Kultur

Schreib, wir brauchen die Punkte!

Foto (Ausschnitt):  nicoleleec, CC BY 2.0

Die Sommer-Challenges auf Livejournal

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Foto (Ausschnitt): nicoleleec, CC BY 2.0

Seit 2010 tippen sich jeden Sommer deutsche Hobbyautoren auf Livejournal die Finger wund. Die feine Kunst des Schreibens mutiert dort zu einem erbitterten Wettkampf, bei dem jedes einzelne Wort zählt – aber erst, wenn es veröffentlicht ist.

„Wir haben noch zwei Tage, um Platz zwei zu ergattern“, schreibt Userin Luinaldawen am 28. September 2012 im Forum des Team Kaléko. „Also schreiben, schreiben, schreiben!“ Im Skypechat eines gegnerischen Teams verkündet zeitgleich der stellvertretende Kapitän: „Dickinson hat schon wieder fünf Geschichten gepostet. Ich geh jetzt einkaufen und wenn ich zurückkomme, will ich, dass meine ganze Friendslist voller blauer Blumen ist!“

Die blaue Blume ist das Wappen von Team Novalis, das als eines von vier Teams an den Sommer-Challenges 2012 teilgenommen hat – einem Wettbewerb auf dem sozialen Netzwerk Livejournal. 2007 wurde unter dem Namen „120 Minuten“ ein Schreibprojekt gegründet, das gegen Schreibblockaden kämpft. Mindestens einmal pro Woche wird ein Begriff oder ein Zitat gepostet, von dem sich die Mitglieder zu einer Geschichte inspirieren lassen. Diese soll innerhalb von zwei Stunden geschrieben und veröffentlicht werden. Das Projekt entwickelte sich schnell zu einer der aktivsten deutschen Schreib-Communities. 2010 riefen die Betreiber schließlich die Sommer-Challenges ins Leben. Diese finden jedes Jahr von Juli bis September statt.

Sandwich, Flotter Dreier und Weltherrschaft

Basis für den Wettbewerb sind mehrere Tabellen mit jeweils neun Challenges. 2010 und 2011 gab es bunt gemischte Tabellen mit Denkanstößen wie „Fesseln“, „Was wäre wenn“ oder „Hat jemand den Kopf gesehen?“. 2012 wurde jede Tabelle zusätzlich einem Genre zugeordnet. Die Aufgabe der etwa fünfköpfigen Teams besteht darin, möglichst viele Challenges abzuarbeiten und dafür Punkte zu kassieren. Pro Geschichte gibt es einen Punkt, aber wenn ein Team mehrere Challenges aus der gleichen Tabelle schreibt, erhält es Bonuspunkte. Wird zum Beispiel die oberste und unterste Reihe einer Tabelle ausgearbeitet, hat das Team ein sogenanntes „Sandwich“ und somit zwei Bonuspunkte erzielt. Wenn nur eine Reihe geschrieben wird, liegt ein „Flotter Dreier“ vor, der einen Zusatzpunkt beschert. Fünf Sonderpunkte bekommt nur, wer eine ganze Tabelle abgeschlossen und somit eine „Weltherrschaft“ errungen hat.

Belagerungszustand im September

Im Juli teilen die Teams die Challenges nach den Vorlieben ihrer Mitglieder unter sich auf. 2012 spezialisierten sich zum Beispiel Krimiliebhaber auf die Thriller-Tabelle, während andere Autoren lieber die Fantasy-Tabelle abarbeiteten. Besonders spannend wird es ab August, wenn sich die hartnäckigsten Vielschreiber herauskristallisieren und untereinander private Fehden entwickeln. Spätestens dann treffen die Teams sich in hochvertraulichen Chats, wo sie sich bei gemeinsamen Schreibsitzungen anfeuern oder die Arbeitsstrategien ihrer Gegner analysieren.

Ende September erreicht der Wettbewerb schließlich die heißeste Phase. Zu später Stunde wird selbst die müdeste Muse noch mit Kaffee und Schokolade bestochen und auf die Tastatur losgehetzt Das bis dahin beste Team gerät in einen heftigen Belagerungszustand, weil selbst eine Minute vor Mitternacht noch die Geschichten der Gegner in den HTML-Editor gefeuert und in letzter Sekunde abgeschickt werden.

Heldenreise 2013

Im Oktober kühlen die Teilnehmer dann mit Eisbeuteln und Voltaren ihre Handgelenke, während der finale Punktstand ermittelt und das erfolgreichste Team zum Sieger gekürt wird. Dass es keinen materiellen Preis gibt, stört niemanden. Die Anzahl der Beiträge stieg zwischen 2010 und 2012 sogar von 320 auf 400 an. Die Geschichten selbst sind zwischen 300 und 2000 Wörtern lang und stammen aus zahlreichen Genres. Seit 2012 werden zunehmend auch längere Geschichten veröffentlicht, die aus mehreren zusammenhängenden Kapiteln bestehen.

Auf diese Entwicklung möchten die Betreiber mit einer ganz besonderen Tabelle reagieren. Diese ist von Narrationstheorien wie der Heldenreise von Christopher Vogler inspiriert und wird die neun elementaren Teile einer Geschichte enthalten – Anfang, Höhepunkte, Ende und dazwischen noch vieles mehr. Die Teams, die diese Tabelle abschließen, werden also gemeinsam eine vollständige Geschichte verfassen.

Weltruhm statt Weltherrschaft?

Bisher hat es noch keine der Geschichten in eine Buchhandlung geschafft, aber darum geht es den Betreibern auch nicht. Sie konzentrieren sich weiterhin auf das Bekämpfen von Schreibblockaden. „Die Sommer-Challenges sind ein ganz besonderes Erlebnis, weil sie den Schreibprozess in einen Wettbewerb verwandeln und dadurch entmystifizieren“, erklärt Veronika Christen, eine der Organisatorinnen. „Konkurrenzdruck und Teamgefühl sind so stark, dass die Autoren auch an Stellen weiterschreiben, an denen sie sonst aufgeben würden – einfach weil sie die Punkte wollen. Natürlich kommen keine perfekten Romane dabei heraus, aber die Teilnehmer lernen Selbstdisziplin und das Überwinden ihrer Perfektionsansprüche. Letztendlich ist der Wettbewerb aber auch ein spannendes Selbstexperiment. Wer versucht, zehn Kurzgeschichten an einem Tag zu schreiben, gerät wirklich an die Grenzen seiner Kreativität und entdeckt dort ungeahnte Energien und Ideen. Deshalb freuen wir uns sehr, wenn es dieses Jahr wieder heißt: An die Tasten, fertig, los!“

Caroline Braun

Copyright: To4ka-Treff
Juni 2013
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