Zum Mitlesen – Filmuntertitelung

Angenommen, Ihr Telefon klingelt und Brad Pitt ist am Apparat. Würden Sie seine Stimme erkennen? Wenn Sie in Deutschland wohnen, eher nicht, denn statt Pitt selbst kommt in seinen Filmen sein Synchronsprecher Tobias Meister zu Wort.
Nahezu alle internationalen Film- und Fernsehproduktionen werden auf Deutschlands Leinwänden und Bildschirmen in synchronisierter Version gezeigt. Wer lieber die Originalversion mit Untertiteln sehen möchte, muss auf kleinere Nischenkinos in Großstädten ausweichen oder gezielt nach entsprechenden DVDs suchen. Aber seien wir realistisch: Brads Anruf wird ausbleiben und wofür dann eigentlich der Aufwand?
„Untertitel greifen inhaltlich weniger in den Film ein als die Synchronisation. Und Liebhaber wünschen sich einen authentischen Filmgenuss“, erklärt die freiberufliche Untertitlerin Silke Nagel, warum manche Filmbegeisterte sich am liebsten untertitelte Originalversionen ansehen. Auch wenn es sehr gute synchronisierte Filme gebe: Viele empfänden es einfach als schöner, die „echten“ Stimmen und den Klang der Originalsprache zu hören. Und schließlich lautet auch ein Sprichwort: „Die Stimme eines Menschen ist sein zweites Gesicht.“
Sprachen lernen mit Untertiteln
Aber nicht nur Filmliebhaber schwören auf Untertitel. Gehörlosenverbände fordern schon seit Jahren gesetzliche Regelungen, um Hörgeschädigten per Untertitel einen barrierefreien Zugang zu Informationen im Fernsehen zu verschaffen. Und auch viele Fremdsprachenlerner suchen gezielt nach untertitelten Filmen und Sendungen, um beim gemütlichen Filmabend ganz nebenbei ihre Sprachkenntnisse zu trainieren. Denn wer Filme in einer Fremdsprache sieht, erweitert seinen Wortschatz, festigt gebräuchliche Sprachstrukturen und schult vor allem sein Hörverständnis.
Holger Mitterer vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik und James McQueen von der Radboud Universität in Nijmegen (Niederlande), die das Fremdsprachenlernen mit untertitelten Filmen untersucht haben, raten dazu, dabei Untertitel in der Originalsprache des Films einzublenden. Wenn beispielsweise ein deutschsprachiger Lerner die deutschen Übersetzungen von Brad Pitts Südstaatenakzent in Quentin Tarantinos Inglorious Bastards mitlese, lenke ihn das von den Gesprächen ab und das wirke sich nachteilig auf den Lernerfolg aus. Verwende man jedoch die englischen Untertitel, so könne man sich mit der Aussprache vertraut machen und damit sein Hörverständnis besonders trainieren.
Untertitelung im europäischen Vergleich
Kein Wunder also, dass die Deutschen schlechter Englisch sprechen als etwa die Bewohner der Niederlande oder der skandinavischen Länder, in denen internationale Produktionen grundsätzlich mit Untertiteln ausgestrahlt werden. Auch eine Studie der Europäischen Kommission über „die Europäer und ihre Sprachen“ zeigt: Die Bürger der Länder, „in denen Untertitel üblich sind“, sind „eher in mehreren Sprachen geübt“. Zudem haben ausländische Filme und Programme in der Originalsprache in diesen Ländern ein ausgesprochen hohes Ansehen und werden beispielsweise von 94 Prozent der schwedischen und dänischen und 93 Prozent der finnischen Befragten geschätzt. Betrachtet man dagegen den Durchschnitt aller Europäer, so sieht mit 56 Prozent die Mehrheit lieber synchronisierte ausländische Filme als die Originalfassung mit Untertiteln.
Beruf: Untertitler
Silke Nagel sieht zwei Ursachen dafür, dass viele europäische Zuschauer Untertitel als anstrengend empfinden: „Erstens ist es eine Gewohnheitssache, Filme mit Untertiteln zu sehen. Und zweitens kann der Zuschauer dem Film tatsächlich schlechter folgen, wenn die Untertitel schlecht gemacht sind.“ Und das sei leider zu häufig der Fall. Der Grund dafür sei, dass Untertitelungen oft zu Dumpingpreisen angeboten werden. Doch um Qualität abliefern zu können, braucht man Zeit, und Zeit ist Geld. Und leider sei es oft schwer, das den Auftraggebern verständlich zu machen.
Doch was macht gute Untertitel eigentlich aus? „Die wichtigste Prämisse ist: Der Untertitel muss in der kurzen Zeit angenehm lesbar und synchron mit dem Dialog sein. Der Zuschauer muss erkennen, zu welchem Sprecher welcher Untertitel gehört, sonst ist er hilflos.“ Außerdem solle der Untertitel trotz der Kürzungen die stilistische Nuancen nicht verlieren – wenn beispielsweise jemand sehr umgangssprachlich redet, müsse das auch im Untertitel deutlich werden. Wer trotz der hierzulande schwierigen Arbeitssituation als Untertitler arbeiten will, muss also nicht nur technisches Geschick für die Arbeit mit den Filmdateien mitbringen. Neben der Begeisterung für Filme sind für Nagel der Spaß an der Suche nach dem idiomatischen Begriff und ein sehr gutes Sprach- und Rhythmusgefühl Grundvoraussetzungen für den Beruf des Untertitlers.
Janna Degener
arbeitet als freie Journalistin in Köln.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
September 2010
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de












