Eingeschriebene Erinnerung

Eingeschriebene Erinnerung

Die Geschichte ist Gegenstand einer Konstruktion, deren Ort nicht die homogene und leere Zeit, sondern die von Jetztzeit erfüllte bildet.
– Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte

Vergangenheit und Erinnerung

Sich der neueren Geschichte zu erinnern, ist in Südosteuropa stets ein Wagnis. Die konflikt-
reiche, von Kriegen und Feindschaften geprägte Vergangenheit stellt bis heute ein Hemmnis für jede Annäherung dar und lädt aktuelle tagespolitische Konflikte immer noch emotional auf. Als ‚Oral History’ von Eltern oder Großeltern am Leben erhalten, entwickeln sie sich für viele zum Familientrauma. Das Leben mit der Vergangenheit bleibt so Schwerstarbeit und oft gefährlich brodelnder Untergrund, weil die Folgen der Konflikte unverarbeitet bis in die Körper und Seelen reicht. Unbewältigte Erinnerung verstellt den Blick auf die andere Seite, nämlich auf Ähnlichkeiten, darauf dass auch die anderen – oft die buchstäblichen Nachbarn – Vergleichbares erleben mussten und ihre eigenen traumatische Erinnerungen ebenso wenig loswerden wie man selbst.

Historie und Kultur

Nationale Narrative andererseits bilden bestenfalls den Wunsch nach Integration nach innen und Abgrenzung gegen außen ab. Sie erzählen ‚Geschichte’ entlang von Ideologien und partikularen Interessen, sie schaffen nationale Mythen, keine ‚Wahrheit’, sie konstruieren ein nationales Selbstbild, das sich selbst schmeichelt und jederzeit aufgerufen und genutzt werden kann.

Natürlich sind die Künste kein unkorrumpierbares Paradies: Noch jeder Tyrann hat seine eilfertigen Porträtisten, Hofdichter und Komponisten gefunden. Trotzdem weist Kunst immer auch etwas Widerständiges, Unzufriedenes auf mit dem, was ist – das mag von der Freiheit des Ausdrucks, die sie sich herausnimmt, und ihrer prinzipiellen Offenheit gegenüber unter-
schiedlichen Deutungen herrühren, von ihrer besonderen Eignung dafür, neue Sichtweisen zu entwickeln und selbst extrem unterschiedliche Auffassungen nicht abzuweisen, sondern sogar herauszufordern.

Europa. Südost – Eingeschriebene Erinnerung

Auf Initiative des Goethe-Instituts machte sich die Kuratorin Constanze Wicke, unterstützt von den Leiterinnen und Leitern der Goethe-Institute und weiteren Kuratorinnen und Kuratoren in den beteiligten Ländern Südosteuropas, auf die Suche nach Künstlerinnen und Künstlern, die sich in ihren Arbeiten mit dem Thema ‚Erinnerung’ auseinandersetzen und die dramatische Geschichte der Region und das Nachdenken über vergangene wie aktuelle Konflikte in Südosteuropa zum Gegenstand ihrer Arbeit gemacht haben.

Entstanden ist eine außergewöhnliche Sammlung von Werken (Fotografien, Videos und Installationen), die den Betrachter mit unterschiedlichen Einstellungen, Herangehensweisen und Bewertungen konfrontieren. Die Ausstellung dürfte bislang in Europa einzigartig sein: Sie führt die Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern aus Albanien, Bosnien und Herzegowina, Bulgarien, Griechenland, Kroatien, Mazedonien, Moldawien, Rumänien, Serbien, der Türkei und Zypern in einer gemeinsamen Schau zusammen und lässt so Erinnerungen und Praktiken des Erinnerns aufeinandertreffen, die nicht unterschiedlicher sein könnten.

Erstmals war die Ausstellung von Mai bis September 2013 im Museum für Photographie Braunschweig zu sehen, bevor sie auf Tour durch Südosteuropa ging und – so hoffen wir – zum Ausgangspunkt weiterer künstlerischer Auseinandersetzung mit unserer gemeinsamen Geschichte in Europa wird.