„Ätch hebb Lächer in mine nije strömp“ – Sprachwandel in deutschen Sprachinseln

Im kirgisischen Rotfront pflegen die Nachkommen deutscher Siedler ihre Dialekte und Traditionen. Doch auch hier ist Russisch auf dem Vormarsch. Wissenschaftler der Europa-Universität Viadrina untersuchen den Sprachwandel in deutschen Sprachinseln.
Das 800-Einwohner-Dorf Rotfront liegt im zentralasiatischen Kirgisistan. Neben zahlreichen Bewohnern russischer und kirgisischer Abstammung leben hier auch einige Deutsche. Sie sind Christen mennonitischer Glaubensrichtung. „Alles, was mit ihrem Glauben zusammenhängt, wird von den Deutschen hier selbstverständlich als deutsche Tradition gewertet“, erzählt Wilhelm Lategahn, der im Auftrag der Zentralstelle für Auslandsschulwesen an der Dorfschule Deutsch unterrichtet. Dazu gehören jahrhundertealte Glaubensgrundsätze wie eine strenge Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern und der Verzicht auf Fernsehen, Alkohol und Zigaretten. Aber auch die deutsche Sprache.
Die Entwicklung deutscher Sprachinseln
Ursprünglich stammen die Mennoniten aus dem Danziger Raum, wohin sie aufgrund von Verfolgungen in den Niederlanden geflüchtet waren. Viele von ihnen sind seit Ende des 18. Jahrhunderts in Richtung Schwarzmeergebiet, danach auch noch weiter östlich abgewandert. 1927 wurde von Deutschen das Dorf Bergtal gegründet, das später in Rotfront umbenannt wurde. Andere wanderten wiederum nach Nord- und Lateinamerika aus. Diese und noch viele weitere Siedlungsbewegungen haben besonders seit dem 18. und 19. Jahrhundert dazu geführt, dass in vielen Gegenden der Welt deutsche Sprachinseln entstanden sind.
Hier sprechen auch heute noch einzelne Gruppen untereinander deutsch – oder zumindest etwas, das sie als „Deutsch“ bezeichnen. „Wenn die Menschen ihren alten plattdeutschen Dialekt sprechen, verstehe ich absolut gar nicht“, erzählt Lategahn aus Rotfront. „Daneben sprechen die Leute aber auch etwas, das sie als Hochdeutsch bezeichnen und das für mich verständlich ist. In meinen Ohren hat dieses an der 200 Jahre alten Sprache der Preußen orientierte Hochdeutsch jedoch eine sonderbare Grammatik und Lexik. Auch die Aussprache war für mich gewöhnungsbedürftig.“
Für Linguisten, die sich für Sprachwandel interessieren ist das ein spannender Untersuchungsgegenstand. So auch für Dr. Peter Rosenberg von der Europa-Universität Viadrina, der sich gemeinsam mit seinem Team mit der „Regularität und Irregularität in der Kasusmorphologie deutscher Sprachinselvarietäten“ auseinandersetzt. Er war einer der ersten, die in den Neunzigerjahren in russischen Sprachinseln Aufnahmen und Fragebogenerhebungen durchgeführt hat – Materialien, die für heutige Untersuchungen eine großartige Vergleichsgrundlage bieten. Später kamen Forschungen in Lateinamerika, besonders im Süden Brasiliens, hinzu.
Sprachwandel und Sprachkontakt in Sprachinselvarietäten
Rosenbergs besonderes Interesse gilt dem Grammatikverlust. So unterscheiden viele nicht zwischen Dativ und Akkusativ und sagen etwa „Ätch hebb Lächer in mine nije strömp“ (Ich habe Löcher „in meine neuen Strümpfe“ anstatt „in meinen neuen Strümpfen“). Zwar gebe es diese Entwicklung auch in einigen Dialekten innerhalb von Deutschland. Jedoch den „explosionsartigen“ Kasusverlust in Sprachinseln erklären die Forscher damit, dass es in den Mehrheitssprachen wie dem Englisch in den USA oder Portugiesisch in Brasilien auch keine Fälle gibt. Der Vergleich mit russischen Sprachinseln zeigt allerdings, dass dies nicht die wichtigste Ursache sein kann: Obwohl im Russischen sechs Fälle unterschieden werden findet im Deutschen der Grammatikabbau statt.
Umgeben von der Weite der zentralasiatischen Steppe oder abgeschottet durch die Dichte des lateinamerikanischen Waldes konnte sich die deutsche Sprache in vielen Sprachinseln aufgrund der Isolation 150 bis 200 Jahre erhalten. Heute sind diese Gebiete gut an die Mehrheitsgesellschaft angeschlossen, was auch zu einem anderen Sprachverhalten führt. Während die deutsche Sprache in den russischen und brasilianischen Sprachinseln bei den Älteren noch stark verbreitet ist, so zeigen erste Ergebnisse, dass viele der Unter-40-Jährigen das Deutsche nur noch passiv beherrschen. Die mittlere Generation dagegen spricht oft sowohl Deutsch als auch die Mehrheitssprache.
Auch in Rotfront scheint die deutsche Sprache an Bedeutung zu verlieren. „Bis zur Unabhängigkeit Kirgisistans im Jahr 1991 war Rotfront ein rein deutsches Dorf. Dann sind viele nach Deutschland abgewandert“, erzählt Lategahn. „Heute leben noch in rund 30 Häusern Deutsche. Die Mehrheit der Dorfbevölkerung ist kirgisischer oder russischer Abstammung.“ So werde auf der Straße überwiegend russisch gesprochen.
Die Zukunft der Sprachinseln
Außer in bikulturellen Familien, wo sich das Deutsche häufig verliere, werde in den Familien unter den Älteren meist Deutsch gesprochen. Während viele Erwachsene die deutsche Identität an der Sprache festmachen, spielt dieser Aspekt nach Lategahns Einschätzung für die meisten Kinder und Jugendlichen keine große Rolle mehr. Untereinander sprechen sie Russisch, weil es ihnen leichter fällt. „Deutsch“, das weiß er als Deutschlehrer gut, „ist für viele von ihnen vor allem ein Schulfach. Und zwar ein anstrengendes und lästiges.“
Wie es mit der deutschen Sprache in den russischen und brasilianischen Sprachinseln weitergeht, ist ungewiss. Rosenberg ist aber sicher: Die im Projekt durchgeführten Aufnahmen werden früher oder später sehr wertvoll. „Möglicherweise“, so lautet nämlich Rosenbergs Prognose, „werden diese Daten in 20, 30 oder 40 Jahren nicht mehr zu erheben sein.“
Janna Degener
arbeitet als freie Journalistin in Köln.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Dezember 2009
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