Wagnis der Erinnerung

Heimat

Eine Auswahl an Gedichten von Tatjana Gromača, eine Lyrikerin aus Istrien, in einer Übersetzung von Fabjan Hafner.

Heimat

Eine schmutzige Straße, ausgeplünderte Wohnungen, arme Schlucker und Gauner,

leise Selbstmorde.

Krankheiten, durchwachsene Stammbäume und abwegige Gedankengänge,

Druck und Verdichtungen,

Kotze auf der Straße, Schlaglöcher, Aufwerfungen, Dreck, dicke, stiernackige

Schaffner, Ungehobeltheit, Unfreundlichkeit, Unterdrückung und Verachtung, Ekel.

Verworfenheit, Unfreundlichkeit, Unkultur, Unzweckmäßigkeit, Ineffizienz.

Unterdrücken, erniedrigen, töten, sonstwie vernichten.

Lüge und Unterwürfigkeit.

Trägheit, Unterwürfigkeit.

 

Dämonen

Familiendämonen, die fruchtbarsten, finsteren Dämonen.

Zur Zeit der Weißen Weihnacht.

Ängste, Ängste vor den Familiendämonen, Hass gegenüber den Wurzeln,

dem eigenen Blut,

dem eigenen Ursprung.

Die Nachttischlampe zerbricht, die Matratze voller Blut, das Holzbett, zerlegt,

gleicht jetzt

einem Sarg und wartet.

 

Glückliche Mörder

Kristallklare Nacht, Autofahrt.

Eine eisige Nacht, mit einer Vorliebe für Frost und Reif.

Wir: Fort aus dem brennenden Haus, weg von der grell lodernden Flamme.

Selbst der klare Sternenhimmel ist taghell erleuchtet.

 

Ideale Existenzform

Sich hinhocken, sich zusammenkauern. Sich kleiner machen als man ist.

Am Boden gehen wie ein Einsiedler, ein Bettler,

aller Merkmale und Lasten ledig.

Unsichtbar sein. Unter Hilferufen kriechen, ja!

Keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Keinen Raum einnehmen, die anderen Tiere nicht behelligen.

Sich in einen Winkel verdrücken, ohne sichtbare Lebenszeichen.

 

Wir

Sie hätten gerne eine Beichte.

Nur eine Beichte und Gewissensbisse.

Sobald sie zu Wermut und Schmerz gelangen,

sind sie kurzfristig gleichsam beschwichtigt.

 

Ich sitze am Fenster auf einer Holzbank,

einem Fundstück aus dem Altmöbellager.

 

Irgendwer würde mich wohl selbst um sie beneiden.

 

Zu meinen Füßen Lorbeerzweige und Rosmarin,

gepflückt beim Sonntagsspaziergang am Meer,

dort, wo einer im Auto eingeschlafen war.

 

Vielleicht war er tot?

Die Stunden und Minuten verfliegen zu schnell.

 

Nur die Möwen kreisen noch langsam am Himmel,

mit wütenden gespreizten Schwingen.

 

Sie künden Unwetter an,

Krankheit, Hunger, Armut und Tod.

Wenn das kein Grund zur Freude ist.

 

Eine winterliche Ansichtskarte

Eine winterliche Ansichtskarte.

Der Titel einer Novelle, die ich erst verfassen muss.

Hinfahren, um ein, zwei Sonntage in der Stadt zu verbringen.

Im Winter natürlich.

Alles schneebedeckt.

 

Niedrige, baufällige Häuser,

Straßen und Brücken.

Vereiste Flüsse.

 

Nur da und dort Löcher im Eis, geschlagen von Männern,

die an der Küste fischen.

Zwei Fischer in einem Boot,

mit einander zugewandten Rücken.

Sie legen ein Stück Blech auf den Holzboden

entzünden ein Feuer, um sich zu wärmen.

 

Schneebedeckte Maisfelder.

Scharfe Maisstängel drängen

aus der gefrorenen Erde.

Leere Hinterhöfe.

Niedrige, buschartige Bäume.

 

In der Dämmerung

gehen die Lichter am Grund des Stadtparks an,

im gelben Haus, hinter dem goldenen Pavillon.

Verwaiste Landstraßen.

Ein vereinzelter, unerschrockener Radfahrer.

In der Ferne kleine Häuser, schneebedeckte Felder.

Greise Kopftuchfrauen.

 

Die Ebene.

Die klebrige Behaglichkeit der Melancholie.

Hölzerne Masten.

Fahles, glimmerndes Licht.

Hundegekläff aus der Ferne.

Dunkelheit.

 

Dort

Dort stehen immer noch

kleine Häuschen mit geborstenen Fensterscheiben.

 

Die Stellen, wo früher Türen waren,

mit Brettern vernagelt.

 

Schwindsüchtige Haustore.

 

Hinterhäuser mit rustikalen

Balkonbrüstungen,

unter denen sich Katzen versammeln.

 

Ich warte, dass die Frau im roten Negligé

auftaucht und ihnen in Milch eingeweichtes Brot bringt,

wie schon

vor Jahren.

 

Dass sie flucht und im Hofklo verschwindet.

 

Die Bahnhofstraße sieht genauso aus

wie damals, als Milan Steiner sie malte.

 

Hier steht die Synagoge,

hinter dem Park,

gegenüber dem Café, wo die Bombe hochging.

 

In den Kellerwohnungen

werden leise die Lichter gelöscht.

 

Die Häuser der Geflohenen, Getöteten, Verschwundenen

atmen gespenstische Leere aus.

 

Noch ein Krieg ist zu Ende gegangen,

doch seine schlimmsten Söldner und Knechte

sind die, vor denen wir uns auch heute noch tief verbeugen.

 

Der Duft des Dungs

Nach der Reise wie

nach einer Ausschweifung.

Leere und

Gewissensbisse.

 

Wieder im eigenen Land,

wo die Missverständnisse und Misstöne beginnen.

 

Schmerz wie ein Kuckucksnest, geflochten in der Brust.

 

Der Duft des fruchtbaren Dungs – warm und feucht,

erotisch wie der Duft des Bluts.

 

Getragen von Irrationalität und Begierde,

Vereinsamung und Verirrung,

den raren Konstanten

des Daseins.

 

Krakau 1989

Vermutlich rührt diese Verbundenheit von der Architektur her.

Vom Wind um den Wawel.

Der Passage, aus der der kalte Atem der Vergangenheit schlug.

Den Leuten, die Schlange stehen für Wodka …

 

Was ist wirklich mit mir und Polen passiert?

Ich kaufte einen Bernsteinring, der für meine unerfahrene Hand

zu groß war,

eine Lederjacke von einer Frau auf der Straße.

Ein mir unbekannter Pole schenkte mir Veilchen

nachdem er in der Kathedrale fromm gekniet hatte.

 

Alles hielt ich für Zeichen, alles.

Alles für wert, aufbewahrt zu werden.

 

Selbst die getrockneten Veilchen lagen jahrelang in der Lade.

 

Heute weiß ich, dass man die Dinge wegwerfen muss.

Nichts über Gebühr nachtrauern, das Herz abhärten.

Nicht über Krakau brüten.

 

Nova Gradiška, Okučani, Novska

Nova Gradiška, Okučani, Novska.

Das Unglück des verhallten Krieges.

Noch immer ist er da, seine Gegenwart ist handfest.

 

Die Häuser an der Straße entsetzlich leer.

Ein Gesicht am Fenster, beschäftigt mit Hausarbeit.

Ein Kind, seine Mutter bringt Kuchen.

 

Häuser, durchsiebt von Splittern.

Häuser, mit den riesigen Einschlaglöchern von Granaten.

Nylon, wie Spinnennetze über die Löcher gespannt.

 

Kindheit

Beißende Morgen mit Fabrikschloten,

die Fackeln der Raffinerie, aus denen Angst und Aufruhr lodern.

 

Der Geruch des Flusses und die Glut der Nesseln,

schaumige Pusteblumen,

die ersten Sünden der frühesten Kindheit …

 

Ein Kuhhirt schlägt mit einer Peitsche auf seine Herde ein,

ein Schonsteinfeger lugt aus dem Schornstein.

 

Ein Krähenschwarm in den Wipfeln des Pflaumengartens.

 

Der schwere Rost der Lastkähne,

die Schaukel unter dem mächtigen Nussbaum.

 

Nacht im schwarzen Wald

Die Sonne steht schon über

dem kohlschwarzen Wald.

 

Das Moor, die knospenden Weiden.

 

Das Haus mit dem windschiefen Dach,

den zerbrochenen Fensterscheiben.

 

Die Räume und die Flüsse

verschwimmen.

 

Eine Reihe von Staaten ich habe dieser Tage durchreist.

 

So viele Leute sind durch mein Leben geflossen.

 

Habe ich es geschafft, sie alle tief genug zu verwunden,

damit sie sich auch noch einige Zeit nach dem zugefügten Unrecht

an mich erinnern werden?

 

Bretterlager, Ziegeleien, aufgelassene Munitionsdepots.

 

Ich war schadenfroh,

ohne ausreichende Selbstbeherrschung.

 

In einer informellen Runde verlor ich abwechselnd

unnötige Worte über An- und Abwesende.

 

Das leere Gerede ist das schlimmste Verbrechen der Intellektuellen

des zwanzigsten Jahrhunderts,

schrieb Czesław Miłosz.

 

Die Sonne versinkt hinter dem schwarzen Wald.

Häuser, wie die winzigen Figurinen eines Bildhauers,

am Fuß des grünen Hangs.

 

Sie, die bösartiger sind als ich,

werden mich auslachen,

wegen meines Idealismus und meiner Aufrichtigkeit.

 

Ich kann in keiner Welt bestehen,

in der jemand hinter meinem Rücken stehen muss.

 

Der Fluss führt morsche Äste,

die Hügel verschwimmen wogend mit dem Boden.

 

Eine feierliche Baumreihe auf den Hängen.

 

© Radenko Vadanjel
Tatjana Gromača aus Kroatien
Tatjana Gromača, geb. 1971 in Sisak/Kroatien, lebt in der Gegend von Zentralistrien und Pula; Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft und Philosophie in Zagreb (Abschluss 1995); schrieb jahrelang literarische Reportagen, Buchbesprechungen und Artikel zu kulturellen Themen für die inzwischen eingestellte, legendäre kroatische Wochenzeitung „Feral Tribune“; seit 2008 Kulturkolumnistin und Reporterin für die Tageszeitung „Novi list“; freie Schriftstellerin (Lyrik, Prosa und Essays); zahlr. Buchveröffentlichungen, zuletzt Bijele vrane – priče iz Istre, dokumentarischer Prosaband, (Zagreb 2005); Crnac, Kurzroman, (Zagreb 2004); Nešto nije u redu?, Gedichtband, (Zagreb 2000), eine Auswahl erschien unter dem Titel Stimmt was nicht? auf Deutsch in der Edition Thanhäuser; 2001 wird sie dafür mit einem Stipendium der Akademie der Künste in Berlin ausgezeichnet.

 

Eine Übersetzung von Fabjan Hafner
Fabjan Hafner, geb. 1966 in Klagenfurt/Österreich; Studium der Deutschen Philologie und Slawistik (Slowenisch) in Graz und Klagenfurt/ Österreich (1984-92), Mag. Dr.; Autor in beiden Kärntner Landessprachen (Deutsch und Slowenisch), Literaturübersetzer aus dem Slowenischen, Kroatischen und Serbischen ins Deutsche; Literaturwissenschaftler, Herausgeber; seit 1998 Mitarbeiter des Robert Musil-Instituts für Literaturforschung der Universität Klagenfurt; 32 Übersetzungen in Buchform, vorwiegend Lyrik (Kajetan Kovič, Maruša Krese, Ana Ristović, Tomaž Šalamun, Maja Vidmar, Dane Zajc, Uroš Zupan); Wissenschaftspreis der Österreichischen Gesellschaft für Germanistik 2006; Petrarca-Übersetzer-Preis (1990), Österreichischer Staatspreis für literarische Übersetzung (2006), Preis für europäische Poesie der Stadt Münster (2007).