Werke

Andris Dzenītis Latvian Cookbook (2011/12) für Ensemble

© Goethe-Institut

Sie benötigen den Flashplayer , um dieses Video zu sehen

Besetzung: Flöte (auch Piccolo), Oboe, Klarinette (auch Bassklarinette), Fagott – Trompete, Posaune – Schlagzeug, Klavier – 2 Violinen, Viola, Violoncello

Die Frage, was denn eigentlich dran ist, an den den ewigen Werten und den heiligen Traditionen einer Nation, lässt sich auch mit Humor und Ironie beantworten. Seit wann ist denn die Kartoffel ein lettisches Nationalgericht? Doch wohl erst, seit sie überhaupt in Europa eingeführt und auch in den nördlichen Ländern heimisch wurde, also frühestens seit dem 17. Jahrhundert. Die lettische Nationalküche sei voller Gerichte, die ihren Ursprung eigentlich außerhalb Lettlands haben, erklärt Andris Dzenītis irritiert. Die meisten Gerichte, führt Dzenītis seine düsteren Gedanken weiter aus, scheine es überhaupt nur zu geben, damit man Touristen etwas Typisches servieren könne. Und die glaubten dann auch noch, sich der lettischen Volksseele durch den Verzehr eines Kartoffelkuchens auf profunde Weise genähert zu haben. Um diesem Sachverhalt auf den Grund zu gehen, komponiert Dzenītis nun einen Zyklus über lettische Nationalgerichte. Denn was könnte das sein, eine echt lettische Mahlzeit?

Selbstverständlich hat Dzenītis bei diesem Projekt mit einem lettischen Gourmetkoch kooperiert. Die einzelnen Gerichte wurden in Zusammenarbeit mit Mārtiņš Rītiņš ausgewählt und formuliert, heißt es stolz im Vorwort der Partitur. Dabei wurden vor allem Gerichte gewählt, die tatsächlich in der heimischen Küche der Großmütter zubereitet wurden, eine ländliche Küche, die sich nicht nach den Moden der Hauptstadt richtet. "Blutwurst", "Erbsen und Bohnen" – aus den herrlichen Leckereien der baltischen Küche werden nun also zu Klanggerichten. Dzenītis geht von einer gewissen Synästhesie zwischen Klang und Geschmack aus: Musik und Essen seien beide sehr sinnliche, aber eben auch sehr flüchtige Kunstformen. Er sei sicher, dass man Töne schmecken und Speisen hören könne: saure Klänge, bittere Klänge. Die Klangfarben werden wie Zutaten gemischt, Töne wie Lebensmittel erhitzt, gebraten, gekocht, fritiert, püriert ...

Neben den herkömmlichen Instrumenten benutzt Dzenītis auch zahlreiche Küchengeräte, um das akustische Ambiente der Kochkunst zu evozieren. Gleichzeitig sollen aber auch die Anlässe, zu denen ein Gericht serviert wird, die Stimmungen und die sozialen Kontexte, in das Werk einfließen. Darauf wird auch in den oft ein wenig rätselhaften Untertiteln der Sätze angespielt, die, Sprichworten gleich, etwas von der Lebensweisheit des guten Essens vermitteln. Am Anfang steht das Quellwasser, als Ursprung nicht nur aller Speisen, sondern als Ursprung allen Seins. "Die Schöpfung der Welt" hat Dzenītis diesen ersten Satz untertitelt, und es plätschert und blüht gewaltig in diesen ersten Minuten.

Was folgt sind sechs Gerichte von je eigenem Gusto. Fast versteht es sich von selbst, dass das friedliche Daheim im dritten Satz sognante (träumerisch) und dolce (weich) beginnt, dass das Erntefest im Herbst gioioso (fröhlich) und brioso (ausgelassen) zu spielen ist, die Hölle der Beerdigung eines Schweins aber disperatamente (verzweifelt) und nero (schwarz) zu klingen hat. Aber wer hätte gedacht, dass das Füllhorn im sechsten Satz, der als reich gedeckter Tisch und als Essen mit vielen Freunden angekündigt wird, von der Posaune allein gespielt wird? Das Füllhorn und der Posaunentrichter haben sicher etwas miteinander zu tun. Es geht Dzenītis aber eben nicht um das Naheliegende und ohnehin Offensichtliche. Sein Stück lebt wesentlich davon, dass kulinarische Feinheiten auf dramaturgische Konzepte treffen und die Werke sich als Synthese dieser beiden Gestaltungsebenen entfalten. So wird aus dem lettischen Kochbuch am Ende ein Panoptikum, das vom Himmel bis zur Hölle viele Facetten der menschlichen Existenz abbildet.

Andris Dzenītis wurde 1978 in Riga geboren und erhielt bereits im Alter von 16 Jahren den Kammermusikpreis des Lettischen Komponistenverbandes für seine Sonate für Violine und Klavier Pamestie.

Als Herder-Stipendiat studierte er 1996-1997 Komposition an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien bei Kurt Schwertsik. Seine Studien setzte er an der Lettischen Musikakademie bei Pēteris Plakidis (1997-1999) und an der Musik- und Theaterakademie Litauens bei Osvaldas Balakauskas (1999-2003) fort.

Für seine Werke, die vielfach aufgeführt und auf CD eingespielt wurden, erhielt er zahlreiche Preise, etwa 2007 den in Lettland hoch angesehenen Großen Musikpreis. Neben seiner Beschäftigung als Musikjournalist, Musikorganisator und Kompositionslehrer ist er Mitbegründer des Woodpecker Projects, einer Gruppe für elektronische Musik. Seit 2004 ist Dzentinis außerdem Vorstandsmitglied des Lettischen Komponistenverbandes.
Björn Gottstein
schreibt als freier Musikjournalist über neue und elektronische Musik. Er lebt in Berlin.

    Dossier: Elektronische Musik in Deutschland und Tschechien

    Klub Fleda © Fleda
    Aktuelle Tendenzen und die wichtigsten Entwicklungen der letzten Jahre

    Mit Goethe auf Tour

    Podcast zu Konzerten der Goethe-Institute weltweit