Werke

Judit Varga Entitas (2012) für zwölf Musiker

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Besetzung: Flöte, Oboe, Klarinette, Fagott – Horn – Schlagzeug, Klavier – Streicher

Judit Varga schafft mit ihrem Stück Entitas musikalische Situationen, in denen die Unterschiede und die Gemeinsamkeiten verschiedener Instrumentalgruppen hervortreten. Die fünf Streicher werden zu einem Quintett gruppiert. Gleiches gilt für die fünf Bläser. Das Klavier und das Schlagzeug bilden eine dritte Gruppe, agieren allerdings stärker solistisch.

"Was kann das Streichquintett, was das Klavier nicht kann?" fragt nun Varga. Kann das Klavier die Streicherklänge 'erlernen? Ist es noch ein Geigenklang, wenn ich auf den Geigenkorpus klopfe? Und wie unterscheidet sich dieses Klopfen von dem des Klaviers oder einer Tischplatte? Mit diesen Fragen im Kopf hat Varga nun eine Reihe von Klangszenen entworfen, in denen die Gruppen miteinander konfrontiert werden oder sich gar vermischen. Im ersten Satz stehen sich Resonanzphänomene des Klaviers und Streicherakkorde gegenüber. Dann sind es Skalen, die durch die Instrumente zu wandern scheinen und dabei eine je andere Prägung erfahren. Eine Klangsuche nennt Varga das Stück, bei dem sich das Material erst nach und nach entfaltet und der Hörer Zeuge dieses Prozesses wird.

Der zweite Hauptteil, der mit Glissandi der Bläser beginnt, hat Varga Quidditas überschrieben, also mit einem Begriff der Scholastiker, der die Frage nach den allgemeinen Eigenschaften einer Gruppe von Objekten aufwirft. Dann folgt Haecceitas, womit die Scholastiker das Spezifische eines einzelnen Objekts bezeichneten. Erst zum Ende wird das "homogene Spiel im Gesamtensemble" als vorläufiger Zielpunkt des Werks virulent. Hier verschmelzen die Gruppen zu einem Gesamtklang, jener titelgebenden Entitas.

Varga arbeitet in Entitas ganz gezielt mit neuen Spieltechniken. Die Erweiterung des Klangspektrums der einzelnen Instrumente bedeutet auch, dass sich die Klangfarben zwischen den Instrumenten immer mehr angleichen bzw. das größere Schnittmengen zwischen den Klangfamilien entstehen. Das Flautando heißt ja auch deshalb flautando, weil sich die Streicher damit dem Klang einer Flöte angleichen; harte Schläge der Blasinstrumente werden wiederum häufig als Pizzicato bezeichnet, also wie eine gezupfte Saite. Das Timbre, so lässt sich diese Beobachtung zusammenfassen, wird zu einem kontinuierlich durchgestaltbaren Raum, bei dem die Übergänge zwischen den Instrumenten fließend werden.

Einerseits weist Varga mit ihrem Stück darauf hin, dass die Auseinandersetzung mit Anderem und Fremdem, sei es im Wettstreit, sei es im Dialog, auch immer eine Bereicherung der eigenen Persönlichkeit ist. Andererseits ist Entitas ein Plädoyer für das Spezifische, das Eigene und die Differenz, die von der zunehmenden Vereinheitlichung unserer Lebensräumen durch Franchising und Globalisierung bedroht wird.

Judit Varga wurde 1979 im ungarischen Gyôr geboren und studierte Klavier und Komposition an der Franz-Liszt-Musikakademie in Budapest sowie an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien, wo sie außerdem die Fächer Angewandte und Film-Musik belegt. Meister- und Sommerkurse führten sie u. a. zu György Kurtág, Manuel Hidalgo, Jonathan Harvey und Peter Eötvös.

Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter mehrfach das Zoltán-Kodály-Kompositionsstipendium. Sie war Finalistin des Ö1 Talentebörse-Kompositionspreises, und 2003 wurde ihr Werk im Rahmen von Wien Modern vorgestellt. Sie hat außerdem zahlreiche Filmmusiken realisiert, zuletzt für Hüseyin Tabaks Deine Schönheit ist nichts wert (2012).
Björn Gottstein
schreibt als freier Musikjournalist über neue und elektronische Musik. Er lebt in Berlin.

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