Leben

Wie organisiert man Versöhnung?

Foto: © Meeting Brno
Jaroslav Ostrčilík während des Versöhnungsmarsches 2017

Der Georg-Dehio-Kulturpreis des Deutschen Kulturforums östliches Europa ging 2017 an Jaroslav Ostrčilík. Er erhielt ihn für seinen Beitrag zur Auseinandersetzung mit der Vertreibung der Deutschen aus Brno (Brünn) in der Nachkriegszeit. Ostrčilík hat unter anderem den Versöhnungsmarsch (Pouť smíření) initiiert. Dabei gedenken die Teilnehmer an den so genannten Brünner Todesmarsches vom Mai 1945, indem sie dessen Strecke in umgekehrter Richtung ablaufen. Tereza Semotamová hat mit dem Preisträger gesprochen.

Welcher Ereignisse aus der Geschichte der Stadt Brno und der Tschechischen Republik sollte man gedenken?

Allen, aber manche davon wurden bisher kontrovers wahrgenommen. Die Feierlichkeiten des ruhmreichen Sieges über die schwedischen Besatzer während des Dreißigjährigen Krieges sind eine nette und für die Identität Brünns wichtige Folklore. Dunkle Kapitel der Geschichte Brünns und Tschechiens wie den Holocaust, den Naziterror oder die Gewalt der Nachkriegszeit sollten wir aber viel intensiver reflektieren. Das alles brach in Brünn unmittelbar danach aus, als Ende April 1945 die Front die Stadt passierte. In den Straßen kam es zu Gewalt und Erniedrigung derer, die als Deutsche bezeichnet wurden. Frauen wurden in der Nacht zum „Kartoffelschälen“ verschleppt. Nach ein paar Tagen wurden erst die Männer, später auch die Frauen und Kinder aus ihren Häusern in Schulen, Turnhallen oder Sammellager getrieben. Eins davon war das Kounic-Wohnheim. Während des Krieges ein Gefängnis und Hinrichtungsstätte der Gestapo. Auch nach dem Krieg geschahen dort schreckliche Grausamkeiten, im Lauf dieses blutigen Sommers wurden angeblich 1800 Tote von dort weggebracht.

Der Höhepunkt der damaligen Geschehnisse war sicher der sogenannte Brünner Todesmarsch, als in der Nacht auf den 31. Mai 1945 25.000 bis 27.000 Frauen, Kinder und ältere Männer aus der Stadt geführt wurden – Männer unter sechzig blieben in Brünn zur Zwangsarbeit. Ohne Wasser, Essen und medizinische Hilfe, der Gewalt der oftmals jugendlichen Arbeiter der Waffenfabrik ausgeliefert, liefen ihre Familien währenddessen zur 32 Kilometer entfernten österreichischen Grenze. Sie schafften etwa die Hälfte des Wegs und erreichten die kleine Stadt Pohořelice (Pohrlitz). Von dort aus sind die meisten auf eigene Faust nach Österreich weitergezogen, etwa viertausend Menschen durften nach Brünn zurückkehren und andere blieben in einem Sammellager. Hunderte von ihnen sind dort an Infektionskrankheiten oder durch Gewalt gestorben. Mit den Menschen, die auch noch hinter der österreichischen Grenze starben, waren es so insgesamt mindestens 2000, vielleicht aber bis zu 5000 Tote.

Dein Projekt hat eher bescheiden angefangen. Was hat dich dazu bewegt, diesen Marsch nachzulaufen?

Ich bin in der Zeit nach der Samtenen Revolution in Niederösterreich direkt an der tschechischen Grenze aufgewachsen. Und ich hatte in der Grundschule gleich mehrere Mitschüler, deren Großeltern aus Břeclav (Lundenburg), Valtice (Feldsberg) oder Mikulov (Nikolsburg) vertrieben worden waren. Also habe ich schon als Kind geahnt, dass etwas sehr Schlimmes passiert war, auch wenn bei uns kaum jemand über dieses Thema sprach. Nach dem Abitur bin ich zum Studieren nach Brünn zurückgekehrt und da habe ich die Einzelheiten erfahren. Es wollte mir nicht in den Kopf, wie innerhalb eines Sommers ein Viertel, wenn nicht sogar ein Drittel der Bevölkerung Brünns verschwinden konnte. Wie es zu dieser wahnsinnigen Gewalt kommen konnte und sich die Stadt auch schon durch den Holocaust bis zur Unkenntlichkeit verändern konnte. Aber keiner wusste etwas, beziehungsweise keiner wollte was davon wissen. Deshalb habe ich einen Weg gesucht, wie man an die Vertreibung der deutschsprachigen Brünner erinnern könnte – auf eine andere, auffällige und unübersehbare Weise.

Was diese bescheidenen Anfänge angeht: 2007 waren wir zum ersten Mal auf den Spuren der nach Pohořelice Vertriebenen unterwegs – zu dritt. Es haben sich mir, wahrscheinlich aus Mitleid, zwei Kommilitoninnen der Germanistik angeschlossen. Die ersten acht Jahre wurde die Aktion Gedenkmarsch genannt. Meistens waren wir zu fünft, manchmal waren es zehn, einmal sogar fünfzig. Mit der Zeit brachten die Gedenkmärsche und der Roman Die Vertreibung der Gerta Schnirch (Vyhnání Gerty Schnirch) von Kateřina Tučková die Geschehnisse aus der Nachkriegszeit zurück ins Bewusstsein der Brünner Öffentlichkeit. Dann war die Zeit reif, vom bloßem Erinnern einen Schritt weiter zu gehen.

Seit dem Jahr 2015 heißt die Aktion deshalb Versöhnungsmarsch (Pouť smíření). Man geht sie in entgegengesetzter Richtung als Symbol der Versöhnung, die nach Brünn zurückkehrt. Eine Versöhnung mit den Vertriebenen und mit sich selbst. Während die ersten Märsche eher Guerilla-Aktionen waren, ist die Wallfahrt der Versöhnung hervorragend organisiert. Es gibt Snacks und einen Shuttle-Bus über die gesamte Strecke, der krönende Abschluss ist ein Konzert im Garten der Abtei St.Thomas in Alt Brünn (Staré Brno). Zusammen mit den Helfern und Freiwilligen beteiligen sich gute zwei Dutzend Leute an der Aktion. Dazu gehört auch ein viertägiger journalistisch-historischer Workshop für Schüler der Mittelschulen aus Tschechien, Österreich und Deutschland. Letztes Jahr haben 119 Schüler aus sieben Schulen teilgenommen.


Was hat 2015 die große Veränderung gebracht ?

Im Herbst 2014 haben mich viele Menschen auf das bevorstehende Jubiliäum des Kriegsendes vor 70 Jahren angesprochen, und ob man aus dem Marsch nach Pohořelice nicht ein größeres Projekt machen sollte. So kam eine bunte Gruppe aus der Zivilgesellschaft, Kulturszene und auch der Brünner Politik zusammen. Eine so stark durchmischte Gemeinschaft ist in Tschechien immer noch ein Phänomen. Aus ihr ist das Jahr der Versöhnung hervorgegangen, das aus etwa achzig kulturellen Veranstaltungen bestand – Ausstellungen, Lesungen, Theatervorstellungen und Konzerten. Alle hatten im weitesten Sinne das Kriegsende zum Thema, also auch den Holocaust, den Naziterror und die Vertreibungen der Nachkriegszeit.

Und der unbestrittene Höhepunkt war eben der Versöhnungsmarsch, zu dem am Ende tausend Leute zusammenkamen. Der Oberbürgermeister von Brünn Petr Vokřál verlas damals eine Stellungnahme auf Tschechisch und auf Deutsch, in der er das Bedauern über die Geschehnisse aus dem Jahr 1945 zum Ausdruck brachte. Die Vertreter der Stadt hatten dem anderthalb Wochen vor dem eigentlichen Versöhnungsmarsch zugestimmt. Der Oberbürgermeister stellte sich öffentlich hinter das gesamte Projekt. Das war in Anbetracht der Tatsache, dass im Frühjahr 2015 überhaupt nicht absehbar war, wie die Öffentlichkeit auf das Thematisieren der Vertreibungen reagieren würde, sehr mutig.

Wie hat die Öffentlichkeit damals reagiert?

In Zusammenhang mit dieser Deklaration der Versöhnung und gemeinsamen Zukunft (Deklarace smíření a společné budoucnosti) wurde auf einmal überall über Brünn gesprochen, in den hiesigen Medien und in den Nachbarländern. Wir ahnten nicht, was uns auf dem Mendel-Platz erwarten würde, am Ende kamen aber nur ungefähr sechs Gegendemonstranten in historischen Kostümen der roten Armee. Die schauten nur ungläubig, und als der Anführer der sudetendeutschen Landsmannschaft Bernd Posselt mit ihnen ins Gespräch kommen wollte, sind sie weggelaufen. Er ist zwar ein sehr lieber und gutmütiger Mensch, aber die Herren Volksverteidiger kannten ihn natürlich nur aus den Medien, wo er lange Zeit als der Teufel persönlich dargestellt wurde. Im Allgemeinen hat uns die Öffentlichkeit mit Dank dafür überschüttet, dass wir diese Diskussion angestoßen hatten. So eine positive Reaktion nicht nur auf diese Aktion, sondern auf das gesamte Jahr der Versöhnung hatten wir wirklich nicht erwartet.

Im Übrigen wurde zur Zeit des runden Jubiläums viel über die Vertreibungen geschrieben und diskutiert, und das nicht nur in Brünn, sondern in der gesamten tschechischen Gesellschaft. Und es hat sich gezeigt, wie unglaublich stark sich unsere Haltung zu diesem Thema während der letzten Jahrzehnte geändert hat. Auch die Politiker haben die Angst vor dem Thema Vertreibung verloren. Im vorletzten Jahr nahm der damalige Kulturminister Daniel Hermann als erstes Regierungsmitglied der Geschichte am Sudetendeutschen Tag in Nürnberg teil, und im letzten Jahr war sogar der damalige Vizepremier Pavel Bělobrádek dabei. Politisch sind sie damit durchgekommen, weil die Landmannschaft davor die Formulierung über den „Anspruch auf ein Heimatland“ aus ihrer Satzung gestrichen hatte. Und zu dieser Geste hatten Bernd Posselt und seine Gefolgsleute die Landsmänner bewegt, indem sie auf eben die Deklaration der Versöhnung und gemeinsamen Zukunft verwiesen.

Wie haben sich diese Aktivitäten weiter entwickelt?

An das Jahr der Versöhnung knüpft das alljährliche Festival Meeting Brno an, und der Versöhnungsmarsch ist ein fester Bestandteil dieses Festivals. Über zehn Tage von Ende Mai bis Anfang Juni gibt es außerdem kulturell-gesellschaftliche Veranstaltungen aller Genres und Formate. Das Thema des ersten Jahrgangs 2016 war die „verlorene/gefundene Heimat“ („ztracené/nalezené domovy“). Neben den Vertreibungen haben wir uns also auch mit der Situation der Flüchtlinge von heute beschäftigt. Und auch letztes Jahr haben wir uns mit den fünfzig einzelnen Aktionen vor Allem auf die Gegenwart konzentriert, als wir die Toleranz beziehungsweise die Ablehnung gegenüber Andersartigkeit und die Prinzipien gesellschaftlicher Radikalisierung untersuchten.

All das Umwälzende und Großartige, das sich in Brünn während der letzten Jahre ereignet hat und weiter ereignet, nimmt also die unterschiedlichsten Formen an. Das breite Spektrum von Menschen und Institutionen hat dazu beigetragen. Außer unserer Gruppe von Organisatoren hat die derzeitige Leitung der Stadt und vor Allem der Oberbürgermeister Petr Vokřál den Löwenanteil an diesen umwälzenden Begebenheiten geleistet. Und neben den Festivalbesuchern auch die Gemeinschaft der Vertriebenen, die keine Angst hatten, sich den unangenehmen Schatten unserer gemeinsamen Vergangenheit zu stellen und nach Brünn zu kommen.

Das Interview führte Tereza Semotamová.
Übersetzung: Hana Sedláček

Copyright: jádu | Goethe-Institut Prag
Februar 2018
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Deutsches Kulturforum östliches Europa

Das Deutsche Kulturforum östliches Europa hilft dabei, das historische und kulturelle Erbe derjenigen Gebiete Mittelosteuropas zu erhalten, in denen deutsch gesprochen wurde oder wird – wie etwa noch heute im rumänischen Siebenbürgen. Die Organisation veranstaltet Diskussionen und Vorträge, organisiert Ausstellungen und gibt Bücher heraus. All das geschieht in dem Bemühen, die Geschichten der Orte und Menschen zu erhalten, historisches Unrecht zu überwinden und den Dialog zwischen den Gesellschaften zu stärken.

Für den Einsatz in diesem Bereich verleiht sie Einzelpersonen und Organisationen aus den Ländern Mittel- und Osteuropas einen Preis, der nach dem Kunsthistoriker Georg Dehio benannt ist. In einem Jahr in Form eines Buchpreises, den im 2012 zum Beispiel Radka Denemarková zusammen mit der Übersetzerin ihres Romans Ein herrlicher Flecken Erde (im Original Peníze pro Hitlera) Eva Profousová erhielt. Jedes zweite Jahr wird dann ein Kulturpreis verliehen, den 2015 der Film Alois Nebel erhielt. 2017 bekam ihn Jaroslav Ostrčilík für seine Bemühungen um eine Auseinandersetzung der tschechischen Gesellschaft mit den Vertreibungen der Deutschen in der Nachkriegszeit.

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