Werke

Jānis Petraškevičs Darkroom (2012) Ein Phantasiestück für Ensemble

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Flöte (auch Piccolo & Bassflöte), Oboe, Klarinette, Bassklarinette, Fagott – Horn, Trompete, Posaune – Schlagzeug, Klavier – Streicher

Es gibt viele Möglichkeiten, sich der Frage nach der eigenen Identität zuzuwenden. Ein wichtiger Aspekt ist dabei die Introspektion, die inwendige Selbstbefragung. Jānis Petraškevičs schreibt Musik, die selbst eine solche Befragung ist. Seine Dunkelkammer ist ein Ort, an dem sich der Klang unter Bedingungen der Abgeschiedenheit entwickelt. Ein Ort, an dem sich jede Nuance, jeder Zwischenton, jedes Flackern des Klangs entfalten kann. Petraškevičs erhebt Robert Schumann zu einer Art Leitfigur des Werks. Den ersten Satz, Motto, versieht er mit dem Zusatz "... SCHumAnn/Aufschwung ...". Schumann hat in seinen musikalischen Betrachtungen verschiedene Perspektiven zugelassen und dafür die beiden Kunstfiguren Florestan "den Wilden" und Eusebius "den Milden" ersonnen. Für Petraškevičs ist nicht das Temperament dieser beiden Figuren entscheidend, sondern die Möglichkeit, sich dem Kern der Musik in einer Dialogsituation zu nähern. Er ist ihm mithin nicht um eine eindeutige Situation zu tun; er gibt keine eindeutige Antwort. Sondern eher ist das Fragen, Suchen und Widersprechen selbst Teil des musikalischen Prozesses. "Die Klangpersönlichkeit", schreibt Petraškevičs, "ist dem Charakter nach eine Doppelte." Einerseits soll die Musik ihre eigenen Farben, Schattierungen, ihre eigene Gefühlslage beobachten können, sie soll diese Gefühlslage aber auch, als ein aufrichtig empfundene, durchleben. Im übertragenen Sinne bedeutet das, dass die Frage nach der eigenen Identität keine einfache Antwort zulässt, sondern eben aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden muss.

Im ersten Satz entwickelt Petraškevičs die zentrale Klangfigur des Stücks. Die erste Violine spielt eine fließende Figur, die sich den Intervallen nach verengt, eine Quarte, eine Terz, eine Sekunde. Diese, allerdings mikrotonal eingefärbten Intervalle, sind so miteinander verzahnt, dass sie auseinander hervorzugehen scheinen. In einem frühen Entwurf zu Darkroom spricht Petraškevičs davon, dass dem Lettischen das Singen zugeschrieben wird, und dass die neue Musik aber dieses Singen, als emphatische Entäußerung des Subjekts, eigentlich nicht zulässt. Eine der Fragen, die dem Werk vorausgingen, ist also die, mit welcher Zwangsläufigkeit das Lette-Sein auch das Singen nahelegt. Vor diesem Hintergrund wirkt die zentrale Violin-Figur des Stückes wie das Residuum eines Gesangs. Gleichzeitig komponiert Petraškevičs Hindernisse, die den Fluss der musikalischen Linien stört und behindert. Die Auffächerung der Gestalt, die Spreizung der Intervalle, all das sind Techniken, mit denen Petraškevičs sein Material strukturell durcharbeitet. Bemerkenswert ist dabei die Ausdifferenzierung des Klangs, dass die Klarinette immer wieder andere Griffe sucht, um denselben Ton zu spielen; oder dass die Streicher mit drei verschiedenen Dämpferarten aus Holz, Gummi und Metall arbeiten. Der Prozess, den er vollzieht, ist der von einer linearen musikalischen Zeit hin zu einer nichtlinearen, statisch-vertikalen musikalischen Zeit, wobei am Schluss nicht einfach ein Akkord steht, in dem die Intervallschritte aufgehoben sind, sondern vielmehr die Auflösung des Materials in der Klangheterogenität des Ensembles. Der zweite Satz endet im Stillstand: "quasi silenzio assoluto (quasi immoto)" bevor ein kurzes Postskriptum noch mal kurz einen schwerelosen Zustand andeutet.

Jānis Petraškevičs wurde 1978 in Riga geboren und studierte von 1996-2003 Komposition an der Lettischen Musikakademie Komposition. In den Jahren 1998-99 ermöglichte ihm ein Stipendium das Studium bei Sven-David Sandström am Königlichen Musikcollege in Stockholm und 2004-2007 absolvierte er ein Postgraduierten-Studium bei Ole Lützow-Holm an der Academy of Music and Drama in Göteborg.

Jānis Petraškevičs besuchte Kompositionskurse in Schwaz/Tyrol (1996), Darmstadt (1998), Royaumont (2000), er war zu Gast bei der Akademie Schloss Solitude in Stuttgart (2003) und bei EarLab in Stresa (2008). 2001 erhielt er einen Kompositionsauftrag für das Ensemble Intercontemporain (trop proche/trop loin). Sein Opus 2 et la nuit illumina la nuit gewann 2003 den Kompositionswettbewerb der Association of Baltic Academies of Music. Seine Werke wurden 2008 bei der Biennale von Venedig und beim ISCM-Festival in Vilnius aufgeführt. Namhafte Ensembles nahmen Werke des 34 Jährigen in ihr Repertoire auf, u. a. Ensemble Ictus, Ensemble Intercontemporain, Ensemble SurPlus, Ensemble Modern.
Björn Gottstein
schreibt als freier Musikjournalist über neue und elektronische Musik. Er lebt in Berlin.

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