Foto: Kai Wiedenhöfer

    Medien

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Gegen die Einseitigkeit
    Vielfalt in deutschen Massenmedien

    Der Islam in den deutschen Medien. Foto: Institut für Medienverantwortung Der Nationale Integrationsplan (NIP), den die deutsche Bundesregierung 2007 verabschiedet hat, erwähnt auch die Medien als wichtigen Faktor für die Beförderung eines Integrationsprozesses. Unter „Medien – Vielfalt nutzen” heißt es da unter anderem: kulturelle Vielfalt als Normalität im Programm abbilden, mehr migrantisches Personal in den Medien anwerben, Defizite in der Medienforschung reduzieren und die Medienkompetenz von Migranten erhöhen (sic!), spezifische Programmangebote für Immigranten, um Interesse zu wecken.

    Abgesehen von der Fortsetzung des Defizitdiskurses in Bezug auf Migranten, wird hier bereits deutlich, dass ein reduziertes Verständnis von Diversity Mainstreaming vorliegt. Das Ignorieren von Kategorien wie Geschlecht, Alter, Behinderung, sexueller Orientierung und anderen schränkt die Erfolgsaussichten bereits ein, weil ja nicht wirklich Buntheit in allen Dimensionen, sondern nur eine kulturell markierte Farbigkeit gefordert wird – was der Markierung des Fremden, Anderen als solchem wieder Vorschub leistet.

    Anteil der Eingewanderten in den Medien

    Trotz aller Bemühungen in diesem Bereich, haben vor und hinter der Kamera immer noch weniger als drei Prozent einen so genannten „Migrationshintergrund” bei einem Anteil von ca. einem Fünftel der Bevölkerung Deutschlands, wie Bundesministerin Böhmer in ihrer Rede zum Thema „Medien und Integration“ anlässlich der Veröffentlichung der ARD/ZDF-Medienstudie 2007 feststellen musste. Die beiden öffentlich-rechtlichen Fernsehsender veröffentlichten unter dem Titel Migranten und Medien ihre Untersuchung zum Medienkonsumverhalten von Einwanderern in Deutschland. Mit der Tatsache der Unterrepräsentanz bestimmter Gruppen in Mediendarstellungen fehlen natürlich auch Vorbilder für diese Zielgruppe. Trotz einiger Entwicklungen vor allem in der Ausbildung von Journalisten, muss die Deutsche Journalisten Union auch heute noch feststellen, dass der Anteil von Migranten bei den ungesicherten, freien Mitarbeitern vergleichsweise hoch ist, ebenso wie ihr Verbleib in ihnen thematisch zugeordneten Nischenbereichen. Eine Verbesserung im Sinne der Diversifizierung ist nur zu erreichen, wenn die Entscheidungsträger die Vorteile von Diversity erkannt haben – da sie es sind, die Personal- und Programmgestaltung bestimmen, und nicht diejenigen die Entscheidungsmacht haben, die Zugang fordern. Auch im Bereich der Geschlechtergerechtigkeit lässt sich eine Stagnation in der Entwicklung beobachten, unabhängig von früheren Erklärungen. Das bedeutet, dass ohne mehr Bewusstsein für strukturelle Zugangsbegrenzungen die Veränderungen spärlich bleiben werden und die Stagnation bzw. teilweise Rückentwicklung (siehe Frauenanteil in verantwortlichen Positionen, vgl. WACC-Umfragen) womöglich den markierten Gruppen selbst angelastet werden, wie es manchmal zu hören ist: „Die wollen ja nicht!”

    Private Sender fortschrittlicher

    Im dualen TV-Mediensystem von öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern haben in den genannten Bereichen die privaten bisher die Nase vorn. Mit der Sichtbarkeit verschiedenster Typen, etwa von Moderatoren, wird Zugehörigkeit und Normalität vermittelt. Aiman Abdallah, der Moderator der Kinder-Wissenssendung Galileo auf Pro7, ist aber inzwischen keine Ausnahme mehr. Brigitte Pavetc aus Slowenien und Pinar Abut sind bekannte Nachrichtensprecher bei Lokalsendern. Und mit der Moderation des ARD/ZDF-Morgenmagazins durch Dunja Hayali werden gleich mehrere stereotype Erwartungen konterkariert. Hayali ist Irakerin und Christin. Mit diesen Angeboten wird auch der Angst der Medienmacher begegnet, die befürchteten, dass fehlende Angebote die ausgegrenzten Gruppen in die Produktion eigener Ethnomedien treiben. Es ist plausibel, dass diejenigen, die sich nicht im Mainstream wiederfinden, auf alternative Medien ausweichen, wofür Magazine wie das Migazin oder die Gazelle exemplarisch stehen – wie auch etliche türkische Medien wie Hürriyet, Zaman und andere sowie zunehmend auch russischsprachige wie Jewropazentr (Europa-Center), Russkij Berlin oder Nowaja Berlinskaja Gazeta. Manche Migranten oder Gruppen werden auch selber – häufig im Internet – aktiv. Beispielhaft sei hier der Blog www.theinder.net genannt. Der Mainstream bzw. dessen Verantwortliche scheinen nach wie vor die Wirkung des Sich-diskriminiert- Fühlens zu unterschätzen, das nicht Identifikation, sondern Ablehnung erzeugt. Wenn auch die besagte ARD/ZDF-Studie von 2007 nachwies, dass es die befürchteten und vielfach beschworenen medialen „Parallelgesellschaften“ gar nicht gibt – Migranten nutzen üblicherweise alle Medien und in mehreren Sprachen.

    Inzwischen scheinen in den Darstellungen vor allem der Nachrichtenformate die „Südländer” von früher zu „Muslimen” mutiert zu sein, wie etliche auf Deutschland, aber auch auf ganz Europa bezogene Studien belegen. Heute scheint Islamophobie mit ein Hauptfaktor für desintegrierende Prozesse durch mediale Zuspitzungen zu sein. Nach wie vor reproduzieren viele Medienmacher die Idee einer homogenen „deutschen Kultur“. Dagegen scheint das Potential für eine Integration aller vor allem im Unterhaltungsprogramm des Fernsehens zu liegen, weil es fast alle Familien erreicht und nicht auf Negativberichterstattung geeicht ist. Dennoch gibt es auch hier selbstidealisierende Tendenzen, wie Teun van Dijk es 2006 in seinem Artikel „Racism and the European Press“ beschrieben hat: „Betone unsere guten und deren schlechte Dinge!“ So haben qualitative Untersuchungen etwa bei den beliebten Krimiserien ergeben, dass bestimmte stereotype Rollenzuweisungen zu Schwarzen, Türken, Polen etc. immer noch existieren und auf viele ausladend wirken.

    Positive gegen anti-islamische Tendenzen

    Und während auf der einen Seite viel Bemühen auszumachen ist, wie die Stipendienprogramme der Boell-Stiftung, aber auch medieninterne Kampagnen wie beispielsweise WDR grenzenlos oder das Puzzle vom Bayerischen Rundfunk, das mehrsprachige Webportal www.qantara.de, die Angebote der Deutschen Welle und spezielle Formate für Juden (RBB - Radio) oder Muslime (SWR, ZDF - Internet) belegen, gibt es andererseits kontraproduktive Entwicklungen, wie etwa „Fortbildungsseminare“ der Axel-Springer-Journalistenschule unter dem Titel „Islamisierung Europas“.

    Einige Beispiele aus dem momentan dominanten anti-islamischen Diskurs illustrieren, welche Probleme noch zu bewältigen oder überhaupt erst zu erkennen sind. Titel wie Fremde Nachbarn. Muslime zwischen Integration und Isolation (Chiara Sambucci, 2004) oder Die Türken – warum Faruk einen grünen Mercedes fährt (Rita Knobel-Ulrich, 2000) zeigen, dass Türken bzw. Muslime als „die anderen” gesehen werden. Sie sind irgendwie als Objekte der Betrachtung konzipiert, nicht als Teil der Gesellschaft.

    Und eine üblich gewordene Praxis der illustrativen Bildverwendung vermittelt bei den folgenden Beispielen nicht nur den Eindruck, dass muslimische Frauen per se unterdrückt sind, sondern auch, dass sie ein Symbol für „Gewalt durch den Islam” wie auch gleichzeitig ein Symbol für Fremdheit darstellen.

    Diese Beispiele aus den Printmedien zeigen deutlich, dass der Deutsche Presserat gut daran täte, auch die Verarbeitung von Bildmaterial im Print ernster zu nehmen – auch außerhalb der sonst fokussierten Werbebotschaften – und etwa eine Ergänzung der Presseratsrichtlinie 12 zu bedenken. Dies haben wir vor einigen Jahren bereits vorgeschlagen und ist auf www.medienverantwortung.de einsehbar (s.v. Projektbeispiele): Ähnlich wie 12.1 vor verbalen Sinn-Induktionen warnt, müsste eine Richtlinienergänzung 12.2 das Einbringen von Bildmaterial dann kritisieren, wenn die ausgewählten Bilder nicht relevant für den beschriebenen Sachverhalt sind. Denn durch ihre Präsenz suggerieren sie eben eine solche Relevanz: etwa wenn im Zusammenhang mit den Anschlägen in der Londoner U-Bahn 2005 Fotos von Betenden in Moscheen präsentiert werden, oder wenn in der Berichterstattung über den Libanonkrieg 2006 dezidiert jüdisches Gebetsoutfit via Bild in den Kontext eingestellt wird. Die Religionisierung verschiedenster Debatten – unter anderem auch des so genannten Nahostkonflikts – funktioniert auch über das Einstreuen bildlicher Elemente mit stark religiöser Symbolik.

    Unterhaltungssendungen oft fairer

    Das Problembewusstsein für das Suggestionspotential durch Verknüpfung scheint auch heute noch relativ begrenzt. Anstelle von gelungenen Medienprodukten, die mehr Vielfalt widerspiegeln, und zwar als Normalität und nicht als Problem, kann man oft auch noch eine – gut gemeinte – Tendenz zur „Alienation“ feststellen. So zum Beispiel in der viel gepriesenen Vorabendserie Türkisch für Anfänger vom Bayerischen Fernsehen, die bei aller Sympathiewerbung für die Rollen einer türkisch-deutschen Patchwork-Familie viele Stereotype wiederholte. Wie auch im Bildungsbereich kann man immer wieder feststellen, dass das „Ungewöhnliche“ fokussiert und damit ein „Othering“ betrieben wird. Als best practice hingegen lässt sich meiner Meinung nach eine Vorabendserie einstufen, die inzwischen über zwanzig Jahre alt ist. Sonntag Abend zur prime time zeigt die Lindenstraße von H-W. Geißendörfer (WDR), welche diversen Facetten von Themen und Menschen in einer zufälligen Umgebung portraitiert gehören: Homosexuelle, Immigranten, Scheidung, Behinderung, psychische Probleme, der Alltag eines Restaurantbetriebs u.v.m. Diese Erfolgssendung wurde lange vor jedem Integrationsplan implementiert und zeigt das Potential des natürlichen Vorkommens aller.

    Konservative Zeitungen wie Die Welt sind hingegen dabei, zu einem Sprachrohr neoliberaler Globalisierungsstrategien (mitsamt deren Menschenbild) zu werden, wo Daniel Pipes und Konsorten Raum gegeben wird, ihre anti-islamischen Ressentiments öffentlich zu pflegen. Angesichts der weiten Verbreitung anti-islamischer Einstellungen scheint es eine Tendenz in weiteren Medien zu geben, dass die Personen populär werden, die quasi als „Kronzeugen“ für diejenigen fungieren, die sowieso schon die Definitionsmacht haben: So genannte „Islamkritiker“ wie Necla Kelek oder Hamid Abdel Samad schlüpfen quasi in eine diskursive „Kronzeugen-Rolle“, die weniger mit der vielfältigen Community zu tun hat, die sie repräsentieren sollen, als mit den Bedürfnissen der so genannten Mehrheitsgesellschaft. Ähnliche Mechanismen lassen sich in Bezug auf Ostdeutschland konstatieren, wo nur die schärfsten Kritiker als glaubwürdig gelten, während andere Zeitzeugen mit anderen Eindrücken aus der DDR schnell in den Ruch der „Ostalgie“ – also einer Idealisierung der DDR – geraten und deren Einschätzung damit abgewertet wird. Diese beobachtbaren Lieblinge bzw. Lieblingsthemen bestimmter verantwortlicher Redakteure können natürlich keine Gesellschaftsanalyse ersetzen – haben aber oft genau diesen Effekt. Sie drohen soziologische Forschungsergebnisse von gruppendynamischen Prozessen durch persönliche Einschätzungen von Programmverantwortlichen – Chefredakteuren oder Intendanten – und deren Behauptungen zu ersetzen. Dieser Mechanismus hat in der Realität ein desintegrierendes Potential, weil es – wie jede andere Falschanalyse auch – dazu führt, dass Maßnahmen an den wirklichen Ursachen vorbei ergriffen werden. Hier werden Medien ihrer Verantwortung nicht gerecht. In einem Dossier der Boell-Stiftung wurden diese wie viele weitere interessante Aspekte rund um das Thema „Medien und Diversity“ zusammengetragen (www.migration-boell.de/, Andreas Linder 2007).

    Journalisten wie Andrea Dernbach vom Tagesspiegel zeigen zudem, dass kein „Migrationshintergrund” notwendig ist, um verantwortungsbewusst und fair zu berichten – so etwa in Bezug auf den tragischen Mord an Dr. Marwa El-Sherbini im Dresdener Landgericht. Nun fehlt der Presse jegliches Diversity Konzept, aber dennoch scheinen die Chancen hier nicht schlecht für mehr Buntheit und damit Perspektiven, wie Alexander Pollak in einem aktuellen FRA-Report anhand der Untersuchung von Lokalzeitungen darlegt. Andrea Dernbachs Kollegin beim Berliner Tagesspiegel, Ferda Ataman, die bei der Süddeutschen Zeitung volontierte, bringt in dem Zusammenhang einen weiteren wichtigen Aspekt auf den Punkt: „Mein Hiersein war nicht geplant – wenn meine Mutter den Empfehlungen für meine Schullaufbahn gefolgt wäre, wäre ich sicher nicht Journalistin geworden.”

    Training zur Selbstreflexion

    Dies macht deutlich, dass Diversity Mainstreaming auch ein Lern- und Anwendungsaspekt für das Bildungssystem ist, denn dieses befördert immer noch Exklusion statt Inklusion und scheint in den letzten Jahren wieder zunehmend stärker die Reproduktion der eigenen, gehobenen Klasse zu erzeugen. In den höheren Jahrgangsstufen sollte man als Fach ein Training zur Selbstreflexion einführen, das dann gerade in Journalismusberufen fortgeführt und ausgebaut wird – denn immer noch werden Phänomene, die auf die Entscheidungsträger des dominanten Gesellschaftsteils zurückgehen, den Betroffenen von Exklusion und Desintegration angelastet. Ein erster Schritt zu einer Verbesserung wäre es, das Diversity Konzept von der Reduktion auf den Aspekt einer „kulturellen Diversität” zu befreien und auf alle möglichen Kategorien auszudehnen. Damit es seinem Namen und der Idee von einer echten Vielfalt überhaupt gerecht wird.

    Sabine Schiffer
    leitet das Institut für Medienverantwortung in Erlangen.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2010

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