Literatur

„Als Schriftsteller hat man ans Vergessene zu erinnern“ – Hans Pleschinski im Gespräch

Hans Pleschinski in Novosibirsk; Foto: privatHans Pleschinski wurde 1956 in Celle geboren. Seit über 30 Jahren lebt der mittlerweile vielfach ausgezeichnete Schriftsteller und Übersetzer in München. Durch seine Romane leuchtet ein offener Blick für die zeitgenössische Befindlichkeit – ernst und fröhlich zugleich.

Herr Pleschinski, Sie kommen gerade von einer Lesereise durch Sibirien zurück. Was hat Sie dort am meisten beeindruckt?

Die Weite des Landes: von einem Lesungsort zum nächsten 800 Kilometer. Die Seele verschmolz dort mit Himmel und Erde. Sodann die Menschen. Eine Menge von ihnen stapft noch post-kommunistisch dumpf durch die Straßen. Das Lesungspublikum wiederum war betörend. Zahlreich, jung, aufmerksam. Literatur schien für sie noch eine wichtige Botschaft zwischen Menschen zu sein. Deutschland bezeichneten sie bisweilen als „ein Fenster zur Welt“. Etliche Zuhörer kannten Alfred Döblin oder Paul Celan präziser als ich. In Sibirien empfinden sich kultivierte Russen als vollkommen europäisch. Sie fragten mich nach Visionen für Russland. Als Ausländer durfte ich nur dezent wünschen: Fairness, eine gerechte Demokratie. Die Menschen dort gehen einen schweren Weg.

„Voltaire – Friedrich der Große. Briefwechsel“, herausgegeben von Hans Pleschinski; © Hanser VerlagSie haben einmal gesagt: „Übersetzungen sind eine Art Urlaubsreise, die ich manchmal unternehme.“ Ist Übersetzen auch Erholung für Sie?

Eigene Romane bedeuten die Ausschlachtung der innersten Substanz. Beim Übersetzen darf ich mich auf fremden Bahnen bewegen, ich ziehe Vorhänge vor Vergessenem beiseite und reise in ferne Welten.

Sie haben unter anderem Briefe von Voltaire und Madame de Pompadour ins Deutsche übersetzt. Was fasziniert Sie am Frankreich des 18. Jahrhunderts?

Durch eine erfreuliche Fügung blieb mir im Schulunterricht manches aus Voltaires Werk haften, sein Wunsch, eine hellere Welt zu befördern. Das führte mich ins Französische. Und man arbeitet sich in solch eine Welt ein, die der Aufklärung, der glanzvollen Ermächtigung des Menschen, sein Schicksal selbst zu bestimmen. Und ich erinnere gerne an alles, was vor Hitler, den Brutalitäten des 20. Jahrhunderts war. Als Schriftsteller hat man ans Vergessene zu erinnern. Leicht vergessen ist der geistige Charme Europas.

Im Januar 2012 wurde Ihnen der Ernst-Hoferichter-Preis verliehen, eine Auszeichnung für Schriftsteller aus dem Münchner Raum. Sie sind in der Lüneburger Heide aufgewachsen und leben seit Ihrem Studium in München. Kann man sich als Norddeutscher in München zu Hause fühlen?

„Bildnis eines Unsichtbaren“ von Hans Pleschinski; © Hanser VerlagAus einer Heimat, Norddeutschland, wurden durch München zwei, also verliert man die eindeutige Heimat. Alles Bayerische blieb mir lange fremd. Ich war auf die Münchner Innenstadt fixiert. Durch Begegnungen, das Bestaunen der Landschaften öffnete sich mir Bayern. Ich lernte, dass es ein sehr alt-europäisches Land ist, dass es hier eine römische Kultur gab, als in Niedersachsen noch die Axt die Diskussionen regelte. Und die Bayern, das schlaue Volk, das sich durch die Jahrhunderte lavierte, waren mir gegenüber stets verblüffend aufgeschlossen. Vielleicht erzeugt Freundlichkeit Freundlichkeit.

Fühlen Sie sich eigentlich von der Literaturkritik angemessen wahrgenommen?

Ein Buch ist ein Buch, Feuilleton ist Feuilleton, mitunter Parallelwelten. Aber ich darf nicht klagen. Ich habe eine stets wachsende Leserzahl, und glaube, es sind exquisite Leser. Gleich zu Beginn, Mitte der 1980er-Jahre, war ich ein gewisser Jungstar. Es war reizend, in Zeitungssparten „Who is in town?“ genannt zu werden. Ich maße mir an, damals im Deutschsprachigen die ‚postmoderne Literatur‘ kreiert zu haben; seither wurde weitergearbeitet und immerhin wurde ich zu Auftritten gerade nach Russland eingeladen. Es ist alles sehr spannend geblieben. Manche Bücher werden heute mehr gelesen als bei ihrem Erscheinen. Also, ich freue mich über das Eigenleben dieser Buchkinder.

„Nie war es herrlicher zu leben. Das geheime Tagebuch des Herzogs von Croy“, Herausgegeben und übersetzt von Hans Pleschinski; © Hanser VerlagSie haben den Wunsch geäußert: „Ich möchte eine gewisse Festlichkeit und Lebensheiterkeit in die deutsche Literatur einbringen.“ Warum ist Ihnen das wichtig?

Vielleicht neige ich zu Melancholie und will deswegen eine Festlichkeit inszenieren. Die heitersten Kunstwerke stammen oft von sogar manisch-depressiven Künstlern: Rossini, Nestroy, Offenbach. Nicht zuletzt widerten mich oft deutscher Griesgram und eine kultivierte Trostlosigkeit an. Schweres kommt früh genug, davor besteht eine Pflicht, die Sonne, das Glück, die Liebe zu feiern. Eine geschätzte Leserin bewertete einige meiner Werke als „tragikomisch“. Das finde ich passend.

Haben Sie lebensheitere literarische Vorbilder?

„Ludwigshöhe“ von Hans Pleschinski; © C.H. BeckFrühe Vorbilder verlieren sich im Strom des Lebens. Flaubert bleibt für mich eine literarische Gottheit, die analytische Kühle André Gides begeisterte mich, Goethe floh ich, weil er stets recht hat. Heute vermischen sich die Vorgänger zum Chor der Sehnsüchte, Visionen, werden Vorbilder darin, die Gegenwart wahrzunehmen und ein wenig Zeugnis abzulegen. Nah waren mir stets die Barockdichter, die Energie und Verzweiflung koppelten.

Worin liegt die Eigenart Ihres Stils?

Einige Bücher, Brabant und Ludwigshöhe, schätze ich als stolz und heldisch. Andere, wie Der Holzvulkan, als tänzerisch verrückt.
Mein Schreiben soll mich, auch durch Abwechselung im Ton, selbst unterhalten. Vielleicht unterhält es dann auch den Leser. Ich liebe es, bedrohte Begriffe lebendig zu erhalten, wie „aufs Geratewohl“ oder „Sonnenglast“. Außer Liebkosungen haben wir nichts Innigeres als unsere Laute. Vielleicht klingt das in meinen Stil an. Man nistet in Sätzen wie der Vogel im Nest. Voilà.

Dagmar Giersberg
stellte die Fragen. Sie arbeitet als freie Publizistin in Bonn.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Mai 2012

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