Sprache und Identität

Sprache als Integrationsbarriere – Wissenschaftler suchen nach Lösungen

Sprachkenntnisse als Schlüssel zu Integration  Copyright: iStockphoto - Jillian PondSprachkenntnisse als Schlüssel zu Integration  Copyright: iStockphoto - Jillian PondSprachliche Hürden in Behörden, Schulen und Betrieben behindern oft die Integration von Einwanderern. Jetzt erforschen Wissenschaftler an verschiedenen Universitäten das Phänomen und suchen nach Lösungen.

Das Formular heißt „Antrag auf Befreiung von der Rundfunkgebührenpflicht“. Das Ausfüllen ist eine Herausforderung. Was, bitte schön, ist ein „neuartiges Rundfunkempfangsgerät“? Und wer könnten „Sonderfürsorgeberechtigte im Sinne des § 27 e des Bundesversorgungsgesetzes“ sein? „Man braucht weit entwickelte sprachliche Fähigkeiten und Hintergrundwissen über die beteiligte Institution, um mit solchen Anträgen fertig zu werden“, sagt Uta Quasthoff, Professorin an der Universität Dortmund. Für Einwanderer mit geringen Deutschkenntnissen stellt der Schriftwechsel mit Ämtern oft eine unüberwindbare Hürde dar. Viele entwickeln Vermeidungsstrategien: Sie antworten nicht auf Schreiben oder delegieren lästigen Behördenkram an Verwandte. Das kann ärgerliche Folgen haben: „Man übersieht Informationen oder erleidet materielle Nachteile“, berichtet Quasthoff. Für die Sprachwissenschaftlerin ist klar: „Der fehlende Zugang zur Schriftsprache ist eine Integrationsbarriere par excellence.“

Sprachkenntnisse als Schlüssel zu Integration

"Der fehlende Zugang zur Schriftsprache ist eine Integrationsbarriere par excellence."  Copyright: iStockphotoDas will die Forscherin nun ändern. Zusammen mit ihren Kollegen Ludger Hoffmann und Michael Kastner leitet sie das von der Volkswagenstiftung geförderte Projekt Schreiben zwischen Sprachen und Kulturen. Die Dortmunder Forscher wollen Konzepte entwickeln, um Einwanderer bei der Behördenkommunikation zu unterstützen, zum Beispiel durch vereinfachte Formulare oder Hilfe beim Ausfüllen. Zurzeit sind sie noch bei der Datenerhebung: Mit Fragebögen und Interviews ermitteln sie, welche Erfahrungen Einwanderer aus der Türkei, aber auch Einsprachige in sozialen Brennpunkten des Ruhrgebiets mit Behörden machen. Am Ende sollen praxistaugliche Verbesserungsvorschläge herauskommen.

Neben Quasthoffs Projekt fördert die Volkswagenstiftung noch zwei weitere Forschungsvorhaben, die den Einfluss von Sprache auf die Integration untersuchen. Denn Sprachkenntnisse, da sind sich alle Experten einig, sind der Schlüssel zu einer erfolgreichen Integration. Eines der Projekte leitet Michael Bommes vom Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) an der Universität Osnabrück. Er und seine Kollegen untersuchen, wie Kinder schreiben lernen. Das Forscherteam beobachtete eine erste und eine siebte Klasse in Duisburg-Rheinhausen ein Jahr lang. In beiden Klassen wächst ein Drittel der Schüler mehrsprachig auf, die meisten davon sprechen zu Hause Türkisch. Für sie, so vermuten die Forscher, ist das Schreibenlernen eine besondere Herausforderung, weil die Unterrichtssprache nicht ihre Erstsprache ist. Das IMIS-Team will nun aufklären, wie Schüler lernen Laute in Buchstaben zu übertragen oder wie sie zwischen mündlicher und schriftlicher Sprache unterscheiden. Am Ende wollen die Forscher die Faktoren herausdestillieren, die Schulkindern den Einstieg in die Schriftsprache erleichtern.

Sprachhürden im Beruf

Ein Problem: extrem unterschiedliche Formen der Kommunikation  Copyright: iStockphoto - John ClinesAuch im Beruf spielen sprachliche Fähigkeiten eine entscheidende Rolle – nicht nur bei Hochqualifizierten, so die überraschende Erkenntnis von Matilde Grünhage-Monetti vom Deutschen Institut für Erwachsenenbildung in Bonn. „Selbst für angelernte Tätigkeiten sind komplexe sprachliche Fähigkeiten nötig“, sagt die aus Italien stammende Anglistin. Ihr Forschungsprojekt „Deutsch am Arbeitsplatz“ hat unter anderem das Ziel, Sprachkurse für Erwachsene zu verbessern. „Diese Kurse bereiten die Menschen nicht gut auf die Anforderungen der Arbeitswelt vor“, berichtet Grünhage-Monetti. Zusammen mit ihren Kollegen ist sie in Betriebe gegangen, hat dort Interviews geführt und Alltagsgespräche aufgezeichnet.

Ihr erstes Fazit: Fachbegriffe bereiten den Zuwanderern kaum Probleme. Viele haben aber Schwierigkeiten damit, dass extrem unterschiedliche Formen der Kommunikation verwendet werden. Selbst Geringqualifizierte, zum Beispiel Reinigungskräfte, seien einer sehr komplexen und regelorientierten Sprache ausgesetzt. Die Mitarbeiter müssen Sicherheitshinweise verstehen, Lieferscheine ausfüllen und Fehler dokumentieren. Andererseits müssen sie auch die Umgangssprache beherrschen, um in Besprechungen alles mitzubekommen. Höflichkeitsformeln, Aussprache und Intonation, so haben die Untersuchungen ergeben, sind ebenfalls von großer Bedeutung. Zum Beispiel in Pflegeberufen: „Demenzkranke reagieren schnell aggressiv, wenn sie etwas nicht verstehen oder den Gesprächspartner als unhöflich empfinden“, sagt die Wissenschaftlerin.

Schwerpunkt Erwachsenenbildung

"Man muss auch in die Eltern investieren"  Copyright: iStockphoto - Chris SchmidtSätze wie: „Unsere Mitarbeiter sollen nicht sprechen, sondern arbeiten“, hört Grünhage-Monetti immer seltener. „Den meisten Betrieben ist inzwischen bewusst, dass die sprachlichen Anforderungen enorm gestiegen sind.“ Als Ergebnis ihres Projektes hat das Forscherteam einen Leitfaden entwickelt, an dem sich Sprachlehrer orientieren können. Sprachkurse, so ein Ergebnis, sollten eher Redewendungen vermitteln, als stur Grammatik zu pauken. Zudem müsse ein Sprachlehrer erst herausfinden, welche Bedürfnisse die Kursteilnehmer überhaupt haben. „Ein festes Curriculum ist meist nicht sinnvoll. Jeder Arbeitsplatz hat seine eigenen Anforderungen“, sagt Grünhage-Monetti. Für sie ist Erwachsenenbildung ein wichtiger, aber oft vernachlässigter Faktor beim Integrationsprozess: „Wenn die Integration von Kindern gelingen soll, muss man auch in die Eltern investieren. Dann zieht die ganze Familie mit.“

Ute Kehse
schreibt für den Autorenpool Wortwexxel.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juli 2009

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