1914/2014 – Schlachtfeld Erinnerung

1914/2014 – Schlachtfeld der Erinnerung /
Erinnerung des Schlachtfelds

Sarajevo – Belgrad, 1914–2014

Am 22. Januar 2014 berichteten serbische Tageszeitungen von einer neuen Initiative der Regierung Serbiens: Im Rahmen des Gedenkjahres anlässlich des 100. Jahrestages des Ausbruches des Ersten Weltkriegs soll für Gavrilo Princip, den Attentäter von Sarajevo, pünktlich zum 28. Juni 2014 ein grandioses Denkmal am Kalemegdan, dem Park auf dem ehemaligen Festungsglacis, in Belgrad errichtet werden. Damit wolle die Regierung das Unrecht tilgen, dass es bisher in Serbien kein Princip-Denkmal gäbe. Immerhin habe Princip mit seinem Anschlag auf das Leben des österreichisch-ungarischen Thronfolgers und dessen Gattin, so der berühmte Filmregisseur Emir Kusturica, die Idee der Freiheit verteidigt. Parallel zum Belgrader Denkmal ist die Errichtung eines zweiten in Istočno Sarajevo, den zur Republika Srpska gehörenden Randbezirken von Sarajevo, geplant. Schneller als die serbische Regierung war allerdings die Kantonsregierung von Sarajevo bei der Inanspruchnahme des Attentats von Sarajevo für eigene politische Ziele. Diese verkündete schon im Sommer 2013 den Plan, das seinerzeitige Denkmal für den Thronfolger Franz Ferdinand wieder aufzubauen, das im Jahr 1917 von den habsburgischen Behörden in Sarajevo errichtet worden war (und schon ein Jahr später vom neuen jugoslawischen Staat wieder abgebaut wurde). Der serbische Ministerpräsident Ivica Dačić kommentierte dieses Vorhaben mit der Aussage, er kenne kein Land, in dem ehemaligen Besatzern gedacht werde. Nationalistische Intellektuelle auf beiden – d.h. der serbischen und der bosniakischen – Seite liefern die diskursive Begleitmusik für die Aktivitäten ihrer Regierungen: Gilt den einen Gavrilo Princip als Freiheitsheld, der sich für die Befreiung der Serben von der imperialen Fremdherrschaft aufgeopfert hat, sehen die anderen in ihm einen Vertreter jenes großserbischen Nationalismus, der letztlich in den Völkermord von Srebrenica mündete.

Multiperspektivität

Die Virulenz von Geschichtskonflikten in Südosteuropa wurde bereits vielfacht betont – und kann angesichts des bevorstehenden Jahrestages des Attentats von Sarajevo in Echtzeit beobachtet werden. Die Existenz unterschiedlicher Sichtweisen auf vergangene Ereignisse, zumal derart epochaler wie den Ersten Weltkrieg, ist weder überraschend noch grundsätzlich problematisch: Schließlich geht es bei Geschichte immer um die Interpretation der Vergangenheit; um aus der unendlichen Menge des Vergangenen Sinn zu schöpfen, brauchen wir Vorstellungen und Theorien, entlang derer wir Geschehenes erklären und verständlich machen. Diese Erklärungsraster hängen in aller Regel mit unserer Gegenwart, unseren Vorannahmen und unserer Bewertung dessen, was nach dem zu erklärenden Ereignis geschah, zusammen. Angesichts der in ihnen selbst begründeten Variabilität dieser Erfahrungen und Standpunkte verwundert es nicht, dass die Vergangenheit unterschiedliche Deutungen erfährt. (Die Veränderungen historischer Interpretationen im Laufe der Zeit verdeutlichen eindrücklich die Relativität der historischen Erkenntnis.) Schließlich liegt gerade in der Multiperspektivität eine der Stärken der Geschichtswissenschaft, der es nicht darum gehen sollte, eindeutige und letzte Wahrheiten zu postulieren, sondern die Handlungshorizonte der Akteure zu entschlüsseln und darüber zu reflektieren, wie die Vergangenheit in bestimmten Konstellationen dargestellt wird. So ist eben ein Attentäter wie Gavrilo Princip immer für die einen ein Held und für die anderen ein Terrorist – das hängt vom Standpunkt des Betrachters ab. Die Aufgabe der Forschung ist es darzulegen, aus welchen Gründen solch radikal unterschiedliche, ja antagonistische Deutungen entstehen. Auf dieser Reflexion, Hinterfragung und Erkenntnisleistung kann jene Empathie, jenes Verständnis aufbauen, das uns hilft, die Logik der Erinnerungskulturen der anderen zu entschlüsseln und sich kritisch zum eigenen kollektiven Gedächtnis zu positionieren. Gerade hierbei eröffnen künstlerische Interventionen Möglichkeiten der Provokation und Dekonstruktion, die der konventionellen Geschichtsschreibung fremd sind.

Politik und Geschichte

Die Präsenz von Geschichtskontroversen im heutigen Südosteuropa, die Politisierung von Erinnerung, die einhergeht mit Ängsten, ‚unsere’ Geschichte könnte geraubt, verfremdet, entstellt werden, sind keineswegs Ausdruck einer inhärent starken Vergangenheitsorientierung der Gesellschaften der Region. Auch in Südosteuropa arbeiten die ‚normalen’ Menschen nicht ständig an ihrem kollektiven Gedächtnis, vielmehr haben sie genug damit zu tun, ihre zumeist schwierigen Lebensbedingungen zu meistern und sich in wiederholten gesellschaftlichen Transformationen zurechtzufinden. Was die Region von vielen anderen Teilen Europas aber unterscheidet, ist die Tiefe der politischen Klüfte, die teils zwischen einzelnen Staaten, teils durch die Gesellschaften ein und desselben Landes verlaufen. Dies betrifft insbesondere den post-jugoslawischen Raum, wo weder die Wunden des Krieges verheilt sind noch die Nationsbildung überall bereits abgeschlossen ist. Aber auch zwischen anderen Staaten der Region herrschen zum Teil noch Antipathien, die es in dieser Intensität im westlichen Europa nicht mehr gibt. Die Beziehungen zwischen Makedonien und Griechenland sowie zwischen Rumänien und Ungarn sind dafür deutliche Beispiele. Schließlich erlebten mehrere Staaten der Region im 20. Jahrhundert verheerende Bürgerkriege – Kosovo, Bosnien-Herzegowina und in jüngster Vergangenheit die Türkei (türkisch-kurdischer Konflikt), Griechenland unmittelbar nach dem und eigentlich auch schon während des Zweiten Weltkriegs, Jugoslawien in der gleichen Periode –, die Teil der gelebten Erinnerung sind. Diese Konflikte sind mit divergenten Erfahrungen verbunden, die als politische Antagonismen fortbestehen. Gerade die Bürgerkriegserfahrung kontrastiert mit dem Einheitsideal, das dem Konzept der Nation zugrunde liegt: Nationen verstehen sich als Schicksalsgemeinschaften und konstituieren sich wesentlich über die Vorstellung einer gemeinsamen Geschichte. Nationsbildung ist daher immer mit besonders aktiver Arbeit am kollektiven Gedächtnis verbunden; das geschieht nicht zuletzt mit der Absicht, den realen innergesellschaftlichen Gegensätzen die Schimäre der Einigkeit entgegenzusetzen. Ein probates Mittel in diesem Zusammenhang ist es, signifikante ‚Andere’ außerhalb der eigenen Nation als Gegenfolie zu konstruieren.

Politische Akteure, die sich als Verteidiger der Sache ihrer Nation profilieren wollen, greifen bei der Begründung ihrer Argumente daher gerne auf Geschichte zurück, um ihre Mission als eine historische darzustellen und die Nation angesichts der ‚Bedrohung’ durch die ihr schon immer übelwollenden Gegner um sich zu scharen. Nicht zuletzt versuchen sie dadurch, den ‚Anderen’ zu provozieren und so ihr Profil als Verteidiger der eigenen Seite noch weiter zu schärfen. Geschichte wird zum Argument für politische Entscheidungen in der Gegenwart und damit zum Teil der Zukunft. Für diese diskursive Operation finden sich regelmäßig willfährige Historiker, die sich in der Tradition einer patriotisch ausgerichteten Geschichtswissenschaft für die Verteidigung der ‚Ehre der nationalen Geschichte’ engagieren; überall in Südosteuropa – von Slowenien im Norden bis in die Türkei im Süden – gehorchte die Geschichtsschreibung seit dem 19. Jahrhundert dem Prinzip der Nationalgeschichte – Galt es doch, eine kohärente und überzeugende Historie für die sich konstituierenden Nationen zusammenzuzimmern! –, und in weiten Teilen trifft das auf den historiographischen Mainstream noch immer zu. Flankiert werden diese historischen Entwürfe durch eine reichhaltige, das Nationale in den Vordergrund rückende Kulturproduktion, die beide gemeinsam den öffentlichen Raum mit Verweisen auf die Nation (über-)saturieren. Das breite Publikum nimmt diese Interpretationsangebote gerne an, schließlich entsprechen sie dem, was man in der Schule gelernt hat, dem Bild, das die Boulevardmedien entwerfen, in der Regel von seinen (Groß-)Eltern erzählt bekommen hat – und was man grundsätzlich auch gar nicht anders kennt; denn wer weiß im Land X schon, wie im benachbarten Land Y über ein Ereignis gedacht wird, das die Bewohner von X als besonders bedeutungsvoll für ihre eigene Geschichte betrachten?

Konkurrierende Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg

Die besondere Überzeugungskraft von Erinnerung gerade in Zeiten des Umbruchs liegt in ihrer mythologischen Kraft: Sie schafft Kohärenz, sie bringt die Vergangenheit in einen sinnvollen Zusammenhang mit der Gegenwart (und dies zwangsläufig, da sie ja die Vergangenheit durch das Prisma der Gegenwart betrachtet), sie gibt Antworten auf die großen Fragen: Warum ist es so, wie es ist? Wer sind wir – und wer nicht? Die in Südosteuropa konkurrierenden Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg verdeutlichen diesen Zusammenhang: Diese Konkurrenz entwickelt ihre Brisanz, indem der relativ klar zu beschreibende historische Sachverhalt dessen, was zwischen 1914 und 1918 geschah, in unterschiedliche, gegeneinander gerichtete nationale Meistererzählungen integriert wird und kein Bewusstsein davon besteht, dass die im jeweiligen nationalen Diskurs hervorgehobenen Erinnerungsfragmente im Grunde Teile einer gemeinsamen Erfahrung sind. Die serbische Furcht, Gavrilo Princip würde zum Terroristen umgedeutet, ist ja nicht so sehr der Sorge um das Ansehen dieser konkreten Person geschuldet, sondern entstammt der Ahnung, dass damit eine wesentliche ‚Binnenerzählung’ innerhalb der Gesamt-Narration entwertet und so die Groß-Erzählung insgesamt in Frage gestellt würde. Die Abwehrhaltungen gegen Hinterfragungen des etablierten Gedächtnisses illustrieren auch dessen Selektivität – ein weiteres Charakteristikum von kollektiver Erinnerung und nationaler Meistererzählung. In der offiziellen türkischen Erinnerung an die Zeit des Ersten Weltkriegs hat das Genozid an den Armeniern (1915/16) deshalb keinen Platz, weil damit in den Augen des seit Atatürk autoritativen Geschichtsbildes die unmittelbare Vorgeschichte der Schaffung der Republik Türkei mit einem Völkermord assoziiert werden würde. Ebenso wenig mag man sich in Bulgarien an die Allianz mit den Osmanen erinnern, denn wie ließe sich diese mit dem anti-osmanischen Leitmotiv der bulgarischen nationalen Meistererzählung vereinbaren? Die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg amalgamiert sich also mit der Erinnerung an wesentliche Einschnitte und Entwicklungen, die erst später – aber auch davor – kamen, die im jeweiligen kollektiven Gedächtnis in einen kohärenten und scheinbar alternativlosen Zusammenhang gebracht werden. Das nationale Gedächtnis operiert in permanenten Zirkelschlüssen, da es nicht nur Späteres durch Vorhergehendes, sondern auch Vorhergehendes durch Späteres erklärt. Die Erinnerungen an konkrete Ereignisse überlagern sich, bedingen sich und entwickeln eine Selbstbezüglichkeit und Geschlossenheit, die sie für andere Sichtweisen blind machen. Eine besondere emotionelle Kraft erfahren sie durch die Betonung des Opfermuts der Ahnen, die am Altar der Nation ihr Leben gelassen haben. Umso allergischer fallen die Reaktionen auf alternative Interpretationen oder – noch schlimmer – Dekonstruktionen von innen heraus aus. Die Erinnerungsakteure scheinen sich der inhärenten Brüchigkeit ihrer Geschichtsbilder, die einer kritischen Hinterfragung nicht standhalten könnten, bewusst zu sein: Warum sonst reagieren sie auf Herausforderungen ihrer ‚Wahrheit’ wie im anaphylaktischen Schock? Jene unter ihnen, die über ausreichend Macht und Einfluss verfügen – wie zum Beispiel Regierungen –, versuchen daher ihre Sicht der Dinge materiell und damit auf Dauer manifest zu machen: Denkmäler sind ein probates und gerade in Südosteuropa allzu populäres Mittel, die Hegemonie einer bestimmten Erinnerung zum Ausdruck zu bringen und zu erhalten. Gerade aufgrund ihrer Visualität und Emotivität können daher künstlerische Positionen besonders produktiv provokativ sein.

Ausblicke

Die im Gedenkjahr 2014 offen zutage tretenden Erinnerungskonkurrenzen in Südosteuropa sind nicht nur für eine wissenschaftliche Analyse relevant, sondern sind gerade politisch von Bedeutung. Auch ohne auf den pathetischen Begriff ‚Versöhnung’ zu verweisen, ist evident, dass ein möglichst vorurteilsfreier Austausch über die jeweiligen Formen des Erinnerung gesellschaftlich produktiver ist als die Vertiefung der Schützengräben des Gedächtnisses. Es ist beispielsweise kein Zufall, dass der – mittlerweile ins Stocken geratene – Prozess der Demokratisierung und Liberalisierung in der Türkei mit einer Pluralisierung der öffentlichen Geschichtsdeutungen verbunden war. Solange aber in der Region von einflussreichen Gruppen und weiten Teilen der Gesellschaft Geschichte als ein ‚Ding’ begriffen wird, das man nicht teilen und daher verteidigen will, solange Geschichte als Nullsummenspiel betrachtet wird, kann Erinnerung keinen Beitrag zur Kooperation, sondern nur zur Separation leisten. Davon gibt es am Balkan schon genug. Die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg, der für Südosteuropa eine tiefe historische Zäsur bedeutet hat, hätte durchaus Potenzial, das Bewusstsein für die gemeinsame Geschichte, für die wechselseitige Bedingtheit und aufeinander Bezogenheit der einzelnen ‚nationalen’ Geschichten sowie für die Relativität des eigenen Standpunktes zu befördern. So könnte die Erinnerung an die realen Schlachtfelder das ‚Schlachtfeld der Erinnerung’ transzendieren. Der Balkan hat keineswegs zu viel Geschichte – wie Winston Churchill angenommen haben soll („The Balkans produce more history than they can consume.“) –, aber zu viele Produzenten von zu vielen antagonistischen Erinnerungen. Dass Geschichte anders und gesellschaftlich verträglicher gesehen und dargestellt werden kann, hofft das Portal „Erinnerungen – Europa. Südost.“ exemplarisch aufzeigen zu können.
Prof. Dr. Ulf Brunnbauer, Institut für Ost- und Südosteuropaforschung, Regensburg

     

    Ulf Brunnbauer, © Ulf Brunnbauer
    Prof. Dr. Ulf Brunnbauer
    • Promotion im Fach Geschichte an der Universität Graz im Jahr 1999 mit einer Arbeit über Haushaltsstrukturen und Ökonomie im Rhodopengebirge im 19. und 20. Jahrhundert
    • 2003 Wechsel an das Osteuropa-Institut der FU Berlin
    • 2006 Habilitation dort mit einer Studie über die kommunistische Gesellschaftspolitik in Bulgarien von 1944 bis 1989
    • 2008 Berufung auf den Lehrstuhl für Geschichte Südost- und Osteuropas an der Universität Regensburg; zugleich Übernahme der Leitung des Südost-Institut
    • Seit 01.01.2012 geschäftsführender Direktor des Instituts für Ost- und Südosteuropaforschung
    • Ko-Sprecher der Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien, einer gemeinsamen Exzellenzeinrichtung der Universität Regensburg und der LMU München
    • Forschungsschwerpunkte: die Gesellschaftsgeschichte des Balkans im 19. und 20. Jahrhundert mit einem besonderen Fokus auf den Gebieten ‚historische Familienforschung’ und ‚Migrationsgeschichte’, Fragen der Nationsbildung, muslimische Minderheiten in Südosteuropa sowie Geschichte der Geschichtsschreibung in dieser Region