Isabel Kreitz und Die Entdeckung der Currywurst

![]() |
Als ich mich 1993 um die Stelle des Lektors für deutsche Literatur im Verlag Kiepenheuer & Witsch in Köln bewarb, war gerade das Leseexemplar von Uwe Timms Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“ fertig geworden, und ich las das Buch auf dem Weg zu einem der Bewerbungsgespräche in Köln, hielt es in der Hand, als ich im Kölner Dom kurz vorm Treffen in der kleinen Verlagsvilla den Segen auf den Ausgang der Gespräche erbat. Später, er war mir zuteil geworden, rief mich der Schriftsteller und Freund Ronald Gutberlet aus Hamburg an und fragte, ob ich dabei behilflich sein könnte, von Uwe Timm die Genehmigung dafür zu erhalten, dass Isabel Kreitz, eine Hamburger Comiczeichnerin, „Die Entdeckung der Currywurst“ zeichnen und ihre Fassung bei Carlsen veröffentlichen könne. Ich war ganz sicher, dass Uwe Timm sich über eine solche Umsetzung freuen würde, und meinte mich auch an Isabel Kreitz aus einem meiner Seminare an der Fachhochschule für Gestaltung zu erinnern, wo die begabte Zeichnerin studiert hat.
Mal nah, mal fern
Isabel Kreitz‘ wunderbare Version der Timmschen Novelle, die dann zustande kam, in suggestivem Schwarz-Weiß gezeichnet, findet einen überzeugenden Weg, um die doppelbödige, auf zwei Zeitebenen erzählte Geschichte umzusetzen. Die Liebesgeschichte zwischen Hermann Bremer, dem Marinesoldaten mit dem Reiterabzeichen, der zum Endkampf um Hamburg in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs verpflichtet worden ist, und Lena Brücker, die in der Lebensmittelbehörde arbeitet und Bremer zum Desertieren bringt, ist eine Geschichte von Glücksverlangen und Widerstand, von einer Atempause spontaner Nähe und vom wiedererweckten Geschmackssinn als Tor zu einer anderen Welt. Isabel Kreitz rückt die sinnliche, mutige und warmherzige Lena Brücker in den Mittelpunkt, schafft in ständig wechselnder Perspektive, mal nah, mal fern, mal in kleinen Auschnitten, mal in der Totale, ausdrucksstarke Bilder, die nicht selten ganz ohne Worte auskommen, und wenn Isabel Kreitz Worte wählt, dann klug und die richtigen Akzente setzend, bis hin zu dem wunderbar hamburgischen Ausruf des Erstaunens: „Mann in der Tonne!“
Verlust und Erinnern
Die Novelle ist aber auch eine Geschichte über das Erzählen, über das Erinnern und die Sinne, auch eine Geschichte des Verlustes. Denn diese zufällige und doch geistesgegenwärtige Art, wie Lena Brücker die Currywurst und den unvergleichlichen Reiz dieses neuartigen Geschmacks entdeckt, passt zur Aufbruchsstimmung und positiven Anarchie der unmittelbaren Nachkriegszeit. Sorgfältig hat Isabel Kreitz für ihre Bilder von Hamburg und den Interieurs recherchiert, und man entdeckt die Stimmung von Angst und Bedrohung, Zerstörung und Hoffnung, Liebe und Existenzkampf wieder auf ihren Bildern. Heute sind unsere Hoffnungen verbraucht und unsere Sinne verklebt. Wir brauchen eine neue Dosis sinnlicher Reize, eine neue Lena Brücker, die die richtige Gewürzmischung für uns mischt, soviel ist man klar, Mann in der Tonne!
Dr. Martin Hielscher
ist Programmleiter Literatur beim Münchner Verlag C.H. Beck.
ist Programmleiter Literatur beim Münchner Verlag C.H. Beck.
Text-Copyright: Goethe-Institut Toronto
Bild-Copyright: 2005 Isabel Kreitz und Carlsen Verlag GmbH, Hamburg
arts2@toronto.goethe.org
2006
Isabel Kreitz
Webseite der Künstlerin beim Carlsen Verlag







