Erzieher lernen Sprache lehren

Das Erlernen sprachlicher Strukturen und die Hinführung von Kindern zur Schriftsprachlichkeit spielt eine Schlüsselrolle in der frühkindlichen Bildung. Nicht zuletzt an die Erzieher werden dadurch neue Anforderungen gestellt.
Müssen Dreijährigen schon mathematische Grundlagen vermittelt werden? Interessieren sich Kindergartenkinder für naturwissenschaftliche Experimente? Und sollen Kinder schon im Vorschulalter auf das Lesen und Schreiben vorbereitet werden? Frei nach dem Motto „Der Ernst des Lebens kommt noch früh genug“ galt frühkindliche Bildung in Deutschland jahrzehntelang als ein Tabu und auch heute noch wehren sich viele Eltern und Großeltern gegen den Gedanken, dass schon die ganz Kleinen an die Prinzipien der Leistungsgesellschaft gewöhnt werden sollen.
Doch spätestens seit dem PISA-Schock haben zahlreiche Studien der Hirnforschung, der Entwicklungspsychologie und der Bildungsforschung gezeigt, dass Kinder im Vorschulalter besonders wissbegierig und aufnahmefähig sind und Anregungen und Lernimpulse von den Erwachsenen brauchen. Damit die Potenziale der Kleinen nicht vergeudet werden und die Bildungschancen von Kindern nicht nur von der Bildung und dem Engagement ihrer Eltern abhängen, haben inzwischen alle Bundesländer Kindertagesstädten und Kindergärten als integralen Bestandteil des Bildungssystems anerkannt und entsprechende Bildungspläne verabschiedet.
Schlüsselqualifikation Sprache
Dabei stellt die sprachliche Bildung eine Schlüsselrolle für den Erwerb aller anderen Fähigkeiten und für die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder dar: Nur wer seine Bedürfnisse ausdrücken und mit anderen kommunizieren kann, kann selbstständig und selbstbewusst durchs Leben gehen. Weil viele Kinder mit Migrationshintergrund erst bei Eintritt in eine Bildungsinstitution mit der deutschen Sprache in Kontakt kommen und auch zahlreiche Kinder aus deutschstämmigen Familien sprachliche Defizite aufweisen, werden seit einigen Jahren in fast allen Bundesländern neben der allgemeinen Sprachförderung obligatorische Sprachstandserhebungen vor der Einschulung und gezielte Sprachfördermaßnahmen für sprachauffällige Kinder durchgeführt.
Neue Anforderungen an Erzieher
Wenn Kinderbetreuungseinrichtungen zu (Sprach-) Bildungsstätten werden, bedeutet das für die Erzieherinnen und Erzieher, dass sie mit einem völlig neuen Aufgabenspektrum konfrontiert sind: Sie müssen den Kindern nicht nur sprachliche Lernimpulse bieten, sondern auch die Entwicklungsprozesse der Kinder wahrnehmen, Störungen erkennen und ihre Ergebnisse festhalten, um etwa die Eltern des Kindes über die Sprachentwicklung zu informieren. Außerdem müssen sie Sprachfördereinheiten konzipieren, durchführen und evaluieren.
Wie geht man beispielsweise damit um, wenn ein Vierjähriger erzählt: „Ich bin nach Hause gegeht“? „Ein Laie schlägt sicherlich die Hände über dem Kopf zusammen“, meint die Erzieherin Indra Bremicker. Wer sich das entsprechende linguistische Hintergrundwissen angeeignet hat, werte die Äußerung dagegen ganz anders: „Hier steht das richtige Hilfsverb an der zweiten Stelle. Beim Versuch der Perfektbildung wählt das Kind nur das falsche Partizip, weil es ‚gehen‘ für ein regelmäßiges Verb hält. Das bedeutet, dass es in der Grammatikentwicklung schon sehr weit ist!“
Flexible Fort- und Weiterbildungskonzepte
Neben neuen Studiengängen zur frühkindlichen Bildung sind in den vergangenen Jahren zahlreiche Fort- und Weiterbildungskonzepte entstanden, um Erzieher für das neue Aufgabenfeld fit zu machen. Bremicker zum Beispiel hat an einem Kurs für Deutsch als Zweitsprache im Elementarbereich teilgenommen, der seit rund drei Jahren vom Goethe-Institut angeboten wird. Darin werden Kenntnisse über sprachliche Strukturen und die verschiedenen Stufen der Sprachentwicklung bei ein- und auch bei mehrsprachigen Kindern und methodisch-didaktische Aspekte der sprachlichen Bildungsarbeit mit kleinen Kindern vermittelt – ganz praxisnah: „Im Arbeitsalltag haben wir oft einfach zu wenig Zeit. Da ist es toll, wenn wir Sprachfördermaterialien aus dem Regal nehmen, aufschlagen und durchführen können, die möglichst keine zusätzlichen Kosten verursachen. In der Fortbildung haben wir gelernt, wie man beispielsweise Bilderbücher einfach und effektiv bei der Sprachförderung einsetzen kann.“
Weil der Kurs sich vom Kinderpfleger bis zur Kindergartenleiterin an Erzieher mit sehr unterschiedlichem Hintergrundwissen richtet, die neben Arbeitsalltag nur begrenzte Kapazitäten zur eigenen Fortbildung frei haben, handelt es sich um einen Fernlernkurs, der ab Mai 2011 auch mit Präsenzseminaren und kooperativen E-Learning-Arbeitsphasen auf einer Online-Lernplattform durchgeführt werden soll. Solche Kurse sind allerdings nur der erste Schritt der Weiterqualifizierung von Erziehern. Auf lange Sicht sollen einheitliche Curricula entwickelt und in der Erzieherausbildung implementiert werden.
Literatur: Beate Widlok u.a. (2008): |
Janna Degener
arbeitet als freie Journalistin in Köln.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
September 2010
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Links zum Thema
- WiFF Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte

- Online-Lernangebot zum Thema Sprachförderung für Erzieher

- Transferprojekt Qualifizierungsmodul für Erzieherinnen von der Universität Hamburg


- Projekt Sprachliche Förderung in der Kita vom Deutschen Jugendinstitut


- Fernunterrichts-Kurs Deutsch als Zweitsprache im Elementarbereich (goehte.de)

- Schnupperangebot: Deutsch als Fremdsprache im Kindergarten (goethe.de)













