Eingeschriebene Erinnerung

Die historischen Räume der Kamera oder Fragmenten eine Erzählung geben

Eine Fotografie sieht uns an. Hunderte von Augenpaaren fixieren die Betrachterin und den Betrachter. Doch blickt man genauer, so sehen sie an uns vorbei, schweifen in den Raum hinter uns, in Erwartung dessen, was sich in der Zeit des Bildes gleich ereignen wird. Die Installation des serbischen Künstlers Predrag Terzić bedient sich einer Aufnahme aus der ersten Hälfte der 1930er-Jahre und öffnet einen paradoxen Zeit-Raum der Fotografie. In der Auf-
nahme erwarten die versammelten Menschen – es sind ausschließlich Männer – immer noch die Ankunft des serbischen Königs Alexander I., des „Vereinigers“ der südslawischen Völker. In den heutigen Ausstellungsraum übertragen und in Lebensgröße aufgezogen wird das alte Foto zu einer historischen Bühne. Wir Besucherinnen und Besucher werden einbezogen in ein Schauspiel, das eine der Schlüsselfragen Südosteuropas im 20. Jahrhundert stellt: die Frage nach der staatlichen Einheit Jugoslawiens. Wir schauen gebannt in die Augen derer, die erwartungsvoll der Zukunft entgegenblicken.

Die Einfachheit mancher Titel und Namen kann trügerisch sein: Recorded Memories / Eingeschriebene Erinnerung heißt diese Ausstellung, und ihre lakonische Kürze vermittelt die Idee, es gebe ein Substrat, ein Medium, das Erinnerung aufzeichnet oder in sich aufnimmt. Fotografischer Film (in gewisser Weise auch der Speicherchip in digitalen Kameras) ist in der Tat ein Schwamm, der Sichtbares in sich aufnimmt und als Vergangenes in sich verschließt. – Doch ist Erinnerung ein organischer Vorgang, subjektiv und irrational, wesentlich komplexer, als dass es sich nur um den Abruf gespeicherter Vergangenheit handeln könnte, komplexer als die simple Betätigung des Auslösers. Record! Der Auswahl künstlerischer Arbeiten in diesem Katalog liegt die These zugrunde, dass die Kameramedien Fotografie, Film und Video ein besonderes Verhältnis zur Vergangenheit haben und wichtige Vermittler individueller Erinnerungsrituale und kollektiver Erinnerungskultur sind. Ihr registrierender ‚Blick‘ verwandelt Gegenwart in Vergangenheit, und doch bedarf es immer einer Erzählung, die diesen Fragmenten eine Sichtweise verleiht. In diesem Sinne sind Künstler nicht weit entfernt von Historikern, die die Quellen der Vergangenheit ordnen und zu einer Erzählung zusammensetzen.

Die vorliegende zweiteilige Publikation begleitet eine Ausstellung mit Arbeiten von 23 Künst-
lerinnen und Künstlern aus elf Ländern Südosteuropas, einer Region, in der die Vergangenheit mit ihren Konflikten und Kriegen immer noch präsent ist. Im Textband stellen verschiedene Autorinnen und Autoren Modelle der Erinnerungskultur und auch der offiziellen Erinnerungs-
politik einzelner Länder vor. Der Bildband versammelt künstlerische Arbeiten, die sich mit verschiedenen Aspekten von Erinnerung, Gedächtnis und Gedenken auseinandersetzen, und beleuchtet darüber hinaus die unterschiedlichen Gebrauchsweisen der Kamera: nüchtern registrierend, subjektiv dokumentierend, biografisch erzählend, historisch analysierend oder die Spur einer Aktion festhaltend.

Ganz anders als Predrag Terzić arbeitet etwa der bulgarische Fotograf Nikola Mihov. Für seine Serie Forget Your Past hält er die monumentale Gedenkstätte der Bulgarischen Kommuni-
stischen Partei auf dem Berg Buzludja fest. Dabei reduziert er mit den Mitteln einer präzisen Architekturfotografie die gewaltigen Volumen auf die zweidimensionale Fläche seines Films, bevor er sie als großes gerahmtes Tafelbild in den Ausstellungsraum hängt. Dieser klassisch-dokumentarischen Haltung könnte man die ‚gebrochene‘ Auffassung des rumänischen Foto-
grafen Iosif Király entgegensetzen. Seine Rekonstruktionen von urbanen Landschaften im Umbruch sind multiperspektivische Bilder, Raum-Zeit-Collagen, die die Vorstellung vermitteln, dass es nicht nur einen einzigen gültigen Standpunkt der Betrachtung gibt, dass Wahrnehm-
ung (und auch Erinnerung) äußerst aleatorische und subjektive Vorgänge sind. Die serbische Künstlerin Ana Adamović hingegen holt die Menschen in ihren abstrakten Raum der Geschichte. Sie lässt die Mitglieder eines ehemaligen Kinderchores ein altes jugoslawisches Lied anstimmen, das sie gemeinsam gesungen haben, als es den Staat Jugoslawien noch gab. Indem ihr Video diesen Auftritt einfach nur aufzeichnet, ist es zugleich ein Protest gegen den faktischen Lauf der Geschichte – recording memories.

Die thematische Gliederung des Bildbandes liefert Anhaltspunkte, verschiedene Perspektiven, aus denen man auf die vorgestellten Arbeiten blicken kann. Einige Ansätze definieren sich über das Thema, andere über die künstlerische Haltung und wieder andere über die Reflexion des Mediums; viele der Arbeiten lassen sich aus mehreren Blickwinkeln betrachten. Erst in der vergleichenden Zusammenschau wird die Vielfalt der fotografischen Gebrauchsweisen sichtbar. Vielleicht ist es das Moment des Fragmentarischen in Fotografie und Film, was viele dieser so unterschiedlichen Ansätze verbindet, unabhängig davon, ob sie mit gefundenen Bildern arbeiten oder die Kamera zur Dokumentation und Produktion neuer Bilder benutzen. Das Bruchstück aufgezeichneter Wirklichkeit ist entweder Ausgangspunkt unterschiedlichster künstlerischer ‚Archäologien‘ oder die Artikulation einer Sichtweise, die den Deutungen der offiziellen Geschichtsschreibung etwas entgegensetzt.

Nicht zuletzt sind Fotografie und Film immer auch Medien der Auslassung, der Leerstellen, so wie dies der rumänische Künstler Ştefan Sava für seine Arbeit über den Holocaust beschreibt. Im Rückgriff auf den Philosophen Walter Benjamin definiert er, „dass der Fluchtpunkt der Vergangenheit nicht in einem lange vergangenen Gestern, sondern in der Gegenwart zu suchen ist“. Und vielleicht ist genau dies der Grund, warum die Augenpaare in Predrag Terzić’ Installation immer noch nach vorne gerichtet sind.

Ich danke allen Künstlerinnen und Künstlern, alle Kuratorinnen und Kuratoren, denen ich auf meinen Reisen durch die Region begegnet bin, die mir Einblicke in ihre Arbeitsweise erlaubten und die Geschichte(n) ihres Landes aus ihrer Perspektive erzählten. Ein besonderer Dank geht an Konrad Clewing, der für unsere Leser eine Einführung in die jüngere Geschichte der Region verfasst hat und uns so mit dem nötigen Hintergrundwissen zur Betrachtung der Bilder versorgt.

Nicola Reiter und Andrej Loll danke ich für die hervorragende Umsetzung des Bild- und Textmaterials ins Buch. Für die technische Produktion der Ausstellung ist Manuel Reinartz zu danken, für den Entwurf der mobilen Ausstellungsarchitektur Bernhard Tatter und für deren Umsetzung Günter Cosmann. Stine Brümmer danke ich für ihr Engagement beim Ausstellungsaufbau.

Vor allem aber gebührt mein Dank Florian Ebner, der das Projekt nicht nur mit konzipierte, sondern mich stets unterstützte. Der Herausgeberin dieses Buches und Initiatorin der Ausstellung Juliane Stegner bin ich zu besonderem Dank verpflichtet für das in mich gesetzte Vertrauen.

Constanze Wicke
Kuratorin der Ausstellung

     

    Constanze Wicke
    geboren 1983 in Leipzig, studierte Museologie und Kunstwissenschaften in Leipzig und Braunschweig. Zusammen mit Florian Ebner kuratierte sie die Ausstellung Kairo. Offene Stadt – Neue Bilder einer andauernden Revolution", die 2012 im Museum für Photographie Braunschweig und im Rahmen des 5. Europäischen Monats der Fotografie in Berlin gezeigt wurde sowie 2013 im Museum Folkwang, Essen