Umwelt

Recycling – damit liegen Sie richtig!

Wenn man die Recycling-Station der Tzu-Chi-Stiftung betritt, dann sieht man unter dem einfachen Regen- und Windschutz einer Wellblechhütte eine Gruppe von Leuten auf Hockern sitzen. Sie unterhalten sich, während sie das recycelte Material sortieren. Es geht sehr lebhaft zu, man fühlt sich fast ein paar Jahrzehnte zurückversetzt in die Zeiten der Festländersiedlungen oder der Großfamilien, die nach dem Essen beim Tee Familienangelegenheiten besprachen. Die älteren ehrenamtlichen Helferinnen rufen mir zu, eine sagt: „Kommen Sie doch vorbei, wenn Sie Zeit haben. Fangen Sie einfach an und fragen Sie, wenn Sie etwas nicht wissen, dann geht es leicht von der Hand.“

Hier werden die rein weißen Teile des gesammelten Papiers herausgeschnitten - für noch gründlicheres Recycling. Foto von Lin Szu-yin

Zwei alte Frauen sitzen inmitten eines Haufens von altem Papier und schneiden ganz routiniert die nicht bedruckten Ränder vom A4-Druckerpapier ab. „Die rein weißen Teile sind wertvoller! Ich bin schon in aller Frühe um halb sechs gekommen und habe schon zwei Stapel Papier fertig bearbeitet.“ Die alten Damen reden und lachen, doch ihre Hände und Augen arbeiten ohne Pause. Nebenan sind fünf ehrenamtliche Helfer mit dem Herausziehen der Kupferdrähte aus Kabeln beschäftigt. Mit aller Sorgfalt trennen sie die Kunststoffisolierung der Kabel auf und entnehmen dann die Kupferader darin, die wiederverwertet werden kann. Da kommt eine tief gebeugte alte Frau herein, die einen Stapel eingesammelter Kartons hereinschiebt, der etwa so hoch ist wie ihre eigene gebeugte Gestalt. Gestützt durch ihr Metallkorsett sagt sie, dass, wenn sie ihren Wagen auf der Straße vor sich her schiebt, hat sie beim Einsammeln von wiederverwertbarem Material viel Gelegenheit, mit den Leuten in Kontakt zu kommen. Das lässt sie ihre körperlichen Gebrechen vergessen.

Eine solche Szene ist in Taiwan leicht anzutreffen. Im Jahr 1990 sagte die Vorsitzende der karitativen buddhistischen Organisation Tzu Chi, die Nonne Cheng Yen, in einem Vortrag: „Jeder, der hier in die Hände klatscht, sollte sie dazu benutzen, um Umweltschutz zu praktizieren.“ Bis zum heutigen Tag haben sich in ganz Taiwan 70.000 ehrenamtliche Umweltschutzhelfer gefunden. Es wurden 4500 Recycling-Stationen eingerichtet, wo tagtäglich Umweltschutz praktiziert wird. Diese Kraft hat auch auf die Landsleute in Übersee ausgestrahlt und sich allmählich auf der ganzen Welt verbreitet. Statistiken zufolge hat sich die Menge gesammelten recyclingfähigen Materials von 850.000 Tonnen pro Jahr vor 20 Jahren auf 2,74 Mill. Tonnen im Jahr 2009 erhöht. Von allen in Taiwan recycelten PET-Flaschen gingen rund ein Drittel durch die Hände der fleißigen Helfer der Tzu-Chi-Stiftung.

Eine Gruppe junger Leute hilft beim Sortieren von Flaschen. Foto von Lin Szu-yin


Der Chef bringt seine Beschäftigten mit, der Lehrer seine Schüler - häufig kommen ganze Gruppen von Menschen zu den Recycling-Stationen von Tzu-Chi, um einen Tag lang beim Recycling mitzuhelfen. Sie lernen dadurch den Wert unserer Ressourcen schätzen und lernen dabei eine anregende Lektion in Sachen Umweltschutz. Außerdem stellen diese Stationen den in der näheren Umgebung lebenden älteren Menschen einen Treffpunkt zur Verfügung. Mittags gibt es auch noch ein einfaches Mittagessen und sie haben vielfältige soziale Kontakte, die ihrer Gesundheit gut tun. Aus der Recyclingpraxis lernen sie auch erneut den Wert des Lebens und der Natur kennen. Dies hat eine eindeutig positive Wirkung auf die körperliche und mentale Gesundheit der alten Menschen. Ich habe auch gesehen, wie sich Verwandte und Freunde von mir durch ihre Arbeit als ehrenamtliche Umweltschutzhelfer verändert haben. Ihren erfrischenden Elan fand ich bewundernswert. Wir wissen ja überhaupt nicht, wieviel Papier wir jeden Tag im Büro bedrucken. Und nun gibt es doch tatsächlich diese Leute, die in aller Stille die weißen Flächen von jedem Blatt Papier abschneiden und damit jede Gelegenheit wahrnehmen, Ressourcen zu schonen. Ein solches Vorgehen dürfte sich anhand von Wirtschaftslehrbüchern, in denen es um Gewinnmaximierung geht, kaum erklären lassen.


Hier wird das Kupfer aus alten Kabeln gezogen. Foto von Lin Szu-yin.


Erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist, dass die Tzu-Chi-Stiftung weltweit erstmals vor kurzem eine Identifikationskarte für Textilien eingeführt hat, anhand derer Angaben zum Herstellungsprozess und Lebenszyklus von Textilien zurückverfolgt werden können. So kann man den Konsumenten gegenüber klare Rechenschaft ablegen über den Herstellungsprozess. Beispielsweise geht daraus hervor, dass ein Kleidungsstück seinen Ursprung in sechs PET-Flaschen hat, die am 12. März 2010 an einer Tzu-Chi-Recyclingstation gesammelt wurden. Im August wurde daraus Da.Ai-Zwirn hergestellt, der im September zu Stoff verarbeitet wurde. Das Kleidungsstück wurde dann im Januar 2011 produziert. Durch einen solchen Wiederverwertungsprozess werden dem Globus 145 Gramm CO2 erspart und es werden 3 ml Öl und 510 ml Wasser eingespart! Durch diese äußerst gründliche Verwertung sind solche Produkte auf dem Markt zwar noch nicht „konkurrenzfähig”, doch bietet sich dadurch umweltbewussten Konsumenten eine zusätzliche Alternative. Auch wer kein Geld hat, um solch ein Produkt zu kaufen, kann durch mehr Diskussion über und Beachtung für diese Produkte dazu beitragen, dass sie mehr Unterstützung finden!



LIN, Szu-yin

Research Assistant, School of Forestry and Resource Conservation, National Taiwan University. She holds two master degrees of forestry, one in NTU, and one in Freiburg U. (MSc. Environmental Governance). She had actively participated in international climate change activities, such as COP13, COP14 of UNFCCC, Asian Young Leaders Climate Forum organized by British Council, and helped on-site auditing of A/R CDM project in China. “Is large-scale cooperation the best way to solve climate change problems? What could we do, on a personal level, to treat our mother nature in a better way?”, she asked herself. Recently, she is in love with Tai-chi chuan and is still finding a way towards a modest and balanced life.

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