So wie man spricht: In Mannheim wird gesprochenes Deutsch archiviert

Über 15.000 Tonaufnahmen halten im Archiv für Gesprochenes Deutsch in Mannheim für die Nachwelt fest, wie unterschiedlich Deutsch in verschiedenen Regionen und Erdteilen klingt.
Das Gespräch mit einer Schulklasse in Berlin? In Göttingen aufgenommene Gedanken zur Ehe? Ausführungen über Sauerkrauteinlegen, Brotbacken oder Schweineschlachten, über Ostern und Weihnachten, Jahrmärkte und Hochzeiten – aufgezeichnet in allen Regionen Deutschlands? Das Archiv für Gesprochenes Deutsch (AGD) sammelt in erstaunlich großer Bandbreite, was in deutscher Sprache geredet wird.
Aus der Geschichte: Archiv mit Tradition
Der größte Teil der heutigen Sammlung stammt aus dem Deutschen Spracharchiv (DSAv), das der Neurologe und Phonetiker Eberhard Zwirner Anfang der 1930er Jahre in Berlin gegründet hat. Nachdem die Bestände 1944 bei einem Bombenangriff fast vollständig zerstört worden waren, wurde das DSAv in den 50er und 60er Jahren neu aufgebaut und 1973 in das Institut für Deutsche Sprache (IDS) in Mannheim integriert. Seither wächst die Sammlung von Tonaufnahmen und Transkripten, die nun in einem modernen Archiv für Gesprochenes Deutsch gepflegt wird.Massenhaft Töne: Korpora
Die Grundlage der heute rund 16.300 Tondokumente umfassenden Sammlung waren die Aufnahmen deutscher Dialekte, die im Auftrag von Eberhard Zwirner zwischen 1955 und 1960 in ganz Deutschland gemacht wurden. Über 5.000 Tondokumente waren damals in etwa 1.000 meist ländlichen Orten in den alten Bundesländern, in Vorarlberg und Liechtenstein, im Elsass und in den Niederlanden entstanden. Sie umfassten auch Dialekte, die in den ehemaligen deutschen Ostgebieten gesprochen wurden.
Im Zuge der deutschen Wiedervereinigung wurde 1992 eine Sammlung der Ost-Berliner Akademie der Wissenschaften aus der DDR in das Archiv integriert. Die Aufnahmen mit einer Gesamtdauer von 393 Stunden sind in den Jahren 1960 bis 1964 in 440 Orten der DDR entstanden.
Heute verwaltet das Archiv einen vielfältigen Bestand, der in 38 Korpora zusammengefasst ist. Er umfasst neben den Tonaufnahmen, die eine Gesamtdauer von etwa 4.400 Stunden haben, auch ca. 900 Videoaufnahmen und rund 6.650 Transkripte. Neben den erwähnten Tonzeugnissen zu den verschiedenen Mundarten gibt es auch Dokumentationen der Umgangssprache und Hochlautung. Die aufgezeichneten auslandsdeutschen Varietäten umfassen Mundarten von Brasilien-, Russland- und Rumäniendeutschen sowie das Emigrantendeutsch in Israel und das Deutsch von Auswanderern in Nordamerika.
Daneben findet man im Archiv Aufnahmen, die nach bestimmten verbalen Interaktionen geordnet sind: Beratungsgespräche, biographische Erzählungen, Schlichtungs- und Gerichtsverhandlungen, Gespräche im Fernsehen, Konfliktgespräche zwischen Müttern und jugendlichen Töchtern etc.
Digitalisierung: Bequemer Zugang zu den Archivalien
Die mittlerweile historischen Archivalien werden seit Mitte der 90er Jahre digitalisiert. Das ist einerseits notwendig, um den Bestand zu sichern. Schließlich ist die Lebenszeit von Tonbändern sehr begrenzt. Andererseits erleichtern digitale Speichermedien den Zugang zu den wertvollen Zeugnissen der gesprochenen Sprache.So sind Teile des Archivbestandes – Aufnahmen mitsamt Transkripten – nun über die "Datenbank Gesprochenes Deutsch" online verfügbar. Die Entwicklung der Datenbank wurde im Rahmen des Programms "Archive als Fundus der Forschung – Erfassung und Erschließung" von der VolkswagenStiftung gefördert. Zwar bleibt ein großer Teil aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen der wissenschaftlichen Nutzung vorbehalten; Einiges ist aber für jeden frei zugänglich, das heißt: les- und hörbar.
Wichtige Funktion: Bewahrung im kulturellen Gedächtnis
Mit Sorge beobachten Forscher seit Jahren das Verschwinden zahlreicher Dialekte, die nur in sehr kleinen Gebieten und von wenigen Menschen gesprochen wurden. Oft sind der höhere Bildungsstand, die zunehmende Urbanisierung und der Einfluss der Medien für einen Rückgang der Ortsdialekte verantwortlich. Das Archiv für Gesprochenes Deutsch im Institut für Deutsche Sprache in Mannheim kann solche Dialekte zwar nicht vor dem Aussterben bewahren, wohl aber vor dem Vergessen.arbeitet als freie Publizistin in Bonn
Foto „Kassette“ © Tim Heinrichs-Noll / PIXELIO
Foto „Kassettenband“ © BirgitH / PIXELIO
Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de
September 2006












