1914/2014 – Schlachtfeld Erinnerung

Aus der Geschichte lernen?

  • Kapetandragan.org, Banja Luka Kapetandragan.org, Banja Luka
  • „Diskutieren ja, streiten nein“, Interviewpartner in Banja Luka
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  • „Fehlender Dialog“, Interviewpartner in Banja Luka
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Nahöstliche Schauplätze

  • „Hier blättert sich die gesamte Geschichte des Orientfeldzuges auf“, Deutscher Soldatenfriedhof Istanbul
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  • Balkankriege und die Geburt des türkischen Nationalismus, Interview in Istanbul
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  • Der Erste Weltkrieg und die nationale Frage, Interview in Istanbul
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  • Preußische Modernisierung im Osmanischen Reich, Interview in Istanbul
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  • „Wir sind alle Türken“,
    Interview in Istanbul
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„Diskutieren ja, streiten nein“, Interview in Banja Luka

Ich glaube, zumindest bei den Jugendlichen gibt es genügend Interesse und auch Toleranz, dass solche Gespräche auf den Tisch kommen. Ich glaube aber, dass man die eine oder andere etwas temperamentvollere Person bei solchen Gesprächen akzeptieren müsste. So sind wir nun mal [lacht]. Aber das würde solche Gespräche auf keinen Fall behindern. Vielleicht im Gegenteil. Ich würde mich aber auf jeden Fall freuen, dass so ein Gespräch zustande kommt, wo wir über Geschichte diskutieren könnten – diskutieren, nicht streiten.

„Fehlender Dialog“, Interview in Banja Luka

Also, Sie haben gerade vorhin den Dialog als eine Voraussetzung für eine eventuelle Neuformulierung der Geschichte genommen. Und gerade das ist hier das Problem. Also, in den Balkanländern, beziehungsweise den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens, fehlt dieser Dialog. Die Leute sprechen nicht über die Geschichte, nicht über die Geschichte des Ersten Weltkriegs, des Zweiten, nicht über die tragische Geschichte des letzten Bürgerkriegs hierzulande, und deswegen besteht auch keine Möglichkeit, dass neue Tatsachen ans Licht kommen und auf diese Art und Weise die Geschichte vielleicht präziser formuliert wird. Ich glaube, das ist das Problem für Gespräche, also bezüglich des Ersten, des Zweiten Weltkriegs und aller anderen Geschehnissen hierzulande ebenfalls.

„Die Kontinuität der Kriege“, Interview in Belgrad

Die Kontinuität des Krieges führt bei uns zu einer Art Ungleichzeitigkeit. Das funtioniert wie eine Infektion […]: Ein Kind hat einen Vater, der im Krieg von 1991 war, und der hat einen Vater, der im Zweiten Weltkrieg war, und auch dieser Vater hat einen Vater, und der war im Ersten Weltkrieg. Die Erfahrung des Krieges wird also ständig wach gehalten. Das ist einer der Gründe, warum wir heute so leben.

„1914 und kein Ende“, Interview in Belgrad

In Serbien konnte man während des Krieges immer wieder hören: „Mein Vater ist im Krieg gestorben.“ Und auch dieser Vater sagte immer: „Mein Vater ist im Krieg gestorben,“ und auch dessen Vater usw. Letztlich sind das die Folgen des Ersten Weltkrieges. Es scheint, als hätte der Krieg nie aufgehört.

„Alptraum Krieg“, Interview in Sarajevo

Der absolute Alptraum wäre, wenn sie Karadžić [Radovan Karadžić, ehemaliger Präsident der Republik Srpska, u.a. wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor Gericht] und Mladić [Ratko Mladić, ehemaliger Oberbefehlshaber der Republik Srpska, u.a. wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor Gericht] freilassen würden, oder wenn sie entscheiden würden, dass es in Ex-Jugoslawien, in Bosnien-Herzegowina, keinen Völkermord gab, und wenn sie der Republika Srpska erlauben würden, so weiterzumachen wie bisher. Die Serben lassen nämlich die Leute, die aus ihrer Heimat fliehen mussten, nicht ins Land. Die Spannungen sind groß, selbst bei Gedächtnisfeiern wie neulich in Srebrenica. Da werden Leute geschlagen, nur weil sie die Gräber ihrer Väter und Mütter besuchen wollen. In den letzten zwei Tagen mussten sogar zwei Kinder beerdigt werden. Deshalb können wir das alles nicht vergessen, denn es wird wieder geschehen, und zwar auch weil die EU so gut wie nichts tut, um Serbien und die bosnischen Serben dazu zu bringen, Verantwortung für das zu übernehmen, was in den [19]90er-Jahren passiert ist. Wir wissen, was im Zweiten Weltkrieg in Deutschland passiert ist. Wenn man heute nach Deutschland kommt, schämen sich die Menschen dort für das, was sie im Zweiten Weltkrieg getan haben – besser gesagt: was ihre Vorfahren getan haben, nicht sie selbst. Ich kann nur hoffen, dass es eines Tages auch in Serbien eine große Zahl von Menschen geben wird, die Verantwortung übernehmen.

„Hier blättert sich die gesamte Geschichte des Orientfeldzuges auf“ , Deutscher Soldatenfriedhof Istanbul

Soldatenfriedhöfe, wenn Sie schon mal andere gesehen haben, in Deutschland oder woanders, sind ja meistens Friedhöfe, die zu einer besonderen Schlacht gehören. Also in Gettysburg liegen nur welche, die in Gettysburg gefallen sind, und in der Normandie und, was weiß ich, Verdun … Hier liegen Tote, die wirklich im gesamten Orient umgekommen sind. Hier liegen Zivilisten, hier liegen Soldaten … Hier blättert sich so die gesamte Geschichte des Orientfeldzuges auf. Der Erste Weltkrieg ist ja ohnehin kaum im Bewusstsein deutscher Bürger. Noch weniger natürlich dann dieser … Wenn man nach dem Ersten Weltkrieg fragt, denkt man da gleich an das Massensterben in Verdun und Langemarck, aber Orient – da kann keiner was damit verbinden. Von daher ist das hier, wenn man über den Friedhof geht, und Sie haben es ja gesehen, diese Verschiedenartigkeit von Geschichten … Hier blättert sich im Grunde die gesamte deutsch-türkische Geschichte auf, anhand von verschiedenen Geschichten.

Preußische Modernisierung im Osmanischen Reich, Interview in Istanbul

100 Jahre lang kamen Westeuropäer ins Osmanische Reich und haben diesen Turm von Babel immer mit Abscheu betrachtet. Hunderte von ethnischen Gruppen, religiösen Gemeinden, die mit ihren bunten Trachten da durch zogen, das war für das westliche Auge einfach so was von unverständlich und es war eigentlich das Sinnbild des Rückständigen […] in einem Staat, der versucht hat, das alles zu einer osmanischen Nation zu verschmelzen. Und die haben dann gesagt: „Okay, das geht nicht, da machen wir auch das wie […] “ Und da haben sie einfach … Schon 1838 wurde der Helmuth [Karl Bernhard, 1800 bis 1891, preußischer Generalfeldmarschall] von Moltke zum Militärberater. Und der osmanische Staat hat seine ganze Modernisierung im 19. Jahrhundert hauptsächlich durch preußische Beratung gemacht. Also in den Schlüsselpositionen sind während des gesamten 19. Jahrhunderts immer Preußen gestanden [gewesen]. Die Hauptimpulse kamen von dort. Wenn es um Staatsreformation [Reformen des Staates] ging, also um die Reformation [Reformen] der Bürokratie, kam das nicht erst 1913 mit dem Putsch, nein. Es heißt, dass die Putschisten von 1913 sofort sozusagen im Deutschen Kaiserreich ihre Alliierten gesucht haben. Das hatte eben mit 70 Jahren Vorgeschichte zu tun.