#Klartexte

Gefälschte Erinnerungen

Illustration: © Polityka Insight

Was ist das Erfolgsgeheimnis postfaktischer Politik? Besteht ein Zusammenhang zwischen unserer Anfälligkeit für Lügen im gesellschaftlichen und politischen Leben und der Tatsache, dass uns falsche Erinnerungen oft als wahrer erscheinen?

Salvador Dali behauptete einst: „Der Unterschied zwischen falschen Erinnerungen und wahren ist derselbe wie bei Juwelen: Es sind immer die Falschen, die am echtesten, am brillantesten aussehen.“ Die breite Resonanz, die falsche Behauptungen und auf ihnen gründende politische Initiativen in den letzten Jahren bei den Wählern erfahren haben, scheint die These des spanischen Surrealisten zu bestätigen.

Unsere Erinnerung trügt – nicht nur in Bezug auf die Dinge, die wir vergessen, sondern auch auf die Dinge, an die wir uns zu erinnern glauben. Eines der bekanntesten Paradigmen aus der Kognitionspsychologie ist das sogenannte Deese-Roediger-McDermott-Paradigma. Seine Erkenntnisse beruhen auf Laborexperimenten, die von James Deese Ende der 1950er-Jahre entwickelt und von Henry L. Roediger und Kathleen B. McDermott in den 1990er-Jahren modifiziert und bekannt gemacht wurden.

Bei diesen Experimenten wird den Versuchspersonen eine Liste mit miteinander verbundenen Wörtern vorgelesen, zum Beispiel Bett, Ruhe, Schlummer und Schnarchen. Anschließend werden die Teilnehmer gebeten, sich an so viele Wörter wie möglich zu erinnern. In dieser Phase des Experiments erinnern sich die meisten Versuchspersonen nicht nur an die vorgelesenen Wörter, sondern auch an andere mit dem Thema verbundene Begriffe, obwohl sich diese nicht auf der Liste befanden. Wenn sie von den Versuchsleitern nach diesen Begriffen befragt werden, sind viele der Teilnehmer überzeugt davon, dass sie ihnen vorgelesen wurden. Man bezeichnet dieses Phänomen als Erinnerungsverfälschung.

Wir sind nicht nur bereit, falsche Erinnerungen als wahr anzuerkennen, sondern auch, unsere eigenen Erinnerungen auszulöschen und durch falsche Erinnerungen zu ersetzen.

Weitere Experimente zum Thema Erinnerung und Wahrnehmung zeigten, dass wir nicht nur falsche Erinnerungen besitzen, sondern dass man sie uns auch leicht suggerieren kann. Die Psychologin Elizabeth Loftus führte in den 1990er-Jahren eine Reihe von Versuchen durch, bei denen den Versuchspersonen wahre und unwahre, angeblich von nahen Verwandten verfasste Berichte über Erlebnisse in ihrer Kindheit, vorgelegt wurden.

Zwischen 20 und 30 Prozent der Teilnehmer akzeptierten die falschen Erinnerungen nicht nur, sondern konnten sie sogar mit eigenen Details ausschmücken. Als die Versuchspersonen die Information erhielten, dass einer der Berichte gefälscht war, benannten jene Teilnehmer, die zuvor zusätzliche Details zu der falschen Erinnerung beigesteuert hatten, eines der tatsächlichen Erlebnisse aus ihrer Kindheit als unwahr.

Die Macht der Suggestion ist so stark, dass wir selbst dann, wenn wir von ihr erfahren, an den uns suggerierten Erinnerungen festhalten. In einem Experiment am Weizmann Institute of Science in Rechovot in Israel 2011 wurde einer aus fünf Versuchspersonen bestehenden Gruppe ein Film gezeigt. Anschließend wurden die Versuchspersonen in Abständen von mehreren Tagen gebeten, Fragen zum Film zu beantworten und anzugeben, wie überzeugt sie von der Richtigkeit ihrer Erinnerungen waren. Bei der ersten Befragung antworteten die Versuchspersonen allein aus ihrer Erinnerung heraus, doch bei der zweiten Befragung wurden sie, bevor sie antworteten, mit angeblichen Antworten der anderen Teilnehmer konfrontiert.

Unter dem Druck der Gruppe übernahmen 70 Prozent der Befragten die falschen Erinnerungen ihrer angeblichen Mitprobanden. Bei einer dritten Befragung, bei der die Versuchspersonen darüber informiert wurden, dass die ihnen zuvor mitgeteilten Antworten der anderen Teilnehmer in Wirklichkeit erfunden waren, kehrten nur 60 Prozent der Befragten zu ihren ursprünglichen, richtigen Erinnerungen an den Film zurück. Wir sind also nicht nur bereit, falsche Erinnerungen als wahr anzuerkennen, sondern auch, unsere eigenen Erinnerungen auszulöschen und durch falsche Erinnerungen zu ersetzen.

Eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg der Suggestion ist das Gefühl, dass der Suggerierende der eigenen sozialen Gruppe angehört. Ein natürliches Phänomen im Zusammenhang mit dem Abrufen von Erinnerungen ist das sogenannte „abrufinduzierte Vergessen“: Das Abrufen bestimmter Erinnerungen an ein vergangenes Ereignis verursacht das Vergessen anderer, nicht abgerufener Erinnerungen an dasselbe Ereignis.

Ein Experiment, das 2015 unter Studenten der Universität Princeton durchgeführt wurde, zeigte, dass bei der Herstellung von Gruppenerinnerungen auf der Grundlage von Erzählungen anderer Personen das Phänomen des kollektiven abrufinduzierten Vergessens dann eintritt, wenn wir den Erzählenden als ein Mitglied unserer eigenen sozialen Gruppe betrachten. Ist dies nicht der Fall, halten wir an unseren eigenen Erinnerungen fest.

Die beschriebenen Experimente belegen, dass viele von uns falsche Erinnerungen als wahr anerkennen und unter sozialem Druck sogar bereit sind, bestehende Erinnerungen an Ereignisse, an denen wir selbst teilgenommen haben, und Bilder, die wir mit eigenen Augen gesehen haben, zu verleugnen. Es ist also kaum verwunderlich, dass wir auch falschen Berichten über politische und historische Ereignisse – die sich meist am Rande unserer kognitiven Aufmerksamkeit befinden – Glauben schenken. Doch wenn unsere Empfänglichkeit für Unwahrheiten durch natürliche Erinnerungsprozesse bedingt ist, wie lässt sich dann erklären, dass das Problem in den letzten Jahren immer mehr zugenommen hat?

Wir neigen dazu, Informationen zu präferieren, die unsere eigenen Annahmen bestätigen, und lassen uns am liebsten von unseren eigenen Argumenten überzeugen.

Die technologische Revolution und der Siegeszug der sozialen Medien haben zu einer Vervielfachung der Informationsquellen und zu einer fortschreitenden Aufsplitterung der Gesellschaft in voneinander isolierte Informationsblasen geführt. Eine wichtige Rolle in diesem Zusammenhang spielt ein weiteres natürliches Phänomen, das von den Kognitionsforschern als Bestätigungsfehler bezeichnet wird: Wir neigen dazu, Informationen zu präferieren, die unsere eigenen Annahmen bestätigen, und lassen uns am liebsten von unseren eigenen Argumenten überzeugen.

In einer großen Gemeinschaft gibt es Raum für die Konfrontation mit anderen Überzeugungen und für die Herausbildung eines kollektiven Gedächtnisses, auch in Bezug auf schmerzhafte Wahrheiten. In einer Welt voneinander isolierter Informationsblasen, in der wir uns unsere Informationen mithilfe sozialer Netzwerke und Gruppen mit zunehmend polarisierten ideologischen Profilen zusammensuchen, ist es leichter denn je geworden, andere „Gleichdenkende“ zu finden und sie als die alleinigen Repräsentanten unserer kleinen sozialen Gruppe anzuerkennen. Dies ermöglicht es uns, sämtliche von außen stammenden Informationen zu verleugnen, und macht uns gleichzeitig anfällig für gefälschte Erinnerungen von anderen Mitgliedern unserer eigenen kleinen Gemeinschaft.

Miłosz Wiatrowski | Yale University
Übersetzung: Heinz Rosenau

Dieser Text ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International (CC BY-NC-SA 4.0).
November 2018

    Themen auf jádu

    #Klartexte
    Ein aufmerksamer, unaufgeregter und kritischer Medienkonsum hilft. Wer die Mechanismen medialer Manipulation und Desinformation versteht und erkennt, minimiert das Risiko, sich betrügen zu lassen. Das ist das Ziel unseres Projektes #Klartexte. Mehr...

    Auf dem Land
    Klischees über Land und Provinz gibt es (in der Stadt) genug. Was ist dran? Wir haben uns mal umgeschaut.  Mehr...

    Gemischtes Doppel | V4
    Vier Kolumnisten aus der Slowakei, Tschechien, Polen und Ungarn schreiben über die Bedeutung Europas, Rechtspopulismus, nationale Souveränität, gesellschaftlichen Wandel, die Arroganz des westlichen Blicks – und brechen damit staatliche und gedankliche Grenzen auf. Mehr...

    Bis in beide Ohren
    Stimmen, Klänge, Geräusche. Angenehme und unangenehme. Solche, die (uns) etwas bedeuten, und solche, die nur sie selbst sind. Solche, die von außen kommen, aber natürlich auch solche, die wir selbst von uns geben. Ob wir können, wollen oder müssen: Hinhören lohnt sich. Mehr...

    Heute ist Morgen
    Oder ist es umgekehrt?! Und war nicht auch gestern schon mal Morgen? In was für einer Welt wollen wir gerne leben? Und wie lange wollen wir warten, bis sie Wirklichkeit wird? Mehr...

    Im Auge des Betrachters
    … liegt die Schönheit. Da liegt aber auch die Hässlichkeit – und alles dazwischen. Als Betrachter sind wir jedoch nur selten allein. Und als Betrachtete sowieso nicht. Mehr...

    Dazugehören
    Seit gesellschaftliche Akteure jeder Couleur ihre Forderung nach Integration einem Mantra gleich herunterbeten, gerät viel zu oft in Vergessenheit, dass Integration ein individueller Prozess ist, der auch von uns selbst etwas verlangt. Mehr...

    Themenarchiv
    Ältere jádu-Schwerpunkte findest du im Themenarchiv. Mehr...