Sprache im Wandel

Rettet das Deutsche! – Bedrohte Wörter

Viele unserer Wörter werden vielleicht bald aus der Sprache verschwunden sein.Viele unserer Wörter werden vielleicht bald aus der Sprache verschwunden sein.Sprachliche Neuerungen werden oft kritisiert, sie seien nicht ästhetisch oder grammatikalisch falsch. Aber wer denkt an die Wörter, die im Zuge dessen verloren gehen? Das große „Lexikon der bedrohten Wörter“ leistet einen Beitrag zur Rettung der bedrohten Wörter.

Seien wir mal ehrlich: Wer von uns hat nicht schon einmal einen Klassiker der deutschen Literatur zur Hand genommen und ist auf das ein oder andere unbekannte Wort gestoßen, das zu Schillers Zeit noch dem alltäglichen Sprachgebrauch angehörte? Aber so weit brauchen wir gar nicht zurück zu gehen. Wie Bodo Mrozek in seinem Großen Lexikon der bedrohten Wörter zeigt, gibt es auch in der jetzt von uns gesprochenen Sprache Wörter, die bedroht sind, also vielleicht bald aus der Sprache verschwunden sein werden.

Regionale Unterschiede spielen eine Rolle

Das Buch von Bodo Mrozek.  Foto: © RowohltDie meisten der von Bodo Mrozek aufgeführten Wörter sind im Hochdeutschen gar nicht mehr oder nur noch selten zu hören, da sie nicht mehr gebräuchlich sind. Man findet sie allerdings teilweise noch in regionalen Färbungen der Sprache, in Dialekten oder in Soziolekten, zum Beispiel der Jugendsprache. Das Wort Fluppe als Bezeichnung für Zigarette hört man längst nicht mehr bei der Gesamtbevölkerung, durchaus aber bei Jugendlichen. Ein Artikel im Magazin Stern mit dem Titel Die Fluppe ist bei Jugendlichen out vom Februar 2012 hat diesen Ausdruck aufgegriffen. In Österreich ist es noch immer alltäglich, dass junge Frauen als Fräulein angesprochen werden und wenn man in den ostdeutschen Bundesländern einen Broiler bestellt, bekommt man nach wie vor ein Brathähnchen. Trotzdem fällt die Verwendung solcher Begriffe auf, da sie nicht mehr alltäglich sind. Es handelt sich eben um vom Aussterben bedrohte Wörter.

Wie Sprache und Gesellschaft zusammenhängen

Ein Broiler  Foto: elisanth © 123RFBeim Blättern im Großen Lexikon der bedrohten Wörter drängt sich automatisch die Frage auf: Welche Wörter kenne ich (noch), welche sind auch mir schon unbekannt? Zudem gibt Bodo Mrozek den Wörtern einen informativen Hintergrund: Woher stammt das Wort ursprünglich, wie wurde es verwendet und wieso ist es bedroht? Dadurch lernt der Leser einiges über die deutsche Gesellschaft und ihren Umgang mit ihrer Sprache.

Besonders interessant ist es, den Zusammenhang zwischen einer Gesellschaft und den von ihr verwendeten Wörtern zu erkennen. Dass das Wort Sozialhilfe beziehungsweise Stütze im Sprachgebrauch der Deutschen so gut wie nicht mehr existent ist, erklärt sich durch die Änderung der sozialpolitischen Strukturen: Seit der Einführung von Hartz IV (finanzielle Unterstützung für Menschen ohne Arbeit beziehungsweise mit nicht ausreichendem Einkommen) gibt es faktisch keine Sozialhilfe mehr, der Begriff wurde absichtlich abgeschafft. Hartz IV werde von den Menschen, die diese Leistung empfangen, nicht mehr als Stütze empfunden, so das Lexikon, weil sie ihrerseits Pflichten erfüllen müssen, die von vielen als unangenehm empfunden werden.

Nicht ohne Ironie

Das Wort Fluppe hört man bei Jugendlichen noch.  Foto: Alexander Makarov © iStockphotoAuch die „Katzenmusik“ hat ausgedient, weil sich gesellschaftliche Vorgehensweisen verändert haben: Mit allen möglichen Instrumenten machten Studenten früher unangenehmen Lärm unter dem Fenster ihrer Professoren, wenn sie mit deren Lehre unzufrieden waren. Heute füllen die Studierenden einen Bewertungsbogen aus, was meist ganz leise geschieht.

Das große Lexikon der bedrohten Wörter sei jedem empfohlen, der sich für die deutsche Sprache und ihre Veränderungen interessiert. Informativ und mit viel (Wort)Witz, aber auch nicht ohne Ironie und Sarkasmus bringt Bodo Mrozek die bedrohten Wörter zurück in das Bewusstsein der Leser und trägt dadurch vielleicht dazu bei, dass sie erneut oder vermehrt Verwendung finden.

Bodo Mrozek studierte Literatur- und Geschichtswissenschaft. Der Autor und Journalist lebt in Berlin, war Redakteur im Feuilleton des Tagesspiegels, Kolumnist bei Spiegel-Online und Mitarbeiter bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Literatur:

Bodo Mrozek:
Das große Lexikon der bedrohten Wörter (Band I & II, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2008)

Weitere Bücher zum Thema „Verschwundenes“:

Volker Wieprecht/Robert Skuppin:
Das Lexikon der verschwundenen Dinge (Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2010)

Nabil Osman:
Kleines Lexikon untergegangener Wörter – oder von Afterkind bis Zungenheld. Wortuntergang seit dem Ende des 18. Jahrhunderts (Beck, 2007)

Jutta Limbach:
Ausgewanderte Wörter. Eine Auswahl der interessantesten Beiträge zur internationalen Ausschreibung „Ausgewanderte Wörter“ (Hueber, 2007)

Constanze Fiebach
ist Literaturwissenschaftlerin und freie Journalistin. Sie lebt in Essen.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Oktober 2012

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