Wagnis der Erinnerung

Was bedeutet für Sie - Slawonien?

Ein Essay des kroatischen Kolumnisten Slobodan Šnajder in einer Übersetzung von Klaus Detlef Olof.

1.

Der Albtraum all jener, die im 18. Jahrhundert von Ulm aus donauabwärts fuhren, hieß Dürnsteiner Klippen – zu jener Zeit zwei Tagesreisen von Engelhartszell entfernt. Hätte es damals Versicherungsprämien gegeben, wären es fantastische Beträge gewesen; noch wahrscheinlicher ist es, dass sich kein einziges Versicherungsunternehmen dazu bereit gefunden hätte, die Reisenden und ihre Fracht zu versichern. Und doch wurde auf der Donau Schifffahrt betrieben, denn Schifffahrt tut not.

Die Quelle sagt: »Die Ruder wurden eingezogen, und die Besatzung forderte die Reisenden auf, jeder möge in seiner Sprache das Vaterunser beten.« Ein schrecklicher Strudel drohte, sie in das Unterwasserschloss der Flussgottheiten hinabzuziehen, messerscharfe Klippen ragten. Die Reisenden beteten: Pater noster, simultan gedolmetscht.

Die Logik des Kapitäns gründete auf der Annahme: Auf einem Kanal würde schon Empfang sein! Gott würde sie hören und verstehen! Die babylonische Sprachverwirrung würde nicht stören, denn die Reisenden würden ja nicht miteinander sprechen, sondern zu Ihm direkt. Auch wenn er einst die Sprachen durcheinander gewürfelt hatte, Gott war in jedem Fall polyglott. Außerdem herrschte auf dem Floß – denn es handelte sich zumeist um große Flöße, die auch unter normalen Bedingungen schwer zu steuern waren – kein Hochmut, wie er von jenen, die im himmlischen Auftrag am Fundament des wachsenden Turms von Babylon spionierten, Gott Vater gemeldet worden war. Im Gegenteil, auf dem Floß herrschte eine Atmosphäre äußerster Demut, und jeder war sich darüber im Klaren, dass er mit dem Äußersten zu rechnen hatte. Die Reisenden waren mit den Risiken vertraut gemacht worden, von der Besatzung ganz zu schweigen. Die Agenten in Ulm hatten freilich versucht zu beruhigen, doch wussten alle, dass jedes zweite Floß zerschellte und dass man von vielen, die versucht hatten, den Strudengau und die Dürnsteiner Klippen zu passieren, später nie mehr etwas gehört hatte. Der Kapitän entdeckte in seiner Klientel womöglich auch diesen oder jenen jüdischen Kaufmann. Sicherlich glaubte er, dass ein auf Hebräisch gesungener Psalm die Chancen auf eine glückliche Passage erhöhte. Nicht sehr wahrscheinlich, aber auch nicht ganz auszuschließen ist auch, dass sich auf dem Floß mitunter ein Mohammedaner fand. Die Kriege der Barockzeit hatten die Türken gerade eben tiefer auf den Balkan zurückgetrieben, aber Kulturen und Zivilisationen, die miteinander im Krieg liegen, treiben für gewöhnlich nebenbei auch Handel. Ganz und gar unwahrscheinlich war, dass in einer Situation, in der mit dem Äußersten zu rechnen war, der Kapitän einen Jünger des Halbmondes in die Donau hätte werfen lassen; vielmehr ist anzunehmen, dass er ihn gebeten hätte, er möge seinen Gebetsteppich ausrollen und die Besatzung und alle Reisenden seinem Gott anempfehlen. Die kleine Multikultigesellschaft war entweder dem Untergang geweiht oder erlebte die Errettung. Von einem gegebenen Augenblick an ließ sich das Floß nicht mehr steuern. Es befand sich – wie man so schön sagt – in Gottes Hand.

Die Reisenden klammerten sich also an die Reling, sofern eine existierte, und versuchten abzuschätzen, wie viele Sekunden ihnen noch bis zum großen Anprall blieben, bis zu dem Augenblick, in dem sich das Floß auf dem Strudel drehen und gleich darauf an den Klippen zerschellen würde. Jeder betete zu Gott dem Vater, wie er es gelernt hatte. Slawische Sprachen mischten sich mit dem Deutschen, überwiegend mit süddeutschem Akzent, der Chasside mit dem langen Bart sang seinen Psalm, die Frauen umklammerten ihre ebenfalls betenden Kinder, der Mohammedaner fiel nieder auf seinen Gebetsteppich …

Und das Floß passierte.

2.

Das Floß passierte, denn wäre es zerschellt, wäre ich nicht geboren worden. Mit meiner Existenz bezeuge ich, Erbe und Bewahrer der damals weitergegebenen genetischen Kombination, dass das Floß passiert ist. Ungewiss ist, welches Gebet gezündet hat. Vielleicht war ja auch der Wasserstand der Donau von der Frühlingsschmelze her hoch genug; war er vielleicht niedrig genug, so dass sich der Strudel beruhigt hatte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Gott in der Höhe ein besonderes Interesse an meiner künftigen Existenz hatte: er war ja Vater von so vielen.

Viele Flöße aber waren nicht durchgekommen. Viele waren am Grunde des Stromes geblieben, verschleppt von den Donauweibchen, gefressen von Stören und Welsen. Im kühlen Bett des Stromes sahen sie jetzt denen zu, die mehr Glück hatten. Die Dürnsteiner Klippen vernichteten so manche Hoffnung. Dann hatte Gott im gegebenen Augenblick im Angebot der Sprachen jene nicht gefunden, die er zu verstehen geneigt war. Oder der Strudel war einfach übermächtig gewesen. Die Agenten in Ulm waren unablässig bestrebt, den Reisenden und den Klienten Mut zuzusprechen, doch die Risiken waren allgemein bekannt. Und der Kapitän nahm das zusätzliche Risiko auf sich, dass sich auf seinem Floß möglicherweise ein Sünder befand, der in Gottes Augen nicht zu retten war.

Der Kapitän, der zugleich Unternehmer, das heißt Patron des Floßes war, hatte einen bunt gewürfelten Haufen armer Leute vor sich, die alles verkauft hatten, was sie besaßen, um sich überhaupt einschiffen, um sich dem Risiko überhaupt aussetzen zu können. Sie hatten nur das bei sich, was ihnen geblieben war und was man mitnehmen konnte. Zumeist waren es Familien in ihrer, mit Verlaub, vollen Reproduktionskraft. Oft waren es aber auch Handwerksgesellen, die die Lehrjahre hinter sich hatten und nun auf der Suche nach jemandem waren, dem sie ihr Handwerk anbieten konnten. Auch Soldaten waren auf der Reise, Söldner, die ebenfall jemanden suchten, dem sie sich mit ihrem Handwerk andienen konnten. Manchmal kehrten sie auch von so einem zurück, oft mit Wunden. Man kann auch Frauen vermuten, die das Floß nicht wesentlich belasteten, weil sie ohnehin von allen für leicht gehalten wurden. Das war im Großen und Ganzen die Klientel, wobei wir nicht den Prediger vergessen dürfen, der beschlossen hatte, seine kleine Gemeinde zu begleiten, sofern sie die Reise als solche antrat.

Die Beamten der Monarchie, die damals noch keine doppelte war, reisten auf weniger riskante Art und Weise. Das Jahr, das wir in näheren Augenschein nehmen – 1769 –, in dem wir eine dramatische, doch erwiesenermaßen glückliche Passage der Dürnsteiner Klippen verfolgen, ist dasselbe Jahr, in dem James Watt seine Dampfmaschine vorstellte: der Beginn der industriellen Revolution, die beschlossen hatte, ihre Entwicklung in England zu nehmen und nicht in Deutschland. Die Lokomotive indessen war noch nicht in Sicht, und so durchreiste man Europa mittels Pferdekraft. Die Beamten und höheren Klassen, der Adel, fuhren ungeachtet der Sprache, in der einer sein Vaterunser sprach, nicht auf Flößen die Donau abwärts. Der lutherische Adel begab sich nicht in Länder unterm Zepter und Rock der mächtigen Kaiserin. Und der habsburgisch-katholische Adel hatte keinen Bedarf an Reisen, außer wenn Krieg geführt wurde. Und auch kein vermögender Reisender mutete sich im 18. Jahrhundert die Begegnung mit den Dürnsteiner Klippen zu.

Der Kapitän hatte es also mit Menschen zu tun, die aus einer Notlage in eine andere flüchteten. Marx hatte noch nicht den Begriff vom ›Reich der Notwendigkeit‹ geprägt. Er war noch gar nicht geboren und konnte somit auch nichts Besonderes prägen. Jene, die aus einer Notwendigkeit in die andere flüchteten, stammten größtenteils aus den süddeutschen Landen. Auf dem Floß, das seinem ›Entweder

– Oder‹ entgegenfuhr, wurde hauptsächlich Deutsch gesprochen, auch wenn sich Tschechen, Polen, Ukrainer und Russen nicht ausschließen lassen. Keineswegs unglaubhaft ist die Anwesenheit eines serbischen Kaufmannes, also eines Orthodoxen, der später in die Romane von Miloš Crnjanski (u. a. Seobe, dt. ›Bora‹) Eingang finden sollte. In der Summe war das ein deutsch-slawisches Gemenge, eine Multikulti-Litanei, mit dem Hebräischen als einer Art basso continuo, so auch Quelle von Verachtung und Neid. Fern waren noch die napoleonischen Reformen, die im Übrigen südlich des Rheins nie sonderlich anschlagen sollten.

3.

In dieser Sprache – einer Mischung aus kroatischer Sprache, »verstellt« durch die Besonderheiten der slawonischen Mundart, kombiniert mit verbliebenen Resten der deutschen Grammatik (Großschreibung der Substantiva etwa) – ist ein Brief verfasst, der Anfang der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts aus einem Dorf nahe Passau an meinen Vater gelangte. Er ist von einem Mann unterschrieben, der meinen Nachnamen trägt, das heißt, ich trage seinen Namen in der kroatisierten, phonetisierten Version. Er heißt Johannes, und stellt sich als Bruder des Vaters meines Vaters vor, als Bruder meines Großvaters also. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich nichts von seiner Existenz. In dem Brief drückt er seine Trauer über die Tatsache aus, »dass wir wegen dem Krieg Slawonien verlassen mussten«. Und die Sorge um »uns«, da »bei uns« wieder Krieg herrsche. Und ob wir etwas brauchten.

Dieser Teil der Familie hatte »Slawonien 1944 verlassen müssen«, also bereits vor der Vertreibung der deutschen »Volksgruppe«, und zwar deshalb, weil der nun gar nicht mehr so heiß geliebte Führer dieser »Volksgruppe« befohlen hatte, sich in die damaligen Grenzen des im Zerfallen begriffenen Reiches zurückzuziehen. Für jene, die in dieser »Volksgruppe« meinen Nachnamen trugen, hieß das: ab nach Passau.

Im Jahre 1769 waren ihre Vorfahren aus eben dieser Region, wohin sie 1944 zurückkehrten, aufgebrochen – nach Slawonien. Das einzige Transportmittel, das sie sich leisten konnten, war das Floß gewesen, von Ulm die Donau abwärts, mit der unvermeidlichen Passage oder Nicht-Passage der Dürnsteiner Klippen. 1769 war in Deutschland ein Hungerjahr. Vielleicht gab es kein Massensterben wegen Hungers wie im selben Jahr in Bengalen: 6.500.000 Menschen. Die größte Naturkatastrophe aller Zeiten. Aber um nicht sterben zu müssen, musste man aus Deutschland flüchten. Die Richtung des Hunger-Exodus war genau entgegengesetzt dem der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, als Hunderttausende von »Gastarbeitern« aus jenen Landen, die im 18. Jahrhundert von deutschen Siedlern im Rahmen der theresianischen Reformen kolonisiert worden waren, nach Deutschland aufbrachen. Mir, dem fernen Enkel in »schräger« Linie, wird allerdings nicht geraten, mich gerade jetzt unter die »Gastarbeiter« zu reihen: Rezession! Im 18. Jahrhundert war es der nackte Hunger. Und der Hunger richtet sich nach seiner eigenen »Windrose«, deren Drehung allerdings in Jahrhunderten gemessen wird, nicht in Tagen: Jugo, Bora, Maestral … widrige Winde hier wie da.

Der Bruder meines Großvaters hatte den Brief schon unterschrieben, als er in einem Augenblick ungewöhnlicher Eingebung, der an die Schrecken und das Grauen der Dürnsteiner Klippen gemahnt, in jene Zeit zurückschaute und beschloss, auf einem besonderen Stück Kaufmannspapier folgende wertvolle Information festzuhalten:

»UNSERE KAMEN NACH NUŠTAR ZUSAMMEN MIT DEN GRAFEN, ALS MARIA THERESIA AN DER REGIERUNG WAR.«

Mit eben solchen Gedanken glitt man auf mehr recht als schlecht zusammengezimmerten Baumstämmen, die sich nicht steuern ließen, jenen Klippen entgegen: Eine wichtige Nachricht für die Nachfahren oder auch »Nächsten« vor dem Äußersten: ein Reisender, der während des Absturzes der Boeing etwas auf einen Zettel kritzelt.

4.

Die Nachfahren wurden, das bezeuge ich, geboren, und die Nachricht reiste durch die Zeit, durch die Stromschnellen, zwischen den Klippen hindurch, zu mir: »UNSERE KAMEN NACH NUŠTAR …« Auf Kaufmannspapier, in einen eigenen Umschlag gesteckt, mit Kugelschreiber, wie ein Appendix, eine Fußnote, alles in Großbuchstaben. Als besonders wichtige Anweisung, die Diachronie (»Regierung der erlauchtigsten, nicht ganz verstandenen Kaiserin«) und Synchronie, Nuštar, Kleinstadt in Slawonien, im jüngsten Balkankrieg in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts schrecklich umkämpft, miteinander verbindet. Synchronie, Gleichzeitigkeit, Gegenwärtigkeit deshalb, weil der Bruder meines Großvaters in mente, im Geiste, in Nuštar geblieben und NIE nach Passau zurückgekehrt ist, wo er allerdings mit »Ferien auf dem Bauernhof« sehr erfolgreich war.

UNSERE, die die DEINEN sind. Der Bruder meines Großvaters, die einzige noch lebende Brücke zu den vergangenen Generationen, hat nicht vermerkt, woher sie gekommen waren. Es gibt eine nebelhafte Überlieferung, dass es Süddeutschland war, und ich weiß, dass sie auf jenem Floß gebetet haben, wie Katholiken beten. Es verstand sich von selbst, dass es nur einen Gott gab und dass er polyglott war. Es war vor allem wichtig, den richtigen Kanal zu erwischen, den er im Augenblick der Passage eingestellt hatte.

Stromaufwärts, oberhalb der Dürnsteiner Klippen, blieb eine Welt zurück, die die bunt gewürfelte Gesellschaft auf dem Floß hinter sich gelassen hatte, zumeist für immer. Stromabwärts wartete eine unbekannte Welt, die es sich vorzustellen galt. Es galt den Versprechungen der kaiserlichen Beamten aufzusitzen, die die Kolonisten auf alle möglichen Arten umwarben. Die Entscheidung, alles zurückzulassen, ist selbst dann nicht einfach, wenn man nichts besitzt. Der theresianische Beamte trat in der Gestalt des Rattenfängers aus der Sage auf; nebenbei gesagt, wir betrachten die Zeit, als Herder gerade dabei war »durch das Volk« zu wandern, das er unlängst entdeckt hatte. Allerdings noch nicht im besagten Jahr 1769, als er nach Nantes reiste und im Anschluss daran nach Paris. Das war abenteuerlich genug, um Herder das »Journal meiner Reise im Jahre 1769« verfassen zu lassen. Das Volk indessen, gerade entdeckt, floh vor dem Hunger gen Osten, auf den Pfaden sächsischer Knappen, die schon seit Jahrhunderten in den Bergen des Balkans schürften. Das vor dem Hunger flüchtende Volk drängte nach Osten: Drang nach Osten, damals noch ohne die Hilfe von Panzern, die, wie wir wissen, viele Jahre später die Begleiterscheinung solcher und ähnlicher Vorstöße bildeten.

Vielleicht lockte der theresianische Werber aus dem Märchen vom Neuanfang die jüngere Generation der Bevölkerung im »reproduktionsfähigen Alter« mit einer Flöte, auf der er das Lied vom Schlaraffenland spielte – hinter den sieben Bergen, hinter den sieben Meeren (ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, dass Bayern sieben größere Seen sein eigen nennt) –, hinter die dunklen Wälder

– nach Transsylvanien …

Slawonien wird da noch nicht erwähnt, genauso wenig Nuštar, ein kaum noch existierendes Städtchen nebst Kloster. Genauere Hinweise zum Bestimmungsort bekamen die Kolonisten erst, wenn das Floß abgelegt hatte. Wenn sie abgelegt hatten, die Unseren, die Meinen.

Dem Kapitän wird es darum zu tun gewesen sein, dass das ganze Sprachennetz ausgebreitet wurde, in dem es Gottes Gnade aufzufangen galt. Dass die Klientel des Floßes derart vielfältig war, war von Vorteil. Einen chinesischen Kaufmann auf seinem Floß hätte er als gutes Omen angesehen. Ebenso wenig störte ihn der Chasside, der sich in seinem eigenen Jahr befand: das Jahr 1769 zählten die Juden als eines zwischen 5529 und 5530 ihrer Zeitrechnung. Jeder zählte und grübelte auf eigene Weise, alle Abzählreime stiegen im Schwarm zum Himmel auf, und die Klippen kamen immer näher, der grüne Strudel drohte immer wütender. Die Fische warteten, ebenso die Donauweibchen und der Wasserkönig in seinem gläsernen Palast in den Tiefen. Oben herrschte fraglos die Kaiserin; unten, an den Toren zum unterirdischen Reich, warteten andere Zöllner.

5.

Beim Eintritt ins Kaiserreich konfiszierten die theresianischen Zöllner die Lutherbibel. Ein deutscher Kolonist konnte seine Katze, seinen Hund oder seine Kuh einführen, und niemand fragte ihn nach Geld. Die Zollbeamten versorgten ihn mit den nötigen Papieren, mit Proviant und einer kleinen, genau vorgeschriebenen Menge Geldes, die die kaiserliche Kanzlei als Ersatz für die Reisekosten bereitstellte. Der Zoll wusste, dass ein armer Kolonist keine großen Mengen fremder Währung mit sich führte, die die kaiserliche Münze hätten bedrohen können. Die Zöllner wussten, dass die Kolonisten nur sich selbst, ihre nackte Arbeits- und Reproduktionskraft ins Kaiserreich einführten. Aber was sie in den Köpfen mit sich brachten, war dennoch ein wenig zu überprüfen und nach Möglichkeit zu lüften und zu reinigen. Luthers Übersetzung der Bibel, dieser Beginn des modernen deutschen Idioms, wurde im Gepäck nicht toleriert. Die Reisenden händigten sie freiwillig aus, selbst wenn sie Lutheraner waren, selbst wenn sie als solche strafweise in die Theresianischen Lande ausgesiedelt wurden. Wer weiß, wie viele Bibeln auf den Grund der Donau gesunken sind.

Mochten die Unterschiede auf dem Floß, das seiner Prüfung entgegeneilte, die es bestehen würde oder auch nicht, willkommen gewesen sein, jetzt wurden sie suspekt. Angesichts der Todesgefahr noch vereint, entpuppten sich die Reisenden nun als Individuen voller Argwohn und Misstrauen. Jetzt gaben sie preis, dass ihre Bestimmungsorte unterschiedlich waren, auch wenn ihnen die Namen der Siedlungsorte nichts sagten. Transsylvanien hieß alles jenseits der deutschen Wälder. Sie gaben auch zu erkennen, dass sie aus unterschiedlichen Gründen reisten.

Der jüdische Kaufmann tauchte in Wien unter, ebenso die leichten Fräuleins. Die Gesellschaft wurde plötzlich kleiner, obwohl das Ziel der Reise noch fern war.

Ihnen wurde gesagt, dass es klug wäre, das Floß zu bewachen. Aasgeier jeglicher Couleur würden es bereits beschnüffeln, seine Stämme beklopfen, es im Wiener Donauhafen vermessen. Sie würden es kaufen, und wenn das nicht ginge, es eben stehlen.

6.

Die Gesellschaft, die da stromabwärts fuhr und glücklich und vollzählig jene mythischen Klippen überstanden hatte, die Szylla der Donau, die ebenso wie die griechische einem kannibalischen Geschmack anhing, löste sich im Großen und Ganzen schon in Wien auf. Normal war, das Floß den Holzaufkäufern zu verkaufen. Freilich wurde auch wieder gegen den Strom gefahren, mit Hilfe der Kraft von Pferden, die zu den ärmsten, am meisten ausgebeuteten Arbeitstieren aller Zeiten gehören. Aber es zahlte sich eigentlich nicht aus, ein so großes Floß stromaufwärts zu ziehen, um es anschließend noch einmal mit neuen Gesellen, Dirnen und Juden stromabwärts fahren zu lassen. Der Großteil der Kolonisten verbündete sich mit dem Kapitän und einer Handvoll Abenteurern zu so etwas wie einem Joint Venture. Sie kauften selbst die Baumstämme, zimmerten ein Floß zusammen, errichteten eine kleine Kajüte für jene, die es bezahlen konnten, sich vor der stärksten Sonne zu bergen, befestigten vorne und hinten ein großes Steuer, vertäuten Ruder und – ließen es mit der Strömung treiben, zum Beispiel ab Ulm. Der Verkauf in Wien war im Voraus abgemacht.

Die Kolonisten wussten höchstwahrscheinlich nicht, dass ähnliches auch die griechischen Kolonisten getan haben, als sie ihre Emporien auf Sizilien gründeten, das sich später dank ihrer Bedeutung Magna Graecia nennen konnte: Auch die griechischen Kolonisten setzten ihre Schiffsflotte in Brand, wenn der Bestimmungsort erreicht war, der noch kein Hafen, aber ein viel versprechender Landeplatz war.

Die deutschen Kolonisten wussten höchstwahrscheinlich auch nicht, dass das Gleiche – ihr Schiff in Brand zu setzen – auch die Meuterer von der »Bounty« taten, nachdem sie auf Pitcairn gelandet waren, und das genau zwei Jahrzehnte nach »unserem« Floß, 1789, in jenem Jahr, das die Guillotinen sausen ließ. Um eine neue Welt zu errichten, ist es oft notwendig, die Brücken zu verbrennen, die sie mit der alten verbinden. Notwendig und klug. Über Guillotinen urteilt man heute allerdings unterschiedlich, ja konträr.

Kaum ein deutscher Kolonist von damals ist je in seine »Heimat« zurückgekehrt. Schon nach wenigen Jahren hatte die »Heimat« für sie den Namen gewechselt. Die alte »Heimat« war für immer ausgewandert, in den Lenden, in den Schößen der Kolonisten und Kolonistinnen, und war für immer in die neue »Heimat« gelangt, außer wenn sie wie die Bibeln in unerlaubter Übersetzung am Grunde des mächtigen Stromes geblieben waren. Kaum jemand ist in den Jahren zwischen 1769 und 1945 wieder zurückgekehrt. Im Jahre 1945 aber mussten fast alle zurück. Ein Kreis hatte sich geschlossen.

7.

Die Ausnahme ist ein unruhiger Mann, in seinen Lumpen der Sonne mehr ausgesetzt als von ihnen bedeckt. Er hat den mythischen Schrecken der Szylla in der Donau schon einmal erfahren. Von Natur aus wortkarg, lässt er sich ungern in Gespräche ein. Er könnte eine wertvolle Informationsquelle sein; er könnte die Leerstellen in dem Imaginationsgewebe füllen, das sich ein Großteil der Reisenden von ihrem Transsylvanien mittlerweile gesponnen hat. Er ist bereits dort gewesen, ist nach Deutschland zurückgekehrt, von denen, die mit ihm drei Monate zuvor hinuntergereist sind, eigens darum gebeten. Das ist eine sehr kurze Zeit, wenn man bedenkt, dass die Fahrt allein bis Wien bei günstigen Verhältnissen fast zwei Wochen dauert. Der schweigsame Kolonist ist in besonderer Mission unterwegs. Er ist nach Deutschland zurückgeschickt worden, um eine wichtige Information nach Slawonien oder sonst wohin jenseits der Wälder (Transsylvanien) mitzubringen; etwas, was die Kolonisten in der Eile ihrer endgültigen Übersiedelung übersehen haben, ohne das sie aber nicht überleben können.

Worin besteht diese Information? In einer Chiffre? In der Beschreibung eines Verfahrens, einer Rezeptur, einer Beschwörungsformel für Regen? Für Regen reicht es – erwiesenermaßen oder nicht – aus, dass die Dorfhexe in den Topf pisst. Die Volksmedizin braucht keine Rezepte, für die Chirurgie ist, das wissen wir, der Dorfbarbier zuständig.

Der geheimnisvolle Passagier gibt nur ungern Auskunft über die Länder, oder das Land, die Städte oder die Stadt, die die Kolonisten in ihren Dokumenten als endgültigen Bestimmungsort stehen haben. Entweder weiß er nichts darüber, obwohl er sie schon gesehen hat, oder er verweigert seine Kenntnisse aus einem anderen Grund. Vielleicht ist er ein kaiserlicher Spion? Vielleicht schweigt er in höherem Auftrag, aus Angst, etwas auszuplappern, wovon das Schicksal des Kaiserreichs und der ganzen Welt abhängt? Oder ist er gar ein Spion der Hohen Pforte? Sind diese Gegenden überhaupt sicher vor den Türken? Hat Eugen von Savoyen sie weit genug zurückgedrängt? Spricht die örtliche Bevölkerung deutsch? Welchen Glaubens ist sie? Haben sie Kirchen? Was essen sie? Machen sie Kinder? Nehmen sich die Mohammedaner die Frauen mit Gewalt? Selbst alte Frauen, selbst Stuten? Vor allem aber: Wie ist das Land? Ist es in der Tat so schwarz und fruchtbar, wie ihnen jene vorgeschwärmt haben, die sie mit dem Spiel ihrer Ratten- und Kinderfängerflöte auf das Floß gelockt haben?

Der sonnengebräunte Reisende hat sich zu Recht in die erhabene Gelassenheit des Veteranen zurückgezogen, denn ohnehin hätte er nicht erklären können, »was sie DORT alles erwartet«. Als es den Kolonisten mit keiner List, auch nicht mit einem Frauenlächeln gelingt, ihm auch nur die geringste Information zu entlocken, nicht einmal eine Andeutung, hören sie am dritten Tag auf, in ihn zu dringen. Niemand schenkt dem Schweiger mehr einen Blick, niemand stellt ihm mehr eine Frage.

Er nutzt das aus. In der Nacht, als alle bereits schlafen, als der Mond das ganze Donautal in milchiges Weiß gehüllt hat, holt der Unbekannte aus seinem Wams die Information hervor. Der Kapitän, der ihn heimlich beobachtet, entdeckt sein Geheimnis, bleibt aber diesem Geheimnis gegenüber völlig indifferent.

Behutsam, mit jener Ehrfurcht, mit der das Volk seine Fetische verehrt, bietet der finster blickende Reisende dem Antlitz des Mondes drei Kartoffeln dar.

8.

Die Kolonisten hatten gute Gründe, nach dem zu fragen, was sie erwartete. Ihre Vorstellungen davon waren äußerst diffus. Obwohl sie größtenteils jung waren, bereit für die Tollheit des Neuanfangs (und das nur deshalb, weil sie überhaupt noch nichts angefangen hatten), waren sie doch klug genug, um zu wissen, dass man den kaiserlichen Beamten ohne Vorbehalt und Vorsicht nicht glauben durfte. Sie wussten, dass die kaiserlichen Werber nach Erfolg bezahlt wurde, pro Kopf. Manche Kolonisten gingen ohne Wissen und Willen ihrer Feudalherren, sie waren demnach Flüchtlinge und konnten ohnehin nicht mehr zurück. Manche, so wie die »Unseren«, die »Meinen«, zogen »mit den Grafen«, und das war vielleicht leichter, weil man auf gleiche Weise, »mit den Grafen«, seit Jahrhunderten in den Krieg gezogen war, dessen Ziel nicht einmal die »Grafen« selbst kannten, weil mehr Sinn und Zweck in einer gewöhnlichen Fuchsjagd lag als in den meisten »Barockkriegen«.

Die jetzige Reise hatte indessen einen, wenn auch nebulösen Zweck namens »besseres Leben«, auch wenn es in der Hauptsache um das bloße Überleben ging. Die Menschen flohen vor dem Hunger, und wenn sie nachts flohen, taten sie das nicht nur aus Angst vor ihren Herren, sondern auch deshalb, weil es leichter war, Heim und Herd ins Dunkel der Nacht gehüllt zu verlassen. Verlockt von der Flöte des Rattenfängers, des Kinder- und Seelenfängers, getrieben vom Hunger und jedwedem Mangel.

Und doch muss diese Entscheidung schwer gefallen sein. Kaum haben sie irgendetwas über den ihnen zugewiesenen Bestimmungsort wissen können, selbst wenn sie lesen konnten. Es sollten noch hundertfünfzig Jahre vergehen, bis der erste Baedeker erschien. Slawonien etwa war noch kaum kartographiert. Es trafen nur karge Nachrichten ein, dass es ein Land der Wölfe sei (aber das hatte ihnen nicht der schweigsame Unbekannte gesagt, der unter seinem Herzen seine drei Kartoffeln an sich presste).

9.

Außer an Kartoffeln litten die Handwerksgesellen und Landarbeiter aus Süddeutschland auch sonst allerlei Mangel. Neben den Kartoffeln war das der stete allgemeine Mangel an Frauen. Auch auf dem jetzt schon ohne den Willen der Ruderleute dahineilenden Floß, unter einem Kapitän, der beide Arme gen Himmel wand und zusammen mit den Reisenden betete, waren nur wenige Frauen.

Die Kolonisten gehörten fast immer zur Avantgarde: Sie waren als Vorhut aufgebrochen, als vorgeschobene Kolonne, die das »Terrain erkunden« sollte. Auf dem Terrain selbst, von Türken gesäubert (die Türken sowohl Subjekt als auch Objekt dieser Säuberung), gab es ebenfalls kaum Frauen. Aber es war schwer ohne Frauen, genauso wie es ohne Vieh nicht ging. Wie mögen die griechischen Kolonisten dieses Problem gelöst haben? Haben sie sich mit einheimischen Frauen zusammengetan, oder finden wir hier den materialistischen Deutungsschlüssel für das Geschlechts der Kentauren?

Auf diesem Floß also, auf dem »die Meinen« fahren, auf der Suche nach dem »besseren Leben«, in der Tasche ein Stückchen Papier mit dem Namen des Städtchens, das noch kaum gegründet ist und das sich in Slawonien befindet, in Sclavonien, Türkisch Slawonien, das noch ganz vage der Provinz Croatien zugeschlagen wird, aber nur auf den Karten der kaiserlichen Generäle, und in Theresias erotischer Phantasie, in der dieses Slawonien womöglich in Gestalt des wohlgestalteten Freiherrn von der Trenck aufspringt, wobei der Name dieser Klosterfestung ganz einfach Nuštar (= monasterium) lautet – auf diesem Floß, bis zum Kinn in Decken gehüllt, sitzen freilich auch drei Dirnen. Sie stehen in der Sehnsuchtsmathematik des Mangels für jene drei Kartoffeln, aber natürlich ist ein Kartoffelgulasch eine Sache, Nachkommenschaft hingegen eine ganz andere.

Sie werden in der Mangelgleichung nicht mitgezählt, demzufolge gibt es eine schwerwiegende Unbekannte: Frau und Mutter. Stute und Gebärerin. Erotische Phantasie des kaiserlichen Boudoirs und Wirklichkeit haben keine Berührungspunkte, sie sind zwei ganz unterschiedliche Manifestationen des Mangels, von denen wir die erste verspielt nennen dürfen, die zweite hingegen als existenziell anzusehen haben. Der zweite Mangel ist eine Frage des Überlebens der künftigen Kolonien und auch der Kolonisten selbst. Deshalb schreiben die Landarbeiter, die Gesellen, die schon fertigen Handwerker nach Hause (nach Hause?), nach Deutschland: »Schickt uns Frauen!«

Denn die Unbekannte der genannten Gleichung muss um jeden Preis gelöst werden. Und zwar genauso, wie die Gleichung des Hungers gelöst wird – durch das Darbringen dreier Kartoffeln der Mondgottheit. Luna ist eine weibliche Göttin, und umso mehr wird ihr eine bunte und sangesfrohe Schar junger Frauen aus den süddeutschen Provinzen gefallen, die mit ihren bunten Röcken das gesamte »Deck« über den Floßstämmen verdecken.

Deutschland hat nämlich gerade ein Kontingent heiratsfähiger Mädchen geschickt. In Slawonien, wohin sie reisen, werden sie noch ›Schwiegertöchter‹ heißen. Doch schon in der nächsten Generation wird man sie allein und ausschließlich in der kroatischen Form rufen: »snaš e«. Das wird eine fröhliche Reise werden, und man wird auf dem Floß auch eine Harmonika hören, begleitet vom Lachen und Kichern der Mädchen, an dem sich Besatzung und Kapitän erquicken, Menschen, die mit allen Wassern gewaschen sind.

Die Dürnsteiner Klippen fordern Ehrfurcht und Schweigen, die Lieder verstummen, die Harmonika wird eingepackt; die Ruder werden eingezogen, wie auch noch manch anderes, das unter dem schweren und nassen Gewand der Flößer und des Kapitäns angeschwollen ist. Und die Mädchen beten, wie man in katholischen Gotteshäusern zu Maria betet; sie singen Psalmen, wie man sie in den Kathedralen singt. Auf dieser Reise gibt es keine Dirnen, weil der, der die Reise organisiert hat, sehr auf die Moral seiner Fracht geachtet hat: potenziell ansteckende Exemplare werden ausgesondert. Der Agent der Flößerei garantiert, dass die Mädchenschar im selben Zustand abgeliefert wird, in dem sie sich zu Beginn der Reise befindet, also, unter keinen Umständen in anderen.

Die Dürnsteiner Klippen sind eine noch verhältnismäßig geringe Gefahr, vergleicht man sie mit den Gefahren, die auf so einer langen Reise mitten im 18. Jahrhundert auf die Ehre der Frauen lauern. Daher zahlt der Agent der Flößerei, und zwar auf Kosten der bereits nach Slawonien geflüchteten Kolonisten, auch die Kosten für die Bewachung in Form dreier kräftiger junger Männer, die geschworen haben, die Ehre der Frauen gegen entsprechende Belohnung gegen jeden Zudringling zu schützen, sogar gegen die Besatzung selbst; letzteres ist das schwierigste, in Anbetracht der sanitären und sonstigen Bedingungen auf dem Floß.

Mit einem Wort, die sangeslustigen heiratsfähigen Mädchen haben drei Bodyguards, die die Blüte ihrer Ehre hüten. Im Gegenzug beschützen sie sie vor dem Zauber der Donausirenen, jener Nymphen, die schon so manchen Faun auf den Grund des Flusses gelockt haben. Der Mensch denkt, Gott lenkt, insbesondere jenen Knaben, der mit verbundenen Augen schießt: Alle drei jungen Männer finden auf dem Floß die Frau ihres Lebens, und alle drei reisen, ohne es noch zu wissen, das erste und zugleich das letzte Mal die Donau abwärts.

Ihre Aufgabe hat ja gelautet, den Schutz vor Zudringlichkeiten zu gewährleisten, nicht aber auch vor der Liebe, davon stand in dem Vertrag mit dem Agenten nichts. Nehmen wir das als einen Triumph höherer Gewalt. Ihr erliegen sie freilich gern, doch bewahren sie das Floß immerhin auch vor den Zudringlichkeiten jener Wiener Aasgeier, die es aufkaufen wollten.

Nach allen Peripetien und Schrecken läuft das Floß mit den Heiratswilligen endlich doch in Vukovar in den »Referenzhafen« ein. – Sie kommen, sie kommen!, rufen die Kinder, und das können lediglich Kinder der einheimischen Bevölkerung gewesen sein, die das Boot in einer früheren Flussbeuge ausgemacht haben und jetzt jauchzend neben ihm herlaufen. Im Hafen spielt Musik, Gesellen, Landarbeiter, Handwerksleute haben das Beste angezogen, das sie haben. Von einer Anhöhe überblickt der Pfarrer das Geschehen. Die weise Kaiserin hat verfügt, dass auf jeweils drei Dörfer ein Pfarrer und ein Arzt zu kommen habe.

Das Floß legt an, ein schmaler Steg wird zum Ufer hin ausgeworfen. Jemand schießt vor Aufgeregtheit in die Luft, die Musik spielt einen Tusch, die Heirats-willigen gehen von Bord, das heißt, sie kommen an Land … Die jungen Männer gaffen vom Ufer, mancher hat auch einen Feldstecher dabei, der jetzt hoch im Preis steht, aber nicht hergeborgt wird.

Das steht auch mein Ur-ur-ur-Großvater, der »mit den Grafen« gekommen ist, im Okular des Feldstechers sieht er meine Ur-ur-ur-Großmutter, wie sie mit geröteten Wangen, im weiten Rock, der sie steigen lassen könnte wie ein Ballon, auf dem schmalen Steg zwischen gestern und morgen unsicher das Gleichgewicht zu halten sucht. Und siehe da, es hebt sie auf, und meine Ur-ur-ur-Großmutter landet wieder auf festem Boden, wie eine weiße Seerose in einem Donauarm.

10.

Nun sind die »Unseren« vollzählig. Und »vollzählig« bleiben sie fast zwei Jahrhunderte, das sind mindestens neun Generationen. Es genügt, dass »Herkunft« und »Wurzeln« in mythischen Anfängen verschwimmen.

»Vollzählig«? – Nachdem sie die Beschwerlichkeiten und Gefahren der Reise im Hungerjahr 1769 überstanden haben, als sie sich in den Rahmenbedingungen, die die mächtige Frau in Wien mit ihren Patenten, den theresianischen Reformen, abgesteckt hat, einigermaßen zurechtgefunden haben, stehen sie am Anfang ihres »neuen Lebens«. Der Ort dieses »Neuanfangs« ist kaum zu finden, höchstens vielleicht wie in Danilo Kiš’ Roman Bašta, pepeo (dt.: ›Garten, Asche‹) mit Hilfe der Sterne. Wenn sich der Himmel zugezogen hat, machen sie Halt und schlagen ihr Lager auf, wie die Nomaden.

Aber sie sind Landarbeiter, Gesellen, Handwerker. Im 19. Jahrhundert bilden sie die ersten Elemente der Industrialisierung in der Monarchie, was sie, im Großen und Ganzen dem Staat gegenüber loyal, auch im Königreich Jugoslawien bleiben,. Die unendliche Dummheit der neuen Regierung vertreibt sie aus den Gebieten, in denen sie schon zur »autochthonen Bevölkerung« geworden sind, denn eine andere hat es fast nicht gegeben.

Slawonien ist nach den Niederlagen gegen die Türken in den »Barockkriegen« fast menschenleer. Ich sage – unendliche Dummheit – weil gerade diese Menschen von entscheidender Bedeutung für die Industrialisierung des Landes hätten sein können, an der der neuen Regierung, die aus dem ansonsten heroischen Partisanenkampf hervorgegangen war, so gelegen war.

Aber verweilen wir noch für einen Moment beim Jahre 1769.

Auf einem Grabstein in Pécs / Fünfkirchen, das von Nuštar nicht weit entfernt liegt und in jener Zeit zur selben Welt gehört, ist noch heute eine deutsche Inschrift zu lesen:

Dem Ersten der Tod

Dem Zweiten die Not

Dem Dritten das Brot

Jene, die die Schrecken der Dürnsteiner Klippen überlebt haben, werden in der neuen Umgebung nicht dezimiert, sondern halbiert. Was sie sich als Land jenseits der Wälder (Transsylvanien) ausgemalt haben und wohin sie sich von einem Instrument, das für Kinder und Ratten bestimmt war, haben locken lassen, erweist sich als grausame Mutter, die einen Teil ihrer Nachkommenschaft töten muss, damit der andere Teil überleben kann.

11.

Leider habe ich nicht sofort die Nummer angerufen, die in dem Brief stand, den der Bruder meines Großvaters aus seinem Dorf nahe Passau geschickt hatte, damals, in den neunziger Jahren, als »bei uns wieder der Krieg wütete«. Das tat ich erst zwei Jahre später, während eines literarischen Aufenthalts in München. Ich rechnete mir aus, dass Passau nicht weit sei, und was ist heute überhaupt weit? Im Jahr 1769 brauchte man bis Wien zwei Wochen, im besten Fall.

Es meldete sich die Stimme meines Vetters: Der alte Johannes ist gestorben. Sein Nachkomme sprach kein Kroatisch mehr. Ich begriff, dass ich in diesem Moment absolut nicht im Stande war, meinem fernen Vetter zu erklären, dass er mein Vetter ist. Eine sehr schwierige Frage der Identität!

Was bedeutet für ihn – Slawonien? Was Kroatien?

Etwas, das er sich ausmalen müsste, so wie das die Reisenden auf dem Floß tun mussten. Aber wieso sollte er das? Und doch, ganze dreizehn Generationen von Trägern unseres genetischen Codes lebten, weil sie dem Lockruf des Flötenspielers gefolgt waren und sich im Morgengrauen aus ihrer Armut weggestohlen hatten, in diesem Slawonien, jenseits der Wälder, jenseits der sieben Meere und sieben Berge.

Im letzten Balkankrieg haben die verfeindeten Seiten einander aus schweren Geschützen heftig eingeschenkt. Eine der Feuerstellungen, und damit auch eines der Feuerziele, befand sich auf dem alten Friedhof von Nuštar. Die Gräber der deutschen Zuwanderer aus dem 18. Jahrhundert wurden in den frühen 90er Jahren des 20. Jahrhunderts aufgewühlt, als hätte man sie erneut ausgehoben. Es war keine Zeit, sich um die Gebeine zu kümmern, denn im Krieg herrscht immer große Eile.

Manche von den »Unseren« indessen hatten hier, »bei uns«, ihr Glück gefunden. In zweihundert Jahren lässt sich so manches finden, auch das Glück. Aber jetzt hat sich der Kreis geschlossen: Die Nachkommen der hochgemuten Floßreisenden werden jetzt an jenen selben Orten geboren, von denen ihre Vorfahren vor langer Zeit geflüchtet sind. Diese Nachkommen sind nicht nur an diese Orte zurückgekehrt, sondern auch in ihre Sprache, nach einem Zwischenspiel, das immer tiefer in die Zeit zurücksinkt wie auf den Grund der Donau.

12.

Zu welcher Welt gehören heute jene zweihundert Jahre? Gibt es einen Unterschied zwischen den Nachkommen derer, die damals geblieben sind, und derer, die »weggemacht« haben? Was bedeutet für sie »Slawonien«? Ist das jene Hekuba, von der Hamlet spricht? Oder ist es doch mehr als gespielte Ergriffenheit?

Vielleicht kommen diese Unterschiede, wenn es sie überhaupt gibt, am stärksten in der Sprache selbst zum Ausdruck, und zwar gerade in ihrer fabelhaften Unreinheit, in jener Sprache, in der der Brief des Bruders meines Großvaters abgefasst ist. Doch auch sie ist vergessen und wird von niemandem mehr gesprochen.

Slawonien ist nur noch Erinnerung. Vielleicht hochgemut, aber unnütz. Ein imaginäres Land, ein Yoknapatawpha County in den Romanen Faulkners. Ist das nicht dieses kaum zusammengezimmerte Floß, das getragen wird vom Donaustrom des Bewusstseins oder eher des Unterbewusstseins? Ein Yavapai Village, wie man es in einem Indianerreservat am Grand Canyon besichtigen kann. Etwas völlig Verrenktes, das trotzdem die Imagination herausfordert, die auch ganz anders geartete Kontinuitäten zu errichten vermag, so sehr sie möglicherweise auch vom »Reich« politischer oder sonstiger »Notwendigkeit« unterbrochen wurden.

 

© Tena Šnajder
Slobodan Šnajder aus Kroatien
Slobodan Šnajder, geb. 1948 in Zagreb / Kroatien, lebt in der Nähe von Zagreb; Studium der Philosophie und Anglistik an der Universität Zagreb; langjähriger Chefredakteur und Mitbegründer der Theaterzeitschrift „Prolog“; schrieb Kolumnen für die Tageszeitung „Glas Slavonije“ (1993) und ist seit 1994 bis heute politischer Kolumnist für die Tageszeitung „Novi list“; während des Tuđman-Regimes Emigration ins Ausland, auch nach Deutschland; 2001-2004 Intendant des Jungen Theaters Zagreb; freier Schriftsteller (Essays, Kurzgeschichten und Theaterstücke); zahlr. Buchveröffentlichungen, zuletzt im Rahmen seiner Gesammelten Werke: Faustova oklada, Dramen, (Zagreb 2007); Neka gospođica B., Dramen (Zagreb 2007); San o mostu, Essays (Zagreb 2007); Bosanske drame, Dramen (Zagreb 2006) und der Erzählungsband 505 sa crtom (Zagreb 2007); Auszeichnungen: kroatischer Nationalpreis für Theaterstücke „Marin Držić“; Januar 2010 Preis des königlichen Theaters Montenegros „Cetinje“ für den besten unveröffentlichten Theatertext aus dem ehemaligen Jugoslawien; Šnajders Stücke gehören im Ausland zu den am meistgespielten und -veröffentlichten Theatertexten eines kroatischsprachigen Autors.

 

Eine Übersetzung von Klaus Detlef Olof
Klaus Detlef Olof, geb. 1939 in Lübeck; lebt in Zagreb und Graz; studierte Slawistik in Hamburg und Sarajewo; seit 1973 Lehrtätigkeit an der Universität Klagenfurt; Arbeitsschwerpunkt: südslawische Literaturen; seit vielen Jahren als Vermittler und Übersetzer südslawischer Literaturen im deutschsprachigen Raum tätig; Übersetzungen überwiegend aus der kroatischen und slowenischen Literatur, aber auch aus dem Serbischen, Bosnischen, Mazedonischen und Bulgarischen ins Deutsche, u.a. Übersetzer von Dževad Karahasan, Miljenko Jergović, Zoran Ferić und Igor Štiks; 1991 wurde er für sein umfangreiches Wirken mit dem Österreichischen Staatspreis für literarische Übersetzer ausgezeichnet.