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Himbeeren und Kahlschlag, soweit das Auge reicht

Foto: © Ester Dobiášová
„Wenn du auf den Kamm steigst, inmitten dieser Kahlfläche, weißt du, was du dann hörst?“ fragt Alois. Ich habe keine Ahnung. „Nichts. Es ist absolut still, dort gibt es kein Leben. Und der Erdboden hat an der Oberfläche mehr als vierzig Grad.“ Ich schweige. Foto: © Ester Dobiášová

Nordmähren. Schon seit zwei Jahren verbinde ich damit vor allem apokalyptische Szenerien verschneiter Hügel, aus denen Baumstümpfe und abgeschnittenen Äste wie die Gebeine der Toten hervorragen. Hier und da schwankt ein Überlebender im Wind, wie um von der Katastrophe zu erzählen, die sich hier ereignet hat.

Die gebrechlichen Könige der kahlen Hügel. Ich will sie sehen. Die aus Fachartikeln und Gesprächen angehäuften Informationen mit konkreten Orten verknüpfen. Mein Reiseführer ist ein Freund: Alois*, Verwalter und Beschützer dieses Königreichs. Er war es auch, der als erster auf die ausgedehnten Kahlflächen aufmerksam machte. Die Medien hatten daran bisher kein Interesse gezeigt. Er verspricht, mir auch Orte zu zeigen, an denen die Welt in Ordnung ist und wo die Welt, nicht nur dank ihm, wieder in Ordnung ist. Ich packe einen Apfel ein, Trekkingschuhe und ein paar Freunde.

„Zehn, fünfzehn Kilometer sind ok?“ fragt Alois zu Beginn der Wanderung. Klar. Wer hätte gedacht, dass er die Kilometer für den Rückweg nicht mitzählt. Sein Revier hat 1300 Hektar, „so eintausenddreihundert Fußballfelder“, hilft er unserer Vorstellungskraft auf die Sprünge. Er gibt ein schnelles Tempo vor, bei dem ich kaum mithalten kann. Zum Glück redet vor allem er, ich spare meinen Atem für den Hügel. Bald bleiben wir im Schatten eines so genannten Vorwaldes aus Birken und Erlen stehen, unter ihnen drängen sich Tannen, Fichten, Buchen, Eichen und Lärchen hervor. Alois macht uns mit den besten Freunden dieser schattenliebenden Bäume bekannt, die im Försterjargon Pionierbaumarten genannt werden.

Die Birke, der beste Freund unter der Sonne

Die Birke zum Beispiel eignet sich hervorragend für die spätere Bewaldung von Kahlflächen. Sie wächst sehr schnell, ihre weiße Rinde widersteht hohen Temperaturen und spätem Frost, sie trägt eine riesige Menge an Samen und kann sich fast überall geeignete Bedingungen zum Wachstum schaffen. Auf Kahlflächen bereitet sie dem zukünftigen Wald ein günstiges mikroklimatisches Umfeld und den entsprechenden Boden, so dass der Schlusswald dies nicht selbst erledigen muss. Die Birke unterstützt auch die Durchlüftung des Erdreichs. Dies ist eine willkommene Hilfe bei der Erneuerung von stark lehmhaltigem und zersetztem Boden, damit das Leben in ihn zurückkehren kann. Und nicht nur das, denn schon eine zehnjährige Birke kann mit ihrem Wurzelsystem bis in eine Tiefe von sechzig bis hundert Zentimetern unter der Oberfläche vordringen und so dazu beitragen, dass fortgeschwemmte Nährstoffe aus den unteren Schichten nach oben transportiert werden. So kann sie diese den Sämlingen der schattenliebenden Bäume als schmackhafte Nahrung anbieten.

Die Waldkathedrale

Alois’ Erklärungen werden vom Wald selbst bestätigt, der vor uns liegt. Ich knipse ein paar Fotos und wir gehen weiter. Wir durchqueren die „Waldkathedrale“, wie sie Alois nennt. Das ist einer der schönsten Abschnitte seines Reviers mit hochgewachsenen, zwanzigjährigen Birken, Buchen, Eichen mit Hohlräumen für Vögel, mit Eschen, Ahornbäumen, kleineren, aber beharrlichen Fichten und Lärchen, „ die Könige der Sonne und des Windes,“ ergänzt er. Mit der Frage „Und was ist das hier?“ kommt in ihm der Leiter einer örtlichen Kindergruppe zum Vorschein. Er verrät es selbst: „Eine Tollkirsche.“ Wir machen ehrfürchtig einen Bogen um das Kraut mit den giftigen schwarzen Augen.


Was machen mit naschsüchtigem Wild?

„Diese Umzäunung haben vor ein paar Tagen Freiwillige repariert“, zeigt er uns einen stabilen Zaun, der einen Teil des Waldes entlang des Weges umspannt. „Damit haben sie mir sehr geholfen. Sie mussten ihn mehr oder weniger Pfosten für Pfosten reparieren“, fügt er hinzu und lässt uns hinein.

Anstelle verkümmerter und schwächlicher Tannen-Sämlinge, auf die wir noch treffen werden, erstreckt sich vor uns ein üppiger und vor Leben strotzender Bewuchs von Tannen unterschiedlicher Größen. Über ihnen erheben sich ihre gigantischen „Mamas“ und spenden ihnen den so dringend benötigten Schatten. Tannen, genau wie Fichten und Buchen, sind schattenliebende Bäume, ihr Wachstum in Symbiose mit Vorhölzern hilft auch Eichen und Kiefern.

„Wenn ich Buchen und Linden auf dem kahlen Hang ohne Pionierbaumarten wie zum Beispiel Birke, Erle oder Eberesche anpflanze, halten sie es in der Sonne nicht aus. Ganz abgesehen davon, dass sie vorher vom Schalenwild [Begriff aus der Jägersprache u.a. für Rehe und Wildschweine, Anm. d. Red.] aufgefressen werden“, weist Alois auf eins der drängendsten Probleme der heutigen Forstwirtschaft hin – die Überpopulation von Reh- und Hochwild, das gerne an Ahorn oder Esche knabbert.

„Die Überpopulation von Wild macht jede Art von sinnvoller Erneuerung des Waldes unmöglich, ihre Reduktion ist einfach notwendig, eine andere Lösung gibt es nicht“, sagt er entschieden. Denn obwohl Nordmähren für sie wie geschaffen scheint, sind Wölfe, natürliche Feinde der Rehe, hier nur auf der Durchreise. Für mich als Vegetarierin ist es nur schwer verdaulich, dass man eine gewisse Menge des Schalenwilds entfernen, also töten muss. „Du musst das aus der Sicht einer Ökologin sehen“, erklärt er mir, „wo es zu viel Wild gibt, dort wird niemals ein widerstandsfähiger und gesunder Wald wachsen. Ein Baum ist die Heimat von unzähligen Organismen und einer Menge verschiedener Insektenarten, er ist die Nahrung für andere Lebewesen, die nur wegen ihm hier leben können. Vögel bauen sich in ihm ihre Nester, wie zum Beispiel der stark bedrohte Dreizehenspecht, aber auch andere, genau so wichtige Federtiere. Keiner von ihnen kann bei einer Überpopulation von Wild hier überleben. Es wäre sozusagen eine Art tierischer Rassismus, eine Art den anderen vorzuziehen.“

Der Wald ist das Gesetz

Bei Alois’ Tempo erkenne ich kaum, dass wir an einem dichten Himbeergebüsch entlanggehen. Dann machen wir eine Pause und mir wird klar, was das für rosa Schlieren in meinen Augenwinkeln waren, und ich stürze mich gleich darauf. Auch seine Hündin, die uns begleitet, greift zu. „Die sind klein, haben nicht genug Wasser“, erklärt Alois. „Dafür sind sie aber öko, bio, lokal, fairtrade und vegan!“ scherzt er. Und wenn da Würmer drin sind? „Dann haben wir sogar Fleisch aus Freilandhaltung“, spöttelt er ohne zu zögern. Aus der Quelle konnten wir nicht trinken, weil der Grundwasserspiegel gesunken ist.

Langsam verlassen wir die besänftigende Kühle und den Schatten des Mischwaldes, der uns mit Optimismus und Hoffnung erfüllt. Denn bei allem, was wir gleich sehen werden –und sei die Katastrophe noch so groß – schreitet neben uns ein Revierförster, der die Erfahrung, Energie und Geduld hat, um von Neuem zu beginnen und alle Möglichkeiten der ökologisch und ökonomisch schonenden Bewirtschaftung zu nutzen. Seine Arbeit könnte aber um einiges leichter sein, wenn ihm das veraltete tschechische Waldgesetz keine Steine in den Weg legen würde.

Für eine Gesetzesänderung setzt sich zurzeit besonders die NGO Hnutí DUHA (Bewegung REGENBOGEN) im Rahmen ihrer Kampagne Rettet die Wälder (Zachraňme lesy) ein. Die Gesetzesnovelle ist also ein brennendes Thema nicht nur im Landwirtschaftsministerium, dem Umweltministerium, zwischen Förstern und Waldbesitzern, sondern erreicht auch die Öffentlichkeit. Die Petition haben bereits mehr als 45.000 Menschen unterschrieben. Das Motto der Kampagne lautet „Leben dorthin zurückbringen, wo es hingehört“, was sich für uns bald als passende Parole herausstellen soll.

Himbeeren und Kahlflächen, soweit das Auge reicht

Wir kommen an kleineren, hektargroßen Kahlflächen vorbei. Für jede einzelne muss Alois einen individuellen Ansatz und gegebenenfalls auch ein individuelles Vorgehen der Bewaldung entwickeln. Er erschafft die Idee von einem Wald, die sich in hundert, zweihundert Jahren erfüllt. In die Luft malt er uns mit dem Finger, wo und warum er eingreifen, wohin er was pflanzen will, und wo er mehr Platz lässt für eine natürliche Verjüngung. Ein richtiger Wald-Designer, denke ich. Eine von vielen Fertigkeiten, die er als Revierförster beherrschen muss.

Auf dem Hügel vor uns ragt ein Militärradar wie ein Leuchtturm empor und dahinter, „endlich“ – ein Meer von Baumstümpfen, das sich wie in Wellen über die umliegenden Hügel ergießt. Kahlflächen unterscheiden sich stark von winterlichen Szenerien. Die Baumstümpfe verlieren sich hier und da in der goldenen Hainsimse und hinter Büschen von Greiskräutern, auch die violetten Blüten des Weidenröschens lenken den Blick auf sich. Sie erinnern mich an eine Steppe und als Fotografin kann ich nur schwer abstreiten, dass sie auf ihre Art ästhetisch sind.


„Noch vor zwei Jahren waren hier überall Wälder“, holt mich Alois zurück in die weit beklemmendere Realität und umspannt mit ausgebreiteten Armen den Ausblick auf die kahlen Hügel, die sich über den gesamten Horizont ziehen. Auch dahinter gibt es Kahlschläge, viermal mehr, als man es von unserem Aussichtspunkt sehen kann. Mir wird bewusst, dass er sich nicht nur an die Wälder erinnert, die hier früher standen und die er gern hatte, sondern dass es wahrscheinlich auch er war, der die ersten, vom Borkenkäfer befallenen Fichten für die Abholzung markierte. Und dabei musste er dem Gesetz nach vorgehen und zur Sanierung des Waldes etwa hunderttausend Hektar Fichtenwald roden lassen. Und es wird noch mehr Kahlschlag geben. Ich kann mich nur schwer in seine Situation hineinversetzen.

„Wenn du auf den Kamm steigst, inmitten dieser Kahlfläche, weißt du, was du dann hörst?“ fragt er. Ich habe keine Ahnung. „Nichts. Es ist absolut still, dort gibt es kein Leben. Und der Erdboden hat an der Oberfläche mehr als vierzig Grad. Das ist wie in Der stumme Frühling von Rachel Carson.“ Ich schweige. „Ich und meine Kollegen haben die Befürchtung, dass vielleicht die Mykorrhiza, das unterirdische Netz der Pilze, zerstört ist, und dass die Gemeinschaft der Organismen im Erdreich nicht mehr existiert. Das alles ist für die Erneuerung des Waldes entscheidend.“

Hoffnung ist besser als Resignieren

Jeder Revierförster geht anders mit einer Katastrophe um. Manche geben sich selbst die Schuld und leiden unter Gewissensbissen, obwohl vor allem die sich verschlechternden klimatischen Bedingungen an der Borkenkäferplage schuld sind: die Trockenheit und die ungleichmäßig verteilten oder überhaupt nicht vorkommenden Regenfälle, die Überpopulation der Borkenkäfer und die veraltete Gesetzeslage, die den Förstern in vielen Bereichen die Arbeit erschwert. Andere Revierförster kapitulieren unter dem Druck der Kritik erneuern Kahlschläge genau nach konservativer Vorgehensweise – sie pflanzen dort wieder Fichten und andere Klimax-Hölzer. Also solche Bäume, die keine direkte Sonneneinstrahlung mögen und unter einem elterlichen Baum versteckt sein wollen, oder zumindest unter Adoptiveltern wie Eberesche, Zitterpappel, Birke und Palmweide.

Alois würde ich zu jenen zählen, die sich mit dem Problem abgefunden haben und jetzt versuchen, eine Lösung zu finden, die im Einklang mit den Gesetzen der Natur steht. Eine ökologische und ökonomische. Die Fichtenkatastrophe hat seiner Meinung nach eine einzige positive Seite: sie gebe uns die Gelegenheit, von vorne zu beginnen und aus den Fehlern zu lernen.

Dennoch stehen alle Förster unter Druck. Das ist nicht verwunderlich. Von einem Jahr auf das andere haben sie hunderte Hektar Wald verloren, den sie innerhalb von zwei Jahren wieder aufforsten müssen. Dabei ist das, was sie vor allem brauchen, Zeit und hochwertige Setzlinge, an denen es ebenso mangelt. Und auch wenn es sie gäbe, würden sie von der Überpopulation an Wild aufgefressen. Ein ewiger Kreislauf. Noch dazu ist es ihre Pflicht, befallene Bäume sofort zu entseuchen. Dabei haben Waldarbeiter der Vertragsfirmen nicht ausreichend Kapazitäten, und deswegen kann nicht so schnell und flexibel reagiert werden, wie es nötig wäre. Die Forstverwaltungen haben außerdem weder eigene Forstarbeiter noch technische Gerätschaften.

„Ich habe hier also Arbeiter aus dem Ausland, dann vor allem aus der Ukraine, die noch nicht mal ausreichend qualifiziert sind und zum Wald keine Beziehung haben, sie wollen nur Geld verdienen“, beklagt sich Alois. „Die Ahornbäume haben sie zum Beispiel ganz woanders hingepflanzt, als ich ihnen gezeigt hatte, und ein paar Pakete Setzlinge haben sie unter Reisighaufen versteckt, damit sie sie nicht einsetzen mussten. Außerdem muss ich sie öfters kontrollieren und kann mich nicht wirklich auf sie verlassen, was schade ist.“ Diese Unannehmlichkeiten und Kontrollen rauben den Revierförstern Energie und Zeit, und daran mangelt es ihnen ohnehin schon.

Ein Gesetz, das Förstern keine Steine in den Weg legen würde

Unsere Reise neigt sich dem Ende entgegen. Ich bin durchgeschwitzt, die Beine schmerzen und ich habe Hunger. Alois sieht aus, als wäre er nur mal eben ums Haus gelaufen. Ich habe den Kopf voller Gedanken, Beobachtungen und neuer Informationen. Ich bin dankbar, dass ich wenigstens einen kleinen Einblick in die Gedankenwelt und das berufliche Leben eines Försters erhalten habe, dem daran gelegen ist, dass wir unsere Wälder nachhaltig und im Einklang mit der Natur bewirtschaften, für den aber auch der ökonomische Nutzen zählt. Er weiß, dass es einen Weg gibt, diese beiden Interessen miteinander zu verbinden.

* Name geändert. Die Redaktion kennt die Identität des Försters, der gerne anonym bleiben möchte.

Übersetzung: Hana Sedláček

Dieser Text ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0).
September 2019

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