Auf dem Land

Eine Kapelle für den Großvater

Foto: © Studio Pelčák a partner architektiFoto: © Filip Šlapal (Studio Pelčák a partner architekti)
Die Kapelle des heiligen Wendelin in Osek nad Bečvou

Kleine Kapelle, große Geschichte. Zum Andenken an seine Familie hat Ladislav Koutný in Osek nad Bečvou die Kapelle des heiligen Wendelin errichtet. Das einzigartige Bauwerk ist eines von 30 in Tschechien, die als besonders interessant im Architekturjahrbuch 2017 geführt werden. Nun ist die Kapelle außerdem in der Auswahl zum tschechischen Architekturpreis.

Osek nad Bečvou im Landkreis Přerov ist eine Gemeinde mit mehr als tausend Einwohnern. Einer von ihnen ist der 70-jährige Ladislav Koutný, dessen Familie seit mehreren Generationen hier lebt. Ladislav Koutný ist Baumeister und Hochschulpädagoge, ein Mensch, der viel über die Wahrnehmung und die Nutzung der Landschaft nachdenkt.

Wo die Kapelle stehen sollte, war von Anfang an klar. Die Familiengeschichte gab die Stelle am Ende der Kirschbaumallee vor, die symbolisch den Grundbesitz von Kountný in Radvanice und den der Familie Vacula in Osek verbindet. Sie steht auf halbem Weg zwischen beiden Vorfahren von Ladislav Koutný. Auch Petr Pelčák, der mit dem Entwurf der Kapelle betraut wurde, hatte weder am Ort noch an der Idee Zweifel. Und das, wie er selbst sagt, zum ersten und vielleicht letzten Mal in seinem Leben. Eine Gelegenheit, die man einfach wahrnehmen muss, angereichert durch die Geschichte und die Herangehensweise von Koutný, und nahezu die Gewissheit, dass die Zusammenarbeit funtkionieren wird. Denn Koutný und Pelčák haben bereits zwanzig Jahre zuvor schon einmal zusammengearbeitet. Gemeinsam hatten sie das Verwaltungsgebäude des Mährischen Wasseramtes in Olomouc (Olmütz) errichtet.

Balance zwischen Wald und Beton

Die Kombination der praktischen und geerdeten Herangehensweise des Dozenten Koutný und Professor Pelčákas Vorliebe für die Kraft durchdachter, raffinierter Schlichtheit funktionierte auch heute noch. Die Gespräche über das Wie, das allmähliche Verinnerlichen des Entwurfs und die Identifikation mit ihm bedeuteten für den Architekten eine große Verantwortung. Gleichzeitig aber bereitete ihm diese eher unübliche Herangehensweise auch viel Freude.

Koutný vergisst nie, außer Professor Pelčák auch dessen Kollegin, die Architektin Marcela Uřídilová, zu erwähnen. Diese funktionierte zwischen dem praktisch veranlagten Bauingenieur und dem eher künstlerischen Architekten als eine Art verbindendes Element. Während des Interviews erweist er beiden seinen Respekt.

„Wir sind beide verschieden, aber uns war klar, dass wir, obwohl wir manchmal aneinander geraten sind, das gleiche Ziel verfolgten. Wenn mir etwas gar nicht gefiel habe ich geschwiegen, und dann nach einer Weile gesagt, dass ich zu meiner Vorlesung muss. Das war ein klares Signal, dass wahrscheinlich etwas geändert werden muss. Mit beiden habe ich von Anfang an fruchtbare und konstruktive Diskussionen geführt. Ich bin froh darüber, dass diese immer zu einem hervorragenden Ergebnis geführt haben,“ erinnert sich Koutný.

Die Dikussionen und Dialoge dauerten zwei Jahre. Während dieser Zeit tauchte auch der Entwurf einer Kapelle aus Ziegeln auf – und zwar in dem Moment, als Professor Pelčák begriff, das der Dozent Koutný die Kapelle wirklich mit eigenen Händen bauen würde. Die Ziegel waren also eine Möglichkeit der Vereinfachung. Koutný lehnte sie ab. Er akzeptierte den ursprünglich vorgeschlagenen Beton und identifizierte sich mit ihm.


Dieses Material wurde unter anderem wegen seiner Widerstandsfähigkeit, Festigkeit und Homogenität für die freistehende Kapelle ausgesucht. Aber es hatte noch eine weitere Bedeutung. Es gestattete den Wurzeln der umstehenden Bäume, an den Wänden der Kapelle ihre Abdrücke zu hinterlassen. So bildete sich eine sogenannte Kannelure, ein Urmotiv von Sakralbauten, das Urmotiv einer Säulen, die historisch als Symbol für einen Ort gilt, an dem sich Gott gezeigt hat. Die Kapelle in Osek ist also eine einzige große Säule, wenn auch eine eckige. Eine Säule, die Koutný aus dem erwähnten Beton gegossen hat.

Der zweijährige Planungsprozess ging fließend in die Phase der Umsetzung über. Auch diese nahm zwei Jahre in Anspruch. Mit seiner langjährigen Erfahrung machte sich der Baumeister auf eigene Faust auch an dieses Pojekt. Dabei war das Ausbetoniern des Fundaments der Kapelle ein entscheidender Bestandteil. Eine anspruchsvolle Aufgabe, an die sich niemand herantraute. Auch deswegen stellte Ladislav Koutný selbst die hölzerne Schalung im Maßstab von 1:1 in der Werkstatt eines Freundes mit dessen Hilfe her.

Nacheinander machte Koutný die Schalen der vier Wände, brachte sie an ihren Bestimmungsort und setzte sie zusammen. Dann kamen die Fragen: Wie sollte man den Beton eingießen, damit die Form erhalten blieb? Wie es hinbekommen, dass der Beton nicht rissig wird und alles auf den Zentimeter genau an der Kante des Fundaments sitzt? Als es daran ging, den Beton schichtweise in die Form zu gießen, bat er vier Helfer jede Wand zu beobachten, damit der Beton sich gleichmäßig verteilte. Nach zwei Jahren Arbeit stand die Kapelle. Betrachtet man Koutnýs Genauigkeit, Herangehensweise und Entschlossenheit, so ist sein Wunsch, die Kapelle möge mindestens 100 Jahre stehen, nicht unrealistisch.

Schafe und Schwalben

An der Umsetzung waren auch Hana Puchová und Jiří Středa maßgeblich beteiligt. Der ursprüngliche Wunsch des Architekten war es zwar, die Betonwände in ihrem Urzustand zu belassen. Er kam aber dem Wunsch Koutnýs entgegen und engagierte für die Verzierung der Wände seine Freunde, die Künstlerin aus Ostrava und den Prager Bildhauer.

„Ich war glücklich über dieses Angebot, das war eine Herausforderung,“ sagt Hana Puchová. Sie arbeitete etwa zwei Wochen an den Wänden der Kapelle, obwohl sie am liebsten einen Monat an diesem Ort verbracht hätte. Kein Wunder, für einen Künstler erscheint die Kapelle dank des Lichts, das durch das Kristallglas in der Rosette fällt, zu jeder Stunde in einer anderen Farbe. Die blauen und weißen Glasstücke, eigentlich Überreste von Glaspfannen, sind von einer kreisförmigen Konstruktion eingefasst, deren Bestandteil außerdem ein einfaches Metallkreuz ist, sichtbar sowohl von außen als auch von innen. Die anmutigen Malereien von Hana Puchová schmücken dann die inneren Wände.

Außer Schafen gibt es in der Kapelle auch Schwalben, die ihren Teil der Raumes selbst in Beschlag nahmen, nachdem sie eines Tages durch das Fenster der Kuppel herein geflogen kamen. Und so malte Hana Puchová für sie schließlich auch ein Stück Himmel dazu und als witziges Detail eine Fliege, die wie eine potentielle Beute herumfliegt.

Die Kapelle ist dem heiligen Wendelin geweiht, ein königlicher Thronfolger, der für ein spirituelles Leben auf die Krone verzichtet hatte und Viehhirte wurde. Jiří Středa bekam die Aufgabe, den Heiligen darzustellen. Dessen Namen trug nämlich auch der Großvater von Ladislav Koutný, und ihm zu Ehren sollte die Kapelle errichtet werden.

Etwas dorthin zurückgeben, von wo wir genommen haben

Großvater Vendelín lebte nicht nur in der Nähe des Ortes, an dem die Kapelle steht, sondern er bewirtschaftete auch die nahe gelegenen Ländereien. Die Felder werden nun wieder bewirtschaftet, aus dem nahen Sumpf wurde ein Wasserbecken, aus dem Hirschkühe trinken. Zusammen mit der Kapelle ist also das gesamte Werk von Herrn Koutný ein Ausdruck der Achtung gegenüber seinen Vorfahren, die uns lehren, dass jeder von uns etwas in der Landschaft hinterlassen soll. „So wurde ich erzogen“, sagt er. Die Art und Weise, wie er den Ort verändert hat, ist auch eine Antwort an das Regime, das seine Familie viele Jahre von ihrem Grund und Boden verbannt hatte.

Es geht in der ganzen Geschichte nicht nur um die Kapelle, sondern um ein gewisses Gleichgewicht bei allen Schritten, die ihr Entstehen begleiteten. Bemerkenswert ist auch die Kirschenallee, die Koutnýs Großvater ausgesät hatte, und die er selbst wiederbelebte. Ein Drittel der ursprünglichen Bäume konnte erhalten werden, den Rest pflanzte er neu. Ein Prinzip, das den Respekt vor Wurzeln und das Wissen in sich trägt, dass sich alles weiter entwickeln muss, denn nur so zirkuliert die Energie und das Leben.

Wenn man diese Symbolik nun von einer Gemeinde auf die gesamte Bevölkerung überträgt, was signalisiert uns dann die Tatsache, dass, zum Beispiel in den Städten, fast keine interessanten Neubauten entstehen? Der architektonische Blickwinkel von Professor Pelčák ist eher ein pessimistischer. „Die tschechische Gesellschaft ist krank. Man braucht sich nur die Städte anschauen, wie sie stagnieren und sich nicht weiter enwtickeln. Eine Stadt ist dabei die größte Verdichtung der Gesellschaft an sich, der Welt und der Ansprüche an die Welt und das Leben“, konstatiert Professor Pelčák. Für ihn ist noch eine weitere Entwicklung unserer Gesellschaft tragisch. „ Keine Neubauten, keine Entwicklung, keine neuen Leute. Eine Methode, mit der wir an den Rand der europäischen Gesellschaft geraten.“

Auf der einen Seite ist dies also die Geschichte eines Menschen, der durch sein Verantwortungsgefühl gegenüber dem Ort, an der er aufwuchs, einen klaren Beweis dafür liefert, dass jeder von uns die Gesellschaft dadurch prägt, wie er lebt und was er hinterlässt. Auf der anderen ist es die nicht allzu optimistische Prognose eines Architekten über die Entwicklung unseres Landes. Die Kapelle des heiligenWendelin bietet durch ihre Gestaltung und Lage einen wunderschönen Ausblick über die Landschaft. Sie regt auch zum Nachdenken an, zum Beispiel auch darüber, was größer ist als wir selbst.

Und das ist laut Ladislav Koutný auch die Botschaft, die die Kapelle in den Feldern haben soll: „Wenn es hier auch nur Einem von Hundert gelingt, sein konsumorientiertes Leben ein wenig mit dem Geistlichen auszugleichen, darüber nachdenkt, wie er lebt und etwas daran verändert, bin ich froh. Das ist der Grund, warum ich das hier gebaut habe.“

Simona Bagárová
Übersetzung: Hana Sedláček

Copyright: jádu | Goethe-Institut Prag
Oktober 2018

    Osek nad Bečvou

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