gerichtet waren und deren Sprache aus den Schulen verdrängten, die Entwicklung im Bauwesen auf nicht-deutschem Boden einschränkten und Kolonisten herbeiholten. Die Regierung kaufte Ländereien von Polen auf und förderte die dortige Ansiedlung von Deutschen. In der preußischen Gesetzgebung wurde sogar auf die formal-rechtliche Unterscheidung zwischen Kolonisierung und Besiedelung verzichtet.

    Max Weber kam der deutschen Polenpolitik zu Hilfe. Er übertraf die Poetik der Ansprache des Kaisers in Bremen sogar noch, indem er die Polen „östliche Nomadenschwärme“ nannte, die „einen Kulturrückschritt von mehreren Menschenaltern“ auszulösen drohten. Den Umgang der Deutschen mit den Slawen sah er als eine tödliche Bedrohung an und forderte vom Staat einen Schutz der „germanischen Rasse“ vor den „erdnahen Polen“, die „gewissermaßen das Gras vom Boden [fressen]“. Angeblich verfügten Polen und Deutsche sogar über „verschieden konstruierte Mägen“. Wer hätte solche Aussagen von diesem berühmten Soziologen erwartet?

    Held des Geschichtsunterrichts des Teils meiner Kindheit, den ich in Polen verbrachte, war ein gewisser Michał Drzymała. Weil er Pole war, verweigerte ihm die deutsche Besatzungsmacht die Erlaubnis, auf seinem eigenen Grundstück zu bauen. Im Jahre 1904 kaufte Drzymała sich einen Zirkuswagen und wohnte darin. Es kam zum Streit. Die deutsche Verwaltung argumentierte, dass ein Fahrzeug, das länger als 24 Stunden an ein und demselben Ort steht, als Haus angesehen werden muss. Inzwischen hatte der Fall Drzymałas Berühmtheit erlangt. Mit Hilfe von Spenden kaufte er sich einen neuen, besseren Wagen. Drzymała verschob ihn jeden Tag ein Stückchen und so gab es keinen Anlass zur Zwangsräumung. Der Konflikt dauerte mehrere Jahre lang an. Letztendlich gab Drzymała auf und zog an einen anderen Ort. Sein Fall ist bis heute ein Symbol des Widerstandes gegen die Germanisierung.

    Die Kolonisierungsprozesse in der Geschichte Polens und Deutschlands prägten auch das Schicksal meiner Familie. Ende des 18. Jahrhunderts verließ ein Vorfahre meines Vaters Sachsen und gelangte an eine Ortschaft in der Nähe von Warschau. Überraschenderweise wurde während der über 120-jährigen Besatzung der Stadt – zuerst von den Deutschen, dann von den Russen – und trotz der nicht vorhandenen polnischen Staatlichkeit aus einer deutschen Familie eine polnische: Sie wechselte Konfession und Sprache, nahm am politischen und wirtschaftlichen Leben des besetzten Landes teil. Das tragische Paradox daran ist, dass in dem Moment, als Nazideutschland die nächste Welle des „Dranges nach Osten“ umsetzte und zu Beginn des Zweiten Weltkriegs Polen überfiel, diese Menschen für Polen gehalten und fast alle umgebracht wurden. Die Nachgeborenen der Kolonisatoren integrierten sich, wurden zu Einheimischen und schließlich selbst zum Objekt der kolonialen Ausrottung.

    Kolonialismus in Europa

    „Als Kolonien bezeichnet man Länder, die von mächtigeren und kultivierteren Staaten regiert werden, als sie selbst es sind. Diese Länder sind meistens entweder von Urvölkern bewohnt, wild und unfähig sich selbst zu regieren, oder von Völkern, die sich nicht an die weltweiten Veränderungen anpassen wollen, sich keine modernen Erfindungen aneignen und sich dadurch anderen Staaten unterordnen müssen, die fortschrittlicher sind.“ Stammt dieses Zitat über den Kolonialismus aus einer deutschen Zeitschrift? Oder geht es hier vielleicht um Engländer oder Franzosen? Weit gefehlt! Der Ausschnitt stammt aus einem Artikel der Monatsschrift Polen auf dem Meer („Polska na Morzu“) aus dem Jahre 1935. Im selben Text heißt es weiter: „Die Kolonialfrage beinhaltet zwei grundlegende Probleme: Das erste betrifft die ungerechte Aufteilung der Kolonialgebiete, da die einen Länder, und darunter auch Polen, überhaupt keine Territorien besitzen, andere hingegen über Gebiete in einem Größenausmaß verfügen, das die Fläche des eigenen Landes bei Weitem übertrifft. Das zweite Problem ist das Streben der Kolonialvölker nach Unabhängigkeit. Der größten Herausforderung in dieser Hinsicht begegnet England in Indien. Eine gerechte Lösung wäre eine neue Aufteilung der Kolonien unter allen Staaten, die einen Zugang zum Meer und einen Bevölkerungsüberschuss haben. Zudem sollten alle Kolonien als Mandatsländer unter der Oberherrschaft des Völkerbundes anerkannt werden.“

    Die Zeitschrift, aus der dieses Zitat stammt, ist eine Publikation des Meeres- und Kolonialbundes („Liga Morska i Kolonialna“). Diese gesellschaftliche Organisation, die nach Erlangung der polnischen Unabhängigkeit entstanden ist, wurde mit dem Ziel gegründet, das Interesse an maritimen Vorhaben und die Gründung von Kolonien voranzutreiben. Von dem Geld, das aus Spenden und aus Förderungen der polnischen Regierung stammte, entstanden Siedlungen in Brasilien und es wurden Vorbereitungsarbeiten zur Kolonisierung in Liberia durchgeführt. Vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zählte der Kolonialbund beinahe eine Million Mitglieder. Das sind fast drei Prozent der gesamten damaligen Bevölkerung! Polen, das Land, dessen Einwohner vier Generationen lang Objekt der Kolonisierung waren, träumte davon, andere zu kolonisieren.

    Die Argumente der Bewegung waren dieselben wie in anderen großen Kolonialreichen: Die Überbevölkerung im Heimatland wurde ebenso als Grund angeführt wie der Wunsch nach uneingeschränkter hegemonialer Expansion, der Aufbau der staatlichen Macht und die Bereicherung seiner Bürger. Auf die einheimische Bevölkerung der zu kolonisierenden Gebiete blickte man herab. Man sollte zwar den Einheimischen erlauben, sich etwas „dazuzuverdienen“ – aber nur in dem Maße, wie sie „gute Abnehmer von Produkten der europäischen Industrie“ waren, und zwar sowohl der „notwendigen als auch unnötigen“ Produkte. Die so genannte ,Zivilisierungsmission' stellte dafür ein wesentliches ideologisches Motiv dar. Die Einwohner der Überseeländer wurden als ewige Kinder beschrieben, die für alles Zeit haben, nur über minimale Bedürfnisse verfügen und deren Liebe für den Alkohol über alles geht.

    Indessen war das Selbstbild der Kolonisten genau entgegengesetzt: Sie waren die "ewigen Sklaven der Arbeit" und, zugegeben, auch des Geldes. Die konstruktive Rivalität mit den ,traditionellen' Kolonisten (also den älteren Kolonialmächten England und Frankreich), gepaart mit fleißiger Arbeit sollte den Polen die ihnen gebührende Position als „neue Herren der Welt“ garantieren. Nationalstolz ging einher mit dem „Schutz vor Entnationalisierung“, einem rassistischen Gebot, das zu enge Kontakte zu der einheimischen Bevölkerung untersagte.

    Unmittelbar vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges täuschte die staatliche polnische Propaganda die Gesellschaft noch immer mit der Vision der Großmachtstellung des Landes. Es wurde betont, dass die Geschwindigkeit des natürlichen Bevölkerungswachstums es in einigen Jahren ermöglichen würde, die Zahl der Franzosen zu übertreffen. Der Besitz von Kolonien sei in dieser Situation unabdingbar.

    Was geht mich das an?

    Zwar bin ich hin und wieder stolz auf mein Herkunftsland Polen, doch fühle ich angesichts dieses Themas Scham. Es scheint ein historischer Zufall zu sein, dass Deutschland und andere Kolonialländer ein Programm umsetzten, von dem auch viele andere, darunter meine Landsmänner, träumten. Der üble Nachgeschmack ist umso stärker, da ein Zwerg, der ein Kolonialriese zu sein vorgab, sich nicht nur durch dieses Schauspiel selbst kompromittiert, sondern sich außerdem der Lächerlichkeit preisgibt. Heute scheint der Kolonialismus im Leben eines gewöhnlichen Deutschen oder Polen keine Rolle mehr zu spielen. Also warum sollte man sich damit überhaupt auseinandersetzen?

    Leider sind die Formen des kolonialen Denkens noch immer weit verbreitet. Vor einiger Zeit wurde ich zu einem Treffen mit deutschen Politikern und Diplomaten eingeladen. Das Gespräch betraf Projekte für Kultur und Soziales in der MEA-Region. Eines der Themen war die angestrebte Gründung einer Städtepartnerschaft. Es ging um die Ausweitung einer bereits bestehenden kulturellen Zusammenarbeit zwischen Köln (wo ich lebe) und Beirut. „Warum Köln?!“, wunderte sich ein Diplomat, und er fuhr fort: „Kultur ist zwar wichtig, aber Wirtschaft noch wichtiger. Selbstverständlich unterstützen wir die Idee einer Partnerschaft. Aber es sollte eine Stadt sein, die dafür geeignet ist. Eine Stadt, in der etwas produziert wird. Zum Beispiel Zwickau.“ Er meinte also eine Stadt, in der nicht primär Kultur produziert wird, sondern Waren, die sich verkaufen lassen.

    Letztendlich ließ sich der Diplomat von Köln begeistern und setzt sich heute mit ganzem Herzen für das Projekt ein. Ohne ihn wäre es nicht verwirklicht worden. Vielleicht erschien seine ursprüngliche Aussage ihm nicht als bedenklich. Denn die Überzeugung, dass die Politik gegenüber einem außereuropäischen Land den wirtschaftlichen Interessen untergeordnet werden sollte, verstanden als Möglichkeit der Erweiterung von Absatzmärkten für die eigenen Produkte, ist in postkolonialen Gesellschaften nichts Ungewöhnliches.

    Ideen und Ideologien

    Den Ideen Samir Amins zufolge, haben sich die Grundsätze der Außenpolitik seit Ketteler und dem Kaiser bis heute nicht maßgeblich verändert. Amin, ein ägyptischer Soziologe und Politologe, erarbeitete eine komplexe Analyse des Kolonialismus und argumentiert, dass wir in seiner dritten Phase leben: in der „imperialistischen Unterwerfung des Erdballs“. „Die erste Phase trat im 17 und 18. Jahrhundert auf“, erklärt Amin. „Das war die Unterwerfung beider Amerikas und der Handel mit schwarzen Sklaven. Die zweite Phase begann im 19. Jahrhundert und sie führte zur Unterwerfung Afrikas und Asiens. Anschließend kam es zum Gegenangriff der Völker: Nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit der englischen Kolonien in Nordamerika und der von haitianischen Sklaven entfachten Revolution entstanden in Asien und Afrika große nationale Freiheitsbewegungen. Heute beschreiten wir die dritte Phase, die ich die Phase des kollektiven Imperialismus der Triade nenne, und zwar der USA, Europas und Japans.“

    Laut Amin war der Zeitraum seit Ende des Zweiten Weltkrieges bis Anfang der achtziger Jahre durch die Vorherrschaft der politischen Linken geprägt. Sie entstand aus der Niederlage des Faschismus und dem Zusammenbruch der Kolonialreiche. Dabei sollte man die politische Linke hier etwas weiter fassen als üblich. Es handelt sich dabei nicht nur um Mitglieder einer sozialistischen Gemeinschaft unter Führung der UdSSR, sondern auch um westliche Sozialstaaten oder verschiedene populistische Nationalismen im Süden der Erdhalbkugel. Nun geht die so verstandene Linke zu Ende. Heute leben wir in einer Zeit der erneuten Herrschaft von rechts. Die Rechte mobilisiert die politischen und militärischen Kräfte mit dem Ziel, der Welt ihre wirtschaftliche und gesellschaftliche Ordnung aufzuzwingen.

    Der Rassismus, der den Kern der früheren Phasen der Kolonialexpansion gebildet hat, durchlief eine eigenartige Verwandlung. Er lebt noch immer und ist wohlauf, und zwar in Gestalt der Überzeugung, dass Nationen bzw. Staaten das Recht haben, anderen, angeblich weniger zivilisierten, ihre Ordnung aufzuzwingen. Noch immer stützt sich der Wohlstand dieser von Amin genannten Triade darauf, dass er der Mehrheit der Menschen auf der Welt verwehrt wird. Amin zeigt außerdem, dass der Anstieg islamistischer Strömungen aus dieser Logik entsprang. Die Förderung durch Amerika, an der sie sich Jahrzehnte lang erfreuten, ist eine Folge der Akzeptanz des Neoliberalismus. Islamisten kritisieren nicht etwa die Globalisierung der Wirtschaft – sondern lediglich der Kultur. In Wahrheit kämpfen sie also nicht gegen die Ursachen der gesellschafts-wirtschaftlichen Spannungen auf regionaler oder weltweiter Ebene. Vielmehr ermutigen sie die Menschen dazu, kleine, konservative oder gar xenophobische Gemeinschaften zu gründen, in denen Passivität und Unterwürfigkeit gefördert werden.

    Genealogie der Macht

    An den Analysen Amins ist viel Wahres dran. Sie werden bestätigt durch meine Erfahrungen als Schriftsteller und Kulturschaffender an den Schnittstellen zwischen dem reichen Norden und dem bis heute durch uns benachteiligten Süden. Doch als studierter Philosoph habe ich etwas von Michel Foucault gelernt. In der Sichtweise Amins fehlt mir nämlich die erkenntnistheoretische Skepsis des französischen Denkers. Einen ähnlichen Eindruck hatte ich nach der Lektüre von Saids Orientalismus. Wie bei seinem ägyptischen Kollegen sind dort die Formen des kolonialen Denkens einer Kritik unterworfen. Die Konzentration auf ausgewählte Regionen der Welt, seien es arabische Länder oder der arme Süden, erlaubt es jedoch keinem der beiden Autoren, Phänomene außerhalb ihres geographischen oder historischen Kontextes wahrzunehmen. Berechtigte Kritikpunkte sind aus dem breiteren Kontext gerissen und die beschriebenen Prozesse erwecken den Eindruck, als wären sie einmalig. Von hier ist es nur noch ein kleiner Schritt hin zur ungerechten Aufteilung der Welt in ,die Bösen' und ,die Guten', ,die Herren' und ,die Untergebenen'. Stattdessen sollte man als Philosoph einen kritischen Blick auf die Werkzeuge haben, mit denen wir die Wirklichkeit beschreiben.

    In Archäologie des Wissens macht Foucault darauf aufmerksam, dass jedem Wissen bestimmte, sich in den einzelnen Epochen verändernde Regeln zugrunde liegen (sog. Episteme). Sie begründen die Erkenntnis und geben die Bedingungen der Möglichkeiten von Wissen vor. Als solche bilden sie die Grundlage aktueller politischer, gesellschaftlich-moralischer und historischer Prozesse. In ähnlicher Weise verdeutlicht die Analyse des Begriffes Genealogie der Macht, dass letztere immer bestimmte Gruppen der Ausgrenzung und Unterdrückung aussetzt.

    An dieser Stelle ist selbstverständlich kein Platz dafür, die Ansichten Foucaults zu analysieren. Doch die Beispiele des kolonialen Denkens in Polen und Deutschland des 20. Jahrhunderts sind kein Zufall. Beide Länder nahmen entweder aus verschiedenen Gründen nicht an der Kolonisierung teil (Polen) oder nur über einen kurzen Zeitraum hinweg (Deutschland). Ihr Beispiel zeigt, dass der koloniale Diskurs einen integralen Teil des politischen Lebens in ganz Europa bildete. Dieser Diskurs war die Regel und beschränkte sich nicht auf die Länder Westeuropas oder – anders ausgedrückt – auf den reichen Norden. Ganz im Einklang mit Foucault hätte die zitierte Passage aus Polen auf dem Meer auch mit kleinen Änderungen in Zeitungen beinahe jedes Staates dieser Welt erscheinen können. Dieses Bewusstsein fehlt mir in den zitierten Aussagen Amins. Wenn man den Kolonialismus analysiert, sollte man sich nicht nur auf die größten Weltmächte konzentrieren, sondern untersuchen, inwieweit der Kolonialismus – verstanden im weitesten Sinne – ein Teil jeder Herrschaftsstruktur ist. Denn keine Regierung ist unschuldig.

    Sprachspiele und Schweigen

    Ich bin kein Politiker. Ich habe keinen großen Einfluss auf das Handeln Europas gegenüber dem armen Süden, auch wenn ich Bürger Europas bin. Aber ich freue mich über jede Gelegenheit, wenn dieses Vorgehen zur Diskussion gestellt werden kann. Während des bereits erwähnten Gesprächs mit Politikern und Diplomaten hatte ich nicht im Geringsten den Eindruck, dass ich an einem Tisch mit ,postkolonialen Monstern' saß. Im Gegenteil: Es handelte sich um Menschen, die nach besten Absichten handeln wollten. Wie die Mehrheit der Bürger ihres Landes haben sie jedoch im Einklang mit den gewöhnlichen Bildungsprogrammen die Schule absolviert und sind den menschlichen Ängsten und den Manipulationen der Medien ausgesetzt. Ich schätze es sehr, dass sie die Zeit gefunden haben, unterschiedliche Meinungen anzuhören, und ich habe den Eindruck, dass sie sich diese auch zu Herzen genommen haben. In meinen Augen besteht vielmehr die Herausforderung darin, die eingefleischten Denkstrukturen, die oft auf postkoloniale Weise der Wirtschaft Priorität geben, durch Bildung und Medienkampagnen zu hinterfragen.

    In diesem Sinne freue ich mich auch, dass die Stadt Bremen, in der der Kaiser vor über hundert Jahren seine Hunnenrede hielt, nun das Kolonialdenkmal in ein Antikolonialdenkmal umgewandelt hat. Selbst wenn diese Änderung an und für sich nur ein Sprachspiel ist: Denn der im Jahre 1931 gemeißelte, steinerne Elefant veränderte sich – wie Elefanten es so an sich haben – nicht ein bisschen. Das Schlimmste ist ja das Schweigen. Das Schweigen, von dem beispielsweise die Beteiligung der Kirche an der Kolonialpolitik noch immer umhüllt ist. Das Schweigen, das auch die Käfige am Turm in Münster umgibt. Ich wünschte mir, dass auch die Kirchen sich ein Beispiel an den Staaten und den zivilgesellschaftlichen Strukturen nähmen, die die eigene Kolonialpolitik in Frage stellen (unabhängig davon, ob sie bis heute selbst darin verwickelt sind). Aber die Rolle der religiösen Doktrinen und Institutionen im Kolonialismus muss ein andermal behandelt werden.

    Stanisław Strasburger
    ist ein polnischer Schriftsteller und Publizist. Er organisiert u. a. auch Projekte im Kulturbereich zwischen Polen, Deutschland und Libanon. 2009 erschien sein Roman Handlarz wspomnień („Geschichtenhändler“). Die arabische Ausgabe erscheint 2014 bei Dar al-Adab.

    Übersetzung aus dem Polnischen von Simone Falk
    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    November 2013

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