Mit kühlem Kopf gegen heiße Luft – BlaBlaMeter

„Wie viel Bullshit steckt in Ihrem Text?“, lautet die Frage auf der Website des BlaBlaMeters. Dahinter verbirgt sich ein ausgeklügeltes Computerprogramm. Mit dessen Hilfe können Nutzer ihre Texte online auf inhaltsleere Phrasen untersuchen lassen.
Insbesondere „PR-Profis, Politiker, Berater, Werbetexter oder Professoren müssen hier tapfer sein“, so die freundliche Warnung des BlaBlaMeter-Erfinders Bernd Wurm auf seiner Website. Der Internet-Entwickler weiß aus Erfahrung, dass in wissenschaftlichen, behördlichen und Werbetexten die Anfälligkeit für pompös daherkommendes, oft jedoch inhaltsarmes „Bullshit“-Deutsch besonders groß ist. Als Grund dafür vermutet er neben einem „gewissen Wunsch, gewichtig zu klingen, eine ausgeprägte Angst vor Widerspruch“. Ihm fiel auf, „dass der menschliche Instinkt oft innerhalb kürzester Zeit spürt, ob jemand etwas ‚verkaufen‘ will. Ich wollte wissen: Kann man diese Fähigkeit vielleicht auch einer Maschine beibringen?“ Dazu musste der 43-jährige Frankfurter zunächst analysieren, welche sprachlichen Besonderheiten eindeutige Hinweise für aufgeblasenes Blabla liefern.
Vom Hotel zum Wellnessparadies
Als Grundlage dafür dienten Sätze wie diese: „In diesem Zusammenhang geht es darum, das tägliche Spannungsdreieck Resultatorientierung, Selbstorganisation und Selbstmotivation zu managen.“ Wem diese gestelzte Ausdrucksweise imponiert, während ihm die inhaltliche Bedeutung auch beim zweiten Lesen schleierhaft bleibt, der hat es wahrscheinlich mit dem von Bernd Wurm untersuchten Phänomen der Phrasendrescherei zu tun. „Es gibt in unserer Sprache Ausdrücke und Phrasen, die inhaltlich so unscharf sind, dass sie für das Verständnis von Zusammenhängen eher schädlich als nützlich sind“, so der Kommunikationswissenschaftler. Dazu zählen Begriffe wie optimieren, effizient und nachhaltig, der gehäufte Gebrauch des Nominalstils und der Einsatz mehr als 15 Zeichen langer Bandwurmwörter. Vermutlich liegt deren häufige Präsenz in bestimmten Texten am Drang der Verfasser, „den Wörtern möglichst viele Positivattribute mitzugeben. Aus dem Hotel wird so schnell ein Wellnessparadies.“ Diese und einige weitere sprachliche Faktoren fließen in den von Bernd Wurm entwickelten Algorithmus ein, der dem BlaBlaMeter zugrunde liegt. Das spürt die definierten Muster innerhalb eines Textes auf und ordnet ihnen Indexpunkte zu.
Je höher der Indexwert, desto höher der BlaBla-Faktor
Der ermittelte Indexwert liegt in der Regel zwischen 0 und 1. Je höher er ausfällt, desto mehr leeres Geschwafel verbirgt sich in den scheinbar schönen Sätzen. Liegt die Kennziffer zum Beispiel bei 0.85, fällt das Urteil des BlaBlaMeters eindeutig aus: „Es stinkt gewaltig nach heißer Luft!“ Hochwertigen Texten mit Werten zwischen 0.1 und 0.3 attestiert das BlaBlaMeter „keine oder nur sehr geringe Hinweise auf Bullshit-Deutsch“. Die besten Indexwerte liefern nach Bernd Wurms Erfahrung fiktionale und historische Texte, denn das BlaBlaMeter ist vor allem für die Gegenwartssprache ausgelegt. Was die inhaltliche Qualität und den Wahrheitsgehalt eines Textes anbelangt, kann das BlaBlaMeter nur wenig zuverlässige Aussagen treffen. „Jemand kann also behaupten, Elvis auf dem Mond getroffen zu haben. Solange die Sprache stimmt, hat das BlaBlaMeter an dieser Aussage nichts auszusetzen. Bei hohen Indexwerten ist das anders. Ab einem Index von 0.5 ist es recht unwahrscheinlich, dass die inhaltliche Qualität noch stimmt.“
In der Fremdsprache fällt das Entlarven von Phrasen schwerer
Vor allem dank des Nominalstils kann man im Deutschen gut um den heißen Brei herumtexten. Aber „auch in anderen Sprachen findet man ähnliche Muster, die eingesetzt werden, wenn es ums Beeindrucken geht“, so Wurms Beobachtung. Selbst bei guten Sprachkenntnissen fällt es Nicht-Muttersprachlern zumeist schwerer als Muttersprachlern, in der Fremdsprache Worthülsen zu entlarven. Daher empfiehlt der Web-Entwickler: „Wenn ich alle Wörter eines Textes kenne, den Sinn aber nicht verstehe, muss das keineswegs mein Fehler sein.“ Im Zweifel kann man das BlaBlaMeter befragen. Dass dessen Anwendung durchaus Spaß macht, kann jeder im unkomplizierten Selbstversuch ausprobieren.
Die online eingegebenen Texte bleiben Privatsache und werden nicht gespeichert. Daher kann Bernd Wurm auch nur vermuten, dass der Großteil der im ersten Halbjahr 2011 gezählten eine Million Abrufe vor allem privater Natur war. „Von meinen Rückmeldungen weiß ich aber, dass sich auch viele Verlagslektoren, Agenturchefs und Journalisten ernsthaft mit dem Tool auseinandersetzen.“ Sieht man von der reinen Schriftsprache ab, kann ein wenig „Blabla“ sogar durchaus Sinn machen, findet der BlaBlaMeter-Erfinder. „Das Leben ist schließlich nicht nur logischer Inhalt. Im Gespräch will ich meinem Gegenüber ja auch einfach mal signalisieren, dass er oder sie mir sympathisch ist.“
arbeitet als freiberufliche Journalistin in Hamburg.
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Dezember 2011
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