Werke

Paweł Hendrich Sedimentron (2012) für Ensemble

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Besetzung: Flöte (auch Piccolo), Oboe, Klarinette (auch Bassklarinette), Fagott (auch Kontrafagott) – Horn, Trompete (auch Piccolo-Trompete), Posaune – Schlagzeug, Klavier (auch MIDI-Keyboard) – 2 Violinen, Viola, Violoncello

Was und wer ein Mensch ist, wird von vielen Faktoren beeinflusst. Der kulturelle Hintergrund, die historischen Voraussetzungen, die gesellschaftliche Position – all das wirkt mit an dem, was aus uns wird. Paweł Hendrich vergleicht den Prozess der Identitätsbildung mit dem Vorgang der Sedimentierung. Auch Mythen und Legenden, so führt Hendrich seine Gedanken weiter aus, setzen sich ab, werden überlagert und schichten sich schließlich. Die Gegenwart wirble einen Stoff auf, der sich dann als Mythos im Fundament der kulturellen Identität absetzt. Im Aufriss dieses Fundaments lasse sich dann die Geschichte einer Kultur ablesen und rekonstruieren und damit also auch die Frage nach der eigenen Identität beantworten. Nun ist Hendrich nicht an der Frage nach dem Polnischen an sich interessiert, sondern an den Prozessen selbst. Sein Stück Sedimentron ist eine Klang gewordene Sedimentation. Der Titel selbst ist ein Portmanteau, das das lateinische Sedimentum mit dem griechischen Wort für Maß, metron, verbindet. Es wird also nicht nur der Prozess der Ablagerung und Verfestigung beschrieben, sondern auch ausgemessen, wobei die Doppeldeutigkeit von wissenschaftlichem und musikalischem Maß, von objektiven Messungen einerseits und klar strukturierten Taktmaßen andererseits, sicher nicht unbeabsichtigt ist.

Hendrich beginnt sein Werk mit verschiedenen Materialschichten. Die Holzbläser arbeiten sich durch eine Reihe von Atem- und Klappengeräuschen, die Flöte mit Obertonglissandi und Whistletones, Oboe und Fagott mit Luftgeräuschen, die Klarinette mit einem Pizzicato-Klang. Die Blechbläser öffnen und schließen ihren Trichter mit einem Dämpfer, sodass der berühmte Wahwah-Effekt entsteht und die Streicher trommeln auf den Korpus ihres Instruments. Dabei haben alle diese Klangebenen etwas Vorläufiges, Unfertiges, Werdendes. Es ist alles in Bewegung. Auch hat das Klopfen etwas Abtastendes, Abhörendes, was den wissenschaftlich-untersuchenden Duktus des Werks nochmals unterstreicht. Die einzelnen Materialebenen durchlaufen verschiedene Zustände, wobei das Flüchtige, Unbeständige überwiegt, ja bisweilen wirken die Klangaugenblicke fast geisterhaft, wie ein Spuk aus der Vergangenheit, etwa wenn die Streicher mit zwischen Steg und Griffbrett wanderndem Bogen fragile Flageolettklänge intonieren. Im weiteren Verlauf verändert Hendrich nach und nach einzelne Parameter, verschiebt die Tonhöhen, die Rhythmen und Metren, die Klangfarbe und die Klanggebung, um die Übergänge von Farben und Texturen, die in einem geologischen Querschnitt sichtbar werden, anzudeuten.

Hendrich gehört zu den wenigen Komponisten des Mythen-Projekts, die das Ensemble um ein elektronisches Spielinstrument erweitern, auch wenn das MIDI-Keyboard hier nur dazu genutzt wird, die Klänge eines Rhodes-E-Pianos zu steuern. Das Rhodes, ein elektromechanisches Instrument der 1960er-Jahre mit hellem, glockigen Klang, wurde vor allem in der Popmusik von Bands sie den Doors genutzt. Die Verwendung dieses Instrumentes ist eine Bereicherung der Klangfarbe, aber wohl auch eine Anspielung auf die Mythen und Legenden, die sich im 20. Jahrhundert um die Popkultur ranken.

Bezeichnenderweise endet das Stück, das die historischen Schichten der eigenen Identität zu durchdringen suchte, nicht mit einer stabilen, gemeinschaftlich vorgetragenen Passage. Es ist kein großes hymnisches Unisono, das die Durchmessung der Mythen und Legenden abschließt, sondern ganz im Gegenteil, ein Vereinzelungsprozess, die Individualisierung einer einzelnen Stimme.
Er habe das Stück nicht geschrieben, um seinem Unbehagen an der unbefriedigenden politischen Situation in Slowenien Ausdruck zu verleihen, erklärt Bonin, sondern vielmehr mit dem Wunsch, in allem etwas Schönes, Grundlegendes und Einfaches zu entdecken. Es kommt mithin auch nicht zu einer erlösenden Synthese zwischen den Materialien; die Widersprüchlichkeit der Ideen bleibt bestehen.

Sedimentron ist dem polnischen Musikwissenschaftler Andrzej Chłopecki gewidmet, der auch als Scout für das Mythen-Projekt tätig war und im Herbst 2012 starb.

Paweł Hendrich wurde 1979 in Breslau geboren. Neben seinem Abschluss an der Wirtschaftsuniversität Breslau studierte er außerdem Komposition an der dortigen Karol-Lipiński-Musikakademie bei Grażyna Pstrokońska-Nawratil. 2005-2006 führten ihn seine Studien auch zu York Höller an die Kölner Musikhochschule.

Hendrich erhielt zahlreiche Preise und Stipendien, unter anderem war er 2007-2010 Teilnehmer am Förderungsprogramm des Europäischen Musikzentrum Krzysztof Penderecki. Seine Kompositionen standen immer wieder bei Musikfesten auf dem Programm, etwa beim Warschauer Herbst und bei den Audio Art Festivals in Krakau und Warschau. Schon seit vielen Jahren führt er elektroakustische Musik live auf.
Björn Gottstein
schreibt als freier Musikjournalist über neue und elektronische Musik. Er lebt in Berlin.

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