Eingeschriebene Erinnerung

Die Gegenwart der jüngeren Vergangenheit in Südosteuropa

Von Winston Churchill, der ja nicht nur britischer Staatsmann war, sondern auch Historiker, wird der Satz kolportiert: „The Balkans produce more history than they can consume.“ Ins Deutsche wird das meist so übertragen: „Der Balkan produziert mehr Geschichte, als er verträgt.“

© Iosif Király. Reconstruction – Tirgu Jiu_6B, 2008

Ob sich Churchill exakt so geäußert hat, ist in unserem Zusammenhang nicht so wichtig. Auch die recht akademische (aber gerade deshalb innerhalb der Zunft umso heißer diskutierte) Fra-
ge, inwieweit der Begriff ‚Balkan‘ deckungsgleich ist mit ‚Südosteuropa‘ und ob es ‚Südosteu-
ropa‘ als Geschichtsregion überhaupt gibt, lasse ich an dieser Stelle lieber unbeantwortet. Eines aber kann man mit Gewissheit sagen – und das lässt sich auch an vielen der Arbeiten zu den südosteuropäischen „eingeschriebenen Erinnerungen“ gut ablesen: Dieser Teil Europas hat in seiner jüngeren Vergangenheit für viele seiner Bewohner mehr an Zeitgeschichte hervorge-
bracht als ein Einzelner ‚konsumieren‘ oder in sich hineinfressen und noch gut verdauen kann.

Das hat zunächst mit der Vielfalt und großen Tiefe der politischen und gesellschaftlichen Umbrüche zu tun, die das 20. Jahrhundert und den Beginn des 21. im europäischen Südosten kennzeichnen. Aber die Bedeutung und die Last der südosteuropäischen Zeitgeschichte für den Einzelnen sind auch deshalb um einiges größer als vielerorts sonst, weil sie dort ein gutes Stück tiefer in das gegenwärtige gesellschaftliche Gedächtnis reicht als in manchen anderen Teilen des Kontinents. Eine der am häufigsten angeführten Definitionen des Begriffes bezeichnet als ‚Zeitgeschichte‘ diejenige Epoche, die von einer erheblichen Zahl der noch Lebenden selbst erlebt worden ist. Dazu passt, dass es beispielsweise für die deutsche Gesellschaft kaum ein – auch aktuell noch – als bedeutsam empfundenes historisches Ereignis zu geben scheint, das weiter zurückliegt als die NS-Herrschaft zwischen 1933 und 1945. In Südosteuropa stellt sich die Situation etwas anders dar. Damit meine ich nicht die Tatsache, dass dort das durch-
schnittliche historische Interesse größer ist als hierzulande und sich deshalb Bekannte wie Fremde manchmal über weit zurückliegende Ereignisse ernsthaft streiten können. Gemeint ist vielmehr, dass wegen der dortigen, fast überall im Vergleich zu Mitteleuropa wesentlich stärkeren generationenübergreifenden (Familien-)Beziehungen das in der Gruppe tradierte ‚Gedächtnis‘ auch noch solche Ereignisse gleichsam gegenwärtig machen kann, die von (fast) niemandem mehr selbst erlebt worden sind. Dieses ‚Gedächtnis‘, das die eigene Lebensspanne überschreitet, reicht natürlich nicht beliebig weit zurück in die Vergangenheit. Auf dem Balkan umspannt es aber etwa eine Generation mehr als bei uns. Das bezeugen mehrere der in dieser Ausstellung versammelten künstlerischen Arbeiten: etwa wenn Stefana Savić von „ererbten Erinnerungen“ spricht (auch wenn sie diese auf Erzählungen von direkten Zeitzeugen bezieht) oder wenn Erhan Muratoğlu die Lebenserinnerungen einer ihm ansonsten offenbar unbekannten 94-jährigen Frau aufzeichnet.

Auf diese Art kommt es dazu, dass die Phase des Zusammenbruchs der beiden für Südosteu-
ropa prägenden Reiche (ab 1912 bzw. 1918) – das Osmanische Reich und die Habsburger Monarchie – auch für die Zeitgeschichte noch von Bedeutung ist. Das stellt nun nicht einfach nur einen Gegenwartsbezug zum Beispiel zu den Kriegen, die dieses Geschehen begleiteten, her (im Fall des Osmanischen Reichs die beiden Balkankriege von 1912/13 und der Erste Weltkrieg von 1914 bis 1918, im Fall von Österreich-Ungarn der Erste Weltkrieg). Der Gegenwartsbezug reicht zugleich in eine Epoche zurück, in der in weiten Teilen Südosteuropas noch bis zu 90 Prozent der Bevölkerung auf dem Land lebte und kaum alphabetisiert war. Vor diesem Hintergrund wird begreifbar, wie hart und rasend schnell die Umbrüche waren, die während des 20. Jahrhunderts zu massiver Verstädterung, Breitenbildung, Industrialisierung und gleich anschließender Deindustrialisierung geführt haben. Insbesondere ist auch das großstädtisch-urbane Umfeld, dem die meisten der hier versammelten Künstlerinnen und Künstler entstammen, ein Produkt genau dieser länger gefassten Zeitgeschichte. Gegen 1900 gab es in der ganzen Region keine einzige Millionenstadt und außer Istanbul hatte nur noch Bukarest mehr als 250000 Einwohner. Heute dagegen sind die Hauptstädte der Region fast alle Metropolen. Abgesehen von der Megastadt Istanbul sind hier auch die Millionenstädte Athen, Bukarest, Sofia und Belgrad zu nennen. Aber auch Sarajevo, Tirana, Chişinău und Zagreb sind mit jeweils nahe 500000 bis eine Million Einwohnern für ihre Länder von überragender urbaner Bedeutung. Von diesem Hauptstadtpanorama ausgehend will ich Schlaglichter auf sechs Themen werfen, die mir für das Verständnis der zeitgeschichtlichen Lasten in der Gesamtregion nützlich scheinen.
  • Das erhebliche kollektive Gefühl der Unsicherheit, das aus der geringen Größe der südosteuropäischen Länder und aus der Wechselhaftigkeit der Kräfteverhältnisse zwischen ihnen resultiert.
  • Damit steht in Verbindung: Das verbreitete Gefühl, von Fremden (auch fernen fremden Ländern) bevormundet zu werden.
  • Die Schwäche der in die Gesellschaft hineinwirkenden staatlichen Institutionen, die entsprechend mangelhaft ihre Aufgaben erfüllen, und damit verbunden das geringe staatsbürgerschaftliche Engagement erheblicher Bevölkerungsteile.
  • Die Defizite der wirtschaftlichen Entwicklung.
  • Die enormen Unterschiede in den Lebensperspektiven, die zwischen dem flachen Land und den größeren Städten bestehen und die sich in jüngster Zeit sogar noch wesentlich verschärft haben.
  • Der gesellschaftliche Umgang mit der jüngeren Vergangenheit.

Unsicherheitsgefühle

Im Laufe des 20. Jahrhunderts hat im größten Teil Südosteuropas die zuvor über Jahrhunderte charakteristische kulturelle und ethnische Vielfalt dramatisch abgenommen. Dazu haben Kriege wesentlich beigetragen. Es gab in der Region nicht unbedingt häufiger Kriege als im restlichen Europa, die Summe der Kriegsphasen war hier aber um einiges länger. Die schon erwähnten Balkankriege von 1912/13, bei denen es im Kern um die Verteilung der europäi-
schen Hinterlassenschaft des zerfallenden Osmanischen Reiches ging, verbinden sich für den davon betroffenen Teil der Region mit dem anschließenden Ersten Weltkrieg im Wesentlichen zu einer Geschehenseinheit. Und für Griechenland und die Türkei kann man angesichts des wiederum an den Ersten Weltkrieg anschließenden Krieges in Kleinasien (bis 1922) von einem ganzen Kriegsjahrzehnt sprechen. Der Zweite Weltkrieg war in der Region zwar etwas kürzer (da er sie erst 1940 beziehungsweise 1941 erfasste), er hatte aber durch ethnopolitische und Bürgerkriegselemente vom nördlichen Jugoslawien über Albanien bis nach Griechenland ganz spezifische und dramatische Folgen für die breite Bevölkerung. Die Fortführung des eigent-
lichen Bürgerkrieges zwischen links- und rechtsorientierten Kräften betraf in den Anfangs-
phasen 1944/45 sowie 1946 und dann bis 1949 im Wesentlichen Griechenland (wenn man von der antikommunistischen Guerilla absieht, die vor allem in den Bergen Nordalbaniens und Zentralrumäniens bis Anfang der 1950er-Jahre dauerte). Die vier „jugoslawischen Nachfolge-
kriege“ (der ganz kurze in Slowenien 1991, der in Kroatien 1991 bis 1995, in Bosnien-Herzegowina 1992 bis 1995 und der um Kosovo 1998/99) betrafen zwar immer nur kleinere geopolitische Einheiten. Trotzdem muss man über das Jahrhundert im Ganzen gesehen eine verheerende Wirkung der Kriege feststellen: von den Zerstörungen über die Kriegstoten bis zu den „ethnischen Säuberungen“. Die Tendenz zur ethnischen Homogenisierung galt freilich nicht nur unter den Vorzeichen von Kriegsgewalt. Das hat unter anderem schlicht damit zu tun, dass mit den Institutionen der neu entstandenen Staatlichkeit attraktive Arbeitsplätze für die jeweiligen ethnisch verankerten Bildungseliten entstanden waren, so dass es für sie selbst innerhalb des noch einigen Jugoslawien Sinn ergeben konnte, ihre Herkunftsregionen zu verlassen. Beispielsweise siedelten gut ausgebildete Serben aus Kroatien, Bosnien und Kosovo zunehmend nach Serbien (Belgrad) um; Analoges galt für die Eliten an den Rändern der kroatischen, der bosnisch-muslimischen oder albanischen Siedlungsgebiete innerhalb Jugoslawiens. Magyaren aus Rumänien zog es stark nach Ungarn. Türken und andere Muslime aus Bulgarien wanderten – teils unter Druck, teils auch wegen der Verlockungen eines Lebens in einem konnationalen und nichtsozialistischen Umfeld – in den Jahrzehnten nach 1945 in die Türkei ab.

Ungeachtet ihrer Homogenisierung und auch trotz politisch-territorialer Konsolidierung sind – ausgenommen die Türkei und in geringerem Maße Rumänien – alle Nachfolgestaaten der alten Reiche auf dem Balkan klein bis mittelgroß. Das daraus erwachsende kollektive Gefühl von Verletzlichkeit, die mehrfach erfahrene Instabilität des regionalen Staatensystems, die möglichen Grenzkonflikte etc. verursachen kollektive Bedrohungsängste. Staaten haben nirgendwo auf der Welt Anspruch auf ewigen Bestand. Aber wo die mögliche Dynamik der Entwicklungen so stark ist wie im Südosteuropa des 20. und 21. Jahrhundert, schafft das Raum sowohl für Hoffnungen auf mögliche Veränderungen wie auch für Ängste vor denselben. Gleich acht Länder in der Region sind in ihrer heutigen Form erst seit 1991 auf die internationale Bühne getreten (Slowenien und Kroatien 1991, Bosnien-Herzegowina, Makedonien und die Republik Moldau 1992, Serbien und Montenegro 2006 und Kosovo 2008). Nimmt man noch die faktische türkische Teilstaatlichkeit auf Zypern (seit 1974; vgl. die Arbeiten von Marianna Christofides) und den teilstaatlichen Charakter der Serbischen Republik in Bosnien (seit 1992) hinzu, wird das Bild der teils turbulenten Staatsbildungsprozesse noch facettenreicher.

Bevormundungsgefühle

Südosteuropa verfügt über eine lange Erfahrung mit imperialen Überwölbungen. Insbesondere das Osmanische Reich wird von fast allen Völkern seines einstigen Gebiets für viele ihrer damaligen und manchmal auch noch für ihre heutigen Schwierigkeiten verantwortlich gemacht. Das hat einerseits etwas ‚Auto-Exkulpatorisches‘. Allerdings wird andererseits außerhalb der Region manchmal zu wenig in Betracht gezogen, wie groß die rechtsstaatlichen und entwicklungspolitischen Schwächen des Osmanischen Reiches zuletzt in der Tat gewesen waren. Die sowjetische Vorherrschaft im östlichen Teil der Region (im Westen entzogen sich mit Jugoslawien ab 1948 und etwa zehn Jahre später Albanien zwei europäische kommu-
nistische Staaten dem Einfluss der Sowjetunion) trug nicht unbedingt dazu bei, die Einordnung in überstaatliche Zusammenhänge populär zu machen. Die Vorstellung jedenfalls, dass auch heute noch im Endeffekt andere über die Region bestimmten, ist im europäischen Südosten weit verbreitet, wozu auch die starke Position der USA in etlichen der heutigen Staaten beiträgt. Für die beiden mehrjährigen internationalen Protektorate in Bosnien-Herzegowina (ab Ende 1995) und Kosovo (ab 1999), in der sich die ‚Schutzmächte‘ selbst jeder demokratischen Kontrolle durch die ‚Schutzbefohlenen“ enthoben, gilt das sogar noch mehr. Aber auch die Regulierungsmaßnahmen aus Brüssel innerhalb der erweiterten EU werden teilweise von den jeweiligen Gesellschaften als Bevormundungen interpretiert. Immerhin aber verbindet man heute mit der europäischen Integration auch die Erfahrung von stark gewachsener zwischenstaatlicher Stabilität, die Aussicht auf infrastrukturelle Investitionen und mehr räumliche Bewegungsfreiheit. Das ist umso wichtiger, wenn man bedenkt, dass in früheren Jahrzehnten auch Integrationsschritte unter westlichen Vorzeichen nicht unbedingt zu mehr Sicherheitsempfinden geführt haben: Griechenlands Misstrauen gegenüber und langjährige Angst vor dem Nato-Partner Türkei und die faktische Teilung Zyperns legen davon Zeugnis ab.

Institutionelle und zivilgesellschaftliche Schwäche

Ein Gefühl der Fremdheit existiert aber oftmals auch gegenüber dem eigenen Staat. Die Staaten der Region sind zwar in wichtigen Bereichen viel erfolgreicher als die alten Reiche, etwa bei der Bekämpfung des so lange weit verbreiteten Analphabetismus. Auch die Teilhabe am politischen Leben und die Verfolgung legitimer Partialinteressen sind heute einfacher als unter den Osmanen und den Habsburgern durchzusetzen. Zwischen diesem Vergleich von damals und heute liegt aber für einen Großteil der Menschen der Region die Erfahrung kommunistischer Gewaltherrschaft. Das führte dazu, dass in manchen Gebieten – am ausgeprägtesten in Albanien, wo die Kommunisten am brutalsten in das Leben der Einzelnen hineinregiert hatten (vgl. die eindrucksvolle Bilderserie von Fani Zguro) – der Staat in der Zeit rund um den Systemwechsel gefürchtet und geradezu verhasst gewesen ist. In Albanien folgte auf die gravierende Schwäche der staatlichen Strukturen in den ersten Jahren nach 1989/90 schließlich im Jahre 1997 der zeitweilige Kollaps fast aller Institutionen. Dies sind aber nur Beispiele einer allgemeinen institutionellen Schwäche in der Region. Das gilt zum Teil für das Bildungswesen, ganz sicher aber für den öffentlichen Verkehr und die sonstige Infrastruktur ebenso für die Rechtssicherheit und das Gesundheitswesen. Es gilt länderübergreifend, dass viele öffentliche Dienstleistungen gar nicht oder nur durch Bestechung zu erhalten sind. Die Verwaltungen haben von 1918 an und auch durch die kommunistische Epoche hindurch zahlreiche Strukturen aufgebaut, die aber in vielen Fällen weit entfernt davon sind, als staatlicher Dienst bei den Bürgern anzukommen. Zugleich sind in vielen dieser Länder die öffentlichen Angestellten eben Angestellte, was bedeutet, dass es kein starkes Beamtentum gibt. Das mag im Sinne einer liberalen Ordnung fortschrittlich wirken, aber es führt doch insbesondere dazu, dass die öffentlichen Bediensteten politischen und anderen korrumpie-
renden Einflüssen unterliegen, da nach Wahlen die Verwaltung von der Spitze bis zur mittlere Ebene ausgetauscht werden kann. Angesichts solcher Defizite kann die durchschnittlich eher schwache individuelle Bindung an staatsbürgerliche Tugenden (Engagement jenseits des engeren Umfelds, Steuerehrlichkeit etc.) nicht überraschen.

Wirtschaftsstrukturen

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es im agrarisch strukturierten Südosteuropa kaum irgendwo Industrie in nennenswertem Umfang. Das städtische Handwerk war in nur unbedeutendem Ausmaß vertreten, weil die im ehemals osmanischen Teil der Region vornehmlich muslimischen Handwerker mit dem Entstehen der neuen Staaten entweder direkt vertrieben oder Zug um Zug in die Emigration in das verbliebene Osmanische Reich (bzw. ab 1923 in die Türkei) verdrängt worden waren. Ausgehend von dieser ländlich geprägten Situation kann die weitere wirtschaftliche Entwicklung zunächst durchaus als grandioser Aufholprozess erscheinen. In der Zeit zwischen den Weltkriegen und erst recht danach – sei es unter der Ägide des Marktes (in Griechenland und in der Türkei) oder des ‚realen Sozialismus‘ – wurden in großer Geschwindigkeit Industrien aufgebaut. Die sozialistischen Länder schienen in dieser Hinsicht sogar schneller voranzugehen, besonders, was die Schwerindustrie anbelangte. Allerdings stellte sich immer häufiger und unübersehbar schon vor der ‚Wende‘ die Ineffizienz vieler dieser staatlich bestimmten Strukturen heraus. Nach dem Systemwechsel ging fast der ganze schwerindustrielle Bereich wieder verloren. Die ‚toten Fabriken‘ von Peter Tzanev sind dessen verfallende Monumente. Die Konsumgüterindustrie hatte einen besseren Stand und war neben den verschiedenen Dienstleistungsbereichen angesichts der verbreiteten Rechtsun-
sicherheit eine leichte Beute für die Privatisierungsgewinne von Angehörigen der einstigen Nomenklatura und anderen Transformationsgewinnlern. Die anderen Teile der Bevölkerung gehörten keineswegs alle zu den ökonomischen Verlierern der neuen Freiheiten, aber die Arbeiterschaft, die in den Jahrzehnten zuvor so wichtig gewesen war, in großen Teilen sehr wohl (vgl. die Bilder von Sašo Stanojkoviǩ zur Situation in Skopje).

Demografische Umbrüche

Der nächste große Punkt wird in den Arbeiten der hier versammelten Künstler wenig abgebildet. Ich glaube, man kann das auf die ‚Hauptstadtlastigkeit‘ des größten Teils der südosteuropäischen Eliten und hier eben auch der Künstler zurückführen. Von der jeweiligen Kapitale aus lässt sich am leichtesten darüber hinwegsehen, wie tiefgreifend die Verwerfungen zwischen den Metropolen und der ‚Provinz‘ – und dort vor allem dem flachen Land – fast überall in der Region sind. Davon sind zum einen die durch die Nationenbildungen zu Minderheiten gewordenen Bevölkerungsgruppen ganz besonders betroffen. Die Gebiete an der Peripherie Kroatiens und Bosnien-Herzegowinas, in denen der Krieg besonders heftig tobte, legen mit ihren Verwüstungen am deutlichsten davon Zeugnis ab, weil hier die Wunden noch frisch sind. Aber auch die Angehörigen der dominanten Bevölkerungsgruppen werden von dieser neuen Verwerfung zwischen Großstadt und Land beeinträchtigt. Zeitlich gesehen zunächst in Griechenland ab etwa den 1960er-Jahren, dann nach der Systemwende auch in den anderen Ländern, in denen zuvor noch diverse Einschränkungen der räumlichen Mobilität gegolten hatten, ist das Ausbluten der Peripherie unübersehbar. Zurück bleiben vielerorts nur solche Menschen, die genügsam genug sind, um in Eigenversorgung ein hinreichendes Auskommen zu finden – das sind aber fast nur Alte. Die Abwanderung in die großen Städte und ins Ausland macht – abgesehen von den Geldsendungen der Fortgegangenen – das Leben auf dem Lande für die Zurückgebliebenen nur noch schwerer. Dort, wo sich dann in der Folge auch die ohnehin schwachen öffentlichen Strukturen zurückziehen, holt sich die Natur langsam das Ihre zurück. Natürlich geht das Leben trotzdem weiter, nunmehr eben vor allem im urbanen Raum. Die demografische Umverteilung zwischen Land und Stadt hatte als erstes in voller Schärfe Griechenland erfasst. Durch sein – verglichen mit den früher sozialistischen Staaten – hohes Wirtschafts- und Einkommensniveau wurde es andererseits nach 1989, also vor der aktuellen Krise und sogar noch während derselben, zum Einwanderungs- und Hoffnungsland für Hunderttausende Armutsflüchtlinge – eine ganz neue Erfahrung für das Land. Die Zuwanderer kamen zunächst vor allem aus der albanischen Nachbarschaft, inzwischen kommen sie aber längst schon aus viel ferneren Teilen der Welt. Sich in solch einem Wandel noch zu orientieren, ist für jeden Einzelnen eine Herausforderung.

Vom Umgang mit der Vergangenheit

Der Alltagsdruck in von Krisen geschüttelten Übergangsgesellschaften trägt dazu bei, dass die Vergangenheitslasten nur von relativ wenigen intensiv angegangen werden. Das von Nikola Mihov aufgezeichnete Graffiti „Forget your past“ spricht wohl vielen aus der Seele. Diese Haltung erleichtert auch die selektive und bequeme Sicht der Dinge, die es einem leicht macht, sich selbst – ob kollektiv oder individuell – als Opfer symbolischer wie auch realer Gewalt der jeweils anderen zu betrachten. Das persönliche Erleben dieser Gewalt kann Fragen wie die nach dem für andere Europäer – vor allem für die Deutschen als Nachkommen der Täter –
so grausam wichtigen Geschehen des Holocausts dagegen verblassen lassen. Dabei gäbe es allerhand gesellschaftlich und individuell zu besprechen – vor allem wohl, wer sich in der Zeit der Diktaturen auf welche Weise wem gegenüber verhalten hat. Das muss nicht nur auf den Geltungsbereich des staatlich verordneten Sozialismus’ beschränkt sein, denn auch in Griechenland wurden die familiären und individuellen Frontstellungen im Bürgerkrieg der Jahre 1944/46 bis 1949 danach für Jahrzehnte tabuisiert. Die Akten der Geheim- und Überwachungsdienste aus sozialistischer Zeit – auch in der lange Zeit von Grund auf militarisierten Türkei – werden größtenteils und nicht von ungefähr unter Verschluss gehalten. Die traditionell verbreitete Tendenz, nur dem engsten Kreis Vertrauen zu schenken, wird durch solche und andere Maßregeln, die verhindern, dass das Vergangene ins Bewusstsein gehoben wird, nur verstärkt. Recorded memories, eingeschriebene Erinnerungen mögen daher ein wichtiger Schritt zur inneren Befreiung sein.
Dr. Konrad Clewing, Arbeitsbereich Geschichte, Institut für Ost- und Südosteuropaforschung Regensburg

     

     

    Konrad Clewing
    studierte Geschichte und Volkswirtschaftslehre in München, Wien und Zagreb, Promotion 1997. Anschließend war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Südost-Institut (SOI) und ab 2007 dessen stellvertretender Direktor. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Ost- und Südosteuropaforschung (IOS) in Regensburg. Seine Forschungsschwerpunkte sind u.a. die Interaktion von Staat und Gesellschaft in Südosteuropa, Nations- und Nationalismusforschung, die Geschichte des ehemals jugoslawischen und des albanischen Raums sowie die Geschichte der Muslime auf dem Balkan. Publikationen: Konrad Clewing, Oliver Jens Schmitt (Hrsg.), Geschichte Südosteuropas. Vom frühen Mittelalter bis zur Gegenwart, Regensburg, 2011, sowie Edgar Hösch, Karl Nehring, Holm Sundhaussen (Hrsg.), Lexikon zur Geschichte Südosteuropas, Redaktion Konrad Clewing, Wien, 2004.