Ton

Pilze machen Musik

Foto: Karsten Seiferlin, CC BY-SA 2.0
Wie klingt eigentlich ein Fliegenpilz? Foto: Karsten Seiferlin, CC BY-SA 2.0

Wir gehen in den Wald, um Stille und Ruhe zu finden. Aber lasst euch nicht täuschen, denn es geben auch Dinge Geräusche von sich, von denen man es überhaupt nicht erwarten würde. Während Bedřich Smetana die Musik im Fluss hörte, fand sie Václav Hálek in den Pilzen.

Die Pilze machen dabei alles andere als gewöhnliche Geräusche – sie spielen ganze Symphonien. Das klingt verrückt, und es gibt auf der ganzen Welt wahrscheinlich nur einen Menschen, der die Musik der Pilze gehört hat. Ihm ist es sogar gelungen, ihre Musik in Noten festzuhalten.

Der Komponist von Filmmusik und studierte Pianist Václav Hálek besaß großes musikalisches Talent. Neben seinem leidenschaftlichen Interesse für die Musik hatte er von klein auf aber noch ein weiteres Hobby: Er ging mit seiner Großmutter Pilze sammeln. Die Großmutter sammelte aber nur die üblichen Verdächtigen unter den Pilzen, während er sich allmählich immer mehr für deren Vielfalt und die Mykologie im Allgemeinen interessierte. So wurde er Mitglied der Mykologischen Gesellschaft und begann, sich den Pilzen im größeren Maßstab zu widmen.

Musik und Mykologie

Weil er sein Leben lang bekennender Katholik war, hatte Hálek als Musiker während der kommunistischen Diktatur Probleme, von seiner Arbeit zu leben. Er komponierte Musik für Film und Theater, lebte aber in Wirklichkeit vor Allem von seiner Tätigkeit als Organist in einer Kirche. Von seinen Kompositionen nahmen die Kommunisten so gut wie keine Notiz. Václav Hálek selbst hatte kein Problem damit, ab und zu andere Musiker zu begleiten oder hier und da etwas für einen Auftraggeber zu schreiben, solange ihm diese Arbeit sinnvoll erschien. Einer längerfristigen Zusammenarbeit mit den Kommunisten aber ging er aus dem Weg. Am Ende sollten sich Musik und Pilze, die beide Leidenschaften, die ihn sein ganzes Leben begleitet hatten, auf wirklich unerwartete Weise miteinander verbinden.

Eines Herbsttages im Jahr 1980 machte sich Václav Hálek zusammen mit seinem mykologischen Verein auf den Weg in den Wald, um dem gemeinsamen Hobby zu frönen. Das Grüppchen hatte die Fotoapparate im Anschlag und suchte nach etwas Interessantem. Als endlich einer von ihnen einen Pilz fand, der des Objektivs würdig war, baute ein Kollege seinen Apparat auf und bat Václav Hálek in den Sucher zu schauen, ob der Pilz gut im Bild säße. Und Václav Hálek stellte beim Blick auf das Motiv überrascht fest, dass der Pilz Musik machte. Erschrocken richtete er sich auf. Dann kehrte er jedoch sofort wieder zum Apparat zurück und schaute sich den Pilz nochmals an um sicher zu gehen, dass er sich das nur eingebildet hatte. Der Pilz musizierte immer noch. Er bat die Kollegen um Geduld und holte Notenpapier hervor, das er als leidenschaftlicher Musiker immer zur Hand hatte. Dann begann er die Musik festzuhalten, die der Pilz für ihn spielte und die er in seinem Inneren hörte. Seit diesem Tag notierte Hálek im Grunde jeden Tag eine Komposition, die ihm die Pilze vorspielten.

Die Tatsache, dass der erste Pilz, den Hálek spielen hörte, ausgerechnet „zvoneček sadní“ [wörtlich etwa „Gartenglöckchen“, es handelt sich um Tarzetta cupularis, deutsche Bezeichnung: Kerbrandiger Napfbecherling; Anmerkung der Übersetzerin] genannt wird, war auch ein Zeichen für die zukünftigen Ereignisse – Hálek, der Musiker mit Leib und Seele, lauschte der Musik der Pilze von da an bei jeder Gelegenheit und transkribierte sie in Noten.

Die Tschechen und der Wald

Die Kombination von Musik und Pilzen ist keine weltbewegende Neuigkeit. So gehören der spitzkegelige Kahlkopf und andere magische Pilze, nach deren Genuss der Konsument (nicht nur) die Musik viel intensiver wahrnimmt, seit Langem zu Musikfestivals dazu. „Auf Pilzen“ ist eine Menge guter Musik entstanden, Václav Hálek aber hat die Beziehung zwischen Mensch und Pilz neu interpretiert.

Er nahm die umgekehrte Perspektive ein und begann, den Pilzen mit seinen eigenen Ohren zu lauschen. Und was die Geräusche aus der Natur selbst betrifft: in unseren Breitengraden haben wir bereits seit Jahrhunderten Erfahrung mit der Natur als Inspirationsquelle. Tschechen lieben den Wald und das Entfliehen in die Natur. Und unsere ganze Nation sammelt massenhaft und begeistert Pilze, so dass die Infiltration der Musikkultur umso verständlicher ist.

Neben der Musik der Pilze hat Hálek aber auch Menschen beobachtet. Er lauschte dem Klang ihrer Gespräche, nahm wahr, was sie sagen, registrierte deren Eigenschaften und überführte das alles in Noten. Die Pilze konnten seine Symphonien oder Arien natürlich nie kommentieren, aber von den Menschen bekam er angeblich oft Lob. Und manche erkannten sich in seinen Stücken wieder, fühlten sich mit ihnen geistig verwandt. Die Musik erinnerte sie an sich selbst und interpretierte klar ihre Eigenschaften.

Ähnlich wie andere Künstler ihre Talente, sah auch Václav Hálek seine Fähigkeit, die Musik der Pilze zu hören, als Geschenk Gottes an. Und er bemühte sich all das, was er hörte, weiterzugeben, denn er wollte dieses Geschenk nicht für sich behalten. Im Winter, wenn keine Pilze wuchsen, übergaben sie ihm ihre musikalische Botschaft sogar über Fotografien. Er betrachtete das Foto eines Fliegenpilzes so lange, bis er anfing Musik zu machen. Und sofort setzte er sich hin und hielt die Musik fest. Am Ende hat er insgesamt 9 000 Pilz-Melodien und als Bonus eine Mykokosmische Symphonie geschrieben.

Háleks Pilzpfanne

Natürlich drängt sich hier die Frage auf, wie eigentlich Václav Háleks Verhältnis zu Pilzen als Nahrungsmittel aussah. Immerhin gelang es ihm, ihnen stundenlang zuzuhören und ihre Musik zu interpretieren.

Nun ja, er sah es rational, genauso pragmatisch und realistisch wie sein Herangehen an die einigermaßen verrückte Tatsache, dass er die Musik der Pilze hörte. Er sagte, die Pilze seien von Gott erschaffen worden, die essbaren und die giftigen, also esse er einfach die, die man essen kann. Übrigens unterscheidet sich die Musik von essbaren und giftigen Pilzen nach Meinung des Háleks nicht. Dass giftige Pilze zum Beispiel ein agressives Allegro spielen und schmackhafte essbare den Pilzesammler mit einem Menuett locken würden, das käme überhaupt nicht in Frage. An der Pilzsorte kann man nicht erkennen, ob er ein „houda jeblá“ [Name einer tschechischen Elektropop-Band und Schüttelwort von jedlá houba, auf Deutsch: essbarer Pilz; Anmerkung der Übersetzerin] ist oder nicht. Und dass ihm ein Pilz, bevor er ihn in Stücke schneidet und in die Pfanne wirft, noch etwas vorspielt, war ein ziemlich angenehmer Bonus, von dem er sich jedoch nicht ablenken ließ. Er aß seine Pilzpfanne mit Freuden.

Die probierte angeblich auch der berühmte John Cage, der in den 60er Jahren bei den Háleks zu Besuch war – übrigens war auch Cage ein leidenschaftlicher Mykologe und obendrein Gründer der Mykologischen Gesellschaft in New York. Und auch er behauptet auch lange und etwas augenzwinkernd, dass Pilze Geräusche machen. Aber Cage hörte natürlich keine Musik – er sagte lediglich, dass er die Pilze höre, wenn er im Wald auf der Suche nach ihnen war.

Václav Hálek stellte aus seinen Aufnahmen mit der Zeit sogar ein ganzes Buch zusammen. Im Jahr 2003 erschien der Musikalische Atlas der Pilze: Wie Pilze singen. Darin findet man klassische Fotografien der Pilze, Informationen darüber, wie sie sich optisch unterscheiden und fachliche Beschreibungen. Außerdem aber ist dem Buch eine CD beigefügt, mit Stücken, die nach den Sorten der einzelnen Pilze sortiert sind. Es muss erwähnt werden, dass nur der erste Teil des Atlas erschienen ist, der sich den Dickröhrlingen widmet – von ihnen gibt es hier 42 Arten und die meisten von ihnen werden durch Geigenspiel festgehalten.

Einen weiteren Teil des Atlas wird es leider nicht mehr geben. Man findet wohl niemanden mehr, der an die Arbeit von Václav Hálek anknüpfen könnte. Der Musiker, der als einziger auf der Welt die Musik der Pilze hörte, starb mit nicht ganz 78 Jahren im Herbst 2014 – zur typischen Pilzsaison. Aber die Musik der Pilze hat er hinterlassen. So bleibt uns dank Hálek die Möglichkeit, sich einen Fliegenpilz oder Steinpilz anzuhören, auch wenn wir lieber in den Wald gehen, um der so kostbaren Stille zu lauschen.

Janina Michlová
Übersetzung: Hana Sedláček

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September 2017

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