Prag als Grenzort

Der Mädchenkrieg

© Studio Hamburg Enterprises GmbH
© Studio Hamburg Enterprises GmbH
Regie: Alf Burstellin, Bernhard Sinkel
BRD 1976


Im Mädchenkrieg wird die menschliche Grenze zwischen Deutschen und Tschechen während der Zeit des Protektorates beschrieben, die selbst durch Familien lief und Täter von Opfern trennte.
Der Film erzählt die Geschichte dreier Schwestern, die im Prag der 1930er und 1940er Jahre erste Schritte in ein eigenständiges Leben unternehmen. Prag wird als Weltstadt in der Mitte Europas beschrieben, als Ort der „genau 400km zwischen Berlin und München, den Metropolen der Nationalsozialisten“ liegt.

Die Gesellschaft Prags in den 1930er Jahren wirkt steif und unbeholfen, die Menschen scheinen gefangen im Korsett der Erwartungen von Familie und sozialem Umfeld. Töchter mussten „kontrolliert“ werden, junge Männer ein gutes Gehalt und Manieren vorweisen. Dennoch ist die Atmosphäre im Film zunächst entspannt, fast gelöst. Man spürt die Ahnungslosigkeit der jungen Mädchen.  

Die Grenze zwischen den Menschen

Der Kaufmann Sellmann, Vater der Mädchen, kann zunächst nicht verstehen, warum sein tschechischer Arbeitgeber „ausgerechnet mich und ausgerechnet jetzt“ nach Prag geholt hat, woraufhin dieser Antwortet: „Sie sind kein Nazi.“ Als eines der Mädchen, Sophie, Tschechisch lernen will, äußert der Vater Unverständnis. Ihre Schwester Christine, die kurze Zeit später einen Tschechen kennen lernt (den sie im Verlauf des Filmes heiratet), bemerkt sofort, dieser spreche „Deutsch wie wir.“ Es wird klar, dass auch jene Deutschen, die nicht den Nationalsozialismus unterstützen, Tschechien gegenüber eine ignorante Haltung einnehmen, obgleich sie in diesem Land leben. Die Grenze stellt sich hier als menschliche Barriere dar, nicht als administrative Linie. Dies wird im weiteren Verlauf des Filmes noch mehrfach deutlich. Als Sophie auf einem Empfang gefragt wird woher sie käme, antwortet sie, dass sie Deutsche sei. Daraufhin fragt der Gastgeber bestürzt: „Reichsdeutsche?“ Erneut begreift der Zuschauer, dass es eine Grenze zwischen Menschen ist, um die es sich im Film handelt.  

Besatzung und Widerstand

Mit der Besatzung in „Böhmens und Mährens“ durch die Nationalsozialisten 1938 kippt die Stimmung im Film. Die Grenze verläuft nun zwischen den deutsch-tschechischen Eheleuten. So sagt Sophie, Prag sei nun „fast eine deutsche Stadt“, woraufhin ihr Mann erwidert, sie habe Prag „schon vor den Nazis erobert.“ Auch innerhalb der Familie tut sich eine Grenze auf. Während die älteste Schwester, Christine, mit den Nazis kollaboriert und davon wirtschaftlich profitiert, gleichzeitig aber ihren tschechischen Ehemann von sich entfremdet, unterstützt die jüngste, Katharina, den kommunistischen Widerstand.
Johannes Rüger
Studium der Politikwissenschaften in Düsseldorf und Prag, später Osteuropaforschung in Giessen. Tätigkeit als freier Journalist in Serbien, Bosnien und Kosovo, mit Themenschwerpunkten im Bereich Kultur, Minderheitenpolitik und Vergangenheitsbewältigung.

Goethe-Institut Prag
März 2013
Links zum Thema

Magazin des Goethe-Instituts in Tschechien