Auf dem Land

Retter aus Syrien

Foto: © UNHCR | Gordon WeltersFoto: © UNHCR | Gordon Welters
Fadi und Halima wohnen mit ihren drei Kindern Hamza (4), Kamala (10) und Bourhan (9) seit 2015 in Golzow.

Im brandenburgischen Golzow fehlten Erstklässler. Um die Dorfschule zu retten, holt der Bürgermeister syrische Flüchtlingsfamilien nach Golzow. Regisseurin Simone Gaul hat über das Integrationsexperiment den Dokumentarfilm „Die neuen Kinder von Golzow“ gedreht. Tereza Semotamová hat Simone Gaul am Rande des Festivals Jeden svět in Prag getroffen.

Wie sind Sie auf das Thema gestoßen?

Ein Bekannter hatte in einer Lokalzeitung gelesen, dass die Schule in Golzow nicht mehr genug Kinder hat und sie nun mit Flüchtlingenskindern versuchen, die Klasse zu retten. Das fanden wir spannend. Es war Sommer 2015, in Deutschland war alles voll mit Flüchtlingen, und es kamen immer mehr. Angela Merkel hat damals ihren berühmten Satz gesagt: Wir schaffen das! Die meisten Dörfer wollten keine Flüchtlinge aufnehmen. Alle hatten Angst, dass zu viele kommen und dass sie das dann nicht bewältigen können. Natürlich nicht alle, aber viele Gemeinden waren froh, wenn sie möglichst wenige Flüchtlinge unterbringen mussten. Der Golzower Bürgermeister Frank Schütz hat aber gesagt: Wir wollen Flüchtlinge und wir brauchen welche, damit wir diese Schule retten können. Natürlich wollten die nur Familien und erstmal auch nur zwei, aber diese offene Bekanntmachung fanden wir spannend.

Wir sind sofort hingefahren. Die Einschulung ist ja nur einmal. Wir wussten also: Wenn wir einen Film machen wollen, müssen wir sofort drehen, auch wenn wir noch kein Geld haben. Es hat dann noch sieben Monate gedauert, bis wir Geld hatten. Aber man muss drehen, wenn die Sachen passieren…

Wie viele syrische Familien leben jetzt in Golzow?

In Golzow leben inzwischen drei syrische Familien, die dritte kam erst später. Am Anfang war der Plan des Bürgermeisters, zwei syrische Familien einzuladen. Die sollten sich anfreunden, damit sie nicht so alleine sind. Es zeigte sich aber, dass die beiden Familien sehr unterschiedlich sind. Halimas Familie kommt aus Latakia, sie waren in Syrien gehobene Mittelschicht, relativ reich und relativ gebildet. Die andere Familie kam aus Aleppo, die waren eher ärmer, kommen aus einfacheren Verhältnissen. Sie mögen sich, helfen sich, trinken miteinander Kaffee, aber sie sind keine besten Freunde geworden. Also die Grundidee dahinter war schon künstlich. Wenn ich Deutsche im Ausland treffe, muss es auch nicht sein, dass wir uns gleich anfreunden. Natürlich verbindet uns die Heimat, aber wir sind nicht zwangsläufig auf einer Wellenlinie.

Ein Film muss ja einen Anfang, irgendeine Entwicklung und ein Ende haben. War es schwierig für Sie einen dramaturgischen Bogen zu erschaffen?

Ja, das war auch das Problem, als wir das Geld beantragt haben. Wir wussten, dass wir mit der Einschulung der Kinder beginnen und ein Schuljahr drehen möchten. Aber das war schon alles, was wir wussten. Es zeichnete sich dann ab, dass die Protagonisten zwar äußerlich ankommen: Sie bekommen Pässe, Minijobs... Aber innerlich, im Herzen kamen sie nicht an. Damit wollten wir arbeiten.

Interessant war auch die Stimmung in Golzow. Es gab eine Versammlung, auf der die Einwohner alle wieder böse waren. Dann gab es wieder einen Moment, als viele im Dorf den Flüchtlingen helfen wollten. Wir konnten gerade mit diesen Kontrasten spielen und haben darauf die Dramaturgie aufgebaut.

Es gibt verschiedene Methoden, einen Dokumentar-Film zu drehen. Sind Sie eher eine Beobachterin oder inszenieren Sie auch?

Ich bin auf jeden Fall eine Beobachterin und ich mag szenisches Erzählen innerhalb von ganz natürlichen Situationen, die sich von sich selbst ergeben. Gleichzeitig mache ich Interviews. Es ist natürlich auch eine Frage der Ressourcen, aber wenn es geht, bin ich am liebsten so lange wie möglich dabei und warte, bis etwas Spannendes passiert. Dann wird man Zeuge von Situationen, die man gar nicht erwarten würde. Zum Beispiel die Szene, als der Junge, der aus dem Krieg geflüchtet ist, auf der Kirmes schießen lernen soll. Das ist ziemlich absurd, aber er macht es, und das ist eine ziemlich starke Szene.

Sie haben erwähnt, dass das innerliche Ankommen der Protagonisten das Hauptthema geworden ist.

Ja, das war auch etwas ganz Neues für mich. Es hieß immer: Wohin mit den Flüchtlingen? Die brauchen eine Wohnung, eine Arbeit, eine Schule. Aber das ist nicht alles, was sie brauchen. Sie schleppen eine Riesenlast mit sich: Sie haben ihr komplettes Leben aufgegeben, ihre ganze Heimat ist weg. Das Praktische ist auch sehr wichtig, aber diese Traurigkeit, das Innerliche, das kann man nicht von außen lösen. Es braucht viel Zeit und es ist auch eine Generationsfrage. Ich kann mir vorstellen, dass die Flüchtlingskinder in 20 Jahren sagen werden, dass die sich in Deutschland wohlfühlen. Aber bei den Eltern bin ich mir nicht so sicher. Ich schätze, die werden weiterhin Syrien als ihre Heimat bezeichnen.

Gab es irgendwann Situationen, in denen Sie wussten, das dürfen wir nicht verwenden?

Wir haben nicht gedreht, wenn Halima kein Kopftuch anhatte. Das war rein formal, wir wussten, dass wir das nicht drehen dürfen. Dann gab es auch Situationen, in denen es noch sprachliche Probleme gab. Zum Beispiel sagte Halima in einer Szene, dass die Menschen in Golzow keinen Gott haben und dass das ganz schwer für sie ist. Das ist ein wichtiger Satz, aber man versteht ihn schnell falsch. Sie will den Menschen nicht vorschreiben, dass sie an Gott glauben müssen. Sie sagt einfach nur, dass es für sie dort sehr schwierig ist, weil sie sehr gläubig ist. Allgemein ist es so, dass man in der Schnittphase sehr sensibel sein muss. Ich weiß, wie sie es meint, aber das Publikum vielleicht nicht.

Sie haben Deutsch miteinander gesprochen?

Ja, tatsächlich, von Anfang an. Halima hat wahnsinnig schnell Deutsch gelernt. Ich wollte irgendwann einen Dolmetscher engagieren, aber dann hab ich mich dagegen entschieden, weil wir ein kleines Team bleiben wollten. Und dann fand ich es eigentlich auch interessant zu beobachten, welch große Fortschritte die Familie mit der Sprache macht.

Wie haben Sie dafür gesorgt, dass die Geschichte nicht nur schwarz-weiß ist?

Das hat gedauert und kam Schritt für Schritt mit den Sprachkenntnissen. Einige negative Sachen kann man erst sagen, wenn man die sprachliche Sicherheit hat. Es hat auch gedauert, bis sich Halima so weit geöffnet hatte, dass sie uns gegenüber überhaupt zugegeben hat, dass sie in Deutschland nicht glücklich ist und dass sie hier gar nicht sein will. Denn sie wusste, wenn die Deutschen das sehen, dann sagen die: Dann geh doch! Wir wussten, dieser Aspekt ist wichtig, aber man muss das sensibel in den Film eingliedern. Und klar, es gibt Probleme mit der Bürokratie, aber das wollte ich in dem Film nicht zum Thema machen. Darüber wurde schon viel gedreht.

Golzow kämpft wie viele andere Dörfer mit Einwohnerschwund. Ist das ein allgemeines Problem in Deutschland?

Ja, ich glaube in Ostdeutschland ist es noch schlimmer als in Westdeutschland. Nach der Wende sind viele Menschen aus Ostdeutschland nach Westdeutschland oder in die großen Städte gegangen. Allgemein ist die Infrastruktur auf dem Land ein Problem. Da gibt es zum Beispiel keine Läden, keinen Bäcker, Ärzte, Pfleger, Unterhaltung. Das ist schwierig nicht nur für alte Menschen, die nicht mehr Auto fahren können. Die jungen Leute gehen weg, weil es keine Arbeit gibt. Die Politiker haben das nicht im Griff, denn man kann ja niemanden zwingen, auf dem Land zu bleiben. Gleichzeitig gibt es aber einen kleinen entgegengesetzten Trend: Manche Menschen sehen sich nach dem Landleben und ziehen da hin. Aber das sind bisher noch sehr wenig.

Es gab einen Punkt in der Flüchtlingsdebatte, als einige Politiker forderten: Mehr Flüchtlinge in die Dörfer, weil dort ja vieles leer steht. Das klingt plausibel, aber so einfach ist es nicht. Am Anfang war es super in Golzow – alle kannten sich schnell und die, die helfen wollen, haben geholfen. Aber je mehr sie integriert wurden, desto schwieriger war es für die Familie in dem Dorf zu leben. Weil es ist ein Dorf, aus dem alle wegwollen und sie selbst eigentlich auch. Es gibt keine Arbeit, kein Kino, keine Musikschule, man braucht ein Auto, um frei zu sein.

Haben Sie vor die Situation in Golzow mit der Kamera weiterzuverfolgen?

Erstmal hab ich keine Zeit, dort weiterzudrehen. Ich bin aber mit Halima eng befreundet und wir haben uns noch einmal für eine zweite Textreportage getroffen. Ich bin gespannt, wie es mit ihnen weitergeht, vor allem mit den Kindern. Kamala sagt immer noch, dass sie später unbedingt einen Kopftuch tragen will, obwohl das in Brandenburg viele ihrer Freundinnen nicht tun. Auch wenn wir gerade nicht drehen, haben wir haben immer noch viel Kontakt. Ich habe aber vor, in zwei, drei Jahren dort weiterzumachen.

Das Interview führte Tereza Semotamová.

Copyright: jádu | Goethe-Institut Prag
Juni 2018

    Die (neuen) Kinder von Golzow

    Die Kinder von Golzow ist eine filmische Langzeitdokumentation über die Schüler einer Schulklasse aus dem brandenburgischen Golzow im Oderbruch. In 20 Filmen begleiteten Barbara Junge und Winfried Junge von 1961 bis 2007 die Lebenswege von 18 Menschen der Jahrgänge 1953 bis 1955. Dabei entstanden mehr als 70 Kilometer und rund 45 Stunden Filmmaterial. Die damit längste Dokumentation der Filmgeschichte endete mit den beiden Teilen Und wenn sie nicht gestorben sind… und …dann leben sie noch heute.

    kinder-von-golzow.de

    ***

    Die neuen Kinder von Golzow ist eine filmische Dokumentation über das heutige Golzow. Dem ostdeutschen Dorf Golzow gehen die Kinder aus. Um sein Dorf vor dem Verschwinden zu retten, hat Bürgermeister Frank Schütz eine Idee: Syrische Flüchtlingsfamilien mit ihren Kindern sollen nach Golzow ziehen und dem Dorf den dringend benötigten Nachwuchs bringen. Kann das gut gehen? Die 33-jährige Simone Gaul hat zwei Familien ein Schuljahr lang begleitet. Simone Gaul ist freie Journalistin und Filmemacherin.

    golzow-film.com
    simonegaul.de

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