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Europa im Dreiländereck

Foto: © Peggy Lohse

Vor 15 Jahren traten Polen und Tschechien der Europäischen Union bei. Seitdem hat sich viel verändert: Die Anfangseuphorie ist verflogen, europaskeptische Stimmungen sind zu hören. Zwischen Zittau, Hrádek nad Nisou (Grottau) und Bogatynia (Reichenau) sind europäische Entwicklungen auf kleinem Gebiet sichtbar. Wir haben vor Ort nachgefragt: Wie erlebt das Dreiländereck heute Europa?

Der ostdeutschen Kleinstadt Zittau im Dreiländereck Deutschland / Tschechien / Polen stehen Ende Mai gleich drei Wahlen bevor: Kommunalwahlen, Wahlen zum Europa-Parlament und ein Bürgerentscheid zur Bewerbung um den Titel als Kulturhauptstadt 2025. Alles dreht sich im östlichsten Zipfel Deutschlands um Europa. Dennoch gilt die Region in allen drei Nachbarstaaten noch immer als eher rückständig und mitten im Strukturwandel begriffen. Jüngere ziehen fort in die Großstädte, oft gen Westen. Im heutigen Kreis Görlitz ist die Einwohnerzahl seit dem Mauerfall um mehr als ein Viertel zurückgegangen. Die Industriegebiete der drei Städte am Dreiländerpunkt sind noch lange nicht voll ausgelastet. Migration und ausländische Investitionen könnten Lösungen für die schrumpfende Region sein.

Alltäglicher Grenzverkehr

Michaela Herlingová, damals noch Bauerová, begann kurz vor der EU-Osterweiterung 2003 von Hrádek zum Studium nach Zittau zu pendeln: „Mit dem Fahrrad, denn mit dem öffentlichen Verkehr hätte ich 4:45 Uhr starten müssen. Ein anderer Zug fuhr nicht. Das habe ich zweimal gemacht. Dann bin ich geradelt.“ Die zwei Städte liegen sechs Kilometer auseinander, der direkte Weg führt durch Polen. Aber vor 2004 und auch noch bis zum Schengenbeitritt der östlichen Nachbarn Ende 2007 gab es Schlangen an den Grenzen: „Die musste ich jeden Morgen einberechnen. Da galt nicht ‚Wir kennen uns‘. An beiden Grenzen – immer wieder Ausweis zeigen. Das war krass“, erinnert sich Herlingová. Im Jahre des EU-Beitritts ihres Heimatlandes Tschechien zog sie dann nach Zittau. Aber nicht etwa auf direktem Wege durch Polen, sondern über das tschechische Varnsdorf im Zittauer Gebirge: Weil sie die Fahrzeugpapiere für das Umzugsauto vergessen hatte, war sie an der Grenze zu Polen abgewiesen worden. „Mir wurde gesagt: ‚Hier kommen Sie nicht rüber, versuchen Sie’s über Varnsdorf!‘ Dort war alles easy, da stand niemand.“ Heute lacht sie über solche Geschichten, als seien sie Reste eines anderen Lebens.

Infrastruktur und öffentlicher Verkehr sind 15 Jahre später noch immer wichtige Themen im Dreiländereck. Regelmäßigen Linienverkehr gibt es nur zwischen Görlitz und Zittau sowie Zittau über Hrádek nach Liberec. Beide Strecken bedient die Privatbahn der „Länderbahn“-Marke trilex. Darum luden Anfang April 2019 der Liberecer Verkehrsverbund und das Euro-Region-Projekt „TransBorders“ im Rahmen eines Partnertreffens im tschechischen Frýdlant zur Zugrundfahrt ums Dreiländereck.


Von Liberec über Frýdlant und die für Personenverkehr stillgelegte Strecke über Sulików geht es nach Zgorzelec, dort über die Grenzbrücke nach Görlitz. Dann beidseitig der deutsch-polnischen Grenze nach Zittau und von da aus über die wohl langsamste Zugstrecke Mitteleuropas über den Zipfel Porajów und über Hrádek nach Liberec zurück.

Langsam verlässt der moderne Niederflurtriebwagen den Bahnhof Liberec (Reichenberg) in Richtung Polen. Über wenig befahrene Gleise geht es nach Zgorzelec und Görlitz. Viele Polen pendeln aus dieser Region in die wirtschaftsstarke tschechische Großstadt Liberec. Seit 1991 verkehren hier aber schon keine Passagierzüge mehr. Anwohner, Politiker und Verkehrsverbünde wünschen sich eine Wiederbelebung. An Bord waren Vertreter aus allen drei Ländern: vom Freistaat Sachsen, dem Landkreis Görlitz, der Region Niederschlesien und dem Bezirk Liberec. Zugführer ist Michal Barták, Leiter der tschechischen Seite des deutschen Unternehmens „Die Länderbahn“. Er führt die Sonderfahrgäste dreisprachig durchs Dreiländereck.

Über die böhmischen Orte Mníšek und Frýdlant geht es auf maroden Gleisen durch das westliche Niederschlesien. Der moderne Zug ruckelt so langsam und laut, dass die Ansagen kaum zu verstehen sind. Vorbei ziehen frei stehende Einfamilienhäuser, kleine Gehöfte und hölzerne Umgebindehäuser, wie sie für die Region typisch sind. Im kleinen polnischen Grenzort Zawidów bringt die Gemeinde eine musikalische Einlage auf den Bahnsteig des alten Bahnhofes. Im benachbarten Sulików winken Anwohner dem Promozug hinterher. Kurz vor Zgorzelec mehren sich die Neubau-Eigenheim-Siedlungen entlang der Strecke. Wer von hier aus nach Liberec pendelt, braucht mit öffentlichen Verkehrsmitteln eineinhalb bis drei Stunden. Mit einer direkten Eisenbahnlinie wäre es insgesamt nur noch eine gute Stunde.


Die kleine Stadt Zawidów mit ihren rund 4300 Einwohnern gehört zum Kreis Zgorzelec – direkt an der Grenze zu Tschechien und unweit der deutschen Grenze. 1875 wurde die Bahnstrecke von Görlitz über das damalige Seidenberg nach Reichenberg eingeweiht. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde sie eingestellt. Seitdem verlaufen nur Gütertransitstrecken unter anderem zum Tagebau und Kraftwerk Turów und Bogatynia durch Zawidów.

Weil viele Menschen in der Region zur Arbeit in die umliegenden Großstädte pendeln, wünschen sie sich sehr eine Wiederbelebung des Personenverkehrs auf der Strecke. Das zeigten sie mit einer kulturellen Einlage vor dem alten Bahnhofsgebäude: Musikalisch erinnerten sie an Zeiten, als man von Zawidów aus gut nach Berlin, Paris und weiter gen Europa reisen konnte.

Seit 15 Jahren lebt die heute 35-jährige Michaela Herlingová nun schon in Zittau - und arbeitet im und für das ganze Dreiländereck. Sie ist Koordinatorin für internationale Jugend- und Begegnungsarbeit im Projekt „Lanterna Futuri“ des soziokulturellen Vereins Hillersche Villa. Angefangen hatte sie 2006 als Praktikantin in dem Theaterprojekt, mittlerweile liegt der Schwerpunkt auf Art & Science, es gibt eine Kooperation mit IQLandia aus Liberec und dem der Technischen Universität Dresden angegliederten Internationalen Hochschulinstitut (ihi) in Zittau. Alle Projekte laufen dreisprachig ab, auch Englisch ist Arbeitssprache. „Ich bin stolz auf die Region und sehr glücklich, dass man sich hier frei entfalten kann. Diese Freiheit ist hier sehr spürbar, diese Freizügigkeit, besonders seit 2004.“

Michaela Herlingová, Foto: © Peggy Lohse

Bauerová heiratete auf deutscher Seite, heißt nun Herlingová und liebt Europa. Sie und ihr Mann Martin Herling küssten sich zum ersten Mal auf einer EU-Beitritts-Jubiläumsfeier am Dreiländerpunkt. Acht Jahre ist das her. Heute haben sie zwei Kinder und sich klar für Zittau als Lebensmittelpunkt entschieden. Seit der Grenzöffnung hat sich aus ihrer Sicht viel verändert: In Zittau gebe es mittlerweile eine große tschechische Community. Auch das Konsumverhalten im Dreiländereck habe sich verändert. Nicht mehr nur Deutsche fahren zum Tanken und Essen über die Grenze, auch Tschechen und Polen kommen nach Deutschland zum Einkaufen von Kosmetik oder Lebensmitteln.

Kultur statt Kriminalität

Die weit verbreitete und bis heute oft von rechten Populisten propagierte Angst, dass mit dem Wegfall der Grenzkontrollen die Kriminalität in die Höhe schnellte, hat sich nicht bestätigt. Tatsächlich zeigt die jüngste Polizeiliche Kriminalstatistik zum Jahr 2018 für die Oberlausitz, also die Landkreise Görlitz und Bautzen, den tiefsten Stand seit der Öffnung der Grenzen im Jahr 2008: etwa zehn Prozent niedriger als zu der Zeit, als an den Grenzen noch täglich kontrolliert wurde. Selbst Eigentumskriminalität stellt zwar noch immer die häufigsten Straftaten dar, ist dennoch seit Jahren rückläufig – im Jahr 2018 um vier Prozent gegenüber dem Vorjahr. Beim Fahrzeugdiebstahl für sich genommen sind die Polizeizahlen noch deutlicher: Einen Rückgang von rund 25 Prozent konnten die Beamten verzeichnen. Als Erfolgskonzept gelten hier verstärkte grenzüberschreitende Zusammenarbeit und Kontrollen.

„Und eines habe ich hier in Zittau gelernt“, ergänzt Herlingová stolz. „Politik ist Engagement! Zeig Deine Stimme - hier in Zittau kannst Du das machen. Aus Freunden sind jetzt schon echte Freundschaften geworden. Es sind die Menschen, die das ausmachen und die präsent sind, sich dafür interessieren. Die Qualität der Zusammenarbeit ist besser geworden: Wir machen nicht mehr nur Gedenk-Ausflüge zusammen nach Auschwitz oder Theresienstadt, sondern besprechen auch aktuelle Themen offen miteinander.“ Herlingová ist auf der deutschen Seite des Dreiländerecks erwachsen geworden und hat ihren Platz im Leben gefunden.

Thomas Zenker, Jahrgang 1975, hingegen stammt ursprünglich aus Zittau. Doch nach der Schule zog es ihn erstmal fort: Erst nach seinem Studium in Leipzig, Paris und Berlin kam er ans ihi nach Zittau zurück, unterrichtete Deutsch als Fremdsprache, arbeitete freiberuflich als Sprach- und Kommunikationstrainer und für eine Lokalzeitung. Er engagierte sich ebenfalls an der Hillerschen Villa, wurde Kreisrat in Görlitz und führte dann die Bürgerinitiative „Zittau kann mehr“ an. Heute ist er Zittaus Oberbürgermeister.


„Lange war die Grenze hier wie die Berliner Mauer“, erinnert sich Zenker auf einer Busrundfahrt mit einer EU-Delegation im Rahmen der Lausitzer Zukunftswerkstatt Mitte April. „Heute geht es oft nur noch um Sprachprobleme. Bildung und Kultur sind oft die Pioniere in der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit.“ In diesen Bereichen gebe es kaum widersprüchliche Interessen, alle Akteure zögen an einem Strang. Zum Beispiel beim Fremdsprachenunterricht an Schulen: An einer städtischen und einer freien Schule in Zittau werde Tschechisch als Fremdsprache angeboten. Tschechisch und Polnisch sollten bald feste zweite Fremdsprache werden. In der polnischen Partnerstadt Bogatynia lernten schon jetzt alle Schüler ab der Grundschule neben Polnisch und Englisch auch Deutsch.

Zenker grüßt im Vorbeifahren einen Grenzpolizisten. Im Bus herrscht Klassenfahrtstimmung. Verlegte Taschen werden herumgereicht, Infomaterial den Muttersprachen nach verteilt. Die Lokal- und Europa-Politiker lachen miteinander und erzählen sich von den letzten Wochenendausflügen. Der OB gibt sich nahbar. Er ist für jeden zu sprechen, beantwortet alle Fragen. Aber er hat wenig Zeit. Mit Hingabe zeigt er die Besonderheiten seiner Heimatregion – vom ehemaligen Konzentrationslager in Sieniawka bis hin zum dreisprachigen Museumskalender, der im ehemaligen Franziskanerkloster in Zittau ausliegt, wo auch das kleinere der zwei kunsthistorisch bedeutenden Zittauer Fastentücher ausgestellt ist.


Mit seinem Liberecer Amtskollegen tauschte Zenker mal die Wohnungen, um das Pendlerleben auszutesten, wie es so viele Menschen in der Region führen. Mit seinem neuen Kollegen in Bogatynia könne er sich das auch vorstellen. Die beiden verbinden bisher offensichtlich aber vor allem Humor und Umweltschutzthemen. Als der Delegationsbus auf den Braunkohletagebau Turów ansteuert, sagt der polnische OB Wojciech Błasiak ironisch und mit verschmitztem Lächeln: „Die schönste Aussicht unserer Region!“ Der Tagebau und das dazugehörige Kohlekraftwerk seien Bogatynias größter Reichtum. Dennoch: „Wir wollen uns mehr in Richtung Umweltschutz weiterentwickeln!“ Und das wird er auch müssen: Denn 2044 sollen Kraftwerk und Tagebau Turów stillgelegt, das Baggerloch geflutet und als See rekultiviert werden.

Dabei sei die grenzüberschreitende Zusammenarbeit wichtiger als die Konkurrenz, sagt Błasiak. Von tschechischer Seite wird bislang kritisiert, dass das Grundwasser verschmutzt werde. Deutschland beklagt den Schadstoffausstoß in die Luft. OB Zenker als lokaler Akteur sieht sich in dieser Frage eher als neutralen Vermittler. Zur Seite stehen ihm hier Vertreterinnen vom tschechischen Bezirk Ústí nad Labem (Aussig) aus Most, der als erster europaweit das EU-Strategieprogramm „ReStart“ bis 2030 zur Rekultivierung einer Kohleförderregion absolviert.

„Drei-Länder-Eck! – Das ist die einzige Zukunft, die wir haben“, macht Zenker klar. „Jeder, der mir hier mit Grenze kommt, darf wieder abtreten, Das hat null Zukunft. Ich glaube, dass hier viel mehr passiert ist, als eigentlich denkbar war“, sagt er über die Entwicklungen der letzten 15 Jahre. Und über die Zukunft: „Die Grenze, die jetzt schon kaum noch spürbar ist, wird in 15 Jahren auch in sozialer Hinsicht nicht mehr sichtbar sein. Das ist das Allerwichtigste!“


Dreiländer-Kulturhauptstadt

„Das ist auch der Grund, warum wir uns als Kulturhauptstadt bewerben“, so Zenker. Überzeugen will Zittau die Auswahlkommission mit seiner Internationalität und grenzübergreifenden Bewerbung sowie Aktivitäten. „Wir können Europa zeigen, wie Europa funktioniert – und zwar das Europa der Menschen, das Europa von unten! Das kann man in einer Grenzregion besser. Wenn wir es schaffen, das Thema Kulturhauptstadt hier zu verankern, dann schaffen wir auch das, was wir am allermeisten brauchen: dass die Identität der Bewohner wieder mehr gestärkt wird.“

Denn wer sich mit seinem Wohnort identifiziert, der interessiert und engagiert sich auch eher. So wie Michaelas Mann Martin Herling. Er ist im Freundeskreis Kulturhauptstadt Zittau 2025 aktiv. Der freiberufliche Projektentwickler war bis Dezember 2018 zehn Jahre lang Student an der hiesigen Hochschule, hat zwei Abschlüsse und kandidiert bei den Kommunalwahlen Ende Mai als parteiloser Stadtrat für die Grünen.

Martin Herling, Foto: © Peggy Lohse

Herling vermisst eine umfassende Zukunftsvision für die Region: „Ich will, dass es eine übergreifende Vision gibt, aus Bürgerhand. Ich hätte gern, dass Zittau sich bis 2025 auf die Fahnen schreibt: ‚Wir wollen Prototyp einer Transformation werden, die in Europa stattfindet!‘ Wir könnten Europa und der Welt zeigen: Wie sieht das aus, wenn man 2050 durch eine Stadt fährt, wie kann das funktionieren: Mobilität, Energie, Bildung, die komplette Gesellschaft?“

Zittaus Bewerbung um den Kulturhauptstadttitel ist eine besondere: Die Stadt ist mit seinen 26.500 Einwohnern – Tendenz sinkend – viel kleiner als ihre acht möglichen Konkurrenten von Dresden und Chemnitz über Gera bis Nürnberg. Aber es bewirbt sich mit Unterstützung seiner Nachbarn Liberec und Bogatynia sowie Görlitz. Außerdem befragt nur Zittau im Vorhinein per Bürgerentscheid seine Bürger, ob sie das überhaupt wollen – parallel zu Kommunal- und Europawahl am 26. Mai.

Theoretisch will Herling dasselbe wie die Zittau2025-Organisatoren. Trotzdem wurden er und sein bürgerschaftlicher Ansatz ablehnt. Im Rahmen der Kulturhauptstadtbewerbung werden regelmäßig Bürgerbeteiligungsworkshops durchgeführt. Die seien, so Herling, auch sehr gut besucht, aber die Teilnehmer seien nur Zittauer. „Dort arbeitet man ganz konkret an Projekten. Hier haben wir ein leerstehendes Haus – was können wir damit machen? Es gibt eine Liste mit 250 solchen einzelnen Projekten. Wenn man sich den Grad der Bürgerbeteiligung anschaut, ist Zittau unschlagbar!“ Dennoch: Die Entscheidungen soll am Ende ein Expertenteam treffen, nicht die Bürger selbst.


Herling fordert regional bezogene Wirtschaftskreisläufe und eine Umstellung des Verkehrskonzeptes: „Ich projiziere die Megatrends, die es gibt, auf den regionalen Kontext: Wenn der Verkehr kohlenstofffrei sein soll - wie kann das aussehen? Da sind viele Fahrräder dabei, Fußverkehr, auch Elektroverkehr. Aber natürlich weniger Autoverkehr, mehr ÖPNV, mehr Car sharing. Wenn das die Vision für Zittau sein kann, wofür brauchen wir dann noch große, zweispurige Einbahnstraßen ums Zentrum herum?“

Die Herlings sitzen derweil zu Mittag im Café Jolesch in der Hillerschen Villa und essen Bratwurst aus dem Nachbardorf Mittelherwigsdorf. Regionale Produkte werden schon jetzt gefördert. Viele etablierte Kultureinrichtungen unterstützen die Bewerbung: das Zittauer Gerhart-Hauptmann-Theater mit seinen regelmäßigen grenzüberschreitenden Produktionen, der Festival-Verbund ZI YOU aus Neiße-Filmfestival, dem Theaterfestival JOŠ und dem Mandau-Jazz-Festival, die Hillersche Villa gemeinsam mit ihren Mitstreitern vom Begegnungszentrum Großhennersdorf sowie die Städtischen Museen mit ihren engen Verbindungen zu Nordböhmischer Galerie und Museum, um nur einige zu nennen.

Im November 2018 gab es eine große Ideenwerkstatt im Kloster Mariental – mit Görlitz, Bautzen, Bibliotheken, Theatern, Museen und weiteren Institutionen. „Der Ansatz war, nicht das Rad neu zu erfinden, sondern bestehende Partnerschaften zu stärken und sichtbarer zu machen, an die Leute nochmal näher heranzutragen. Wie kann man den Menschen ermöglichen, die kulturellen Angebote in anderen Städten wahrzunehmen?“ sagt Michaela Herlingová. „Aber wenn Veranstaltungen wie das Neiße-Filmfestival sind, dann funktioniert das“, ergänzt ihr Mann. „Dann gibt es Sonderbusse. Dann sind mal für eine Woche die Grenzen weg. Wenn die Aktion vorbei ist, dann schläft das leider wieder ein. Es gibt also eine Woche im Jahr, wo das (Dreiländereck) wirklich ein Kulturraum ist.“ Allerdings musste sich das Filmfestival auch erst lange etablieren. Es sei jedes Jahr größer, besser, mobiler, grenzüberschreitender geworden, gibt Michaela Herlingová zu bedenken


Zdeněk Zezula (58) hat das Rumburger Teehaus „Doměček na Kopečku“ vor sechs Jahren zu einem der 20 Spielorte des Neiße-Filmfestivals gemacht. Hier laufen besondere Filme, auf die meist eine rege Diskussion folgt. „Zu Beginn waren wir noch nicht sonderlich professionell. Wir haben zum Beispiel einen russischen Film mit deutschen Untertiteln gezeigt. Die tschechischen haben wir zum Mitlesen ausgedruckt. Aber das ist nicht gerade das Gelbe vom Ei.“ Trotzdem kamen die Leute.

Das Publikum bilden meist zehn bis fünfzehn Zuschauer aus Deutschland und Tschechien. „Polen konnten wir leider noch nicht anlocken, aber die Deutschen zieht diese gewisse ‚sichere Exotik‘ offenbar an. Wenn man sich in der Umgebung kulturell interessiert, trifft man allerdings immer die gleichen. Schade, dass nicht noch mehr Leute diese Angebote wahrnehmen.“

Bei den Sprachkenntnissen gibt es laut Zezula noch Potential: „Viele lernen in der Schule Englisch statt der Nachbarsprache. Würde sich das umdrehen, löste sich die Untertitelproblematik auch in Luft auf.“

Die Bewerbung als Kulturhauptstadt könnte dem gesamten Dreiländereck langfristig und nachhaltig helfen, so hoffen die Aktiven. „Zittau kann entweder in der Lausitz verankert sein, in diesem deutschen Strukturwandelgebiet. Aber dann ist es eine Kleinstadt ganz am Rand. Da wären Bautzen, Görlitz, Cottbus als viel stärkere Städte drin. Da geht Zittau unter. Oder es könnte Zentrum und Mittelpunkt einer Dreiländer-Region, einer Europa-Region, sein. Das ist eine Riesenchance!“, betont Herling. „Ich glaube an Zittau! Wir sind hier ein globales Dorf! Langsam kommt es in den Köpfen an, dass die Grenzen offen sind, dass es eine Region sein kann. Es laufen viel mehr grenzüberschreitende Projekte, in den letzten fünf Jahren noch mehr als in den zehn Jahren davor. Das nimmt stetig zu. Dafür ist die Kulturhauptstadt ja irgendwie auch ein Ausdruck.“

Rechtspopulisten für Europa

Nicht in allen Bereichen läuft es allerdings so reibungslos, wie es sich die Aktiven und Enthusiasten wünschten. In der einst so personalstarken Textilindustrie sind nur noch etwa 1000 Menschen beschäftigt. Maschinenbau- und Plastikunternehmen siedeln sich nur langsam in der Region an. Die große Hoffnung ist die Hochschule Zittau/Görlitz, die stark mit der Wirtschaft zusammenarbeitet. Einst reine Übersetzungsstudiengänge für Tschechisch und Polnisch wurden von Zittau nach Görlitz verlegt und beinhalten nun Wirtschaft und Sprachen. Neu ist eine Filiale des Fraunhofer Instituts auf dem Zittauer Campus. Der wird aktuell umgestaltet, mehr ins Zentrum geholt. „Der typische Zittauer Student hat aber eher keinen Bezug zur Stadt und Region“, sagt Martin Herling aus Erfahrung. Hochschulrektor Friedrich Albrecht nannte bei einer Strategiepräsentation der Hochschule für die nächsten Jahre ein Hauptziel: die Zahl von rund 3000 Studierenden konstant zu halten. Aber teils gebe es gar Probleme, Professoren zu finden, erzählt Herling.

Am ihi Zittau werden aufbauende Masterstudiengänge in den Bereichen Management und Ökologie für insgesamt maximal 300 Studierende aus aller Welt angeboten. Anfang 2019 studierten hier nach Angaben der Hochschule 221 Menschen aus 41 Ländern, neben dem Nachbarn Tschechien auch aus China, Russland, Kolumbien, Pakistan. Auch an der Hochschule studieren viele Menschen aus anderen Ländern, jährlich etwa 100 von insgesamt 1000 Erstsemestern kommen aus dem Ausland.

Im Stadtbild Zittau fällt auf, dass es bunter wird. Mehr Sprachen, mehr Farben, mehr Leben sind auf den Straßen zu sehen. Auch seitdem seit 2015 Flüchtlinge dezentral in der Stadt untergebracht werden. Nicht ohne Probleme natürlich. 2015 wurde der europafreundliche Zenker Zittaus OB. Zwei Jahre später konnte die rechtspopulistische Alternative für Deutschland (AfD) aber genau hier ihre deutschlandweit besten Ergebnisse einfahren: Mit 32,4 Prozent lag sie hier sogar einen Prozentpunkt vor der CDU. Im Vergleich dazu waren in der tschechischen Nachbarstadt Hrádek die rechte SPD (Svoboda a přímá demokracie, deutsch: Freiheit und direkte Demokratie) und populistische Regierungspartei ANO bei den dortigen Kommunalwahlen im Oktober 2018 auffallend schwach: Unabhängige Kandidaten und Bürgerinitiativen führten die Listen noch vor den tschechischen Kommunisten und den Sozialdemokraten an.


Filip Šimonovský (48) ist Pfarrer in Rumburk. 1995 lernte er seine Frau Constance aus Stumsdorf kennen. 2015 übernahm seine Frau dann die Pfarrstelle in Neusalza-Spremberg und Friedersdorf. Mit ihren Kindern Jonathan, Luise und Tabea wohnen sie schon 18 Jahre im Dreiländereck.

Šimonovský erinnert sich an Constances Umzug von Halle nach Liboch (Liběchov) über Zinnwald (Cínovec). Damals gehörte Tschechien noch nicht zur EU. Die tschechischen Zöllner forderten eine Liste aller geladenen Gegenstände. „Fast hätten wir das ganze Auto ausräumen müssen. Das passiert heute nicht mehr.“

Am Übergang in Neugersdorf wurde Šimonovský einmal aufgrund eines Kratzers am Auto angehalten. Man vermutete einen nicht geahndeten Unfall. Šimonovský gab zu, dass er sich den Schandfleck an einem Straßenschild geholt hatte, dieses jedoch nicht in Mitleidenschaft gezogen wurde. Die Beamten des Polizeireviers Neugersdorf machten sich sofort auf den Weg, um herauszufinden, ob auch tatsächlich kein Sachschaden an der wertvollen Beschilderung entstanden war und behielten ihn vorläufig da. Als sie nichts fanden, durfte Šimonovský passieren.

Die Willkür der Grenzer sei oft zu spüren gewesen. Er sollte noch viele spannende Grenzgeschichten erleben. Zum Beispiel mit Holztransporten. 2003 brannte die Rumburger Kirche ab. Dank guter nachbarschaftlicher Kontakte bot Christian Liesske aus der Seifhennersdorfer Gemeinde materielle Hilfe an. Eine Ladung Holz sollte über die Grenze zum Sägewerk in Valdek gebracht und dann für den Neubau der Kirche verwendet werden. Der Grenzübergang in Seifhennersdorf war jedoch nur für Pkw bestimmt. So sollte die Transportstrecke von Seifhennersdorf über Zinnwald, wo sich der nächste Übergang für Lkw befand, nach Valdek führen. Statt 10 satte 200 Kilometer. Die Kosten hätte keiner tragen können. Šimonovský handelte jedoch eine Sondergenehmigung für die Holzlieferung aus und so konnte die Spende angenommen werden.

Die drei Kinder betrifft die Grenze glücklicher Weise kaum. Sie wachsen zweisprachig auf. „Die denken maximal noch an die Auslandskrankenversicherung. Wenn überhaupt.“

In ihrem Wahlprogramm für die sächsischen Kommunalwahlen Ende Mai gibt sich nun sogar die AfD europäisch: In der Grenzregion sollten an den Schulen alle Nachbarsprachen vermittelt werden, die Hochschule solle zu einer Europa-Universität werden. Seitdem die Region Geflüchtete aufnimmt, hat sich der Ablehnungsfokus auf diese verschoben. Dabei sind gerade einmal 1100 Asylsuchende (Stand 30.01.2019) im gesamten Landkreis Görlitz untergebracht – 2,3 Prozent der Einwohner. Von ihnen leben rund 60 Prozent in zentralen Unterkünften, 40 Prozent sind dezentral untergebracht.

„Als Tscheche oder Pole hat man hier einen Sonderstatus, würde ich sagen“, meint auch die Tschechin Herlingová. „Vielleicht ist es Spekulation, aber meine persönliche Wahrnehmung: Wenn es um Fremdenhass und Ausgrenzung geht, dann gehören die Tschechen und Polen schon dazu – zu den ‚Einheimischen‘. Die Ablehnung richtet sich dann viel mehr gegen jene Menschen, denen man ansieht, dass sie womöglich nicht aus Europa kommen.“

Manchmal treffe aber auch sie auf Ablehnung. Zuletzt spuckte ihr ein Mädchen vor die Füße, als sie mit ihrem Sohn, Tschechisch sprechend, durch Zittau lief. „Ich sagte ihr auf Deutsch: ‚Fräulein, wenn Du denkst, dass ich Dir nicht in Deiner Sprache klarmachen kann, dass mir Dein Verhalten nicht gefällt, dann irrst Du Dich aber wirklich gewaltig!‘ Das hat sie erstmal ein bisschen geerdet“, lacht sie. „Das fand ich wirklich ekelhaft, aber das passiert selten.“

Ihr Mann sieht dieses Problem auch: „Das ist dieser Zwiespalt: Einerseits brauchen wir den Konsum. Es gibt ja auch schon Investitionen in Zittau, gleichzeitig aber auch unterschwellige Ressentiments. Es gibt sicher einen großen Teil der Bevölkerung, der das alles nicht so positiv sieht.“

Der 26. Mai dürfte also ein spannender Tag für das Dreiländereck werden, für das kleine Europa in der Oberlausitz sowie das große mit Sitz in Brüssel.


Einwohnerzahlen im Dreiländereck –
„Kleines Dreieck“ und Partnerstädte:

Zittau: 26.500
Hrádek nad Nisou: 7700
Bogatynia: 24.450
_____________________________
Liberec: 104.000
Zgorzelec: 31.000
Görlitz: 56.000
_____________________________
Euroregion Neiße 1,6 Millionen

Peggy Lohse, Anna Käsche | jádu

Dieser Text ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0).
Mai 2019

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