Wenn Sprachen sterben

Etwa die Hälfte der rund 6.700 weltweit gesprochenen Sprachen sind laut UNESCO vom Aussterben bedroht. Neben den Dialekten in deutschen Sprachinseln gehören zahlreiche in Deutschland gesprochene Minderheitensprachen dazu.
„Nicht weil Sprechergruppen verschwinden, sondern weil sich Gemeinschaften gegen sie entscheiden, sterben Sprachen“, meint der Bremer Linguist Prof. Dr. Thomas Stolz. Im Regelfall würde in bilingualen Gebieten eine Muttersprache für eine politisch oder ökonomisch dominante Sprache aufgegeben. Aus dem Wunsch nach einem gesellschaftlichen Aufstieg gibt eine Elterngenerationen ihre Sprache nicht aktiv an ihrer Kinder weiter, so dass für diese die dominante Sprache zur Muttersprache wird. Wenn diese Kinder wiederum der wieder nächsten Generation dann nur noch die dominante Sprache beibringen, dann sprechen die Enkel eine andere Sprache als ihre Großeltern.
So haben Mayas in Guatemala in Zeiten der politischen Verfolgung ihren Kinder die eigene Sprache aus Angst vor den Verfolgern nicht beigebracht, während Bretonen aus ökonomischen Gründen ihre keltische Sprache aufgaben, weil die ihren Kindern nur eine Zukunft als Fischer im eigenen Dorf erlaubt hätte und sie sich für die nächste Generation mit dem Erlernen der französischen Mehrheitssprache einen sozialen Aufstieg erhofften. Den Aufwand einer zweisprachigen Erziehung nahmen sie wegen ihrer negativen Bewertung des Bretonischen als minderwertiger Sprache nicht in Kauf. Stolz betrachtet solche Entwicklungen als „Standardfälle, wie sie überall in der Welt vorkommen.“
Stirbt die deutsche Sprache?
„Wenn wir nichts für die deutsche Sprache tun, dann kann es durchaus eines Tages soweit sein, dass auch sie ausstirbt“, meint Thomas Paulwitz, der sich als Chefredakteur der Zeitschrift Deutsche Sprachwelt für ein größeres Sprachbewusstsein in Deutschland einsetzt. Stolz als Experte für bedrohte Sprachen hält solche Prognosen für „Panikmache“: „Auch wenn man das heute in jeder zweiten Zeitungsglosse lesen kann“, meint Stolz, „das Deutsche stirbt nicht aus, zumindest nicht in den nächsten vier Generationen. Das sind die typischen Ängste, wenn sich eine Sprache verändert.“ Tatsächlich gehört das Deutsche mit knapp 100 Millionen Sprechern zu den weltweit meist gesprochenen Sprachen.
Weil immer mehr Anglizismen das Deutsche prägen und Englisch hierzulande in Medien, Wissenschaft, internationalen Verhandlungen und seit kurzem unter bestimmten Bedingungen auch in internationalen Prozessen als Gerichtssprache verwendet wird, befürchtet Paulwitz, das Deutsche könne „langfristig zu einem Dialekt des Englischen verkommen“. Dann werde die englische Sprache für „wichtige Dinge“ verwendet, während man „nur noch in der Freizeit“ ein bisschen Deutsch sprechen könne. Für den Germanisten Prof. Dr. Ulrich Ammon dagegen ist das Deutsche „linguistisch zu weit von Englisch entfernt“, um ein Dialekt des Englischen werden zu können. Solange außerdem mindestens ein Staat die Sprache in der Funktion als Amtssprache erhält und für die staatliche Verwaltung und als Unterrichtssprache verwendet“, ist die deutsche Sprache in seinen Augen nicht in ihrer Existenz bedroht. Und im Moment haben sieben Staaten Deutsch zumindest für Teile ihres Gebietes als Amtssprache.
Sprachen sterben. Na und?
Die Gefahr des Sprachensterbens sieht Stolz vor allem darin, dass mit dem Sprachwechsel häufig nicht der gewünschte soziale Aufstieg verbunden ist und sich die Generation derer, die die ursprüngliche Gruppensprache nicht beherrsche, dann entwurzelt fühle. Man bleibe – ganz ähnlich wie oft am Beispiel von Kinder von Migranten in Deutschland diskutiert – zwischen zwei Welten hängen und fühle sich in keiner Gesellschaft integriert. Im Extremfall könne das zu ganzen Generationen von Heimatlosen führen.
Prof. Dr. Ulrike Mosel weiß als Orientalistin nicht nur die kulturelle Bedeutung von Dokumenten ausgestorbener Sprachen wie Alt-Ägyptisch zu schätzen, sondern betrachtet als Vorsitzende der Gesellschaft für bedrohte Sprachen die Bedeutung der sprachlichen Vielfalt für die Menschheit auch als gleichbedeutend mit der der biologischen Vielfalt für die Natur. Solch eine Analogie zu ziehen, hält Ammon dagegen für falsch. Anders als Stolz, Mosel und Paulwitz betrachtet der Germanist das Sprachensterben nicht als eine Tragödie. Er versteht es, wenn Sprachen außer Gebrauch kommen, weil andere Sprachen sich etwa zum Beispiel wegen ihrer Sprecherzahl für die Kommunikation besser eignen.
Sprachen sterben nicht
Weil Sprachen für ihn keine Organismen sondern vor allem Werkzeuge sind, würde er überhaupt nicht von „sterbenden“ Sprachen sprechen: „Man sagt ja auch nicht, die Postkutschen oder die Tonbandgeräte sind gestorben.“ Vor allem von vielen Linguisten wird der Verlust von Bedeutung oder Ästhetik bei Textübersetzungen seiner Meinung überbewertet, während man andererseits die Synergien sprachlicher Vereinheitlichung aufgrund besseren gegenseitigen Verstehens unterschätzt. Man solle etwa an die Möglichkeit denken, aufgrund einer gemeinsamen Sprache mit den Taliban direkt sprechen zu können. Die tief greifenden inhaltlichen Unterschiede würden dadurch zwar nicht aufgehoben, aber man könnte sich wenigstens darüber austauschen.
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Literatur: Ulrich Ammon: Ulrich Ammon: |
Janna Degener
arbeitet als freie Journalistin in Köln.
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Januar 2010
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